Die große Räuberbank in München (1872) / t_1815

Vorwort.

Wer in den letzten zwei Jahren auch nur vorübergehend in München sich aufhielt, mußte ebenso unvermeidlich auf den Namen Spitzeder stoßen, als der Besucher Roms auf den des Papstes. Adele Spitzeder und ihre Bank war zur hervorragendst­en Merkwürdigkeit der Hauptstadt des Bayerlandes geworden, Adele Spitzeder, welche für 100 fl. Capitaleinlage monatlich 10 fl. und die ersten drei Monate sogar zum Voraus bezahlte, in deren Vorhof von Morgens bis Abends die Leute Mann an Mann und Weib an Weib sich preßten und drängten, um nach stundenlangem War­ten endlich ihr Geld anbringen zu können, diese Adele Spitzeder war nicht nur die größte Merkwürdigkeit, sie war das Wunder der Stadt und deßhalb allenthalben, wo Menschen sich zusammenfanden der vielbesprochene Gegenstand der Unter­haltung.

Vor wenigen Tagen nun hat das Wunder seine Erklärung und seinen Abschluß ge­funden. Was Jedermann, der seine gesunden fünf Sinne besitzt, von Anfang und fortwährend nicht bloß behauptete, sondern mit Sicherheit vorausbestimmte, ist eingetroffen. Adele Spitzeder ist wegen Ueberschuldung zuerst in Civil- und dann wegen betrügerischen Bankerotts in Criminalhaft genommen worden, ihre »Dach­auer Bank« ist gebrochen und Adele, die noch vor wenigen Tagen in Gold, Silber und Banknoten förmlich watete, steht auf der Schwelle des Zuchthausthores, das sich binnen Kurzem hinter ihr schließen wird, um sich nicht sobald wieder für sie zu öffnen.

Die »Dachauer Bank« der berüchtigten Spitzeder war, wie wir sogleich veranschau­lichen werden, ein so plumper, handgreiflicher und für Jedermann offen vor Augen liegender Betrug, daß die Durchführung desselben während ganzer zwei Jahre in der Hauptstadt des zweit größten Staates von Deutschland, zu den merkwürdig­sten Erscheinungen gehört, welche die Culturgeschichte alter und neuer Zeit aufzu­weisen hat. Zu allen Zeiten hat es hin und wieder Schwindler gegeben, welche län­gere oder kürzere Zeit sogar die höheren Classen der Gesellschaft auszubeuten vermochten, aber ihr Treiben beruhte in allen Fällen auf einem mit großer Sach- und Personenkenntniß, mit großer Ueberlegung und Alles berücksichtigendem Raf­finement gefaßten und durchdachten Plan, dessen Durchführung in der Praxis au­ßerdem noch einen hohen Grad von Gewandtheit und persönlicher Befähigung voraussetzte. In München aber wurde, wenn auch nicht ohne Apparat und Mitwir­kung von Helfershelfern, so doch seiner ganzen Anlage nach ein so plumper und durchsichtiger Betrug ausgeführt und dieser Betrug nahm in Beziehung auf die erschwindelten Summen so colossale Dimensionen an, daß wirklich die Frage nahe gelegt ist: wie war es möglich, ganze Städte, ganze Districte, ganze Gegenden, ja das halbe Land und noch einen Theil des Auslandes so gründlich und ausgiebig, so millionenmäßig zu beschwindeln? Die Beantwortung dieser Frage bildet die Aufga­be dieser kleinen Schrift. Wir werden dem Publikum einen kleinen Einblick in die mechanischen Mittel zu verschaffen suchen, welche die Spitzeder in Anwendung brachte, wir werden aber auch die Voraussetzungen beleuchten, welche in morali­scher Beziehung vorhanden sein mußten, wenn das Treiben der Spitzeder’schen Räuberbank durchgeführt werden konnte.

Zunächst aber werden wir eine Darstellung der äußeren Umstände und Thatsachen vor unseren Lesern ausbreiten.

I.

Adele Spitzeder und ihre Räuberbank.

Adele Spitzeder sei, sagt man, die natürliche Tochter eines vornehmen Herrn. Wir wollen dies als gleichgültig nicht weiter untersuchen, möglich aber ist es immerhin, daß die Pension, welche die Mutter Adelens von einem vornehmen Herrn bezog, jene in den Stand setzte, ihre Tochter in der Schauspielkunst unterrichten zu lassen. Mag dem sein, wie ihn will, so viel steht fest, daß Adele Spitzeder eine, wie man sagt, mittelmäßige, Schauspielerin war, die u. A. auch in Frankfurt auftrat und noch kurz vor ihrem Auftreten als Bankhalterin zu den Mitgliedern des Münchener Vor­stadt-Theaters gehörte. Sie scheint indessen nicht blos mit den Musen, sondern auch mit Amor »dem lieblichen Knaben« geäugelt zu haben, wenigstens nennen die Annalen von Wiesbaden eine Adele Spitzeder aus München, welche vor einigen Jahren in der Schaar jener weiß oder roth angestrichenen, durchdringend duften­den Vögel gesehen worden sei, die, wie man weiß, in den Spielsälen umherflattern und schwirren und so zahm sind, daß sie sich mit der Hand greifen lassen. Und mehr als ein Vogelsteller soll am Ende wehmüthig gezwitschert haben:

»Du hast mich zu Grunde gerichtet,
Adele was willst Du noch mehr.«

Diese Tändeleien lassen sich indessen nur eine gewisse Zeit lang durchführen, denn sie verzehren das ihnen zu Grund liegende Capital der Jugend, der Frische, der Glätte uud Rundung fast ebenso schnell als die Dachauer Räuberbank, die ihr ge­machten Einlagen. Wir wundern uns deßhalb nicht, wenn wir vernehmen, daß Ade­le Spitzeder wieder nach München zur Kunst zurückkehrte und um ihre Gage zu vervollständigen und ihren Gläubigern gerecht zu werden, auch noch auf die Geld­vermittelung sich legte, indem sie, wie es dort und noch anderswo im Schwunge geht, leichtlebigen Herren, mit deren Zahlungsfähigkeit es nicht besonders gut be­stellt ist und die deshalb mit Vergnügen 40, 60, 80 ja 100 pCt. bezahlen, von Sol­chen Geld verschaffte, welche gerne diese Procente einnehmen, durch ein gewis­ses Schamgefühl aber abgehalten werden, mit ihren Kunden unmittelbar zu verkeh­ren. Seit Aufhebung der Wuchergesetze wimmelt jede Stadt von solchen Geldver­mittlern, wimmeln aber auch die Gerichtsverhandlungen von Strafprocessen, in welche diese Vermittler passiv mehr oder minder vewickelt sind.

Diese Geldvermittelung scheint nun in Adelens Geist nach und nach die Idee und den Plan der später von ihr errichteten Dachauer Bank ausgebrütet zu haben. Ihr Geschäft brachte sie nach zwei Seiten hin mit geldhungrigen Leuten in Berührung. Dort waren die Schwerenöther bereit, nicht bloß 100 pCt., sondern wenn sie ange­nommen würde, sogar ihre arme Seele auf einen Wechsel zu verschreiben und hier standen die Fesse-Mathieus mit der gefüllten Börse in der Hand den fetten Procen­ten entgegenlechzend. War nun das Geschäft einmal im Gang, so lag für eine ge­riebene Person, wie Adele zweifelsohne eine ist, der Gedanke nahe, die Wucher­procente aus den angebotenen und einlaufenden Capitalien zu bezahlen und da­durch den Strom derselben in ihre Kasse zu lenken. Sie brauchte ja nur durch ir­gend einen Strohmann einen Wechsel acceptiren zu lassen und dem Käufer dessel­ben einen Theil seines eigenen Geldes als Zins zu bezahlen. Kam der Verfalltag, so wurde der Prolongationszins oder nöthigenfalls der Betrag des Capitals selbst aus neuen Einlagen bestritten. Diesen Schritt einmal gethan und die Dachauerbank war im Kleinen fertig.

Daß Adele Spitzeder auf diese Weise in die abschüssige Bahn gedrängt wurde, von welcher sie in den letzten Tagen so rasch herabrutschte, ist historisch. Sie vermittel­te eine Zeitlang Geldgeschäfte zwischen Wucherern und Bewucherten und gerieth schließlich auf den Gedanken, allein mit jenen allein zu operiren und die Zinsen aus den einlaufenden Capitalien selbst zu bezahlen.

Bald verbreitete sich in München unter der Hand das Gerücht, Adele Spitzeder zahle die höchsten Procente. Einzelne versicherten aus eigener Erfahrung, daß sie für 100 fl. monatlich 10 pCt. erhalten und außerdem sei das Capital sicher ange­legt, denn sie haben dasselbe versuchsweise zurückgezogen und prompt ausbe­zahlt bekommen. Die Sache sei auch ganz natürlich, denn während die Spitzeder 10 pCt. zahle, verlange sie von ihren Schuldnern 15-18 pCt., so daß sie selbst immer noch ein ganz gutes Geschäft mache. Außerdem wurde herumgeflüstert, dieser oder jener Herzog oder Prinz »in Bayern« habe der Spitzeder 80 oder 100,000 oder gar noch mehr Thaler anvertraut, damit sie mit denselben den Juden und Wuche­rern Concurrenz mache. Ueberhaupt habe sie so hoch hinaufreichende Verbindun­gen, daß sie gar nicht zu ruiniren sei. Solches und Aehnliches wurde unabsichtlich von geschwätzigen, aber auch absichtlich von eigens dazu aufgestellten Leuten verbreitet und dadurch Adele Spitzeder in den Stand gesetzt, zunächst in München um sich zu fressen.

Blieb jedoch das Unternehmen auf die Stadt München beschränkt, so war seine Dauer auch nur eine beschränkte, denn sobald die in der Stadt selbst für solche Zwecke verfügbaren Capitalien aufgesaugt waren, hörte der Zufluß auf, aus wel­chem die 120 pCt. bezahlt werden mußten und das Geschäft konnte nicht ein­mal ein Jahr lang bestehen. Adele Spitzeder war deshalb, nachdem sie einmal das System, die Zinsen aus dem einlaufenden Capital zu bezahlen, angefangen hatte, nothwendig darauf angewiesen, daß Geschäft systematisch zu betreiben und dem­selben die größtmögliche Ausdehnung zu verschaffen. Es mußte mit Hochdruck gearbeitet, es mußten auch in weiteren Kreisen die Massen für die Sache interessirt werden.

Wer auf die Massen wirken will, der muß diejenigen für sich gewinnen, welche die­selben beeinflussen. Auf dem platten Land in Bayern beeinflußt die Massen aus­schließlich oder doch fast ausschließlich, jedenfalls in hohem Grade, der Pfarrer.

Das 18. Jahrh. mit seiner kirchlichen und philosophischen Aufklärung ist an dem alt­bayerischen Volke und Klerus spurlos vorübergegangen. In den Augen des bayeri­schen Landvolkes ist der Pfarrer der Mann oder vielmehr der Herr, welcher die Schlüssel zur Pforte des Himmels bewahrt, und diese öffnen oder verschließen kann, wem er will, demjenigen sie aber jedenfalls verschließt, welcher seinen Wi­derwillen erregt, welcher nicht thut, was er will, welcher nicht gehorcht und sich herausnimmt, selbstständig zu raisioniren. Was der Pfarrer spricht, ist Gottes Ge­bot. Was er empfiehlt, das ist gut und vortreffllich, was er zurückweist, verabscheu­ungswürdig. Die Pfarrer in Bayern bilden somit eine Macht, wie in Frankreich, und wer auf die Massen wirken will, braucht nur die Pfarrer an sein Interesse zu ketten.

War es nun unter diesen Umständen ein Wunder, daß Adele Spitzeder ihr Auge auf die Pfarrer warf und sie als Hebel ihres Geschäfts zu benutzen suchte? Ein Wunder wäre es gewesen, wenn sie es nicht gethan hätte.

Sie fing also an, sich außerordentlich katholisch zu geberden. Auf der Brust trug sie ein um den Hals geschnalltes Kreuz von 8″ Länge und aus dickem massivem Golde gefertigt. In die Messe ging sie täglich. Prozessionen schloß sie sich an. Wallfahrten machte sie mit. Sie opferte klafterlange Kerzen. Sie machte hochwürdigen Herren, die in Verlegenheit waren, kleine Anlehen gegen billige Zinsen, sie ließ der Mutter Gottes da ein neues Kleid, dort ein Paar neue Schuhe machen. Sie schenkte diesem katholischen Verein eine Summe Geldes und half jenem katholischen Bedürfniß durch Zuschüsse ab und brachte sich durch Alles dieses sehr bald in den Geruch ei­ner gut und eifrig katholischen Jungfrau, würdig dereinst sich jenen zwölf anzu­schließen, welche das Oel in ihren Lampen gespart und den Bräutigam erwartet hatten. Das Lob der neuen Heiligen ertönte zuerst aus geistlichem Mund in der Diö­zese Dachau, einem einige Stunden von München entfernten bayerischen Land­städtchen und dieses Lob verwandelte sich sehr bald in klingende Münze, wel­che die Dachauer Bauern nach München schleppten, um sie bei der frommen Adele Spitzeder anzulegen, denn der Herr Pfarrer hatte es so gerathen. Und als die heili­ge Adele in Dachau und der Umgegend die Herzen der Landleute erobert und fes­ten Fuß gefaßt hatte, war der große Wurf gelungen. Das Geschäft war gesichert, es hatte das Weichbild der Stadt München überschritten und Adele konnte nun öf­fentlich als Bankhalterin auftreten. Was sie trieb, nannte man und sie die Dachauer Bank, weil die Dachauer Bauern die ersten waren, welche von auswärts ihr Geld nach München trugen, um es dort für 120 pCt. wuchern zu lassen.

Von nun an nahm das Geschäft einen reißenden Aufschwung, um so mehr, als Ade­le Spitzeder es nicht versäumt hatte, noch eine andere das Publikum ebenfalls in hohem Grade beeinflussende Macht in ihr Interesse zu ziehen.

Wer kennt nicht die Bedeutung der Reclame in unserer Zeit, ein Verfahren, für des­sen erschöpfende und umfassende Bezeichnung die deutsche Sprache gar keinen hinreichenden Ausdruck besitzt, eben weil nicht der deutsche sondern der französi­sche Nationalcharakter das Mistbeet ist, auf welchem diese ausländische Pflanze herangezogen und cultivirt wurde. Der Franzose ist bekanntlich außerordentlich empfänglich für den Eindruck, der von außen auf ihn gemacht wird. Wer es ver­mag, einen Eindruck auf ihn hervorzubringen, seine Aufmerksamkeit zu fesseln, sei­ne Gefühle zu erregen, der ist Herr seines Willens, seiner Thaten und demgemäß auch seiner Börse. Diese eigenthümliche Zugänglichkeit des Franzosen für Alles, was seine Sinne und Sinnlichkeit zu bestechen vermag, und die damit zusammen­hängende Kritiklosigkeit hat in Frankreich schon längst das ganze Geschäftsleben der Reclame unterthänig gemacht und selbst den solidesten Unternehmungen die Nothwendigkeit auferlegt, durch mehr oder minder übertreibende Anpreisungen dem Publicum sich fortwährend bemerklich zu machen. Das mechanische Mittel, in dieser Weise auf die Massen zu wirken, ist die Presse und nachdem sich auch in Deutschland seit 1848 die Presse zu einer das öffentliche Leben beherrschenden Macht herangebildet hat, hielt die Reclame, oder die mehr oder minder schwindel­hafte Verlockung und Bethörung des Publicums in Germaniens Gauen ebenfalls ihren Einzug und hat seither demselben Millionen entlockt, um sie in die Taschen pfiffiger Geschäftsmacher hinüberzuspielen.

Auch Adele Spitzeder machte sich dieses Werkzeug dienstbar, indem sie als gute Katholikin selbstverständlich zunächst und vorzugsweise an die katholische Presse sich hielt. Diese ist in München hauptsächlich repräsentirt durch drei Blätter oder vielmehr Blättchen, nämlich das »Bayerische Vaterland«, den »Volksboten«, den »bayerischen Kurier«. Sie arbeiteten sämmtlich im Interesse der Dachauer Bank, Angriffe abweisend, Wundermähren verbreitend, zum Schutz und Trutz für Adele einstehend. Aber auch nichtkatholische Blätter, wie z. B. der »süddeutsche Tele­graph«, der »Freie Landesbote«, das »Extrablatt« öffneten der Dachauer Bank ihre Spalten, denn Adele Spitzeder verlangte nichts umsonst und zahlte mitunter sogar splendid. So hatte der Redacteur der »Volksstimme«, ein etlich und siebenzig Jahre alter abgehauster Glasmaler und Bänkelsänger einmal in seinem Blatte über die Dachauer Bank nur eine flüchtige Bemerkung hingeworfen, die zu Gunsten der Spitzeder gedeutet werden konnte – am andern Tag hatte er 60 fl. in der Tasche. Die Summen dagegen, welche die Redacteure des »Bayrischen Vaterland«, und des »Volksboten« von der Spitzeder bezogen, gingen, wie man sagt, in die Tausende und erst dieser Tage soll der Redacteur des »Vaterland« 15,000 fl., angeblich gelie­hene Gelder, an die Spitzeder’sche Masse zurückbezahlt haben. Für ein Institut wie die Dachauer Bank gab es überhaupt, was die Reclame anbetrifft, keinen günstige­ren Boden als die Münchener Journalistik. Ausgenommen die »Süddeutsche Pres­se«, welche übrigens im großen Publikum nicht verbreitet ist, existirt in München, einer Stadt von 170,000 Einwohner, nicht ein einziges journalististisches Organ, das nur entfernt auf den Namen Zeitung Anspruch machen dürfte, dagegen eine Un­zahl kleiner Localblättchen, die aus dem Schlamme und Auskehricht des täglichen Stadtklatsches pilzartig emporschießen und größtentheils in der Hand von Leuten sich befinden, welche als verkommene schiffbrüchige Herumtreiber, ohne alle hö­here, oft selbst ohne die gewöhnlichste Elementarbildung sich als Redacteure auf­werfen, weil sie ihr Brod nicht auf ehrliche Weise zu verdienen vermögen. Solche Leute konnte und wußte Adele Spitzeder zu gebrauchen.

Ihr Geschäft nahm deßhalb auch, wie schon bemerkt, einen reißenden Auf­schwung. Fässerweis schleppten die Leute vom Lande das Geld herbei, knieefällig baten sie das »Fräulein« ihr Geld anzunehmen, ein District nach dem andern wurde in den magischen Kreis des Schwindels hineingezogen, Bauern verkauften oder ver­schuldeten ihr Höfe und trugen den Erlös zur Spitzeder, Dienstboten und Arbei­ter leerten die Sparkassen und übermachten ihr Geld der Dachauer Bank, denn mit einem Capital von 1000 fl. konnte man sich ja eine Jahresrente von 1200 fl. ver­schaffen und damit kann eine Familie in München, und noch mehr auf dem platten Lande ganz angenehm leben. Was auf diese Weise der Dachauer Bank im Laufe von zwei Jahren zugetragen wurde, schätzt man auf 10-12 Millionen; haben sich doch in den ersten Tagen, nachdem der Gant über die Schwindelanstalt erkannt worden, aus München allein Wechselgläubiger mit Forderungen von über 3 Millionen ange­meldet.

Was das Geschäftsverfahren der Dachauer Bank anbetrifft, so wurde dasselbe sehr summarisch betrieben. Für jede Capitaleinlage stellte die Spitzeder einen Wechsel aus, an dem die Klausel: nicht an Ordre haftetete, der also nicht in Umlauf gesetzt werden konnte, somit in den Händen des Ausstellers blieb und in den meisten Fäl­len am Verfalltag nicht zur Zahlung, sondern zur Verlängerung präsentirt wurde. Durch diese Vorsichtsmaßregel schützte sich die Spitzeder vor einer plötzlichen Ue­berrumpelung und massenhaftem Andrang solcher Wechselinhaber, welche nicht an die Solidität des Geschäftes glaubten und deßhalb den Betrag der Wechsel hät­te erheben können, um ihn nicht wieder einzulegen.

Eine regelmäßige Buchführung gab es nicht, höchstens wurden die Namen der Ein­zahler aufgeschrieben, nebst dem Betrag des von ihnen eingelegten Capitals. In dem Geschäftszimmer des »Fräuleins« war ein in den Keller führender hölzerner Schlauch angebracht, in welchem das Gold, das Silber, die Banknoten hinabgleite­ten, wie die Kartoffeln. Als später eine Hausdurchsuchung bei Adelen vorgenom­men wurde, fanden die Gerichtspersonen in allen möglichen Ränmen und Behältern Geld versteckt, so z. B. in einem Ofenloch die Summe von 1000 fl., die jedenfalls von einem der Dienstleute gestohlen und dort niedergelegt waren. Der eigentliche Baarvorrath der Bank betrug etwa 70,000 fl. Verwendet wurden diese Gelder ein­mal zur Aufrechthaltung des Geschäfts, nämlich zur Zahlung der Procente und der etwa zurückgeforderten Capitalien. Ausgeliehen wurde nur wenig und dieses Weni­ge nur an besonders bevorzugte, hochadelige Herren, welche natürlich aus Dank­barkeit beliebige Summen unterschrieben und dadurch sollte einmal eine Katastro­phe ausbrechen, fictive Forderungen herstellten, die als Activa der Bank vor Ge­richt producirt werden konnten. Dagegen kaufte Adele viele liegende Gründe und Mobilien. Sie besitzt in München allein 16 Häuser, auf dem Lande Villen, Wälder und Felder, sie besitzt eine Gemäldesammlung im Werth von so und so viel Tausen­den, ferner eine Sammlung von Diamanten und andere Kostbarkeiten, die ebenfalls Hunderttausende werth sein sollen. Außerdem trieb sie einen absichtlich zur Schau getragenen Luxus, hielt sich die schönsten Pferde, die glänzendsten Equipagen, zahlreiche, in letzter Zeit 29, Livree-Bediente und andere Dienerschaft, welche bei jeder Gelegenheit durch wahnsinnige Verschwendung zeigen wollte, bei welcher Herrschaft sie angestellt sei. Kurz, Adele Spitzeder menait grand train, wie der Franzose zu sagen pflegt, lebte förmlich in Saus und Braus in den Tag hinein.

Aber der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht und der Schwindel der Da­chauer Bank sollte an seinem eigenen Uebermaß noch viel früher zu Grunde gehen, als man eigentlich erwartet hatte. Die socialen Wirkungen dieser Räuberbank nah­men nämlich in neuester Zeit solche Dimensionen an, daß in den wichtigsten gesell­schaftlichen Verhältnissen eine empfindliche Störung und Stockung eintrat. Da man mit einer kleinen Einlage Summen erwerben konnte, welche in normalen Zuständen nicht einmal die mühevollste Arbeit eintrug, wollte kein Mensch mehr arbeiten. Die Küchenmagd wollte nicht mehr spülen, der Droschkenkutscher nicht mehr fahren, der Ausläufer nicht mehr laufen, der Holzhacker nicht mehr spalten, denn alle schöpften aus dem goldnen Brunnen der Spitzeder und zogen es deshalb vor, zu lungern oder verlangten horrende Preise für ihre Leistungen. Zum Ueberlau­fen aber wurde das Gefäß gebracht durch die Concurrenz. Es tauchten nämlich, verlockt durch die glänzenden Resultate der Dachauer Bank, in neuester Zeit noch eine Reihe Bankhalter ähnlichen Schlags auf. Da war eine Pauline Dosch, ein gewis­ser Herb, ein Graf Holnstein, sogar eine Wally Fischer, welche nach dem Muster der Dachauer, neue Banken eröffnten, in welchen über 100 pCt. für die Capitaleinlagen bezahlt wurden und mit welchem Erfolg diese Anstalten arbeiteten, beweist die Thatsache, daß jene Pauline Dosch im Laufe von wenigen Wochen an die 300,000 fl. eingenommen hatte, von welchen sich noch, als das Gericht einschritt, eine Ba­gatelle vorfand.

Als nun das Uebel so weit um sich griff, und so tief fraß, als sich im Lande allmählig die Sparkasseu leerten, um ihren Inhalt nach München abzugeben, als der Schwin­del bereits eine National-Calamität geworden und Millionen und aber Millionen verschlungen hatte, fand sich die Regierung endlich veranlaßt, dagegen einzu­schreiten und zwar zuerst rathend und warnend, indem sie einen Erlaß veröffent­lichte, in welchem auf den nothwendig bevorstehenden Zusammensturz der Dach­auer Banken hingewiesen wurde. Aber wie die Löwin ihre Jungen, so vertheidigte jetzt die katholische Presse ihre Patronin, die Spitzeder. Diese sei vollständig sol­vent, habe bis zur Stunde ihre Wechsel eingelöst, besitze an Mobilien und Immobi­lien so viel und so viel, und alle auf sie geführten Angriffe seien Ausflüsse des Nei­des der Juden, Freimaurer und Preußen, welche der Spitzeder ihr Verdienst nicht gönnen und nicht leiden wollen, daß die kleinen Leute auch hohe Procente verdie­nen, also ließ sich der Redacteur des »bayerischen Vaterland« Dr. Sigl vernehmen. Hierauf antwortete die Regierung mit einem zweiten Erlaß, in welchem vor allen Dachauer Banken ohne Ausnahme, tragen sie einen Namen, welchen sie wollen, gewarnt wurde, weil dieselben alle auf dem schwindelhaften Princip, die Zinsen mit dem einlaufenden Capital zu bezahlen beruhen, eine Thatsache, welche gewiß un­bestreitbar ist, aber schon von Anfang an so bekannt war, daß man nur fragen muß, warum die Regierung so lange wartete, bis sie das Publikum darauf aufmerk­sam machte. In Folge dieser Bekanntmachungen und Hin- und Herreden fand sich nun doch eine Anzahl Wechselgläubiger veranlaßt, auf Vermögensuntersuchung bezüglich der Spitzeder zu dringen und so endlich die Gerichte mit ihren Formeln in Bewegung zu setzen. Die Vermögensuntersuchung fand statt und lieferte sofort solche Ergebnisse, daß über die Spitzeder Civilhaft erkannt werden konnte und wenige Tage nachher stellte sich eine solche Ueberschuldung heraus, daß ein Gan­terkenntniß erlassen und Verwandlung der Civilhaft in Criminalarrest wegen betrü­gerischen Bankerotts verfügt werden konnte. Vergeblich hatte der Redacteur des »Bayerischen Vaterland« noch im letzten Augenblick seine Gönnerin zu retten ver­sucht, indem er eine Revolution in Aussicht stellte, falls die »Juden, Freimaurer und Preußen« es wagen sollten, gegen Adele Spitzeder, die Wohlthäterin des Volkes, einzuschreiten. Ja so weit ging der Eifer dieses getreuen Kumpans der frommen Schwindlerin, daß er zuletzt noch das Landvolk von der Anmeldung seiner Forde­rungen bei Gericht abzuhalten suchte, um die Zahl der Gläubiger herabzumindern und dadurch den Nachweis der Ueberschuldung unmöglich zu machen. Aber alles ist vergebens. Der Krug ist gebrochen, der Schwindel entlarvt. Bereits sind, wie schon oben bemerkt, aus München und der nächsten Umgebung schon über 3 Mil­lionen Forderungen angemeldet und Adele Spitzeder sitzt im Criminalgefängniß, welches sie nur verlassen wird, um es mit dem Zuchthause zu vertauschen, nach­dem eine großartige Gerichtsverhandlung den Schleier über die Einzelheiten des großen Betrugs gelüftet haben wird, der mit Hülfe der Pfaffen und der vorzugswei­se katholischen Presse an dem bayerischen Volke verübt worden ist.

Dies ist in allgemeinen Umrissen gezeichnet, die Geschichte der großen Räuber­bank in München. Wir haben jetzt noch einen Blick auf die Mitschuldigen der Schwindlerin, die moralischen und psychologischen Bedingungen zu werfen, deren Erfüllung das Gelingen des Betrugs zur Voraussetzung hatte.

II.

Die Mitschuldigen und die Schlachtopfer.

Unter den Mitschuldigen des Spitzeder-Schwindels erblicken wir im Vordergrund Mitglieder und Wortführer der ultramontanen Partei und der ultramontanen Presse weltlichen und geistlichen Standes. Einer der Rathgeber der Spitzeder war der ul­tramontane Abgeordnete Carl Barth; journalistischer Helfershelfer der Spitzeder war der Redacteur des heftig ultramontanen Blattes: das »bayerische Vaterland«, Dr. Sigl, war der Redacteur des ebenso heftig ultramontanen »Volksboten«, Zander der Jüngere, war der Redacteur des weniger heftig ultramontanen »bayerischen Kuriers«, der dem Dr. Huttler gehört; die Dachauer Bank der Adele Spitzeder war die finanzielle Grundlage der katholischen Bauernvereine des erz-ultramontanen Freiherrn von Hafenbrädl, des bekannten Pfarrers Mahr und anderer hochwürdigen Herren; daß sehr viele dieser Herren ihren Bauern die Dachauer Bank empfahlen ist eine Thatsache, kurz diese Räuberbank konnte nicht existiren, konnte wenigstens ihren Schwindel nicht so großartig betreiben, wenn sie von der ultramontanen Par­tei nicht unterstützt wurde. Adele Spitzeder und diese Partei arbeiteten sich ge­genseitig in die Hände, jene indem sie dieser die finanziellen Mittel zur Durchfüh­rung ihrer Parteizwecke und Agitationen lieferte, diese indem sie die Gelder des Landvolkes in die Dachauer Bank hineinschwatzten. Der Spitzeder-Schwindel in München charakterisiet also zugleich die ultramontane Partei und da diese in neue­rer Zeit eine hervorragende Rolle in unserm Vaterland zu spielen übernommen, im Bunde mit ihren ausländischen Gesinnungsgenossen mit dem deutschen Reich ei­nen Krieg auf Tod und Leben zu führen begonnen hat, so wird es gerechtfertigt sein, die Ursachen aufzusuchen, welche eine so scandalose Allianz moralisch er­möglichten und durch diese Untersuchung das eigentliche Wesen der ultramonta­nen Partei bloß zu legen.

Die Spitzedersche Bank war ein Schwindelgeschäft, dessen Verwerflichkeit und Un­haltbarkeit jedem nur einigermaßen denkenden und rechnenden Menschen schon von Anfang an klar vor Augen lag. Wie war es nun moralisch möglich, daß die Lei­ter und Wortführer des ultramotanen Parteiwesens mit der Spitzeder so innig sich verbinden, so tief sich einlassen konnten, wie es geschehen ist?

Wir wollen diese Frage durch einige Beispiele zu beantworten suchen.

Als verflossenen Sommer der Sage nach die Erde von einem Kometen zertrümmert werden sollte, ließ ein gläubiger Bauer im Bayerland, um dieses Uebel abzuwen­den, für 1400 fl. Messen lesen und der betreffende Pfarrer nahm das Geld und las die Messen. Nun weiß selbst ein bayerischer Pfarrer und wenn er sonst noch so bäurisch ist, recht gut, daß er mit seinen Messen nicht in den Lauf der Ge­stirne eingreifen, und am allerwenigsten eine unter dem Namen Komet bekannte Nebelmasse abhalten kann, zertrümmernd gegen den Erdkörper anzurennen. Trotzdem nimmt er aber das Geld von dem Bauer. Er benützt somit einen Irrthum, einen Wahn, eine thörichte Vorstellung des Bauern zu seinem Vortheil, er beutet den Bauern kurz gesagt aus.

Nicht alle Pfarrer lesen übrigens Messen gegen Kometen, dagegen werden von al­len katholischen Pfarrern Messen gelessen, durch welche das Braten der Seelen Verstorbener im Fegfeuer abgekürzt werden soll. Von allen diesen Pfarrern weiß kein einziger, ob die Seelen Verstorbener im Fegfeuer wirklich gebraten und ge­schmort werden, ja ob es überhaupt ein Fegfeuer gibt. Darüber wissen die messe­lesenden Pfarrer so wenig, als der Verfasser und die Leser dieser Schrift. Trotzdem lesen sie die Messen und lassen sich dafür bezahlen. Sie nehmen deßhalb für eine in ihren Erfolgen höchst illusorische Leistung den Leuten Geld ab und benützen wiederum eine lediglich persönliche ohne allen realen Grund dastehende Ueberzeugung geistig tiefstehender Menschen zu ihrem Privatvortheil.

Ebenso stößt man in katholischen Gegenden sehr häufig auf sogenannte Bittgän­ge, d. h. auf eine Schaar Menschen, welche mit ihrem Pfarrer an der Spitze, fort­während Gebete murmelnd, auf den Feldern herumspazieren und den Himmel um Regen anflehen. Es ist nun nicht wohl anzunehmen, daß viele solcher bittgehenden Pfarrer wirklich überzeugt sind, daß ihre Gebete den Regen herbeiführen werden, trotzdem veranstalten sie fortwährend solche Bittgänge, denn so lange die Bauern glauben, daß man den Regen herbeibeten könne, glauben sie auch alles Andere, was sie glauben sollen und vom Glauben der Bauern lebt der Pfarrer.

Solche Beispiele könnten nach Hunderte angeführt werden, die vorstehenden wer­den aber für unsere Zwecke genügen. Wir wollen nämlich wissen, wie es moralisch zu erklären ist, daß so viele und so hervorragende Mitglieder der ultramontanen Partei der Spitzederei helfend unter die Arme greifen konnten? Die Antwort auf diese Frage ist in oben stehenden Beispielen enthalten.

Wer sich in diesem Falle nicht scheut, den Irrthum und den Wahn geistig armer Tröpfe zu seinem Vortheil auszubeuten, der hat überhaupt keinen innerlichen, kei­nen moralischen Abscheu vor der Ausbeutung des Irrthums und des Wahns, der hilft auch der Dachauer Bank wenn es vortheilhaft für ihn ist. Und hierin ist der Cha­rakter des modernen Ultramontanismus gekennzeichnet. Vor vierzig, fünfzig Jahren, als noch der Geist Wessenbergs in der katholischen Kirche lebendig war, suchten die katholischen Geistlichen wenigstens dem crassesten Wahnglauben ih­rer Beichtkinder vorzubeugen und hüteten sich sehr, demselben Vorschub zu leis­ten oder gar ihn auszubeuten. Seit aber der ultramontane oder was dasselbe ist, der jesuitische Geist in der katholischen Kirche wieder zur Herrschaft gelangte, er­hält der Klerus eine Erziehung, welche ihn moralisch befähigt das ihm zugängliche Publikum in dem ungeheuerlichsten Glauben nicht nur zu erhalten, sondern diesen auf jede Weise zu pflegen, ja sogar auszubeuten. Ein jesuitisch so corrumpirter Priester hat dann aber auch selbstverständlich keine Scheu vor der unmittelbaren oder mittelbaren Verbindung mit der Dachauer Bank.

Dazu kommt aber noch Folgendes: Die ultramontane Partei kämpft für ganz be­stimmte Zwecke und Ziele. Sie kämpft für die Wiederherstellung und Herstellung der Macht des Klerus über Staat und Volk. Sie kämpft für die Selbstständigkeit und »Freiheit« der katholischen Kirche innerhalb des Staats. Die Erreichung dieses Zie­les bildet ihr höchstes Interesse, bildet für sie ein Interesse, neben dem alle ande­ren Interessen und Rücksichten verschwinden müssen. Nun ist es ein moralisches Grundgesetz, daß Jeder, der ein so bestimmtes Interesse in dieser Weise privile­girt, alle anderen Interessen und Rücksichten verletzen muß, selbst die der allge­meinen menschlichen Moral. Der ächte, eifrige, heftige, consequente Ultramontane muß deshalb durch seinen Ultramontanismus moralisch corrumpirt werden, denn ob eine Handlung rechtlich und moralisch erlaubt oder verwerflich sei, kommt für ihn nicht in Betracht, er hat lediglich zu fragen, ob sie den Interessen seiner Partei und seiner Kirche förderlich sei oder nicht, man hat ja Gott mehr zu gehorchen als den Menschen und der von der menschlichen Vernunft – diesem Urgrund der Sünde – ausgeheckten menschlichen Moral.

Wenn also so viele namhafte Ultramontane, ja man kann wohl sagen die ultramon­tane Partei, die Spitzeder-Bank unter ihre Fittiche nahm, so findet diese Thatsache ihre Erklärung in der Demoralisation und Corruption, womit jene Partei von Haus aus, programmäßig und ihrem ganzen Wesen nach behaftet ist.

Auf dieselben Resultate stoßen wir, wenn wir die pathologische Seite, des vor un­sern Lesern entrollten Dramas ans Licht kehren und auf die Opfer des Spitzeder-Schwindels einen prüfenden Blick werfen, indem wir nach den inneren Bedingun­gen fragen, welche eigentlich die Disposition zum Beschwindeltwerden enthielten. Diese Opfer gehören größtentheils jenen Berufsklassen an, denen nur ein geringer Grad geistiger Bildung zu Theil wurde. Bauern, Taglöhner, Dienstboten, kleine Handwerker sind es hauptsächlich, die ihr Vermögen und ihre Ersparnisse in die Da­chauer Bank trugen. Es ist nun nicht zu leugnen, daß an der Verlockung dieser Leu­te die abnorme Höhe der von Adele Spitzcder bezahlten Procente einen großen Antheil hat, allein immerhin war der aufgespielte Schwindel so plump angelegt, lag als solcher so klar vor Augen, daß auf Seiten der Schlachtopfer eine ganz eigent­hümliche Vernunftbeschaffenheit, ein fast absoluter Mangel an Urtheilskraft und Prüfungsfähigkeit, und eine gänzliche Abwesenheit der allergewöhnlichsten

Rechnungskunst dazu gehörte, um sich so bethören zu lassen, wie es von der Spit­zeder geschehen ist. Wo liegen aber die Ursachen dieser geistigen Verwahrlosung?
Beantworten wir diese Frage ebenfall wieder durch Beispiele:

Wenn man einen Menschen von Jugend auf, statt ihm Erkenntnisse in Beziehung auf die ihn umgebenden Verhältnisse der Natur und Gesellschaft beizubringen, und ihn dadurch aufzuklären, zu bilden, wenn man ihn statt dessen, den größten Theil der zu seinem Unterricht verwendbaren Zeit Worte wie: Abracadabra oder Schni­derimautschicadummsasa auswendig lernen und hersagen ließe, so bliebe sein Geist, soweit er nicht durch die Erfahrung des täglichen Lebens geweckt wird, zum größten Theil in der Verfassung, in welcher ihn die Natur hergestellt hat. Von Natur aus aber ist der menschliche Geist nur eine Anlage oder eine Fähigkeit, die erst entwickelt und ausgebildet werden muß. Nun haben aber die religiösen Uebungen, welche in den von den ultramontanen Pfarrern geleiteten und beeinflußten katholi­schen Volksschulen getrieben werden und einen großen Theil der Unterrichtszeit in Anspruch nehmen, nicht mehr bildenden und didaktischen Werth, als die oben an­geführten Formeln. Das unaufhörliche Messehören, das nimmer endende Auswen­diglernen von Gebeten, Sprüchen, Psalmen, Litaneien, das fortwährende Ueben un­verstandener Ceremonien und Bräuche läßt nicht blos den Geist wie er ist, sondern gewöhnt ihn sogar ans Nichtdenken, legt ihn somit gewissermaßen lahm. Oder wohnt z. B. jener an die allerseligste Jungfrau gerichteten Litanei, wel­che u. A. folgende Stellen enthält:

»O du Thurm Davids!
Du elfenbeinerner Thurm!
Du ehrwürdiges Gefäß«

wohnt, fragen wir, einer solchen Litanei nicht eine wirklich geistlähmende, ja geist­tödtende Eigenschaft in? Welcher nur einigermaßen verständige Bursche würde es wagen, das gewöhnlichste Bürgers- oder Bauernmädchen, »ehrwürdiges Gefäß« oder »elfenbeinerner Thurm« zu tituliren? In Kirche und Schule aber wird er ge­wöhnt, solche sinnlose Worte an das höchste Ideal weiblicher Vollkommenheit zu richten, d. h. mechanisch zu murmeln und zu plappern, ohne etwas dabei zu den­ken.

Die mechanische Dressur des jugendlichen Geistes in den ultramontanen und eifrig katholisch geleiteten Schulen, die Gewöhnung an das In-sich-aufnehmen und Wie­der-von-sich-geben von Formeln und Worten, welche theils nicht verstanden wer­den, theils nicht verstanden werden können, wirkt schon in passiver Beziehung sehr nachtheilig auf die Entwicklung des menschlichen Geistes, indem sie ihn an das Nichtdenken gewöhnt und die Ausbildung und Aufklärung geradezu verhindert. Die hyperkatholische Erziehung in Kirche und Schule wirkt aber auch activ schäd­lich, indem sie einen Zustand des Bewußtseins künstlich schafft, hegt, pflegt, in welchem dasselbe einzusehen (intelligere) gar nicht im Stande ist.

Wenn ich irgend Jemand bestimme, als Ursache einer zu erklärenden Erscheinung eine Hexe anzunehmen, so bestimme ich diesen Menschen zu – glauben, d. h. Et­was, was nicht wahr und bewiesen ist und was nicht wahr sein und bewiesen wer­den kann, für wahr und bewiesen zu halten. Der Glaube aber ist ein ganz bestimm­ter Zustand des Bewußtseins, und zwar ein Zustand, in welchem gerade das, was die menschliche Vernunft ausmacht, nämlich die Urteilskraft und die Fähigkeit ein­zusehen, latent ist, in welchem dagegen die Erscheinungen der Welt mit der eige­nen Phantasie des Gläubigen erklärt werden. Was geglaubt wird ist vollständig gleichgültig, wesentlich ist, daß überhaupt geglaubt, daß überhaupt nicht logisch verfahren, nicht gedacht, nicht geprüft, nicht untersucht wird.

Die Erzeugung, Erhaltung und Cultivirung dieses Glaubens aber ist die höchste Aufgabe der ultramontan oder eifrig katholisch geleiteten Schule und Kirche.

Ist es nun, fragen wir, ein Wunder, wenn ein so erzogenes Volk, wenn ein Volk, das man von Jugend auf systematisch zum Glauben gewöhnt hat, das selbst in Mün­chen, so oft ein Priester im Ornat vorbeigeht, auf die Kniee sich niederwirft und Kreuze zu schlagen anfängt, ist es, fragen wir, ein Wunder, wenn ein geistig so be­schaffenes Volk auf so plumpe Weise sich beschwindeln läßt, wie es von der Spitze­derbank geschehen ist. Auf dem platten Lande hatten die Leute bereits angefan­gen, mit der Spitzeder einen förmlichen Cultus zu treiben und zum »Herzen der heiligen Spitzeder« zu beten, zum Beweis, daß es höchst gleichgültig ist, was und an wen geglaubt wird, denn die Form, in welcher der Glaube sich äußert, ist zufäl­lig, wesentlich dagegen ist die geistige Beschaffenheit, welche er voraussetzt.

Den Spitzeder-Schwindel verschuldet also zum großen Theil, die moderne katholi­sche Erziehung des Volkes, welche systematisch darauf ausgeht das Publikum auf einer Culturstufe zu erhaltcn, auf welcher es von dem Pfarrer sich leiten läßt, von dem Pfarrer, der bei jeder Gelegenheit nicht fragt, ob Etwas rechtlich, moralisch, vernünftig und berechtigt, sondern ob es katholisch ist und der katholischen Kirche nützt oder schadet.

Und dies ist die Moral von der Geschichte.

Hiermit haben wir unsere Aufgabe beendigt, welche hauptsächlich darin bestand, klar zu machen, in wie weit unmittelbar und mittelbar der ultramontanen Partei eine Mitschuld an dem Spitzederschwindel zur Last fällt. Im Uebrigen können wir nicht schließen, ohne unsere Leser darauf aufmerksam zu machen, daß die Dachau­er Bank keineswegs einzig in ihrer Art war. Es gibt noch viele Unternehmungen, bei welchen die Directoren und Verwaltungsräthe Hunderttausende, ja Millionen an Be­soldungen und Geschäftsantheil jährlich verdienen, alle diese Unternehmungen sind auf das Princip basirt, Zinsen und Dividenden wenigstens theilweise aus dem Capital selbst zu bezahlen.

Reinhold Vonkirch: Die große Räuberbank in München oder Adele Spitzeder und ihre schwarzen Cumpane. Ein Beitrag zur Culturgeschichte unserer Zeit. Frankfurt am Main, 1872.


18-14-26 (Maurer-Spitzeder & Schmid & Spitzeder)