Dr. Lorenz Hübner’s Biographische Charakteristik (1855) / t_931

Dr. Lorenz Hübner’s, k. geistl. Rathes und dirigirenden Mitgliedes der historischen Klasse der bayer. Akademie der Wissenschaften, Biographische Charakteristik, vor­getragen in der öffentlichen Sitzung der k. Akademie der Wissenschaften zu Mün­chen am 15. Juni 1822, als Beitrag zur Geschichte der Nationalkultur Bayerns im gegenwärtigen Jahrhundert, von Joseph Wißmayr, k. bayer. Ministerial-Oberstudi­en- und Oberkirchen-Rath, Ehren-Ritter des k. bayer. Verdienst-Ordens vom heil. Michael, und des Großherzogl. Hessischen Ludwigsordens Ritter I. Klasse, der bayer. Akad. d. W. ordentliches und mehrerer Akademien Deutschlands und Italiens korrespondirendes Mitglied.

(Nachträglich veröffentlicht.)

München, 1855. Verlag der königlichen Akademie.

Vorwort.

Nie lernen die Zeitgenossen den Charakter eines großen Mannes ganz kennen. Sie buchstabiren gleichsam an seinem Namen, indem er noch beschäftigt ist, die Züge desselben durch einzelne Handlungen hinzuzeichnen. Erst der Nachwelt steht das bedeutende Wort vollendet da, und sie spricht es ohne Schwierigkeit aus, falls sie lesen kann, oder will.

»Das größte Geschenk daher«, sagt Herder, »das ein merkwürdiger Mann noch nach seinem Tode der Welt mittheilt, ist, wenn er einen Freund findet, der sein Le­ben aufzeichnet, harmonisch mit seiner Denkart und mit seinen Thaten. Ihm ist die­ses Leben ein Ehren-Gedächtniß, für die Geschichte ist es eine Urkunde, und zu seinen Denkwürdigkeiten, er habe sich nun denkwürdig gedacht oder gehandelt, ein Commentar.«

Wenn aber je ein vaterländischer Gelehrter denkwürdig war, wenn je Einer die Ehre ansprechen konnte, in den Annalen der deutschen Litteratur mit Auszeichnung ge­nannt zu werden, und wenn je Einer im dankbaren Andenken nicht nur seiner Zeit­genossen, sondern auch der Nachwelt fortzuleben würdig war, so ist vor Vielen, vor den Meisten vielleicht – Lorenz Hübner, – Er, der Hochverdiente um die Wissen­schaften überhaupt, und um Bayerns Nationalkultur insbesondere, der Hochgeach­tete in der gelehrten Welt, wie im gewählten Kreise seiner Freunde, denen er, und unserm wissenschaftlichen Verein zunächst, durch einen, leider! viel zu frühen Tod entrissen wurde.


Lorenz Hübner wurde am 2. August des Jahres 1753 zu Donauwörth, wo sein Vater, als churf. bayerischer Hauptmann, zugleich Stadtkommandant war, geboren. Der talentvolle Knabe scheint im älterlichen Hause eine sorgfältige Pflege und Leitung genossen zu haben; denn seine physischen und psychischen Kräfte entwickelten sich so gleichmäßig schnell, daß er, kaum noch sieben Jahre alt, schon zum Gymna­sium reif erkannt, und an die damals sehr besuchte öffentliche Lehranstalt zu Am­berg geschickt wurde.

Hier zeichnete er sich vor allen seinen Mitschülern, die ihm doch größtentheils an Alter weit überlegen waren, höchst vortheilhaft aus. Seine Lehrer, die scharfsehen­den Väter der Gesellschaft Jesu, in deren Händen zu jener Zeit das ganze Jugend- und Volks-Erziehungs- und Unterrichts-Wesen, eigentlich Land und Leute waren, er­kannten in den vorzüglichen Talenten und Fähigkeiten ihres heranreifenden Zög­lings gar bald den für ihre Zwecke, d. i. für den Orden, bildbaren Stoff. Sie zöger­ten daher nicht, das edle Reis, noch ehe es eigene, selbstständige Wurzeln schlug, recht väterlich in ihren Garten zu verpflanzen, es auf den alten, zwar noch kräfti­gen, aber schon ringsum von feindlichen Stürmen bedrohten Stamm zu pfropfen.

Der unerfahrne, arglose Jüngling, geschmeichelt von klugen, ihm lieb gewordenen Lehrern, beredet, eigentlich überlistet, von seinem älteren, dem Klosterleben höchst abgeneigten Bruder, und gedrängt von einem gefürchteten Vater, konnte so vielen Einwirkungen von außen, was auch sein innerer Sinn dagegen sprach, nicht lange widerstehen. Er trat in den Orden im J. 1760, noch ehe er sein 15. Lebensjahr vollendet hatte.

Allein seine natürliche Munterkeit und Freisinnigkeit vertrugen sich eben so wenig mit dem Zwang der Ordensregeln, wie sein vor- und aufwärts strebender, jugend­lich rascher Geist mit dem alternden, hinter Welt und Zeit zurückgebliebenen Or­densgeiste. Zu ungeschmeidig für jesuitische Formen, konnte er sich noch weniger mit jesuitischen Wegen befreunden. Er entledigte sich daher der ihm aufgezwunge­nen, verhaßten Fesseln mit eigener Kraft bald wieder. Und wenn es auch ungewiß ist, ob er schon während der zwei Prüfungsjahre (des sogenannten Noviziates) wie­der aus dem Orden trat, so ist es doch aus späteren Momenten seines Lebens er­weislich, und durch seine eigenen, mir und mehreren seiner Freunde oft wiederhol­ten Erzählungen bestätigt, daß er, ohne feierliche Gelübde abgelegt zu haben, noch lange vor der im J. 1773 erfolgten Aufhebung der Gesellschaft, diese gegen seiner Aeltern Wunsch und Willen aus freier, selbstiger Bestimmung verließ.

Hübner war demnach zu kurze Zeit in der Mitte der Loyoliten, um von ihnen und ihrem Orden mehr als die Außenseite kennen zu lernen. Blickte jene Neu- oder Wißbegier auch hie und da in ihr tieferes Leben, so blieb doch das eigentliche inne­re Getriebe dieser für die Ewigkeit der Weltherrschaft berechneten, nach Plan und Ausführung ungeheuren Maschine ihm, wie jedem Neulinge, strenge verborgen.

Dafür blieben ihm Kopf und Herz unangesteckt von jener listigen Schlauheit, von jener gleißenden Frömmelei, von jenem filzigen, heimtückischen Egoismus, wovon der Eingeweihten keiner, oder nur wenige frei gewesen seyn sollen, – was ihnen auch später im J. 1773 die päpstliche Ungnade zuzog. Ihm aber war und blieb der Hauptzug seines Charakters, als Mensch und als Gelehrter, Redlichkeit, Offenheit, Uneigennützigkeit. Und er übte diese echt-deutschen Männer-Tugenden nicht ge­gen seine Freunde allein, sondern selbst gegen seine Feinde bis ans Grab.

Das Leben im Orden war übrigens für ihn keineswegs verloren. Er wendete wäh­rend desselben seinen Fleiß besonders auf das Studium der Philosophie und Phy­sik, und suchte mit dem beharrlichsten Eifer die schon früher erworbenen Kenntnis­se in den klassischen Sprachen der Griechen und Römer mit jedem Tag zu vermeh­ren; in den vorzüglichsten des heutigen Europa aber sich fortwährend zu üben. Die­sen letzteren widmete er sich auch noch nach seinem Austritte aus dem Orden mit besonderer Vorliebe, als er an der Universität zu Ingolstadt seine akademischen Studien begann. Hier wählte er zwar zuerst als seine künftige Brod-Wissenschaft die Rechtskunde. Allein das Zudringen seiner Aeltern, die Einen ihrer beiden Söh­ne, nach der Sitte der Zeit, durchaus geweiht wissen wollten, vermochte ihn noch einmal zum geistlichen Stande. Er studierte daher Theologie, Kirchenrecht und ori­entalische Sprachen, erhielt nach vollendetem Lehrkurse das Doctorat, und noch in demselben Jahre (1774) die Priesterweihe.

Diese genau erhobenen, ganz chronologisch-richtigen Thatsachen sind allein schon hinreichend, die obige Behauptung, Hübner sei freiwillig aus dem Orden getreten, zu begründen, und die ihr entgegenstehende Angabe, als habe er erst bei Aufhe­bung der Gesellschaft das Ordenskleid abgelegt, entkräftet. Diese letztere Mei­nung findet sich zuerst in dem zwar schätzbaren, aber noch immer unvollständigen Werke: Das gelehrte Bayern (Von Dr. Clemens Alois Baader, I. Bd., Nürnberg und Sulzbach, 1804.), und aus diesem von Hübners eigenem Bruder nachgeschrieben in der Oberteutschen allg. Literatur-Zeitung vom J. 1807, S. 214 (M. s. die dort ent­haltenen, äußerst mangelhaften, biographischen Nachrichten über Lorenz Hübner, unterzeichnet von Ignaz Hübner, der Rechte Licentiat, k. b. Rath und Schulkommis­sär, dann Vorstand des Kirchen- und Stiftungs-Bureau zu Ingolstadt, d. k. Akad. d. W. Mitglied.). Wie wäre es aber auch nur wahrscheinlich, daß Hübner, wäre er erst im J. 1773 nach Aufhebung des Ordens ausgetreten, innerhalb eines einzigen Jah­res zuerst die juridischen, nachher die theologischen Studien begin­nen, diese ab­solviren, dann graduiren, und alle Weihen, mit Einschluß der Priester­weihe – (diese selbst nach dem Zeugnisse des Bruders im J. 1774) – erhalten konn­te?

Nach Aufhebung des Jesuitenordens wurde auch den Weltpriestern wieder die ih­nen bisher verschlossene Bahn zu öffentlichen Lehrstellen geöffnet. Hübner, voll Drang, zu wirken und zu nützen, voll Vertrauen auf festen Willen und eigene Kraft, stellte sich unter die Bewerber, und schon im J. 1775 ward er zum churfürstlichen Professor am Gymnasium zu Burghausen ernannt, ihm der Unterricht in der franzö­sischen und englischen Sprache übertragen, und auch vorläufig die Realklasse zu­getheilt. Doch er wußte sein entschiedenes Lehrertalent und seine gründlichen viel­seitigen Kenntnisse bald so vortheilhaft geltend zu machen, daß er schon im dar­auffolgenden Jahre zum Lehrer der rhetorischen (damals obersten Gymnasial-) Klasse befördert, und ihm zugleich, einen abgegangenen Lehrer zu ersetzen, der Lehrstuhl der Moralphilosophie anvertraut wurde.

Freithätig konnte sich jetzt sein heller Geist auf dem freien Boden der Wissen­schaft, in dem unbeschränkten Gebiete des Denkens, selbst in den höheren Sphä­ren der Philosophie bewegen. Er lehrte gründlich und doch höchst faßlich; er gab neue Ansichten, ohne das Wesentliche der alten zu vernachlässigen; er huldigte der Wahrheit, und nur der Wahrheit. So steigerte er mit jedem Jahre sein Ansehen als ausgezeichneter Lehrer. Und dieß war in der That keine so leichte Aufgabe zu einer Zeit, wo die den Lieblingen des Volkes abgenommenen Lehrstühle allenthalben von offenen und heimlichen Feinden, von Neidern und Lauerern umstellt und um­schlichen waren.

Hübner kümmerte sich anfangs wenig um diese, ihm nicht unbekannten Umgebun­gen. Allein nach und nach wurden ihre Umtriebe ihm fühlbarer, und bei der Be­schränktheit des Ortes und der Kleinstädterei seiner Bewohner auch lästiger. Er folgte daher, ohne sich lange zu bedenken, im Jahre 1779 einem von München aus erhaltenen Rufe und Antrage, mit churfürstlicher Bewilligung die Redaktion der Münchner Staatszeitung von den Vötterischen Erben zu übernehmen. Der damalige geheime Sekretair Ludwig v. Drouin bot sich ihm als Verleger an, zahlte die benö­thigte Summe an die Erben, und erhielt, nach Hübners Antrage, das Privilegi­um auf 25 Jahre.

Seit der Regierung Kaisers Karl VII. bestand hier ununterbrochen eine Staatszei­tung. Unter dem Titel: »Münchner Zeitungen von den Kriegs-, Friedens-, Staats- und anderen Begebenheiten in- und außerhalb Landes,« begann sie in der Joh. Jak. Vötterischen Hof- und Landschaftsdruckerei, mit römisch-kaiserl. und kurfürstl. Pri­vilegien. Sie erschien zuerst wöchentlich zwei-, dann drei-, endlich viermal auf ei­nem sehr kleinen und schmutzigen Oktavblatte. P. Fulgenz, der sich vor dem Tesch­ner Frieden durch unkluge Parteinahme den Auswanderungsbefehl auf den Hals zog, hatte ihr später den Titel: Ordinari Münchner Zeitung, geschöpft. Als v. Drouin sie übernahm, bestand ihre Ausgabe nicht ganz in 250 Abdrücken, wonach sie schnell bis an 1400 stieg (M. vergl. Hübner’s Beschreibung der k. b. Haupt- und Re­sidenzstadt München, II. Band S. 416.).

Hübner ging, als neuer Verfasser, ausgerüstet mit allen nöthigen Sach- und Sprach­kenntnissen, muthig an’s Werk. Er wußte zwar wohl, daß er sich auch jetzt, indem er die Bahn als Volksschriftsteller (und zwar des Volksschriftstellers im umfassends­ten Sinne des Wortes) betrat, nicht auf Rosen bettete. Allein er erkannte auch die­se Bahn für eben so reich an Lorbeern, wie an Dornen; denn er hielt es, von der Wichtigkeit und Würde seines neuen Berufes durchdrungen, für ein beneidenswert­hes Vorrecht, täglich mit Fürsten und Völkern sprechen zu können; täglich jenen die Wünsche und Bedürfnisse dieser, diesen die Pflichten gegen jene an’s Herz zu le­gen; täglich vor den Machthabern und Steuermännern der Staaten als das Organ der öffentlichen Meinung aufzutreten; täglich gegen Trug und Wahn, gegen Willkür und Gewalt, geschützt durch den Schild der Wahrheit und des Rechts, sich in die Schranken zu stellen; täglich der Herold des Guten und Edlen, des Nützlichen und Nachahmungswürdigen, zugleich aber auch der öffentliche Ankläger des Schädli­chen und Schlechten, der Unsitte und Verkehrtheit, der Arglist, Ungerechtigkeit und Bosheit zu seyn: dieser schöne Beruf schien ihm groß, erhaben, beneidens­werth. Und er ist es in der That.

Daher sollte es aber auch nur den Aufgeklärtesten und Edelsten, den Erfahrensten und mit des Volkes Thun und Wesen Vertrautesten als ehrender Vorzug gegönnt seyn, durch Volksschriften, vorzüglich durch Tagblätter und Zeitungen öffentlich zum Volke zu sprechen. Diese Geburten des Tages würden dann auch nicht, wie so oft, als Tagewerk (im doppelten Sinne) erscheinen, nicht mit der Sonne des Tages spurlos verschwinden.

Hübners neue Staatszeitung verrieth durch ihre ganz veränderte Gestalt und Ein­richtung schon in den ersten Blättern den Mann, der seine Aufgabe aus dem höhe­ren Gesichtspunkte erfaßt hatte, und sie mit auszeichnendem Erfolg lösen würde. So war es auch. Kluge Auswahl und verständige Anordnung des geschichtlichen Stoffes, gefällige Mischung des Nützlichen mit dem Angenehmen, geistreiche No­ten zu oft geistlosem Texte, noch öfter treffender Witz und sarkastische Laune, – dieß waren, verbunden mit einer populären, leichtfließenden und korrekten Spra­che, damals noch sehr seltene Eigenschaften der deutschen Zeitungen; man traf sie kaum vereinzelt in Einzelnen. Um so begieriger griff man überall, selbst im nördli­chen Deutschland, nach der neuen Münchner Zeitung, die alle jene Vorzüge in sich vereinigte, und noch jetzt, nach beinahe einem halben Jahrhunderte, so manche ih­rer jüngeren politischen Schwestern und Enkelinnen beschämen würde, wenn diese – erröthen könnten und dürften.

Doch Hübner’s Arbeitsamkeit beschränkte sich nicht auf einen einzigen Zweig lite­rarischen Wirkens. Er gab zugleich mit seiner Staatszeitung »Münchner gelehrte Beiträge« heraus, in welchen er, auf wissenschaftlichem Boden fußend, schon fes­ter, als in jener, auftrat, und vorzüglich der eben damals beginnenden fabrikmäßi­gen Büchermacherei, sowie den feilen, meistens anonymen Polemikern, zu Leibe ging, besonders denen, die im Solde des konfessionellen Fanatismus, der Bigotte­rie und Intoleranz lärmten, schrieen und schrieben.

Die Münchner gelehrten Anzeigen sind eigentlich als das erste Beginnen der nach­hin so bedeutend gewordenen oberdeutschen allgemeinen Literaturzeitung zu be­trachten, und es ist bemerkenswerth, daß sie schon bei ihrem Entstehen, und ne­benher auch ihr Verfasser, von lichtscheuen Zeloten gar giftig angefeindet wurden. Man möchte fast meinen, diese Ultra’s jener Zeit hätten, in einer antipathischen Vorahnung des Lichtes, das einst aus jenen Blättern hervorgehen würde, nach der bekannten Maxime: Principiis obsta, instinktmäßig so gehandelt.

Neben den, ausschließend von ihm selbst bearbeiteten politischen und literari­schen Zeitblättern fand Hübner auch jetzt, wie früher neben seinen Lehrämtern, noch immer Muße genug, nicht nur mit der Literatur, der inländischen sowohl als der ausländischen, Schritt zu halten, sondern noch überdieß in einem Zeiträume weniger Jahre (von 1776 bis 1783) mehrere Abhandlungen über verschiedene wis­senschaftliche Gegenstände zu schreiben, namentlich: 1) Ueber Elektrizität und Ma­gnetismus. 2) Ueber den Holzwuchs in Bayern. 3) Ueber den Luxus. 4) Ueber den Brand im Getreide. 5) Ueber den philosophischen Geist des Jahrhunderts. 6) Ueber das Mönchswesen. 7) Ueber deutsche Rechtschreibung, u. m. a.

Außerdem erschienen in dieser Zeit von ihm die Schauspiele: Tankred und Semira­mis, beide aus dem Italienischen übersetzt; dann Heinz von Stein, der wilde, und Camma, die Heldin Bojoariens; in Verbindung mit Professor Babo aber: Der drama­tische Censor; ferner: Charrons wahre Weisheit, aus dem Französischen, und die dringenden Vorstellungen an Menschlichkeit und Vernunft um Aufhebung des ehe­losen Standes der katholischen Geistlichkeit.

Alle diese Schriften (Sie werden in dem, am Schluße dieser Biographie beigefügten Verzeichnisse der sämmtlichen Hübnerischen Schriften, chronologisch geordnet und mit vollständigen Titeln aufgeführt werden.), obschon ihrer Natur nach un­gleich an Gehalt und Verdienst, wurden von den Zeitgenossen mit Beifall, mehrere selbst von den Gelehrten mit auszeichnender Anerkennung ihres Werthes aufge­nommen. So wurden z. B. die beiden ersten der obenerwähnten Abhandlungen von der bayerischen Akademie d. W. mit Preisen gekrönt (M. s. Westenrieder’s Ge­schichte der bayerischen Akademie d. W. München 1784. I. Band, S. 463 und 464.); die dritte und vierte den akademischen Schriften der gelehrten ökonomischen Ge­sellschaft zu Burghausen einverleibt; der dramatische Censor als eine vortreffliche, nur leider! äußerer Verhältnisse wegen zu kurze Zeit fortgesetzte Zeitschrift allge­mein anerkannt, so daß deren Inhalt, reich an trefflichen Bemerkungen und golde­nen Wahrheiten, auch noch den heutigen Bühnenkünstlern jeder Ordnung und Un­terordnung zur reiflichen Beherzigung mit gutem Grunde empfohlen werden kann. Die dringenden Vorstellungen etc. endlich erregten in ganz Deutschland eine so all­gemeine Sensation und Theilnahme, der Aufgeklärten wie der Finsterlinge, daß der Verfasser, wäre er nicht lange unbekannt geblieben, von den barmherzigen Hilde­brandisten und Curialisten gewiß eben so sehr verfolgt und verketzert worden wäre, als er von allen Freunden der Menschheit, von allen unbefangenen Forschern nach Wahrheit und von allen aufrichtigen Verehrern der reinen Christusreligion um seines eben so gelehrten als ächtchristlichen Werkes willen auch unerkannt geehrt und gepriesen worden ist. Noch jetzt, nach so viel Jahren, innerhalb welcher über den Cölibat der katholischen Geistlichkeit eine Fluth von Schriften, für und wider, erschienen ist, gehört die Hübnerische Abhandlung zu den gründlichsten, gemä­ßigtsten und den hochwichtigen Gegenstand erschöpfendsten.

Viele der späteren Schriftsteller darüber haben aus dieser reichen, und besonders in der geschichtlichen Entwickelung des Cölibatgebotes klaren Quelle geschöpft, ohne ihrer dankbar zu erwähnen; Mehrere haben sie aus unzeitigem Eifer, oder aus noch schlimmeren Absichten zu trüben gesucht, ohne sie zu widerlegen; Einige ha­ben sie sogar aus allen Kräften mit ihrem unheiligen Geifer zu vergiften sich be­müht, ohne sie zu untersuchen, oder auch nur aus eigener Anschauung zu kennen; Keiner von allen aber hat sie noch bis jetzt zu untergraben, oder mit seinem Unrath zu überschütten vermocht. So fest und dauernd besteht, was wirklich gut und wahr ist, jede Prüfung, trotzend dem Nagen der Zeit und dem Freveln der Menschen.

Uebrigens beweist dieses gediegene Werk, mehr als jedes andere, Hübner’s unbe­dingte Entschlossenheit, für die von ihm einmal als gut erkannte Sache der Ver­nunft jeden Kampf zu bestehen, keine Gefahr zu scheuen, keine Folge zu fürchten. Er wagte in der That nicht wenig, indem er seine dringenden Vorstellungen etc. zu einer Zeit in München schrieb, wo eben wieder alle öffentlichen Schulen (bei Grün­dung der bayerischen Malteserzunge aus den Jesuitenfonds) im J. 1782 den Klös­tern ausschließlich eingeräumt worden waren; wo bereits die in Bayerns Kulturge­schichte so verhaßte Frankisch-Lippertische Verfinsterungs-, Inquisitions- und Geis­tesfolter-Periode sich anzukündigen begann, von der auch unser hochverehrter akademischer Historiograph, v. Westenrieder, sagt: »Es war damals in der That für jeden Zweig der Literatur eine traurige Zeit, und kein Laut von Ermunterung tönte durch die heiligen Hallen« (M. s. dessen Geschichte der bayerischen Akademie d. W. II. Band, S. 356.).

Daß Hübner’s Lage unter solchen Aussichten in die nicht ferne Zukunft und bei den ohnehin schwierigen Verhältnissen seines Amtes doppelt bedenklich wurde, und je­den Reiz, der früher ihn anzog, für ihn verlieren mußte, ist wohl nicht zu mißken­nen. Dazu kam noch eine Mißhelligkeit zwischen ihm und dem Verleger seiner Zei­tung, die eine Folge der tiefen Unwissenheit des Letzteren war, und auf die ge­meinschaftliche Unternehmung ungemein störend wirkte. Hübner dachte daher auf Aenderung dieser unabwendbaren, seine Wirksamkeit mit vereintem Gewicht be­schränkenden Verhältnisse. Reich an Mitteln, wie an Kraft, war er in der Wahl jener nicht lange unentschieden.

Er wandte sich im Jahre 1783 an den helldenkenden Fürst-Erzbischof Hieronymus zu Salzburg, mit dem Wunsche, ihm die Herausgabe der dortigen, einer Umgestal­tung und Verbesserung sehr bedürfenden Zeitung, nebst deren Selbstverlag zu ge­währen. Unter Vermittlung des um die Salzburger Kirchenverfassung hochverdien­ten Consistorialkanzlers Mich. Bönicke, des Haupturhebers der berühmten Emser Punktation, erhielt Hübner die erbetene doppelte Bewilligung auf eine für ihn sehr schmeichelhafte Weise. Er zog noch in demselben Jahre nach Salzburg.

Hübner, ein Mann voll hoher Begeisterung für alles Gute und Große, voll edlen Selbstgefühls für Recht und Wahrheit, voll glühenden Eifers für seinen Beruf, und ausdauernder, unermüdbarer Arbeitsliebe, – ausgestattet von der Natur mit vor­trefflichen Anlagen des Geistes und Herzens, und in deren allseitiger Entwickelung von äußeren Verhältnissen begünstigt, – trat er im kräftigsten Mannesalter muth- und vertrauensvoll unter den Schutz eines so weisen Fürsten, wie Erzbischof Collo­redo war, und begann nun mit dem ersten Tage des Jahres 1784 seine Oberdeut­sche Staatszeitung, die von jetzt an täglich mit so entschiedenem Beifall erschien, daß sie überall gerne gelesen wurde, ja selbst in Bayern, wo sie unter des damali­gen Churfürsten Karl Theodor, vielmehr der berüchtigten Franks und Lipperts licht­feindlicher Regierung, ihres freimüthigen Tones wegen auf kurze Zeit verboten war, gingen die Münchner täglich Prozessionsweise (wie ein Zeitgenosse sich ausdrückt) in das 1 Stunde entlegene Freisingische Dörfchen Böhring, um da die Salzburger Zeitung zu lesen.

Doch die Redaktion von dieser allein beschäftigte Hübner’s stets regen, an fort­währende Thätigkeit gewöhnten Geist noch nicht genug. Er verfaßte in dem Zeit­raume vom Jahre 1779 bis 1797 Schriften verschiedenen Inhaltes, und diesem an Umfang wie an Werth entsprechend, die aber Alle durch ihre Menge sowohl als Mannigfaltigkeit eine Fülle von vielseitiger Kraft, die in dem Geiste des vollendeten Mannes lag, beurkundeten (M. s. das vollständige Verzeichniß am Ende der Biogra­phie.).

Die leichte Form, die Klarheit und die Konsequenz, die alle Gegenstände unter sei­ner Bearbeitung gewannen, sind Zeugen seines Scharfsinns, seines hellen Blickes und seiner systematischen Denkweise.

Mit dieser Eigenschaft begabt, war es ihm möglich, daß er sich in den heterogens­ten Fächern versuchte, daß die Literatur der Theologie, der Staatswissenschaft, der deutschen Sprache, der Landwirthschaft, der Dichtkunst, der Numismatik, der Ge­schichte, der Naturwissenschaft und der populären Philosophie seinen Namen nennt, und daß er in jeder seiner Ausarbeitungen als selbstdenkender, seinen Stoff beherrschender Kopf erschien.

Auch wollte er im J. 1786 unentgeltlich und mit freiem Zutritte für Jedermann mo­natlich zweimal über den historischen Theil der neuesten Staaten-Ereignisse Vorträ­ge halten, nach dem Beispiele von Wien, Göttingen, Leipzig, u. A. Allein die Bene­diktiner Universität war durchaus dagegen, als (wie sie meinte) überflüssig und ihren Rechten und Privilegien in keinem Falle zuträglich. Es unterblieb daher, so gut auch seine Absicht war. Dadurch aber kam dem Unermüdlichen die in ihm schon lange keimende Idee zur Reife, seinen damaligen Mitbürgern einen noch weit dan­kenswertheren Genuß zu bereiten. Er unternahm nämlich, eine dokomentirte Geschichte und Beschreibung der Stadt Salzburg und ihrer Umgebung zu verfassen (Topographie und Statistik, in zwei Bänden 1792 und 93) und später die Geschichte und Beschreibung des Erzstiftes und Reichsfürstenthumes, im J. 1796, in drei Bänd­chen, mit Benützung aller noch vorhandenen, sorgfältigst gesammelten archiva­lischcn Urkunden und anderen kritisch beurtheilten Schriften und Materialien, zu schreiben.

Diese beiden Werke Hübner’s werden stets zu den geschätztesten ihrer Art gehö­ren, besonders zu einer Zeit, wo bei dem Wechsel der Regierungen die Zersplitte­rung urkundlicher Dokumente begreiflicher Weise erst recht fühlbar werden, und solche Werke in mancher Beziehung wie Quellenbücher benützt werden können, oft sogar müssen.

Selbst Erzbischof Hieronymus gab dem Verfasser seinen vollsten Beifall dafür zu er­kennen, und Stadt und Land bezeigten ihm auf verschiedene Weise ihre lebhaftes­te Anerkennung und den allgemein gefühlten Dank für sein so mühevolles als er­folgreiches Werk.

Doch seine bei Weitem wichtigste und ihm vorzugsweise am Herzen liegende litte­rarische Unternehmung war die Unpartheiische allgemeine Oberdeutsche Littera­tur-Zeitung, von einer Gesellschaft oberdeutscher Gelehrten herausgegeben, – de­ren schon am 30. Junius 1787 erschienene Ankündigung mit folgenden Worten be­ginnt:

»Es ist unmöglich, Aufklärung und allgemein nützliche Kenntnisse zu verbreiten, so lange in Oberdeutschland nicht irgend ein Institut entsteht, und gehörig unter­stützt wird, welches die neuesten Erscheinungen der Litteratur allgemein bekannt macht, und in einem wesentlichen Auszuge jedes individuelle Produkt so begreif­lich darstellt, daß dadurch eine vollständige Uebersicht des Neuesten in der Litte­ratur entstehen kann.«

»Die Berliner, Leipziger, Jenaer und andere Sächsische Litteratur-Zeitungen sind theils zu theuer in unseren Gegenden, als daß sie hinlängliche Verbreitung erhalten könnten; theils scheint ein gewisser neuerer Ton, welcher in denselben zu herr­schen angefangen hat, ihnen einen Anstrich von Partheilichkeit zu geben, welche ihrer besseren Aufnahme im Wege steht.«

»Seitdem nämlich Nikolai die katholischen Staaten durchflogen, und aus allen Win­keln des Pöbelfanatismus den Kehricht von Albernheiten aufgejagt; seitdem er im südlichen Deutschland einen allmählich näheren Nexus zwischen protestantischen und katholischen Gelehrten, welchen doch die protestantischen Toleranz-Prediger von jeher bezweckt zu haben schienen, wahrzunehmen glaubte – von jener Stunde an ist’s mit litterarischer sowohl als religiöser Toleranz rein aus; viele katholische Gelehrte heißen nun Proselytenmacher, heuchelnde Jesuiten oder Jesuitenknechte; das meiste Uebrige ist Fantast oder Bigot. Dieser Ton ist zum Feldgeschrei in ei­nem großen Theile des nördlichen Deutschlands geworden; die allgemeine deut­sche Bibliothek schreit voran; und die Berlinische Monatschrift und viele andere mehr oder minder bedeutende protestantische Journalisten schreien aus vollen Ba­cken nach; und warnen ihre sorglosen, biederen Religionsbrüder, die nichts Arges vermutheten, sich ja vor den Katholiken sorgfältig in Acht zu nehmen.«

»Die ärgsten Verlästerungen selbst der würdigsten katholischen Gelehrten, welche unter ihren Glaubensgenossen mit Muth und Aufopferung für Aufklärung und wi­der Vorurtheile kämpfen, das Herabwürdigen derselben vor den Augen Deutsch­lands zu fanatischen Würgengeln, zu heuchelnden Schuften, zu schleichenden Pro­selytenmachern, und dergleichen, sind nicht nur in vielen Broschüren, sondern auch schon in allgemeinen Litteratur-Zeitungen Mode geworden; allenthalben spuckt’s von Jesuitism, Inquisition und scheinheiligen Intriken. Der katholische Gelehrte, welcher vernünftig schreibt, ist ein verschmitzter Jesuit; wer nach katholischen Grundsätzen schreibt, ein Fantast oder Dummkopf; und wer nicht mitschmäht und mitlästert, ein Jesuitenknecht.«

Damit sprach Hübner die wesentlichsten Gründe der im Verein mit dem Professor Augustin Schelle am 1. Januar 1788 wirklich begonnenen Allgemeinen oberdeut­schen Litteratur-Zeitung aus, Gründe, welche ihn zu dem Entschlüsse bestimmten, auch im katholischen Deutschlande dieselben wohlthätigen Wirkungen hervorzu­bringen, welche das protestantische schon früher der Allgemeinen deutschen Bi­bliothek und ähnlichen Instituten verdankte.

Ungeachtet der gleich Anfangs voraussehbaren Schwierigkeiten und Anfeindungen von mehr als einer Seite ging Hübner, seiner Kräfte bewußt, an die Arbeit, und un­geachtet Schelle schon nach einem halben Jahre aus persönlichen Rücksichten, und durch fremde Einwirkungen bewogen, sich von der Redaktion wieder zurückzog, setzte er mit erhöhtem Eifer fort, was und wie er begonnen, und bemerkte zu sei­ner Zufriedenheit und Genugthuung, wie mit jedem Jahre die Zahl sowohl seiner Mitarbeiter, als auch seiner Abonnenten in solchem Grade zunahm, daß für das Fortbestehen seines Unternehmens kein Zweifel übrig blieb.

Auf diesem Standpunkte war die Salzb. Allg. L.-Z., als nach dem Tode Carl Theo­dors im J. 1799 der Churfürst Maximilian zur Regierung nach Bayern kam. Hübner wurde sogleich als Akademiker und als Geistl. Rath zur Fortsetzung seiner ober­deutschen Staats- und Litteratur-Zeitungen nach München zurückberufen. Er ent­sprach diesem Berufe mit einem Erfolge, wie von ihm nicht anders zu erwarten war, – um so mehr da er von dem hochsinnigen, den Bayern unvergeßlichen Minister Montgelas ermuthigt und bei jeder seiner litterarischen Unternehmungen auf alle Weise unterstützt wurde.

Dieß beweiset vorzüglich die von ihm am 1. Januar 1803 erschienene Topographi­sche Beschreibung der H.- und R.-Stadt München, worauf im J. 1805 der statisti­sche Theil folgte.

Hübner’s richtig beobachtendem Blicke konnte es nicht entgehen, daß Deutsch­lands Städte die Wiege bürgerlicher Freiheit, die Trägerinnen und Pflegerinnen na­tionaler Wohlfahrt, heimischer Sitte und Bildung, fortschreitender Wissenschaften, Künste und Gewerbe waren, und daß sie demnach die vorzüglichste Beachtung des Patrioten in Bezug auf die Geschichten ihres Entstehens, Wachsthumes und Gedei­hens, und der sorgfältigsten Forschungen unpartheiischer Historiographen eben so sehr verdienten als belohnten. In dieser Ueberzeugung und nach diesen Gesichts­punkten unternahm er schon früher die in Ermangelung ähnlicher Vorbilder sehr schwierige und mühevolle Bearbeitung der Geschichte der Stadt, und später auch des ganzen Fürstenthumes Salzburg, wodurch er sich gleichsam vorbereitete und einübte, um in der Folge auch die in jeder Beziehung umfassendere und belangrei­chere Beschreibung der (damals) churfürstlichen Haupt- und Residenzstadt Mün­chen und ihrer Umgebungen, verbunden mit ihrer Geschichte etc. unternehmen zu können. Er benützte dabei die schätzbaren, ihm bereitwillig geöffneten Quellen der städtischen Institute und Archive, und sichtete mit kritischem Kenner-Auge die ihm dargebotenen Urkunden, Chroniken, Urbarien und dergl., so daß dieses Werk das vollkommenste seiner Art ist, was die deutsche Litteratur aufzuweisen hat, und noch jetzt, unbeschadet der Verdienste seiner Vorgänger, insbesondere des unver­geßlichen Westenrieders, das reichhaltigste und gediegendste unter allen früher und später erschienenen Geschichten der Stadt München bis zum Beginne ihrer ei­gentlichen Glanzepoche ist und wohl auch lange bleiben wird.

So wie seine Münchner Staats-Zeitung durch Reichhaltigkeit, kritische Auswahl, freien Sinn, gemeinnützige Tendenz und reine Sprache beinahe alle ihre Schwestern übertraf, eben so wirkte die Oberdeutsche Litteratur-Zeitung für die Aufklärung und Bildung des katholischen Deutschlands mehr als irgend ein anderes wissen­schaftliches Institut, und die nach langem vergeblichen Streben glücklich realisirte Vereinigung der katholischen und protestantischen Gelehrten zur Erreichung des­selben Zieles, – allgemeiner Kultur, verdanken wir vorzüglich Ihm.

Was vor ihm weder einzelnen Bestrebungen, noch vereinten Kräften je gelingen wollte, – die nach lange vergeblichem Bemühen so glücklich bewerkstelligte Annä­herung und allmähliche Vereinigung der katholischen und der protestantischen Ge­lehrten zu einem und demselben erhabenen Zwecke, zur Verbreitung wahrer, rein christlicher Humanität und nationaler Kultur im ganzen, gemeinsamen, deutschen Vaterlande, unverkümmert durch religiöse Meinungs-Verschiedenheit und ange­maßte Geistes-Ueberlegenheit, – dieses glückliche und gesegnete Beginnen ver­danken wir großentheils jener wohlberechneten und klug geleiteten Anstalt, und vorzugsweise ihrem unvergeßlichen Stifter, der mit ganz besonderer Vorliebe bis an seines Lebens Gränze sie pflegte, und um ihrer Erhaltung willen nicht selten die widerstrebendsten Elemente zu einigen und durch freundliche Vermittlung für sie zu gewinnen strebte.

Wer Hübner’s unermüdliche, allen Stürmen der Zeit, allen Störungen der Menschen trotzende Beharrlichkeit in Verfolgung dieses hohen, ihm heiligen Zweckes in der Nähe zu beobachten Gelegenheit hatte, der, und nur der allein ist im Stande, das Hochverdienstliche, das Ruhmwürdige seiner so viele Jahre fortgesetzten Anstren­gungen gehörig zu würdigen. Kein treuer, unbefangener Zeuge seines eben so un­eigennützigen als muthvollen Kampfes für Licht und Wahrheit, den er ein halbes Menschenalter hindurch gegen Irrthum und Vorurtheil, gegen Intoleranz und Aber­glaube, gegen Neid und Schelsucht, gegen Unwissenheit und Bosheit siegreich be­stand, wird es in Abrede stellen, daß er, – geistreicher und größer und edler, als alle seine Feinde und Gegner, – diesen überall kühn und offen und gerade entgegen­trat, daß er mit dem Muth, mit der Gewandtheit und mit den Waffen des überlege­nen Verstandes gegen sie Alle focht, und im Gefühle seiner Kraft, vertrauend auf seine gute Sache, verachtend kleinliche Ränke, und erhaben über zage Furcht, selbst dann nicht vom Kampfplatze wich, wenn er die vergifteten Pfeile der Ver­leumdung und Verketzerung von sich abzuwehren hatte.

Diese seine Thätigkeit und Beharrlichkeit war um so verdienstlicher, da sie mit gro­ßen Schwierigkeiten und Hindernissen begonnen und bis an’s Ende seiner Tage fortgesetzt wurde. Um ihnen allen ohne Ermüdung und ohne Furcht entgegen zu treten, bedurfte es eines Mannes von so seltener Energie, von kühnem Muthe für die Wahrheit, von lebendigem Wohlwollen für die Menschheit und von rastlosem Fleiße wie Hübner war.

Er wollte Freiheit der Meinungen und die Herrschaft der Gesetze, aber nicht Zügel­losigkeit im Denken und Handeln, die zuletzt zum Unglauben und Aberglauben führt. Er ehrte den Thron, der, erhaben über Interessen und Leidenschaften Einzel­ner, die Rechte Aller begründet und schützt. Er ehrte den geistlichen Stand, dem er selbst angehörte, und dessen Ehrwürdigkeit Bedürfniß der Menschen ist, an des­sen Stufen die Mächtigsten selbst, wenn Kummer und Leiden sie drückt, und der Sterbende in der versiegenden Quelle des Lebens noch Hoffnung und Beseligung findet. – Religion, aber jene reine unbefleckte, durch Menschenhände unentstellte, unentheiligte Tochter des Himmels, wie Christus sie lehrte, war ihm die ehrwürdigs­te unantastbare Stütze der menschlichen Gesellschaft, die erhabene Ausgleicherin der Leiden des Dürftigen mit den Freveln des Reichen und Uebermüthigen, und die wohlthätige, nothwendige Ergänzerin unmächtiger Gesetze.

Dagegen verachtete er aus vollem Herzen Heuchelei und Bigotism, Scheinhelligkeit und Frömmelei, unter welcher Form, in welcher Maske er sie auch erkannte.

Gegen diese, den Namen der Religion nur zu oft mißbrauchenden, entehrenden Ausgeburten der Finsterniß und der Intoleranz kämpfte er bei jeder Gelegenheit mit der ganzen Kraft seines Geistes, mit allen ihm zu Gebote stehenden Waffen der Wissenschaft und vorzüglich der Philosophie und Geschichte: gegen sie, aber auch nur gegen sie, schwang er nicht selten (wie alle seine Schriften zeugen) die Geißel des Witzes und der Satyre, die er so kräftig und treffend zu führen wußte, beson­ders gegen jene finsteren und profanen Eiferer, die ihre unlauteren Absichten in den Mantel der Gottesfurcht hüllend, ihr trübes Spiel im Dunkel der – so ehrwürdi­gen Institute – Klöster genannt, trieben. Diesen im Laufe der Zeit ausgearteten, un­seren Verhältnissen nicht mehr wie früher anpassenden religiösen Vereinen war er nun freilich um so weniger geneigt, je genauer er aus eigener Erfahrung ihre gro­ßen und wesentlichen inneren Gebrechen und Mängel kannte. Er wußte zwar wohl, daß selbst Philosophie und Geschichte, Vernunft und Erfahrung ihnen lange – Jahr­hunderte hindurch – das Wort sprachen, daß es in den Religionen aller Zeiten und Völker Klöster gab, – und auch bei uns wieder geben wird, wie der fortschreitende Geist der Zeit sie zu fordern berechtigt ist. Denn sein Leben ist in mehr als einer Beziehung für den Beobachter der geistigen Ebbe und Fluth unsers Vaterlandes lehrreich. An den Faden desselben reihen sich besonders drei merkwürdige Epo­chen der neueren Geschichte unserer Nationalkultur. Er sah die vielversprechende Morgenröthe derselben unter der milden Regierung des guten Max III., und in den ersten Jahren des kunstliebenden Carl Theodor. Er sah die unverhoffte Verfinste­rung des geistigen Horizonts bis zur schreckenden Mitternacht unter P. Frank’s und Lippert’s angemaßter Gewaltherrschaft über alle edleren Kräfte der biederen Bay­ern. Er sah endlich auch die Sonne der Aufklärung ihrem Culminationspunkte ent­gegeneilen unter dem weisen und großmüthigen Max Joseph, dem allgeliebten bayerischen Lorenzo Medici. Und Er sah dieß Alles nicht bloß. – Er griff, jedes Gute fördernd, selbst thätig, kühn und muthig, öfter sogar leitend, in das kreisende Rad der Zeit, bis er, – obgleich stets mäßig lebend und eine dauerhafte Gesundheit und hohes Alter versprechend, – plötzlich zu kränkeln anfing, und ganz unerwartet, aber noch Besserung hoffend, im redlich verdienten Vollgenuß eines dreißigjährigen Wirkens dem Vaterlande, den Wissenschaften, seinen vielen Verehrern und Freun­den, vorzüglich aber auch den Hülfe bedürfenden Armen, denen er sich stets und überall sehr wohlthätig bewies, durch einen zu frühen Tod (er war nicht volle 54 Jahre alt) entrissen und von Allen innigst betrauert wurde.

Hübner liegt im allgemeinen Friedhofe Münchens begraben. Sein Denkstein von rothem Marmor in der dortigen Kirche rechts an der Wand am Hochaltar hat die In­schrift:
Sempiternae Memoriae
D. Laurentii Hübner Presbyteri,Regis Bojorum a consiliis circa sacra,Acad. Scientari­um Socii Directoris – Viri,De Republica LitterariaPatriae, Germaniae omnis optume meriti,In eis, quae Praelo prodiere,Per clara Ingenii Specimina radiantis -Voluntas fraterna, grata, memor,Charo funeri Monumentum hocAmoris, Existimationis Tes­seramPro Munere extremo posuit.
Post annos 54 decessitV. Iduum februarii 1807.

Hübner’s wichtigste und fortwährend denkwürdigste geistige Erzeugnisse sind und bleiben die historisch-statistischen Beschreibungen von Salzburg und München, und die Oberdeutsche allgemeine Litteraturzeitung. Zwar ward diese auch nach ihm noch etliche Jahre fortgesetzt; allein ohne den Geist und die Mittel, ohne die vieljährige Erfahrung und sorgfältige Pflege ihres Schöpfers, Begründers und Erhal­ters, so daß ihre kümmerliche Existenz schon im Jahre 1811 an Abzehrung endete; Hübner’s Name und Andenken aber bleibt uns und der Nachwelt heilig, wie Kreit­mayrs und Westenrieders, – wenn auch ohne Monument.

Möge es Bayern nie an Männern fehlen, wie diese, – voll Kraft und Muth, für Wahr­heit und Recht, voll Patriotismus und Biedersinn, voll Erudition und Jovialität, voll gründlicher Gelehrsamkeit und wahrer urchristlicher Religion! Und möge es durch solche Männer stets freier und mächtiger emporblühen unter den ruhmvollen Re­gierungen seiner allgeliebten
Ludwige und Maxe,
denen wir aus treuen und dankerfüllten Herzen freudig zurufen:
Sie leben Hoch! Für immer Hoch!

Vollständiges Verzeichniß der Druckschriften Hübner’s.

1. Grundlehren der Numismatik, zum Gebrauche seiner Schüler, 1776, gedruckt zu Burghausen. In Commission in der ehemalig Fritzisch. Buchhandlung zu München. 8.
2. Abhandlung vom Luxus, oder der schädlichen Pracht. Burghausen 1776. 4. In den akademischen Schriften daselbst. 4.
3. Der philosophische Geist unsers Jahrhunderts. München bei Fritz. 1780. gr. 8.
4. Ueber die Analogie der Electricität und des Magnetismus. Eine gekrönte Preis­schrift, gedruckt im ll. Bd. der philosophischen Abhandlungen der Akademie zu München, 1782. 4.
5. Gedanken über den Brand im Getreide. Burghausen, in den akademischen Schriften, 1782. 4.
6. Ueber P. Jost Vorschlag, die Inquisition in Bayern einzuführen, 1779. 8.
7. An Verführer und Verführte. Ein satyrischer Nachtrag zu den Vorboten des neuen Heidenthums. München, bei Strobl. 1781. Zur Schande der Vernunft nachgedruckt zu Augsburg und Preßburg.
8. Freimüthige Blicke des Philosophen in’s Mönchswesen. 1779. 8.
9. Dringende Vorstellung an Menschlichkeit und Vernunft um Aufhebung etc. 1782. gr. 8.
10. Charrons wahre Weisheit, aus dem Französischen mit einer Vorrede. 2 Bde. gr. 8. bei Strobl.
11. Tankred, ein musikalisches Schauspiel aus dem Italienischen, München 1782. 8.
12. Ein dergleichen, unter dem Titel: Semiramis 1761.
13. Heinz von Stein der wilde, ein vaterl. Schauspiel in 5 Aufzügen, verfaßt 1775, gedruckt 1782. München bei Strobl. 8.
14. Camma, die Heldin, ein vaterl. Schauspiel in 5 Aufzügen 1784. München bei Strobl. 8.
15. Vernünftige deutsche Rechtschreibung nach den Grundsätzen der Sprachen­kunde, für Bayern. München bei Jos. A. von Crätz. 1782. 8.
16. Der dramatische Censor, 6 Hefte, in Gesellschaft des Hrn. Prof. Babo. München 1783. bei Strobl. 8.
17. Die von ihm ganz neu eingerichtete Münchner Staatszeitung nebst den Münch­ner gelehrten Beiträgen von 1779 bis 1784.
18. Die von ihm ebenfalls ganz neu eingerichtete Salzburger oder oberdeutsche Staatszeitung von 1784 angefangen, nebst einem Salzburger Intelligenzblatte, und den monatlichen gelehrten Beiträgen zur Litteratur Oberdeutsch-
19. lands in 4.; anstatt der letzteren seit 1791: Räsonnirendes Magazin des Wich­tigsten aus der Zeitgeschichte in gr. 8.
20. Physikalisches Tagbuch für Freunde der Natur. Salzburg in der ehemaligen Wai­senhaus-Buchhandlung 1784 bis 1787. 4 Jahrgänge in 7 Bdn. mit vielen Kupfern.
21. Zum traurigen Angedenken der Ueberschwemmung einiger Gegenden Ober­deutschlands im Juni 1786. 8.
22. Salzburger Musenalmanach auf dat Jahr 1787. Salzburg in der Waisenhaus-Buchhandlung. 12.
23. Salzburger Musenalmanach auf das Jahr 1788. Salzburg in der Mayrischen Buchhandlung in 12.
24. Rosen auf das Grab Friedrichs des Einzigen in 12 Körben, oder gesammelte Charakterzüge und Anekdoten aus dem merkwürdigsten Leben dieses großen Kö­nigs, 12 Hefte oder 2 Bde. 1787. gr. 8.
25. Rosen auf das Grab Josephs II., oder Lebens- und Regierungs-Geschichte die­ses großen Kaisers. 12 Hefte od. 2 Bde. Salzburg 1790.
26. Geschichte verschiedener hierländkscher Bäumwollarten und ihres ökonomi­schen Nutzens. 1788. Salzburg, gr. 8.
27. Die oberdeutsche allgemeine Litteratur-Zeitung, in Verbindung mit vielen Mitar­beitern, seit 1788 im eigenen Verlag.
28. Beschreibung der hochfürstl. Haupt- und Residenzstadt Salzburg, 2 Bde. in gr. 8. Salzburg 1792 und 1793 im eigenen Verlag.
29. Beschreibung und Geschichte der k. Haupt- und Residenzstadt München und ihrer Umgebungen, in zwei Bänden. Erste Abtheilung: Topographie 1803. Zweite Abtheilung: Statistik, 1805. München im Selbstverlag.
30. Mehrere Gelegenheitsschriften nebst vielen anonymischen Schriften, Aufsätzen in Journale, Uebersetzungen aus dem Französischen, Englischen und Italienischen.

Joseph Wißmayr: Dr. Lorenz Hübner’s Biographische Charakteristik. Vorgetragen in der öffentlichen Sitzung der k. Akademie der Wissenschaften zu München am 15. Juni 1822; nachträglich veröffent­licht München, 1855.


SK-N-5* (Hübner)