Die Kunst unserer Zeit (1893) / t_26

UNKRITISCHE KÜNSTLERPORTRAITS
VON
F. WALTER.

II.
JULIUS ADAM.

Die Genealogie der Adams ist eine ziemlich weit verzweigte. Nicht weniger als sechs oder sieben von ihnen haben in der deutschen Kunstgeschichte einen ange­sehenen, einige von diesen sogar einen hochberühmten Namen. Albrecht Adam (geb. 1786 zu Nördlingen, gestorben 1862), ist der Stammvater des Malerge­schlechtes. Seine Schlachtenbilder hatten einen Weltruf. Er vererbte sein Talent auf vier Söhne: Franz, Benno, Eugen und Julius Adam. Der Erstere ist berühmt durch seine flotten Kriegsbilder aus dem letzten Feldzuge; der Zweite, Benno, ein un­glaublich vielseitiger Thiermaler, hat sich den Ehrennamen des »deutschen Land­seer« erworben; der Dritte, Eugen Adam, war ebenfalls als Schlachten- und Thier­maler sehr geschätzt. Im Verein mit seinem Bruder Julius (geb. 1821, † 1874), der Lithograph war, gab er u. A. Erinnerungen an die österreichische Armee in Italien 1848 und 1849 heraus. Benno Adams Sohn, Emil Adam, ist einer der bekanntesten Sportmaler und Pferdeportraitisten unserer Zeit und der Sohn des Jüngsten der Brüder, Julius, der den gleichen Taufnamen, wie sein Vater trägt, ist es, von dem folgende Zeilen handeln sollen.

Julius Adam wurde zu München am 18. Mai 1852 geboren. Zuerst besuchte er die Realschule; aber bald nach Beendigung seiner Schuljahre regte sich in ihm das Künstlerblut und er zog in die weite Welt. Volle sechs Jahre verweilte er in Südame­rika als – Landschaftsphotograph, ein Beruf, der wohl dazu geeignet ist, den etwa verborgenen höheren, künstlerischen Beruf in seinem Träger zur Entdeckung zu führen. Er genügte dem jungen Manne bald nicht mehr. Die Sehnsucht nach der Heimath trat hinzu und so kehrte er endlich wieder an die Isar zurück, um dort Ma­ler zu werden. Zunächst trat Julius Adam in die Kunstgewerbeschule ein, um unter Professor Echters Leitung nach der Antike zu zeichnen. Schon ein Jahr später aber, 1873, siedelte er an die Academie über, an der vorerst nicht lange seines Bleibens war. Durch den Tod seines Vaters und damit verbundenen anderweitigen Verpflich­tungen erlitt sein Studium eine Unterbrechung. Mit schweren Opfern nur erkaufte er sich den Wiedereintritt in die Academie, mit Opfern, zu denen ihm die von der Academie erhaltenen Auszeichnungen Kraft und Muth verliehen. Er machte die technischen Zeichen- und Malclassen durch und trat dann in die Componierschule von Professor Wilhelm Dietz ein, wie man in München die Einrichtung der »Meiste­rateliers« nennt.

Hiemit begann sein selbständiges Schaffen. Sechs Jahre lang hatte er ein Atelier in der Academie inne und malte dort seine ersten Figurenbilder. Ein drei Meter lan­ges Bild, reich an Figuren, betitelt sich »Mittelalterliches Maifest«. Die Dietz-Schü­ler thaten es damals nicht ohne mittelalterliches Costüm. Ein anderes, ungemein anmuthiges Bild aus jener Zeit heisst »In den Himbeeren«. Eine Schaar von Kindern, an zehn Stück, sind in die Ranken eines Himbeerschlages gerathen und sie pflücken von den duftigen Beeren nach Herzenslust. Gesunde, rothbackige Bauernkinder, aber von grosser Anmuth und herzgewinnender Kindlichkeit. »Die Märchenerzähle­rin« und eine Reihe kleinerer Genrebildchen verschiedener Art und etliche Portraits hat Julius Adam ebenfalls in dieser Zeit gemalt. Ersteres schildert eine ländliche Fa­milienscene mit gewinnender Liebenswürdigkeit. Vor einem Bauernhause sitzt eine alte Frau im Lehnstuhl und ihre Enkel drängen sich, den Ausdruck hochgespannter Neugier im Gesicht, lauschend an sie.

Es muss eine wundersame Geschichte sein von den verzauberten Prinzen und ver­sunkenen Schlössern, die sie vom Umhertollen abhält und zu lautlosem Zuhören zwingt. Das Kleinste nur sitzt unbetheiligt im Vordergrund in einem Wägelchen, ei­nen Haufen Blumen auf seiner Decke. Ihm ist die umgebende Natur und das Leben selbst noch ein sonniges, unverstandenes Märchen.

Unter den kleineren Arbeiten waren es besonders versuchsweise entstandene Thierbildchen, mit denen der Maler einen ganz unerwarteten Erfolg errang und hie­durch zu einer Specialität kam, die ihm einen sehr gesuchten und geachteten Na­men verschaffte. Er gab die Genremalerei im Ganzen auf und wurde Thiermaler. Seit frühester Jugend war er ein grosser Thierfreund gewesen. Von erblicher Anla­ge für das Gebiet der Thiermalerei darf man bei einem Adam wohl sprechen, und ward es ihm dieserhalb leicht, seine Beobachtungen aus dem Thierleben im Bilde festzuhalten.

Vor Allem war es das Leben junger Kätzchen, was ihn interessirte, und er hat deren Darstellung zu einer Virtuosität ausgebildet, in der ihm unter den lebenden Thier­malern kaum Einer ebenbürtig ist. Ein neuer »Katzenrafael«, wie der andere merk­würdige Maler, der in der Kunstgeschichte einen so ehrenvollen Platz einnimmt, der »geniale Cretin« (Gottfried Mind, 1786 in Bern geboren, † 1814). Als ganz ver­wahrlostes Kind nahm diesen der deutsche Landschaftszeichner Legel auf, nach Vorlagen lernte er zeichnen, zeigte ein grosses Talent und kam später zu Siegmund Freudenberger nach Bern, wo er eine ganze Anzahl reizender, und im Kunsthandel sehr begehrter Kinder- und Thierbilder schuf. Hauptsächlich war die Darstellung von Katzen – auch Bären übrigens – seine Passion. Hierin erreichte der arme, unwis­sende Cretin, der nur seinen Thieren und mit ihnen lebte, eine hohe Meisterschaft.

Julius Adam malt nicht blos Katzen, er malt in zahlreichen Bildern das Katzenleben, welches er in solcher Weise studirt hat, dass es ihm ungezählte Variationen für sei­ne Arbeiten darbietet. Es gibt doch wohl in der Schöpfung kein reizenderes, zierli­cheres, bewegungsfähigeres Thierchen, als eine junge Katze. Trotzdem ist das Ge­biet kein stark bebautes, denn, wie mancher Künstler gesteht, gibt es auch nicht viele Thiere, die schwerer zu zeichnen und zu characterisiren sind, die eines einge­henderen Studiums bedürfen, wie die »Familie Mietz.« Oft genug sieht man auf Bil­dern tüchtigster Maler Katzen, die nichts weniger als gut und naturgetreu gelun­gen sind. Die Mannigfaltigkeit ihrer Bewegungen, die ja einfach endlos ist, die Feinheit der Farben ihres seidenweichen Pelzes, das Spiel ihrer Augen, das zwi­schen einem unschuldigen Kinderblick und dem bösartigen Funkeln eines Panther­auges wechselt, das Alles gibt Stoff genug für einen »Specialisten«. Sie spielen wie Kinder, stellen wie diese allerlei Unheil an, sind drollig, neugierig, kokett wie diese. Wie Julius Adam seine Beobachtungen treibt, davon werden einige diesem Aufsat­ze beigegebene Studien dem Leser einen Begriff geben. Das sind keine pikanten, auf Chic gearbeiteten Studien, die nur einen flüchtigen malerischen Eindruck fest­halten, sondern Beobachtungen von beinahe wissenschaftlicher Genauigkeit, die dem Wesen des Thieres, seiner Anatomie und seiner Mimik ebenso auf den Grund gehen, wie seiner äusseren Form. Hier im Schlummer, dort im Spiel, da auf Beute lauernd, dort träg-behaglich hingestreckt – immer anders. Oder gar nur ein paar fein characterisirte Portraits mit ausdrucksvollen Augen.

Unendlich harmlos und unendlich liebenswürdig sind solche Katzenfamilienscenen von Julius Adam. »Hungrige Gesellschaft« heisst eins. Vor einem Korbe, welcher die Wohnung der jungen Brut ist, wurde das Futter für die Kätzchen hingestellt. Zweie haben sich schon hungrig darüber gemacht, ein paar Andere kommen schleunigst zum Frass herbei; die Katzenmama wacht mit mütterlicher Sorgfalt über die hungrige Gesellschaft. Oder »In Erwartung« sitzen »Mutter und Kind« vor der leeren Schüssel, die sich bald mit leckerer Milch füllen soll. Oder »Naschkätz­chen«: ein ganz kleines Mietzchen hat im Stall eine Milchschüssel ent­deckt und taucht die Pfote in die süsse Fluth.

Ein andermal sehen, wir eine kleine Mietz »Mutterseelenallein« in der Scheune sit­zen. Wie ein vereinsamtes Kind schaut sie Dich mit ihren grossen, ängstlichen Au­gen an. Dann treffen wir sie wieder im Kampf mit bösartigen Ungeheuern. Hier wird ein einzelnes Kätzchen von einer lauernden Hummel im Schlaf gestört und sieht sich den Fremdling mit feindseligen Blicken an, dort ist es gleich ein ganzer Korb voll der niedlichen Thierchen, die von dem gleichen gefährlichen »Ruhestö­rer« bedrängt werden. »Im Boudoir« sind zwei der putzigen Dinger vor einen Frisir­spiegel gerathen und betrachten in ergötzlicher Verwunderung ihre Ebenbilder. »Ein kleiner Taugenichts« ist im Spielen über das Strickzeug seiner gestrengen Her­rin gerathen und ruht nun, den verwirrten Wollknäuel in den Pfötchen, von seinem Streiche aus. »Lustiges Volk« tummelt sich auf dem Speicher; zweie balgen sich wie Gassenjungen und das dritte klettert zur Dachlucke empor, zu der das goldige Son­nenlicht hereinströmt. »Gestörte Siesta« schildert eine Stimmung, in die auch der Mensch hin und wieder versetzt wird, wenn ein lästiger Besuch sein Nachmittags­schläfchen stört. Mit schläfrigen Augen blickt die um ihre süsse Ruhe gebrachte Mietz dem Besuch eines munteren Nachbarkätzchens entgegen. Zwei leider nicht abzuläugnende Eigenschaften des Katzengeschlechtes sind in »Falsche Freunde« veranschaulicht. Da spielen Zweie mit einer Maus – so lieb, so harmlos; warte nur, armes Thier, bald wirst du erfahren, dass so zierliche Geschöpfe sehr falsch und sehr grausam sein können.

Und so Weiter in infinitum! Hier spielen sie mit einer Champagnerflasche, dort gu­cken sie possirlich aus einem Gemüsekorb heraus, da halten sie »Siesta« in dufti­gem Heu, dort liegen ein paar in einem gemüthlichen Hofwinkel in »dolce far nien­te« beisammen, ein ander Mal entdeckt gar Mietz einen »Fremdling«, einen jungen Hund, im gewohnten Nest, der es dort auch weich und bequem gefunden hat. Dann raufen wieder ein paar »Unverträgliche« mit einander; »Mietz ist krank« und sitzt kläglichen Gesichts mit verbundener Pfote vor einer Flasche mit »Goulardi­schem Wasser«.

Ein »Hungerquartett« umlagert die leere Futterschüssel und scheint gar klägliche Töne von sich zu geben u. s. w.

Auch mit Kindern zusammen stellt Julius Adam sein Lieblingsthierchen dar, z. B. in der reizenden »Idylle«. Da sitzt ein allerliebster Blondkopf im Grase des sommerli­chen Gartens bei einem grossen Korb voll Kätzchen, die sie – es ist ein Mädel – lieb­kost. Damit ist wohl nur ein kleiner Theil von Adams Katzenbildern aufgezählt. Sie sind, wie schon gesagt, ungewöhnlich schnell beliebt geworden und in alle Win­de verstreut – vornehmlich allerdings gingen sie nach Amerika. Ja im Jahre 1887 schloss der Künstler mit einem amerikanischen Kunsthändler einen Contract, der ihn verpflichtete, überhaupt nur für Amerika zu malen. Dieses Vertrages ist Julius Adam übrigens nunmehr – wohl zu seinem Glücke – wieder ledig. Eine derartige hemmende Fessel, die aus dem Besten auch wider seinen Willen auf die Dauer ei­nen »Producenten« statt einen »schaffenden Künstler« machen müsste, kann Kei­ner unbeschadet seines Werthes lange ertragen. Gerade von »drüben« und von England werden deutschen Malern derartige verlockende Contracte, die eben eine sichere Existenz für eine ungewisse bieten, aufgedrängt, und im besten Falle ist dann der Künstler der heimischen Kunst verloren. Was anfangs verlockte, »bald klirrt es Dir wie eine Kette nach« und der Beglückte dankt zuletzt seinem Schöpfer, wenn er den überseeischen »Kunstfreund« los geworden ist.

Uebrigens hat unser Maler noch im Jahre 1884 ein grösseres Figurenbild »ohne Katzen« gemalt, das gerechtes Aufsehen machte und in feinsinnigster und origi­nellster Weise das Märchen vom »Getreuen Eckart« behandelt. Ein hoher, heimath­licher Tannenwald, durch dessen Wipfel Nebelstreifen ziehen. Blickt man aber schärfer hin, so lösen sich aus dem Nebel die Gestalten des wilden Heeres los, die den Wald durchziehen. Furchtsam drängen sich die Kinder mit ihren geleerten Krü­gen um den hochgewachsenen Alten zusammen, der sie behütet. Das Bild lässt nur Eines zu wünschen übrig, dass nämlich der Maler, der seinen fesselnden Stoff so trefflich zu behandeln verstand, gelegentlich wieder einmal sich auch solchen Ge­genständen zuwende. Dazu wird es der Künstler in ihm ja wohl auch wieder brin­gen.

Inzwischen freuen wir uns an der Art, wie er in der Beschränkung den Meister zeigt als Specialist für einen Kunstzweig, der Hunderttausenden zur Freude und Erheite­rung dient!

F. Walter: Die Kunst unserer Zeit. Lieferung 3. 1893.


27-01-25 (Adam)