Die Deutschen Maler-Radirer (1872) / t_845

Habenschaden, als Thier- und Landschaftsmaler in weiten Kreisen geachtet, erblick­te in München den 29. März 1813 das Licht der Welt. Sein Lebensgang ist sehr ein­fach, denn seine ganze Thätigkeit war still und anspruchslos der Kunst geweiht. Er war der Sohn eines biedern und kenntnissreichen städtischen Beamten und erhielt eine streng religiöse rechtschaffene Erziehung.

In die Kunst ward er durch den Schmelzmaler Chr. Adler eingeführt, und seine wei­tere Ausbildung erhielt er (um 1829) auf der Akademie. Er bestimmte sich für das Thierfach. Die Natur des Waldes, das Leben unserer heimischen Thiere hatten ihn von Jugend auf zu fleissigen Beobachtungen angeregt, sein Vater, selbst ein eifri­ger Freund der Naturwissenschaft, scheint diese Neigung, die mit den Jahren zu ei­nem ausgebreiteten Wissen und Kennen führte, nicht ungern gesehen und genährt zu haben.

Bereits seine ersten Arbeiten, mit welchen er in die Reihe der selbstständig wirken­den Künstler eintrat, beurkundeten eine entschiedene künstlerische Begabung und erwarben ihm den Beifall der Kunstgenossen, welcher sich in dem Maasse steiger­te, als es ihm gelang, allmälig die Mängel der Technik zu beseitigen.

Dem stillen Weben der Natur in Wald, Feld und Gebirg, dem mannigfaltigen Leben der Thiere in unserer Umgebung und im Freien waren seine Studien geweiht, die er vorzugsweise in den näheren und entfernteren Umgebungen Münchens, in den bayerischen und tiroler Alpen machte.

Im Anfange der vierziger Jahre (1840–41) war Habenschaden bereits auf einer Stufe angelangt, welche ihm erlaubte zu seiner weiteren Ausbildung eine Reise nach Itali­en zu unternehmen. Aber der Künstler vermochte sich für die Erscheinungen, wel­che ihm dort entgegen traten, nicht zu erwärmen. Weder die Reste der classischen Kunst noch die landschaftlichen Schönheiten und malerischen Trachten der Bewoh­ner konnten ihn die waldigen Hügel, die stillen Thäler des bayerischen Oberlandes vergessen lassen. Er kehrte mehr verstimmt als gehoben aus dem Lande der Far­ben und Töne zurück und es bedurfte längere Zeit, bis er die verwirrenden Eindrü­cke überwunden und zur gewohnten Thätigkeit sich wieder gesammelt hatte.

Habenschaden war ein fleissiger und strebsamer Künstler, er hat eine grosse Reihe Werke hinterlassen, nicht blos in der Malerei, sondern auch in der plastischen Thier­bildnerei, die seinen Namen weit über Deutschlands Grenzen hinausgetragen ha­ben. In allen seinen Schöpfungen spricht sich ein schlichtes und doch warm emp­fundenes Naturgefühl aus, er dringt stets nach der Tiefe vor, die blosse Kör­perlichkeit genügt ihm nicht, vielmehr ist es die Thierseele, die ihn zu adäquaten künstlerischen Bildungen reizt.

Habenschaden stand einsam im Leben, er war nicht verheirathet. In derselben Wei­se, wie er uns als Künstler entgegen tritt, still, anspruchslos, so gab er sich auch als Mensch, aber inniger, tiefer. Die äusseren Erscheinungen im Leben berührten ihn wenig, für seine Freunde aber hatte er ein warmes Herz und für das seinen Leistun­gen verwandte Schöne einen offenen begeisterten Sinn. Von seiner Herzensgüte giebt seine letzte Verfügung, durch welche er den Münchener Künstlerunterstüt­zungsverein zum Universalerben seines bedeutenden Nachlasses einsetzte, einen rührenden Beweis.

Seit dem Sommer 1867 kränkelnd, blickte er dennoch, voller Entwürfe und nicht an ein nahes Ende glaubend, ruhig in die Zukunft, aber leider verschlimmerte sich sein Leiden mehr und mehr und den 7. Mai 1868 riss ihn der Tod im 55. Lebensjahr hin­weg, nachdem ihm seine hochbetagte Mutter kurz zuvor vorangegangen war.

Seine Bilder durchwanderten Deutschland auf den verschiedenen Kunstausstellun­gen, der grösste Theil blieb jedoch in seiner engeren Heimat; wir nennen: Kühe auf der Weide, Nürnberger Ausstellung 1838, – Sennerin über einen Steg gehend, im Bach Kühe, bekannt durch die Originalradirung (Leipziger Ausst. 1847), – Heuernte, angekauft vom Prager Kunstverein 1850, – Eine Alpe, vor der Hütte Sennerinnen mit einem Buch 1844, – Landleute auf dem Feld, – Ein Morgen auf dem Lande, – Viehheerde, angekauft vom Münchener Kunstverein 1851, 54 und 57, – Förster und Hirt mit seiner Heerde, – Eine Alpe, – Ein Morgen im Gebirg, angekauft von demsel­ben Verein 1859, 60 und 62, – Eine Sennerin mit Kühen, – Vorbereitung zum Abzug von der Alpe, auf der allgemeinen deutschen Kunstausstellung in München 1854, – Eine Alpe an der Benedictenwand, – Flache Moosgegend mit Schnepfenjagd, – Ein von der Abendsonne beleuchteter Hohlweg, – Eisenbahnbau durch den Wald, an­gekauft vom Münchener Kunstverein 1864, 65, 67 und 68.

Wenn Habenschaden auf der Palette nicht die Mittel fand seinen Gedanken einen entsprechenden Ausdruck zu geben, dann griff er zum Thon oder Wachs und dem Bossierholz. So entstanden jene schönen Thierfiguren, welche seinen Namen in fast noch weiteren Kreisen bekannt machten als seine Bilder. »Bald ist es ein spitz­schnautziger Fuchs der, auf einem Baumstrunck sitzend, auf ein fernes Geräusch horcht und dabei seinen schlauen Kopf mit unnachahmlicher Grazie etwas zur Seite neigt, bald ist es eine Füchsin die mit ihren Jungen sich herumbalgt, bald ein Esel der mit stoischer Ruhe seiner Bestimmung entgegen sieht, bald sind es muntere Häschen die ihre komischen Sprünge machen, bald ist es ein zierliches Reh das in rhythmischen Bewegungen einherschreitet, dann wieder ein stattlichser Hirsch, wie zum Kampf gerüstet, oder ein struppiger Eber mit scharfen Hauern – aber überall begegnen wir dem feinsten Verständniss der Natur des Thieres und seiner Formen, überall einer genialen Auffassung und einer geistreichen Behandlung, die nie zu wenig, aber auch nie zu viel giebt.« So berichtet ein Augenzeuge von Habenscha­den’s plastischer Thätigkeit in den Dioskuren 1860. Es kam ihm dabei sehr zu Stat­ten, dass er mit Pinsel und Stift umzugehen verstand, indem er mit der Ruhe der Plastik ein in den geeigneten Grenzen gehaltenes malerisches Element zu verbin­den fähig war.

Habenschaden’s Radirungen sind reine Erzeugnisse des malerischen Gefühls; da er sich fast gar nicht der Hülfsmittel der Kupferstecher, des Grabstichels und der kal­ten Nadel bediente, so tragen sie alle vorwiegend den frischen ursprünglichen Charakter des Aetzdrucks in gefälliger Weichheit mit einer gewissen Breite, durch welche die Radiernadel des Malers sich kennzeichnet.

Dr. phil. Andreas Andresen: Die Deutschen Maler-Radirer (Peintres-Graveurs) des neunzehnten Jahr­hunderts, nach ihren Leben und Werken. Leipzig, 1872.


17-02-23 (Habenschaden)