Die Deutschen Maler-Radirer (1872) / t_758

Die Gebrüder Ezdorf, Landschaftsmaler von Ruf, stammen aus Pösneck an der Orla, der ältere, Christian, geb. 1801, starb in München 1851, der jüngere, Fried­rich, geb. 1807, starb 1858 in Würzburg. Nur der jüngere, Friedrich, hat, so viel ich weiss, die Radirnadel geführt. Wiederholen wir den ansprechenden biographischen Nachruf, den der Münchener Kunstverein dem ersteren als seinem Mitgliede 1852 nachsandte:

»Johann Christian Michael Ezdorf, geb. 1801 zu Pösneck an der Orla, erhielt seine erste künstlerische Ausbildung auf der Akademie in München und in den nahen Hochlanden, in denen er mit Vorliebe ernste, ja düstere Stellen aufsuchte. Diese ei­genthümliche Geschmacksrichtung bestimmte ihn zu einer Reise nach dem Norden Europa’s, wo er die ihn am meisten ansprechenden Charakterzüge der Natur be­stimmter ausgeprägt zu finden glaubte. Er ging deshalb im Jahre 1821 über Ham­burg und Kopenhagen nach Norwegen und nach dem Nordcap, von da nach Schweden und hielt sich längere Zeit in Stockholm auf, wo er sich grosse Achtung erwarb. 1827 besuchte er Island, kehrte aber nach Stockholm zurück und fand viel­fältige Anerkennung und Beschäftigung.

In den dreissiger Jahren (1835) ging er nach England und hier malte er vielleicht seine schönsten Bilder, wenigstens sind die beiden grossen Landschaften aus Schweden, die er 1840 von London mit nach München brachte und von welchen die eine einen Eisenhammer an einem Wasserfall (in der Neuen Pinakothek zu Mün­chen) die vorzüglichsten seiner Hand. Er liebte vorzugsweise das Düstere in der Natur, ja er schränkte sich eigentlich ganz darauf ein. Seine Vorbilder waron Ruys­dael und A. van Everdingen, er kannte kein grösseres Lob als mit dem Letzteren verglichen zu werden, selbst auf Kosten seiner Originalität.

Graue Wolken mit wenig blauem Himmel, dunkele Fichten nebst bemoosten Bir­kenstämmen, schäumende Waldbäche zwischen Felsen und eine verfallene Hütte – das war das Material, aus welchem er seine oft hinreissend schönen Naturscenen aufbaute. Eine Aeusserung von ihm zeichnet seinen künstlerischen Charakter recht bestimmt. Er war 1849 wieder in Norwegen, kehrte aber mit einer auffallend gerin­gen Ausbeute an Studien von dort zurück; darüber befragt sagte er: »die ganze Zeit dass ich in Norwegen war, war schönes Wetter und da habe ich Nichts gefun­den.«

Ueberhaupt war (namentlich in der letzten Zeit) seine Art nach der Natur zu studi­ren sehr eigenthümlich skizzenhaft und seine Zeichnungen dürften für Viele eine Runenschrift sein. Und doch zeigen seine Gemälde ein so tiefes und genaues Studi­um, dass er mit seinen Felsblöcken und Steinschichten sogar das Kennerauge der Geologen entzückte. Freilich hat er seiner Imagination und seinem Formenge­dächtniss durch ungemein fleissige und ausgeführte Studien in jüngeren Jahren eine feste Grundlage gegeben. Eine neue sehr ansprechende Art, Landschaften in Kohle mit einer gewissen Vollendung und malerischer Wirkung zu zeichnen (und dann zu fixiren) hat Ezdorf wenn nicht erfunden, so doch von England oder Frank­reich bei uns eingeführt und vervollkommnet.

Ezdorf war ein stiller, in sich abgeschlossener und in seiner inneren Welt glücklicher, anspruchsloser und freundlicher Mensch. Sein Gesicht schien keine Muskeln für den Unmuth oder Zorn, geschweige für Missgunst oder Feindschaft zu haben. Aber so­viel wusste er doch von seinem Werth, dass ihn Geringschätzung schmerzte.

Ein eigentliches Krankenlager ging seinem Tode nicht voraus, am 17. Dec. 1851 fühlte er sich unwohl und schon am Abend des 18. war er eine Leiche. Er war erst seit einem halben Jahr verheirathet und hatte erst das vorige Jahr seinen Vater ver­loren, der bei seiner Geburt schon so alt war, als der Sohn bei des Vaters Tode. Er war in der letzten Zeit Sachsen-Meiningenscher Hofmaler geworden und war Mit­glied der Akademie der schönen Künste in Stockholm.«

Dr. phil. Andreas Andresen: Die Deutschen Maler-Radirer (Peintres-Graveurs) des neunzehnten Jahr­hunderts, nach ihren Leben und Werken. Leipzig, 1872.


28-12-20* (Etzdorf)