Die deutschen Schriftstellerinnen des neunzehnten Jahrhunderts (1825) / t_1300

Sendtner (Barbara), geb. Wolf, geb. im Jahr 1792 in Zürich in der Schweiz, wo ihr Vater Peter Philipp Wolf aus seinem Vaterlande Baiern, durch den fanatischen Eifer der damals alle, deren Geistesschwung eine freiere Ansicht der Dinge vermuthen ließ, verfolgenden Obscuranten, vertrieben, einen Zufluchtsort und nothdürftiges Auskommen gefunden hatte, welches er mit rastlosem Eifer so weit zu vermehren wußte, daß er sich häuslich niederlassen und ihre Mutter Elisabeth Sytz heirathen konnte. Diese pflegte Barbara’s zarte Jugend mit aller den Frauen ihres Landes eig­nen Sorgsamkeit, und nur ihrer treuen Liebe hatte sie, bei ihrem übrigens schwäch­lichen Körperbaue, eine ziemlich dauerhafte Gesundheit, die sie viele im Verfolge ihres Lebens eintretende Leiden überstehen ließ, zu verdanken.

Ihr Vater arbeitete in der Orell’schen Buchhandlung, besorgte die Herausgabe der Züricher Zeitung, spater noch eine Geschichte der Jesuiten, an welche sich später noch eine Geschichte der römisch-katholischen Kirche reihte. Die erstere erlebte mehrere Auflagen und verschaffte ihm einen ausgezeichneten Namen unter den deutschen Gelehrten, und auch die letztere ist, selbst unvollendet (der 7te Bd. er­schien 1802), dennoch ein geschätztes Werk. Sein ungünstiges Geschick vertrieb ihn auch hier aus seinem stillen Asyle. Die französische Revolution bereitete auch in der Schweiz jene verheerenden Ereignisse vor, die die Theilnahme aller denkenden Menschen später in Anspruch nahmen. Barbara’s Vater, Geschichtsforscher und Herausgeber einer bei dem Schweizervolke sehr beliebten politischen Zeitschrift, mußte gar bald den Gewalthabern ein Stein des Anstoßes werden, zumal da sie bei seiner bekannten Offenherzigkeit und edlen Freimüthigkeit nie hoffen durften, ihn durch irgend ein Mittel dafür zu gewinnen, gegen seine Ueberzeugung zu schrei­ben. Er erhielt die Weisung, die Schweiz zu verlassen; durch Unterstützung edler Freunde, die er überall fand, wurde es ihm möglich, in Leipzig, wohin er sich im Jahr 1794 wendete, eine Buchhandlung einzurichten, die anfangs und bis zum Jahr 1801 guten Fortgang hatte; später aber kam sie durch die dem Buchhandel damals überhaupt nicht günstigen Zeitumstände in Verfall, so daß Wolf sich genöthigt sah, im Jahr 1803 sich von diesem Geschäft zurückzuziehen und einer erhaltenen Einla­dung in sein Vaterland zu folgen, wo Maximilian Joseph indeß zur Regierung ge­langt war und in allen Handlungen seiner Verwaltung die edle Absicht, seinen Un­terthanen die Wohlthaten einer vernünftigem Aufklärung angedeihen zu lassen, ausgesprochen hatte. Wolfen wurde der ehrenvolle Auftrag zu Theil, unter Begüns­tigung der Regierung, die ihm alle Archive öffnen ließ, eine Geschichte Ma­ximilians I. zu schreiben. Er unterzog sich dieser Arbeit mit großer Liebe und unge­meßner Thätigkeit, denn er unterlag der Anstrengung; und als er im Jahr 1807 zum Mitglied der neu eingerichteten Akademie der Wissenschaften ernannt und ihm zu­gleich das Privilegium zur Herausgabe der Münchner Staats-Zeitung ertheilt wurde, genoß er die Vortheile, die seine verbesserte Lage ihm darbot, kaum ein Jahr. Eine Geisteszerrüttung, in die er im August 1808 verfiel, entriß ihn seiner trostlosen Fa­milie, die sein Tod,, den er am 6. August ged. Jahres in den Wellen der Isar unter den traurigsten Umständen gefunden, in der betrübtesten Lage, ohne Freund und Rathgeber zurückließ. Die Regierung nahm sich jedoch großmüthig der unglückli­chen Witwe an, und das Privilegium der Herausgabe der Zeitung wurde ihr gelas­sen, so daß sie, bei alle dem nicht ohne Anfechtungen widriger Schicksale, dieses Geschäft noch immer fortführt und hinreichendes Auskommen für sich und die Ihri­gen findet.

Von den angegebenen Verhältnissen läßt sich schließen, welche Richtung der leb­hafte Geist der unter sorgfältiger Pflege liebender Aeltern heranwachsenden Toch­ter Barbara nehmen mußte. In Leipzig, in schönen Umgebungen gebildeter geist­reicher Freunde lebend, fanden die Aeltern Gelegenheit, für die Bildung ihres Kin­des mehr zu thun, als ihnen vielleicht in jeder andern Stadt, bei beschränkten Mit­teln, möglich gewesen wäre. Am meisten hatte sie der Leitung eines Lehrers, Au­gust Ferdinand Nitsche (seitdem Lehrer an der Klosterschule in Roßleben), der mit seltner Unverdrossenheit und vieler Einsicht ihre Gaben außzubilden und das schlummernde Gefühl zu wecken wußte, zu verdanken. Der hohe Beruf eines Erzie­hers wurde würdig von ihm aufgefaßt, und seltne Früchte lohnten seine edlen Be­mühungen. Das junge Kind, kaum 6 Jahr alt, versuchte schon zu dichten, und faßte mit Begierde aus freiem Antriebe alles auf, was zu seinem Unterricht dienen konn­te. Im Einklange mit dieser Fortbildung auf dem Wege der Lehre stand das Leben, welches im Kreise edler Freunde sich heiter fortbewegend, in seiner Abwechselung selbst nicht minder förderlich wirkte.

Wolf hatte im Jahr 1799 den Plan, in Gemeinschaft mit seinem Freunde Heinrich Gesner eine Buchhandlung in der Schweiz zu errichten, wohin ihn seine Neigung noch immer hinlenkte. Alle Anstalten waren schon getroffen, die Familie und mit ihr der Lehrer und Freund Nitsche auf dem Wege nach dem geliebten Lande, als eine plötzliche Krankheit des Vaters die Familie in Offenbach bei Frankfurt a. M. auf­hielt. Als er wieder genaß, bewogen ihn die aus der Schweiz eingegangenen Nach­richten von den dort vorgefallenen Kriegsereignissen, sein Vorhaben aufzugeben und nach Leipzig zurückzukehren; die Mutter aber ging mit den Kindern, der Ge­fahren des von Kriegs- und Revolutionsstürmen erschütterten Landes nicht ach­tend, mitten durch die Armee nach Zürich, wo gerade die Franzosen und Oesterrei­cher sich gegenüberstanden, und sie daher ihre Absicht, die Ihrigen, die jenseits der Berge am Zürichersee wohnten, wiederzusehen, vereitelt fand, da die Stellung der Armee sie hinderte, den kurzen Weg, der sie von ihnen trennte, ohne Lebens­gefahr zurückzulegen. Nach 6 Wochen vergeblichen Wartens auf eine günstige Wendung der Dinge reiste die entschlossene Frau wieder allein mit ihren Kindern und einer unverheiratheten Schwester ab, nicht wenig betrübt über die fehlge­schlagene Hoffnung.

Alle diese wechselnden Zustände, die Menge von Menschen, Dingen, Gegenden, die vor dem aufgeweckten Sinne der jungen Barbara vorübergingen, mußten ihren Geist mit Begriffen bereichern, die über ihr Alter hinausreichten. Auch gereichte es ihrer fernern Ausbildung kaum zum Nachtheil, als die eingetretenen Zeitumstände und hinzugekommene bedeutende Unglücksfälle im Handel den Vater zur Aufge­bung seines Geschäfts nöthigten und veranlaßten, von dem Ertrage seiner Schrift­stellerarbeiten mit einer Familie von drei Kindern in München zu leben, welches da­mals noch der Bildungsanstalten für die erwachsene weibliche Jugend gänzlich er­mangelte. Ohne äußere Anregung, abgeschnitten sogar vom Umgang mit Freun­den, die mit ihr auf gleicher Bildungsstufe standen, gewann dennoch ihr Geist durch fortgesetzte Lecture und den Umstand, daß der Vater nach und nach anfing ihre Talente bei seinen literarischen Arbeiten zu benutzen, wobei sie ihm bald als Amanuensis an die Hand gehen konnte.

Als er starb, war ihre Ausbildung schon so weit gediehen, daß sie unter den dama­ligen sehr einschreitenden, aber auch das Geschäft um so mehr erleichternden Zeitumständen, einen großen Theil seiner Correspondenz, die, da er zugleich die von Hübner in Salzburg begonnene Oberdeutsche allgemeine Literatur-Zeitung fortsetzte, von bedeutendem Umfange war, fortführen, und die politische Zeitung selbst einige Zeit redigiren konnte, bis von Seiten der Regierung selbst Schritte zur Anstellung eines Redacteurs für diese Zeitschrift geschehen konnten. Gelegenhei­ten, die sich darboten, ihre Sprachkenntnisse zu erweitern, benutzte sie eifrigst, so daß sie, außer der französischen und italienischen Sprache, sogar die griechische zu erlernen sich sehr bemühte und überhaupt kein Mittel versäumte, welches zur Erweiterung ihrer Kenntnisse dienen konnte. Bei diesen Bestrebungen wurde sie sehr von ihrem nachmaligen Gatten, Joseph Sendtner, einem sehr gebildeten, kenntnißreichen Mann, der sich durch mehrere Schriften, auch als Dichter vorteil­haft bekannt gemacht hat, unterstützt. Er war als Professor am Lyceo in München und als Redacteur der politischen Zeitung mit der Familie in nähere Be­kanntschaft gekommen. Mit ihm besorgte Barbara Wolf seit 1811 die Herausgabe eines belletristischen Journals in München, welches 6 Jahre lang einen ungetheilten Beifall genoß, aber dennoch in Stocken gerieth, weil wegen des nicht eben sehr großen literarischen Verkehrs in München die Abnahme doch zu geringe war, um die Kosten zu decken. Sie gab Sendtnern im Jahr 1812 ihre Hand und hat seitdem in den Jahren 1812 bis 1815 nur an der von Bertuch in Weimar herausgegebenen Zeitschrift für Literatur, Kunst und Mode mitgearbeitet, da sie, als Gattin und Mut­ter von 6 Kindern höhern Pflichten ihres Berufs folgend, von literarischen Beschäfti­gungen abgezogen ist und neben ihren vielen häuslichen Geschäften kaum Zeit ge­winnt, ihrem Geist die so nöthige Erholung durch eine gewählte Lecture zu geben; vielleicht darf man künftig, wenn jene Pflichten der sorgenden Hausfrau und Mutter ihre Zeit nicht mehr so sehr in Anspruch nehmen, von ihr gewiß schätzbare Mitt­heilnngen ihrer Ansichten aus dem Schatze ihrer gesammelten vielen eignen und fremden Lebenserfahrungen, besonders über die Mittel weiblicher Bildung, nach ihrem scharfen Beobachtungsgeist hoffen. Die Gedichte, die von ihrer Hand von Zeit zu Zeit erschienen sind, zeugen von tiefem Gefühle und einer durch ungünsti­ge Schicksale und widrige Erfahrungen hervorgebrachten vorherrschenden Nei­gung zur Schwermuth. Sie lebt im glücklichen häuslichen Kreis in München.

Karl Wilhelm Otto August von Schindel: Die deutschen Schriftstellerinnen des neunzehnten Jahrhun­derts. Leipzig, 1825.


01-06-05/06 (Sendtner)