Die Kreuzigungsgruppe in Oberammergau (1875) / t_1633

Am 15. August, als eben die fünfte Aufführung der »Kreuzesschule« stattfand, kam plötzlich Mittags die Schreckenskunde hierher, daß sich am Ettalerberge ein großes Unglück zugetragen habe; die aus dem Theater gerufenen Arbeiter eilten zur Un­glücksstätte und nach Schluß der Vorstellung theilte man sich gegenseitig tiefer­schüttert die Hiobspost mit.

Steinmetzmeister Franz Xaver Hauser von München wollte nämlich am folgenden Tage am Einzuge in Oberammergau mit der Statue des hl. Johannes, welche mitt­lerweile an den Fuß des Berges gebracht worden war, theilnehmen und deßhalb beeilte er sich, dieselbe mittelst Pferdekraft noch rechtzeitig über den Ettalerberg zu bringen. Des Sonn- und Festtages wegen hatten die Bauern von Oberau nur auf dringendes Ansuchen Hauser’s und mit Widerstreben ihre Pferde und Knechte zur Verfügung gestellt. Schon waren zwei mit Sockelstücken beladene Wagen glücklich auf der Höhe und der mit 32 Pferden bespannte dritte Wagen mit der Statue des hl. Johannes beinahe am Ende der »langen Höhle« angelangt, als plötzlich durch ein leichtes Schwanken des Fuhrwerkes die Statue rückwärts hinabstürzte und so unglücklich auf Hauser fiel, daß derselbe sogleich zerdrückt und der neben ihm ge­hende Arbeiter, Joseph Kofelenz aus Reutte durch das Gebälke derart gestreift wurde, daß er in Folge der Verletzungen Nachmittags 2 Uhr, nachdem er noch die hl. Sterbsacramente empfangen hatte, im Schloßgebäude zu Ettal, wohin er getra­gen worden war, unter großen Schmerzen seinen Geist aufgab. (Ein am 20. Okto­ber errichtetes Denkmal aus schwarzem Marmor bezeichnet an der Bergstraße die Unglücksstätte.)

Die Kreuzigungsgruppe in Oberammergau und die Enthüllungs- und Einweihungs-Feier. Zur Erinne­rung an den 15. Oktober 1875, beschrieben von J. A. Müller, Pfarrer. Oberammergau, 1875.


04-01-51/52 (Cramer & Hauser & Pinggera)