Die Frau (1898) / t_664

Totenschau. Vor wenigen Monaten hatten die bayerischen Frauen einen schweren Verlust zu beklagen: nach langem schwerem Leiden ist eine der liebenswürdigsten und bedeutendsten Frauen Münchens, Frau Sophie Dahn-Fries aus dem Leben ge­schieden, eine Frau, deren Tod eine große Lücke nicht nur für ihre Familie und ei­nen ausgedehnten Freundeskreis, sondern auch für die Gestaltung des künstleri­schen Lebens bedeutet. In München geboren, wo sie mit Ausnahme weniger Jahre ihr ganzes Leben verbrachte, aber von Pfälzer Abkunft, verband sie mit Münchener Gemütlichkeit den glücklichen schlagfertigen Humor der Rheinländer. Dabei mit scharfem Verstand, warmem Herzen, hervorragendem Talent für Malerei und Musik und einer schönen sympathischen Stimme begabt, schien sie wie geschaffen zum Mittelpunkt eines angeregten geselligen Kreises, in dem sie als einzige Tochter ei­nes begüterten Großhändlers wie als gefeierte junge Frau lebte.

Nach vollendeter Erziehung ihres einzigen Sohnes, mit dem sie bis zu ihrem Todes­tage eine auch zwischen Mutter und Sohn seltene zärtliche Liebe und herzliche Ka­meradschaft verband, widmete sie sich ausschließlich und mit Erfolg der Malerei, als geschickte Blumen- und Landschaftsmalerin.

Bald aber suchte und fand sie neben der Förderung des eigenen Talentes vollste Befriedigung in gemeinnütziger Thätigkeit als Mitbegründerin des dortigen Künst­lerinnenvereins, der sein erfolgreiches Aufblühen haupsächlich ihrer aufopfernden Thätigkeit und klugen, besonnenen Leitung verdankt.

Viele der segensreichen Einrichtungen desselben: die Künstlerinnenschule, die jetzt zu einer ansehnlichen Damenakademie herangewachsen ist, der Vorschußfonds, der Weihnachtsmarkt, die Krankenversicherung u. s. w. verdanken ihrer Initiative ganz oder zum größten Teil ihr Entstehen, und als im Jahre 1885 die eben aufblü­hende Schule durch Zusammentreffen einiger ungünstiger Umstände an finanziel­len Schwierigkeiten unterzugehen drohte, da war es einzig ihr energisches, opfer­williges Eintreten, das dann auch andere mit fortriß, so daß der Kunst studierenden Frauenwelt, die vorher unerhörte Opfer für ihre künstlerische Ausbildung bringen mußte, diese erste Gelegenheit zu wirklich ernstem, rationellem Studium erhalten blieb.

Die Sorge für den Verein gehörte im letzten Dezennium ihres Lebens eigentlich ihre ganze Arbeitskraft; unermüdlich thätig, denselben in jeder Weise zu fördern, brach­te sie ihm die größten Opfer, sogar das Opfer der eigenen künstlerischen Thä­tigkeit, für die sie immer weniger Zeit fand.

Für ihre aufopfernde Thätigkeit hat Frau Dahn-Fries in vollstem Maße die Anerken­nung ihrer Vereinsgenossinnen gefunden. Ob sie auf großen Festen des Vereins mit der ihr eigenen Liebenswürdigkeit die Honneurs machte oder an kleinen Vereins­abenden oder in Privatzirkeln der Mittelpunkt ihres Kreises war, stets war sie die Seele einer geistsprühenden Unterhaltung. Dem Zauber ihrer Liebenswürdigkeit hat sich kann jemand zu entziehen gewußt, den sie sich zu gewinnen wünschte, während sie andererseits jeder Anmaßung mit größter Entschiedenheit gegenüber zu treten wußte. Sie widerlegte glänzend die irrige Ansicht, man könne nicht die feinfühlende Frau mit der Künstlerin vereinen. Alles in allem: sie war eine bedeu­tende Frau, eine vortreffliche Mutter, tüchtige Künstlerin und aufopfernde Freun­din, deren Gedächtnis in weiten Kreisen lange fortleben wird.

Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit. Berlin, 1898.


30-01-14 (Cucumus & Dahn & Dahn-Fries)