Die Scheinwelt und ihre Schicksale (1893) / t_848

Von den Novitäten ist in diesem Jahre [1842] nicht viel zu berichten; Raupach und Birch-Pfeiffer beherrschten noch immer die Bühne, doch auch die Pflege classischer Werke wurde nicht vernachlässigt. Die Oper brachte außer Donizetti’s »Lucia von Lammermoor« und »Belisar« nichts Bemerkenswerthes.

Von den zahlreichen Gästen hat für uns das Gastspiel des Mannheimer Tenors Mar­tin Härtinger die meiste Bedeutung, da dieser vorzügliche Sänger bereits vom näch­sten Jahre ab, der Unsere wurde. Martin Härtinger war ein ausgesprochener Heldentenor mit einer großen, metallreichen Stimme, die jedoch in den höheren La­gen etwas gepreßt klang; seine Hauptstärke war der dramatische Gesang. Der Name Härtinger wurde zur besonderen Zugkraft für unsere Oper. Wenn Härtinger auf dem Zettel stand und eine seiner Glanzopern gegeben wurde, da gab es schwer noch einen Platz im Theater. Der Sänger, der sich allenthalben großer Be­liebtheit erfreute, war außerdem auch ein vorzüglicher Darsteller. Martin Härtinger creirte u. A. in Auber’s »Teufels Antheil« den »Rafael«; den »Cleasar« in der Jüdin; (namentlich in dieser Partie erntete Härtinger große Triumphe, wie auch als Johann von Leiden im Prophet) den »Kronthal« in Lortzing’s »Wildschütz«; »Idomeneus« in Mozarts gleichnamiger Oper und den »Lyonel« in Slotow’s Martha.

Zu erwähnen ist noch das Gastspiel Joh. Fenzl’s mit seinem Kinderballet, das sich lebhaften Beifalles erfreute.

Das nächste Jahr führte wie schon erwähnt, zum Engagement des Tenors Härtin­ger, während der treffliche Bayer, der seine Stimme verloren hatte, in Pension ging. Alois Bayer, seiner Zeit ein hervorragender Heldentenor, gehört unserer Bühne seit 1826 an und hatte somit eine siebzehnjährige Dienstzeit hinter sich.

[…]

Das Theaterjahr 1855 brachte leider den Abgang eines berühmten Tenors, des Dr. Martin Härtinger, eines ebenso vortrefflichen Sängers wie Darstellers; er trat mit dem 1. Juni in Pension und gehörte unserem Opern-Ensemble zwölf Jahre an. Dr. Härtinger wirkte auch längere Zeit als Gesangs-Professor am hiesigen Conservato­rium und erfreut heute noch allgemein durch seine Geistesfrische und Rüstigkeit.

Max Leythäuser: Die Scheinwelt und ihre Schicksale. Eine 127jährige Historie der Münchener kgl. Theater in populärer Form und als Jubiläums-Ausgabe. Zu Ehren des fünf und zwanzigjährigen Dienst-Jubiläums Seiner Exzellenz des Herrn General-Intendanten Freiherrn von Perfall. München, 1893.


29-12-23 (Härtinger)