Die Kunst für Alle (1901) / t_523

KARL ALBERT BAUR

Wenn Karl Alb. Baur, den wir heute unseren Lesern vorführen, in weiteren Kreisen als Künstler nicht so gekannt ist, wie er kraft seiner Veranlagung sein könnte und müsste, so hat das mannigfache Gründe, welche teils in seinem äusseren Lebens­wege, vor allem aber in seiner künstlerischen Eigenart liegen. Ein eigentlich »popu­lärer« Künstler wird Baur wohl schwerlich je werden; dazu ist sein Sehen und Erfas­sen der Natur zu exklusiv künstlerisch. Das, was die Menge besticht, das landläufig Schöne, das gefällige Motiv reizt ihn nicht zum Schaffen. In seinen Mappen finden sich eine Menge Blätter, deren Schönheit dem Laien unverständlich bleiben wird; denn wem der Blick für grosse, einfache Form nicht gegeben ist (und wie wenigen ist er gegeben!), der wird schwerlich den Reiz der Motive mitempfinden können, die Baur begeistern; er wird in denselben häufig nur ödes, steriles Terrain erbli­cken.

In dem sicheren Erfassen der grossen Linien und Formen der Natur liegt Baur’s ei­gentliche Stärke. So fein sein Blick für Ton, sein Empfinden für Stimmung ist, stär­ker ist jedenfalls noch sein Formgefühl; der Zeichner überragt in ihm entschieden den Maler.

Auch der äussere Lebensweg Baur’s, die Vielseitigkeit seines Interesses für alle Wissensgebiete und sein stets opferbereiter Gemeinsinn sind ernste Hemmnisse seiner künstlerischen Bethätigung gewesen. So hoch diese Eigenschaften den »Menschen« stellen, dem äusseren Erfolg des Künstlers sind sie nicht förderlich; sie entziehen seinem Schaffen zu viel Kraft und zu viel Zeit.

1851 zu München geboren, sollte Baur nach Absolvierung des Gymnasiums den kaufmännischen Beruf ergreifen. Doch fühlte er sich in demselben nicht wohl; er bezog die Universität, um sich philosophischen und archäologischen Studien zu widmen. In den Knabenjahren war er von einem Freunde der Familie, dem Land­schaftsmaler J. N. Ott, im Zeichnen und Malen unterrichtet worden und schon da­mals war in ihm der Wunsch entstanden, Maler zu werden. Manches Hindernis war zu überwinden, ehe dieser Wunsch sich ihm erfüllen sollte. Endlich im Jahre 1876 trat er als Schüler in die Münchener Akademie ein. Nach dem Abgang von dersel­ben arbeitete er unter der Leitung Ludwig Willroiders, mit dem ihn enge Freund­schaftsbande verknüpfen und mit dem er seit Jahren gemeinsam auf Studien zieht. Eine reiche künstlerische Ausbeute brachten ihm Reisen und längerer Aufenthalt in Istrien, Italien, der Schweiz, den österreichischen und deutschen Alpenländern, so­wie in den letzten Jahren in der Maingegend.

Zehn Jahre seiner besten Kraft (1886–95) hat er zum grössten Teil den Interessen der Gesamtheit geopfert, denn die Zeit, die ihm sein Amt als Schriftführer der Münchener Künstlergenossenschaft für eigenes Schaffen übrig liess, war sehr knapp bemessen. Mit welcher Hingebung er sich der ihm durch das Vertrauen der Kollegen übertragenen Aufgabe widmete, steht frisch im Gedächtnis der Kunstge­nossen. An der Organisation und Leitung zweier internationaler Ausstellungen (1888 und 1892), an der Gründung der Jahresausstellungen und deren Durchfüh­rung bis zum Jahr 1896 hatte er wesentlichsten Anteil. 1896 und 1897 war er Vor­sitzender des Hauptvorstandes der allgemeinen deutschen Kunstgenossenschaft.

Dass Baur trotz so mannigfacher Abhaltungen doch Pinsel und Palette nie hat ver­stauben lassen, davon legen schon die aus den verschiedensten Jahren stammen­den Bilder, die wir heute bringen, Zeugnis ab.

Friedrich Pecht: Die Kunst für Alle. München, 1901.


NA-146 (Bauer & Prel)