Die Jahres-Zeiten (7.2.1832) / t_520

Eine Blume auf das Grab
Anton Baumgartners,
(gestorben den 30, März 1831.)

Wenn wir so über dem heiligen Dunkel des Grabes stehen, wenn wir hinnüber bli­cken in Gedanken der Rührung und Tröstung versunken in das Jenseits, das uns so wonnig anstrahlet aus dem Geisterreiche der Aeonen, wenn wir in patriotischem Gefühle derjenigen gedenken, welche für das Wohl eines Landes, einer Stadt so viel geleistet haben, wenn wir dessen Werth auch nur gering bemessen, so bleibt uns die Erinnerung an Anton Baumgartner die theuerste nach der der abgeschiede­nen, deren Gebeine auch nun schon längst im Grabe ruhen, eines Eckartshausen, Flurl, Weiler, Westenrieder, Mutschelle, Babo u. s. w.; sie waren es, welche zuvör­derst Licht über das Nebelmeer des ehemaligen Bayerlandes brachten, sie waren es, welche in friedlicher Abgeschlossenheit und stoischer Entsagung vieles Irdi­schen ihr ganzes Leben nur dem Wohle der Enkel und Zeitgenossen eines Landes aufopferten, das ihnen schon durch die Geburt und die vielen, schönen Erinnerun­gen, die ja doch jedes menschliche Herz in schwachen oder mächtigen Anklängen fühlt, theuer, ja unverletzlich geworden.

Alle jenen Reize, die den schlichten Bürger auf den großen Trödelmarkt des Lebens ziehen, ihn da mit so mächtigem Zauber an Alles fesseln, was nah und fern Freund und lieb sich nennt, Alles boten sie in hoher Begeisterung auf, für Menschenwohl und Menschenglück ewlg da zu stehen, in That und Wort. Das ist die wahre Vater­landsliebe, das ist jener verkannte Patriotismus, denn er steht für Menschenrecht und Menschenglück im Staate als das heilige Palladium einer unzubesiegbaren Frei­heit, er glänzet noch, wenn der ganze deutsche Gau mit seinen herrlichen Räumen sich unter der Despotie eines benachbarten Volkes beugen soll, und hebet das Herz der hochgestellten Menschen unerschütterlich für Tod und Freiheit, und in ruhmbekränztern Frieden lächeln dann die Alpen, die Triften und Fluren des deut­schen Reiches in dem Auge des freudeentzückten Deutschen, der es empfand, was Mensch und Menschlichkeit zu thun vermag.

So will ich denn auch zu dir, du abgeschiedener Geist Anton Baumgartners rufen in das Reich der erfüllten Klarheit, so will ich denn auf deinem Grabe die Denkart thei­len, welche frommer Glaube und Lieb in uns so liebend eingelegt, die Wissenschaft uns fester hielt, und ein Gott uns Allen gab, will dir in dem Namen der stolzen Mo­nachia den Ehrenkranz auf’s kühle Haupt drücken, mit dem webmüthigen Rufe: Lebe wohl! – da du noch in unserer Mitte warst, guter Greis, als du noch so emsig wandeltest innerhalb der Mauern der Stadt, die du so reichlich beschenkt mit den himmlisch-göttlichen Gaben der Unendlichkeit in Wissenschaft und Liebe, als Mensch, als Freund und Bruder – da dachten wir in thränenstiller Wehmuth versun­ken: wer wohl dir ein Denkmal setzen würde, für späteste Zeit ein Denkmal, das du dem bescheidenen Verdiente so gerne zukommen ließest, und das deiner würdig wäre – da hob sich von den Stufen der Bavaria der erhabene Genius – also spre­chend: »Eigenen Verdienstes, eigene Kronen allein sind unverwelklich für ewige Zeiten, sie hat Er sich erworben, Er trage sie – bis sie vor den Stufen Jehovas, an je­nem seligen Tage der Tage abgeblüht, wo Ihm der Mcnschlichkelt Lohn in Seinem ruhigen Erdenwallen schon zugedacht war.

Da dacht ich in stummer Rührung dem Gebilde nach – und der Traum – er war vor­über – und tief faßte mich des Mitgefühls hohe Wonne, indem ich ausrief: Ja, dem Verdienste seine Kronen, Kronen einer bessern Welt, sie allein bleiben ewig grün – dein sind sie auch, abgeschiedener Geist Baumgartners – du in Jenes Vaters Woh­nungen oben – sie winkten schon lange dir in duftendem Grün, in lieblicher Blüthe – du harrest in den Reichen der Unersetzbaren – den stets betrauerten: Westenrie­der, Weiler, Flurl, Mutschelle, Babo, Spix und aller derer – die auch du kanntest, als du noch im Leben wirktest. Doch nur da hingestreckt der Liebe Blüthen, da dich der Tod verschloß in seinen Pforten – umpfängt die Treue dich überall – in dankes­werthem Andenken deiner Opfer, und ein Verehrer deines stillen Wirkens steht nun auf deinem Grabe, streuet Blumen und Garben, streuet Rosen dir in’s Grab – wohl­fühlend des Zeitlichen Ungemach, wo nur das Schnöde schön sich regt – wo das be­scheidene Verdienst still und unbemerkt zu Grabe geht.

Was wir an Baumgartner verloren, das kann nur der bemessen, welcher seine Be­mühungen, seine übertriebene Thätigkelt seiner Schriften, schon vor vielen Jahren her verfaßt, kannte. Er war ein seelenvoller Freund, ein herrlicher Mann seines Fa­ches, und berühmt in dem Gebiete der Historiegraphie und Poesie. Seinem Entste­hen verdanket München Viel, ja großes, er hat seinem München Viel gethan und geleistet für lange Zeiten, tief betrauert ihn die menschliche Schaar, die seinem Sar­kophage folgten; tief weinet Monachia in der schmerzlichen Zeit der Erinnerung an die Leiden unsers Erlösers, und wenn je Thränen dankbar fielen, so fallen diese, denn Verdient um Volk und Vaterland schmücke der Bürgerkranz die Stirne des To­ten, und ein Denkmal zeige noch lange, daß ein Baumgartner der unserige war, den München stolz den seinigen nennt, denn er war ihres Stolzes in hohem Grade werth, und wird es auch bleiben, bis der irdischen Güter eitles Gut vom Strome der Zeit hinabgezogen, in das stille Heimathland des ewigen Friedens!

J. G.

Die Jahres-Zeiten Nr. 16. Ein Familienblatt aus Bayern zur nützlichen und angenehmen Unterhaltung für die Gebildeten aller Stände. Dienstag, den 7. Februar 1832.


09-01-17 (Baumgartner & Parrot)