Die Kunst für Alle (15.5.1891) / t_1033

Ludwig Lesker

† 8. Dezember 1890
Nekrolog von Friedrich Pecht (München)

Was gäbe es doch Erquicklicheres zu sehen, als ein gesundes Talent, das sich mit angeborner Sicherheit von innen heraus entwickelt? Eine solche reiche, ursprüngli­che Begabung besaß aber der Künstler, dessen früher Tod mir jetzt die Feder in die Hand gibt, um mit dem Material von Thatsachen, das er vor wenigen Jahren mir selbst geliefert, sein arbeitsvolles, aber auch ungewöhnlich fruchtbares Leben zu schildern. Gibt es unläugbär zwei Klassen von Malern, von denen die erste durch die ideale Begeisterung für den Stoff ihrer Darstellungen, sei’s durch den religiösen Glauben, die Vaterlandsliebe, die Schwärmerei für die Romantik oder für die Natur getragen sein muß, um ihre Anlagen voll entwickeln zu können, so ist bei der an­dern die Schilderlust, die helle Freude an der bunten Welt der Farbe, an der Wonne des Verzierens das einzig Maßgebende. Sie malen, wie der Vogel singt – weil sie eben dazu geboren wurden. Zu dieser zweiten Klasse gehörte Ludwig Lesker, ihm war, wie dem ihm vielfach verwandten Makart, das Malen so natürlich, als dem Fisch das Schwimmen, er brauchte es eigentlich kaum zu lernen. Man mußte den mittelgroßen, aber breit und fest gebauten blonden Krauskopf nur an der Arbeit sehen, um das alsbald zu begreifen, wenn man da gewahrte, wie fröhlich seine blauen Augen zu funkeln begannen und wie sicher er zugriff! Darum ist denn auch sein Leben eigentlich nur eine fortwährende Kette von Erfolgen gewesen, weil ihn sein Genius mit unfehlbarer Sicherheit leitete und das Glück ihm bis zuletzt treu blieb, wie wenigen.

Dennoch schien der Malerberuf dem in Schwerin als der Sohn eines unbemittelten Handwerkers 1840 gesund und kräftig geborenen Jungen durchaus nicht vorge­zeichnet zu sein, da ihm der Vater schon im dritten Jahre starb und so gut wie nichts hinterließ, außer Gesundheit und Mut, sowie Fleiß und Talent. Es wäre denn eine hochbegabte phantasie- und gemütvolle, ganz künstlerisch angelegte Mutter. Offenbar hat sie dem Sohn die schöpferische Kraft vererbt, die er von kleinauf so­fort an allen ihm erreichbaren Wänden bethätigte, d. h. sie mit seinen Zeichnungen überdeckte. In der Schule, die ihn ein strenger Stiefvater bis zur Tertia besuchen ließ, lernte er freilich um so weniger, da seine Seele in den Augen und nicht in den Ohren ihren Sitz hatte. Da er nun mit echt mecklenburgischer Starrköpfigkeit durchaus vom Freskomalen an den Stadtmauern nicht abzubringen war, so gab ihn der Vater im sechzehnten Jahre endlich bei dem Hofmaler Trilke in die Lehre, ei­nem gescheiten und geschickten Mann, wo er seine Anstelligkeit und sein angebor­nes technisches Geschick um so rascher entfaltete, als er sehr bald das Glück hatte, sie in dem eben im Bau begriffenen Schlosse zu Schwerin, dem Meis­terwerke des genialen Demmler bethätigen zu können. Dort erhielt er denn auch alsbald einen deutlichen Begriff von dem Zusammenwirken aller Künste bei einem großen Bauwerk, nicht minder von der Stellung, die der Dekorationsmalerei dabei zukam. Bald ward er der beste Gehilfe seines Meisters, der einen großen Teil der dekorativen Arbeiten im Schlosse übernommen hatte, und lernte auch viele der dort beschäftigten Maler, wie Pfaunschmidt, Schlipke und Fischer etc., kennen. Ebenso studierte er in allen Nebenstunden die vielen im Schlosse und in der Gale­rie befindlichen Bilder. Porträte selbst in ganzer Figur in Öl zu malen, hatte er oh­nehin schon längst angefangen, und in der unter Papes Leitung stehenden Sonn­tagsschule fortgesetzt. Dieser hatte so viel Freude an dem strebsamen Jüngling, daß er ihn, nachdem er seine vier Lehrjahre beendigt, ganz zu sich nach Berlin zog. Dort, wo noch immer das Schinkelsche Griechentum herrschte, behagte es indes dem an Demmlers geniales Schaffen gewöhnten jungen Mann ganz und gar nicht, wenn er in der großen Stadt auch seinen Ideenkreis mächtig erweiterte. So ver­tauschte er denn bald Berlin mit dem ihm viel sympathischeren Dresden, wo er un­ter Bellmann im Schlosse arbeitete. Natürlich erhielt er dort in der herrlichen Gale­rie die mächtigste Anregung, noch mehr aber in dem ihm ganz sympathischen Zwinger, wo er denn auch eine Vorliebe für das Rokoko unverlierbar faßte, wenn ihn auch das Sempersche Theater, als der erste große Renaissancebau in Deutsch­land, ebenfalls sehr beschäftigte.

Um diese Zeit erhielt er nun einen Ruf nach Mainz, wo er, im Dom beschäftigt, Ge­legenheit erhielt, auch den romanischen Stil kennen zu lernen. Dann sollte er zum Militär assentiert werden, ward aber – wohl aus Rücksicht auf sein Talent – als un­tauglich zurückgestellt und benutzte dies, um nun nach Zürich zu wandern, und dort Sempers Bauten näher kennen zu lernen. In kleineren Villen auf dem Lande herum ohne große Genugthuung arbeitend, durchwanderte er wenigstens die gan­ze Schweiz und wandte sich dann 1862 nach Stuttgart, wo unter der Einwirkung ei­ner Reihe talentvoller Architekten eben eine neue Bauperiode begonnen hatte. Bei Schmolz arbeitend, mit dem sich der hitzige Geselle aber bald schlecht vertrug, fing er jetzt an, Blumenbouquets und Stillleben aller Art für Kunsthändler zu malen, und verbrachte damit einen ganzen Winter. Dann wandte sich der unruhige und viel verbrauchende Künstler in seiner umgreifenden Art nach Wien, wo er zwar ganz und gar nicht seinem Talent entsprechend beschäftigt ward, aber doch mitten in je­ner, durch Van der Nüll und Hausen eingeleiteten, von Ferstel, Schmidt und Hase­nauer fortgeführten, großartigen Bauthätigkeit eine mächtige Anregung empfing und im Belvedere wie anderwärts auch seine Kenntnis des Rokokostiles erweiterte. Von Wien wandte er sich nach Graz, um dann bald wieder nach Stuttgart zurückzu­kehren und bis 1866 wiederum bei Schmolz einzutreten. Allmählich waren aber die Wanderjahre bei ihm vorbei, und er etablierte sich selber, heiratete und erhielt bei seiner eminenten Geschicklichkeit bald in der mächtig aufblühenden Stadt die loh­nendsten Aufträge in Menge. Die wahre Aufgabe der Dekorationsmalerei hat denn auch kaum ein andrer so gut wie er begriffen, der in diesem, in Deutschland zu sehr vernachlässigten Fach nunmehr so durchaus schöpferisch und selbständig auftrat, daß ich, in einer Villa bei Konstanz den ersten Plafond von ihm sehend, von der Kühnheit und Originalität dieser Leistung so überrascht ward, um den jungen Meis­ter von da an nie mehr zu vergessen. Denn, daß der in Deutschland schwerlich sei­nesgleichen habe, das ward mir da sofort klar. Leider hat Lesker die Dekorations­malerei später fast aufgegeben, weil ein echter Künstler wie er, dabei zu viel Ärger auszustehen hat, gebunden wie er es ist, an die Mitwirkung von einer Menge von rohen und durch den Sozialismus meist auch noch gründlich aufgehetzten Gesellen, die, durch ihn um alle Freude am Schaffen gebracht, gar keine Liebe mehr für das haben, was sie machen. Das Unheil, welches der Sozialismus in unserm so schön aufblühenden Kunstgewerbe angerichtet, ist darum gar nicht zu ermessen, da man von allen Kunstindustriellen dieselben Klagen zu hören bekommt.

Um 1870 lernte nun unser Lesker den eben von Florenz zurückkehrenden genialen jungen Architekten Gnauth kennen, dessen Begabung auch wie die seine vorzugs­weise nach der koloristischen Seite zu lag, und der am Arno die Dekoration der Re­naissance zu seinem Hauptstudium gemacht hatte. Die beiden jungen Männer fühl­ten sich so von einander angezogen, daß sie sich von da an nie mehr völlig trenn­ten und Lesker jetzt gleich einen Teil der Dekorationen in der berühmten Villa Sieg­le malte, durch deren Bau Gnauth seinen Ruf in ganz Deutschland begründete. Dar­an schloß sich das Palais Engelhorn in Mannheim, hierauf gingen die beiden Freun­de 1873 miteinander nach Italien, wo Paul Veronese auf unsern Lesker mehr als alle andern wirkte. Dann besuchten sie noch die Wiener Weltausstellung, wo Lesker, Hans Makart zum erstenmale kennen lernend, einen so starken Eindruck von ihm empfing, daß derselbe fürs ganze übrige Leben vorhielt. Denn es liegt nun einmal tief in der menschlichen Natur begründet, daß uns die Arbeiten der Zeitgenossen weit lebhafter interessieren, als die der Alten. Zurückgekehrt, gaben die beiden von nun an das »Maler-Journal« gemeinsam heraus, das einen Einfluß auf die deut­sche Dekorationsmalerei ausgeübt hat wie kein zweites Blatt.

Als Gnauth dann 1876 zur Leitung der Kunstschule nach Nürnberg berufen ward, siedelte Lesker nach München über. Dort sollte sich denn auch sein Talent erst voll entfalten. Denn hatte er bisher die Bilder andrer nur eingerahmt, so wuchs ihm nun auch mehr und mehr die Lust, diese gleich selber zu malen. Mit der Ölmalerei war er ohnehin von Jugend auf vertraut geblieben, ebenso hatte er in den letzten Jah­ren in Stuttgart immer den Abendakt mitgemacht, um sich im Studium des mensch­lichen Körpers auszubilden. So malte er denn schon 1876 sein erstes großes De­ckenbild für den Kommerzienrat Falck in Dutzendteich bei Nürnberg, eine zwischen der Architektur und dem Kunstgewerbe sitzende Pallas, wie sie unsre Vignette zeigt. Man sieht in der prächtig malerischen Komposition die Einwirkung Paul Vero­neses und Tiepolos gleich deutlich, aber auch, daß Lesker sich bereits seinen eige­nen Stil ausgebildet hat. Diesen sollte er nun sofort glänzend bei der ihm 1878 übertragenen Dekoration des mächtigen Ahnensaals in dem Sigmaringer Schloß er­proben, bei dessen Gestaltung er sich als Architekt kaum weniger bedeutend zeig­te, wie als Dekorateur und Historienmaler, wo er beim Hauptbild, einer Apotheose der Hohenzollern, ganz im Geiste Pauls und Tiepolos die Froschperspektive anwen­dend, die verblüffendsten Verkürzungen mit Leichtigkeit bewältigte und eine über­raschende Wirkung erzielte. Nachdem er noch ein paar große Bilder für den Muse­umssaal in Heilbronn, andre als Dekorationen für zwei Zimmer der Möbelfabrik von Wirth zur Ausstellung in Stuttgart gemalt, ward ihm von der Jury die große golde­ne Medaille für dieselben zuerkannt, vom Ministerium aber nicht genehmigt, an­geblich weil er keine Professur an der dortigen Kunstgewerbeschule annehmen wollte. Bald übernahm er dann eine Reihe von Arbeiten für das von Gnauth umge­bante Palais Cramer-Klett in München, darunter in Konkurrenz mit Makart jenes Bild mit den Figuren der Kunst und Poesie, welches wir bringen. Daran schlossen sich bald eine Reihe von Lunettenbildern, mit denen er den Saal im Schloß Frauen­au für den Reichsrat v. Poschinger verzierte, deren mehrere in der »Kunst für Alle« kamen, und denen wir diesmal die köstlich humoristische Komposition des Orches­ters folgen lassen, wo man seine Fähigkeit, scharf individualisierte Gestalten zu er­finden, besonders gut kennen lernen kann. Es folgte eine Reihe von Bildern für das Stiegenhaus des Schlosses zu Herrnchiemsee, von denen wir die Allegorien des »Herbstes« und des »Handels«, sowie die Figur der »Wahrheit«, leider nur nach den Kartons photographiert zu geben im stande sind, die aber selbst da, obwohl des Reizes des Lichts und der Farbe entbehrend, uns seine leichte und graziöse Er­findung bewundern lassen. Noch mehr kann man das freilich bei einem Bilde, welches uns eine, die Kunst beschützende Pallas zeigt und mit vielen andern die Villa Brandl in Reichenhall ziert, seine letzte größere Arbeit. Hier ist die Anlehnung an das Bild des Friedens von Rubens in der Pinakothek deutlich genug, aber auch kaum weniger ansprechend, wie denn Lesker das feinste Auge für alle malerischen Reize seiner Vorbilder zeigt, während es ihm um eine scharfe Charakteristik seiner allegorischen Figuren so wenig zu thun ist, als dem Rubens oder Paul Veronese und Tiepolo auch. Denn wie jene will er vor allem verzieren und erfreuen, nicht gedank­lich anregen oder gar belehren, und bleibt Dekorationsmaler, auch wenn er Histori­en darstellt.

Nach Herrenchiemsee und der Villa Brandl hat unser Meister dann noch zwei Bre­mer Lloyd-Dampfer mit seinen Bildern reich geschmückt, ebenso in Frankfurt die Villa Andreä mit solchen verziert. Leider zeigten sich bei ihm dann die ersten Spu­ren eines Nierenleidens, während er gerade die Professur der Malerei an der Mün­chener Kunstgewerbeschule übernommen hatte. Fortwährend kränkelnd, malte er noch ein reizendes Bildnis seiner Tochter und funktionierte auch mit großem Eifer als Jurymitglied bei der letzten Münchener Ausstellung, bis er am 8. Dezember 1890 wiederholten Anfällen seines zu spät erkannten Leidens erlag, tief bedauert von allen denen, die Gelegenheit gehabt, seine merkwürdig ursprüngliche Schaf­fenskraft näher kennen zu lernen. Denn obwohl Autodidakt und von Andrer Schöp­fungen unläugbar stark beeinflußt, zeigt er doch einen Reichtum der Erfindung und, beständig im Dienste der Architektur stehend, wie er es war, ein geläutertes Stilgefühl, sowie einen feinen Farbensinn, dabei eine kerngesunde Lebenslust und Freude am Schönen, die ihn zu einem der glänzendsten Talente stempeln von allen denen, die durch Makart mehr oder weniger in ihrer Kunstrichtung bestimmt wur­den. Die deutsche Dekorationsmalerei vollends hat kaum seinesgleichen aufzuwei­sen, hier war er durchaus selbstschöpferisch, kühn und weit entfernt von der süß­duftenden Verblasenheit der französischen Schule. Sein Kolorit ist überhaupt in sei­nen späteren Werken, trotz seiner Vorliebe für das Rokoko, weit entfernt von aller kühlen Süßlichkeit, sondern zeigt überall die Schulung durch die älteren Venetianer. Merkwürdig ist auch die Fruchtbarkeit dieses Talents, die es in kaum zwei Jahr­zehnten zu einer so großen Anzahl bald fesselnder und eigenartiger, immer aber schon durch ihre Leichtigkeit erquicklicher Werke brachte.

Friedrich Pecht: Die Kunst für Alle. 15. Mai 1891.


27-07-23* (Lesker)