Die Deutschen Maler-Radirer (1867) / t_1382

CARL VOGEL v. VOGELSTEIN.

Carl Christian Vogel v. Vogelstein (Vgl. »Abdruck des im 20. Bande von Dr. Nagler’s Künstler-Lexikon befindlichen Artikels über C. Vogel, mit einigen Berichtigungen und dessen radirtem Portrait. München, J. G. Weiss, Universitätsbuchdrucker. 1852.« 4. Nicht im Handel.), k. sächsischer Hofmaler, Mitglied des akademischen Rathes, ehemaliges vieljähriges Mitglied der Gallerie-Commission zu Dresden, wur­de den 26. Juni 1788 zu Wildenfels im sächsischen Erzgebirge geboren. Er war der Sohn des Hofmalers Christian Lebrecht Vogel (1759-1816), der sich durch geistvolle Arbeiten im Historien- und Portraitfach, besonders durch Kindergruppen und Köp­fe auszeichnete. Bis zu seinem 14. Jahre stand er in Wildenfels unter der liebevol­len Leitung seines Vaters und begann seine Vorstudien mit Zeichnen nach Kupfer­stichen berühmter Meister, dann aber auch mit Studien nach der Natur: Portraits, Landschaften, Blumen etc.

Im Jahre 1804 betrat er die Akademie zu Dresden, wo er schon als Jüngling durch treu und genial aufgefasste Portraits in Oel Aufmerksamkeit erregte. Das Bildniss des Sprachgelehrten Lindner fand allgemeinen Beifall, indem der junge Künstler die Individualität so fein und wahr aufgefasst und das Bild so künstlerisch vollendet durchgeführt hatte, wie es in jener Zeit selten vorkam. In der Gallerie be­gann er Stadien mit Kreide und in Oelfarben nach den besten Meistern zu machen, in Kreide ausser der Sixtinischen Madonna mehrere gross gezeichnete Köpfe, wie die Christusköpfe von Guido Reni and A. Caracci, in der Universität zu Dorpat. Er kopirte in Oel A. van Dyck’s Karl I., Potiphar’s Weib von C. Cignani und den Genius des Ruhmes von A. Caracci. In diese Zeit fallen auch seine ersten selbstständigen Versuche in der historischen Malerei, unter welchen sich das Bild »Milo mit in den Baumstamm geklemmten Händen« auszeichnete.

Im Hause des Landraths Baron von Löwenstern, dessen Töchtern er Unterricht im Zeichnen ertheilte, trat im Leben des jungen Künstlers ein günstiger Wendepunkt ein. Der Baron kehrte 1807 nach Russland zurück und forderte Vogel auf, ihm dahin zu folgen. Vogel sehnte sich nach Italien und dessen Kunstschätzen, hatte aber kei­ne Aussicht, weder durch seine Eltern noch durch den Staat die Mittel zu einer sol­chen Studienreise zu erhalten. Um so erfreulicher kam ihm die Aufforderung zur Reise nach Russland, weil er sich dort durch Arbeiten and Bestellungen, namentlich im Portraitfach, die Mittel zur italienischen Reise zu erwerben hoffte. Im Herbste 1807 reiste Vogel voll Hoffnung auf besseres Glück von Dresden nach Memel ab, von da im November nach Dorpat, wo er den Winter im Hause seines Gönners v. Löwenstern zubrachte. Er setzte den Zeichnenunterricht der beiden jüngeren Töch­ter fort und malte verschiedene Portraits angesehener Persönlichkeiten, die sich im Hause des Barons versammelten. Die Frau Landräthin, eine Dame von deutscher Bildung, von edelen Geistes- und Herzensgaben, liebte interessante und ausge­zeichnete Personen in ihrer Umgebung und lieh allem Guten and Schönen bereit­willigste Unterstützung. Im Frühjahre 1808 begab sich die Familie v. Löwenstern nach St. Petersburg, und Vogel folgte ihr in einigen Wochen dahin nach. Er richtete sich selbstständig ein und fand im fürstlich Gagarin’schen Palais an der Newa eine kleine Wohnung.

Vogel war bald einer der beliebtesten Portraitmaler in St. Petersburg. Ausser dem Bildnisse des Grafen Bray und des französischen Botschafters Mr. de Caulincourt Duc de Vicence, erregte besonders das Kniestück des berühmten Grafen Joseph de Maistre allgemeine Bewunderung und öffnete dem eifrigen jungen Künstler die höheren Stände der Gesellschaft, in welchen er bis zu seiner Abreise von St Peters­burg 1812 immerfort beschäftigt war.

Seine Verhältnisse hatten sich günstig und erfreulich gestaltet, aber die Sehnsucht nach Italien war im warmen Gemüthe des Künstlers nicht erloschen, und die höhe­ren Geisteskräfte, die in seinem Innern ruhten, konnten durch stetiges Portraitma­len nicht entwickelt und gezeitigt werden. Er hatte sich jetzt die Mittel zu einer Stu­dienreise nach Italien erworben und im August 1812 reiste er durch Vermittelung des Ministers Grafen Soltikoff mit einem russischen Kriegskutter zunächst nach Deutschland zurück. Auf seiner Durchreise in Berlin malte er die Portraits seines mütterlichen Onkels Charles Le Cocq und dessen Sohnes, des damaligen Polizei­präsidenten Le Cocq, in Dresden seine beiden Eltern lebensgross als Kniestücke.

Im Sommer des Jahres 1813 begrüsste Vogel zum ersten Male das lange ersehnte Rom, wo er bis zum December 1820 verweilte. Er fühlte wohl, dass seine zeitherige Manier für das Höchste in der Kunst unzureichend sei, und begann zunächst sich eine klare Anschauung von der Entwickelung der Malerei in Italien zu bilden, er prüfte und verglich »sowohl Giotto’s strengen feierlichen Styl, Angelico’s seelenvol­le, liebseelige Bilderträume, des Benozzo lebensvolle Werke, der Florentiner Ernst und der Venetianer Farbenzauber, sowie Raphael’s Werke. Auch der Bologneser Technik blieb von ihm nicht unbeachtet. Dies Prüfen und Streben, sich Aneignen und Aufgeben, Verwerfen und Wählen ist die wahre Prüfungszeit eines jeden Künstlers, dem es Ernst ist, sich zu entwickeln. Er durchforschte zur Sommerszeit, wo in Rom die Aria cattiva herrscht, die Klöster, Kirchen, Rath- und Privathäuser in Umbrien, Toskana, Mantua, Viterbo, Orvieto, Mailand, Neapel etc. und gab diesen Studien eine um so fruchtbarere Richtung, als er sich dabei eine Sammlung von zwei grossen Bänden mit mehr als 245 Zeichnungen und Calquen nach den grossen italienischen Malern von Giotto bis auf Raphael anlegte. (Diese Sammlung ist auf späteren Reisen noch vermehrt worden und umfasst gegenwärtig über 300 Blätter in 3 grossen Bänden. Es wäre zu wünschen, dass sie in den Besits einer Kunstbil­dungsanstalt übergehen möchte. Vogel hat ein Verzeichniss derselben in Druck ge­geben: »Verzeichniss der in den Jahren 1814—1857 in Italien von C. Vogel v. Vogel­stein theils selbst gemachten, theils gesammelten Abzeichnungen und Durchzeich­nungen nach altitalienischen Meistern«. München 1800. 4.)

Fast wäre er auf einer solchen Studienreise in Perugia dem bösen Fieber erlegen, alle seine Freunde gaben ihn verloren, und wie ein Wunder ist seine Genesung zu betrachten. Er kehrte nach Rom zurück und setzte dort mit wiederkehrenden Kräf­ten und neuem Muthe seine Studien fort. Ueber das Studium der grossen Meister verabsäumte er jedoch nicht das ebenso wichtige Studium der Natur, wozu in Rom, das an schönen Modellen reich ist, die beste Gelegenheit war. Im Spitale della Con­solazione lag er zwei Winter hindurch eifrigen anatomischen Studien ob.

Als Vogel in Rom ankam, fand er die deutsche Künstlerschaft bereits im gewaltigen Ringen zur Wiedergeburt unserer Kunst begriffen. Alle waren darin einig, dass das leere, hohle Akademikerthum gestürzt werden müsse, aber über die Mittel und Wege sowohl als über die Zwecke der neuen Wiederbelebung der Kunst gingen die Ansichten und Bestrebungen bereits auseinander. Auf der einen Seite standen die unmittelbaren Nachfolger von Carstens, Thorwaldsen, Koch, Schick, Wächter, Reinhart, auf der andern die Romantiker Overbeck, Pforr, Schadow. Diese, die im alten Ordenshause St. Isidoro ihre Wohnung hatten, schlicht und recht fast wie Or­densbrüder lebten, wollten Nichts von der Antike wissen, sondern eine rein christli­che Kunst, und fanden ihre begeisternden Vorbilder in den schlichten und einfa­chen Werken der vorrafaelischen Meister Italiens.

Auch Vogel huldigte im Allgemeinen dieser neuen christlich-romantischen Richtung, auch er wollte eine kirchlich religiöse Kunst, basirt auf die altitalienischen Meister, deren Werke er, wie wir gesehen, ganz besonderen Studien unterwarf. Doch ging er im Ganzen eine mehr selbstständige Bahn, die den Anforderungen der Zeit und Wirklichkeit grössere Rechnung trug als manche Anhänger und Nachfolger der ro­mantischen Schule, eine Erscheinung, die wir zu einem grossen Theile aus seiner früheren, dem Realen zugewandten Thätigkeit im Felde der Portraitmalerei zu er­klären haben.

Vogel malte während seines Aufenthaltes in Rom mehrere Bildnisse, unter welchen jenes des Pabstes Pius VII. in ganzer Figur für den König von Sachsen grosses Auf­sehen erregte, da es von vollkommener Aehnlichkeit war, und in Zeichnung, Fär­bung und Behandlung in gleichem Grade befriedigte. Zwei Jahre früher, 1815, hat­te er das Portrait Thorwaldsens gemalt, welches man mit den besten Leistungen des A. van Dyck verglich; es kam in die Sammlung des verstorbenen österreichi­schen General-Consuls Jac. v. Krause. Ein drittes Bild aus dieser Zeit ist das des Lu­cian Bonaparte in ganzer Figur, das sich im Palast Borghese befindet Die Leistun­gen dieses geistvollen Charaktermalers fanden in Rom allgemeinen Beifall, die rö­mischen Zeitschriften jener Zeit rühmen seine »eccellenze e bravura in questa arte divina».

Von seinen übrigen Arbeiten in Rom nennen wir ausser einer Kopie der beiden En­gel im Heliodor von Raphael, jetzt in der Gallerie zu Philadelphia, eine Versuchung Christi, Geschenk für die Kirche seines Geburtsortes, die Verkündigung und die Taufe Christi für Baron Funke, die Rechtfertigung der Susanna durch Daniel. Für Schmidt in Frankfurt fertigte er eine allegorische Zeichnung mit Randarabesken, in welcher ein pilgernder Künstler durch die Kunst der Religion zugeführt wird. Als Vogel im Jahre 1819 die Bäder zu Lucca gebrauchte, wiederholte er diesen Gegen­stand als Federzeichnung und Professor Rühs aus Greifswalde machte folgendes Gedicht dazu:

Die Kunst an den Jüngling.

Noch ist Dir nicht der Sonne Glanz erschienen,
Die Du gesucht mit ungeduld’gem Streben,
Du bist bemühet mir mit Ernst zu dienen,
Und hülfreich führ’ ich Dich in’s wahre Leben.

Die Jungfrau schau im Kranz von Cherubinen,
Den Knaben zeigt sie Dir mit Wonnebeben,
In dem der Hoffnung goldne Früchte grünen,
Zum höchsten Himmel wird er Dich erheben,
Wenn fester Glaube Deine Seele stählet,
Und Du Dein Sein in Liebe ganz entzündest.

Hier ist das Ziel, wo Du Erhörung findest,
Hier flieht der Zweifel, der Dich heimlich quälet,
Den Du, durch ihn erleuchtet, überwindest,
Darum lass fahren, was die Welt erwählet.

Vogel stand in steter Verbindung mit hervorragenden Künstlern und Gelehrten und bereicherte seinen Geist mit wissenschaftlichen und artistischen Kenntnissen, um sich auf die Höhe veredelter Weltbildung zu erheben. Vertraut mit der Literatur sei­nes Vaterlandes, wendete er seine warme Theilnahme auch den Dichtern Italiens zu, unter welchen besonders Dante, durch Koch und Cornelius gewissermassen von neuem in die Künstlerwelt eingeführt, ihm eine unerschöpfliche Quelle zu reichen Aufgaben seiner Kunst eröffnete. »Ein für Alles, was dem Reiche der Poesie und Kunst angehört, empfänglicher und lebendiger Sinn, ein selbst bei vorgerückten Jahren sich gleichbleibendes Gemüth, eine die Härten des Lebens ausgleichende innere Heiterkeit, Herzensgüte und liebenswürdige Bescheidenheit« werden in Hel­ler’s Taschenbuch »Perlen«, Nürnberg 1847, als die hervorragendsten Eigenschaf­ten in Vogel’s Charakter bezeichnet.

Im Frühlinge des Jahres 1819 hatten die deutschen Künstler zu Rom eine grosse Ausstellung ihrer Werke im Palazzo Cafarelli eröffnet, Vogel beschickte diese Aus­stellung mit zwei Portraits und einigen Oelbildern. Als dann der kunstbegeisterte Kronprinz Ludwig von Bayern in den Künstlerkreis eintrat und die höchsten Hoff­nungen erregte, beschlossen die Künstler, als Zeichen ihrer Anerkennung und ihres Dankes, ihm ein glänzendes Fest in der Villa Schultheiss zu geben. Zwischen Blu­mengewinden und Festons prangten nach dem Entwurfe von Cornelius eine Reihe von Transparentgemälden mit Bezug auf die bildende und dichtende Kunst. Auch Vogel steuerte zur Ausschmückung des Saales durch einen »Moses« bei.

Im December 1820 folgte Vogel einem Rufe an die Akademie zu Dresden, um die Professur des unglücklichen G. v. Kügelgen zu übernehmen. Gleich nach seiner Rückkehr malte er für den Domherrn von Ampach den Heiland am Kreuz mit Maria, Johannes und Magdalena (jetzt im Dome zu Naumburg), für die Stadtkirche zu Wol­mar in Lievland wiederholte er seine Versuchung Christi, den Betschrank der Prin­zessin Amalia zierte er mit der heil. Anna, wie sie die kleine Maria im Lesen unter­richtet (eine grössere Wiederholung dieses Bildes erhielt Herr v. Quandt), für den Betschrank des Prinzen Johann malte er den betenden Johannes von Nepomuck und führte diesen Gegenstand später für Graf Ribeaupierre in St. Petersburg noch­mals aus. Daneben entstanden eine Reihe Portraits, namentlich von Gliedern des sächsischen Königshauses, unter welchen wir den König Friedrich August im Brust­bild, in der Gallerie zu Dresden, dann denselben Monarchen zwei Mal in ganzer Fi­gur, im Cadettenhause zu Dresden und auf der Veste Königstein hervorheben.

1824 wurde Vogel zum Hofmaler ernannt. Um diese Zeit fallen zwei Altarbilder: St. Franciscus Xaverius für die Neustädter katholische Kapelle in Dresden, und St. An­tonius für die katholische Freischule. Von höherer Bedeutung waren jedoch seine Deckenmalereien im Speisesaale des Lustschlosses zu Pillnitz, die ihm Gelegenheit gaben, seine Begabung für edle und grosse Compositionen sinnvoll und lebendig zu entfalten. »Die Künste, welche das Leben verschönern und die Völker beglü­cken, Wohlstand, Geistescultur und Genuss befördern«, das ist der Inhalt von acht Bildern mit überlebensgrossen Figuren: es sind die Malerei, die Muse der Musik, die Bildhauerkunst und die Architektur, schützend umschwebt von der Poesie, Lie­be, Philosophie und Anmuth. Die Compositionen sind durch die Stiche von Barth, Krüger, Stölzel und Thäter in weiteren Kreisen bekannt; einen eingehenden Bericht bringt das Kunstblatt 1822. No. 98. aus der Feder der bekannten Amalie v. Imhoff. Vogel selbst hat in einem Sendschreiben an Cornelius (Kunstblatt 1824) mit Bezug auf die Bildung junger Künstler sich näher über die Gedanken ausgesprochen, die in ihm während der Vollendung der Arbeit zur klaren Anschauung gediehen waren.

1826 begann Vogel in der neuen Hofkapelle zu Pillnitz das Leben der heil. Jungfrau in zehn Fresco-Bildern zu malen, nachdem seit 100 Jahren diese Technik in Sachsen nicht mehr geübt worden war. Die Kapelle wurde 1830 eingeweiht und zog viele Bewunderer herbei.

Nach Beendigung dieser Fresken fand Vogel wieder Muse zur Ausführung von Por­traits und Staffeleibildern. Wir nennen von ersteren die Söhne des Prinzen Johann, die Gruppen der Prinzessin Sidonia und Anna (1839), sämmtlich im Alter von 5 bis 6 Jahren, Hofrath Tieck, in Besitz des Geheimraths F. v. Raumer in Berlin, Prälat Sale­sius Krüger von Ossegg, Gräfin Harrach in Wien, lebensgross, Oberhofprediger von Ammon, Graf Solms v. Wildenfels, Professor G. Herrmann, für die Aula zu Leip­zig. Durch sinnige Anordnung zeichnet sich auch aus dieser Zeit das Eigenbildniss des Meisters aus, er erscheint in ganzer Figur, sich von der Arbeit wegwendend zu seinem vierzehnjährigen Sohne, um ihn vor dem Gange in die Schule zum Fleiss und zur Tugend zu ermahnen. Interessanter ist das unter dem Namen »Atelier des Meisters« bekannte Bild, welches zwei Mal mit Veränderungen wiederholt wurde:
David modellirt die kolossale Büste von Tieck, und Vogel fixirt die im Sessel sitzen­de Gestalt des Dichters, um sie zu malen, hinter dem Maler blickt Graf Baudissin hervor, und zurück im Mittelgrunde stehen Baron v. Stackelberg und Geheimrath Dr. Carus. Das erste Bild erhielt Brockhaus in Leipzig, das zweite Herr v. Soudienko in Kiew, das dritte kaufte der König von Sachsen; auf den beiden letzteren sind Hofrath Böttiger, Professor Förster und Baron Unger-Sternberg hinzugefügt, und auf dem letzten ist an Dr. Carus Stelle der Kupferstecher Steinla getreten.

Von historischen Staffeleibildern dieser Zeit vor der zweiten italienischen Reise 1842 erwähnen wir: »St. Joseph von Calazans mit seinen armen Schulkindern am Altar«, in der Gymnasialkirche zu Brüx in Böhmen, eine veränderte Wiederholung dieses Gegenstandes in der katholischen Kirche zu Annaberg, »die Auferweckung des Lazarus«, im Besitz der Gräfin Einsiedel in Herrnhut, sowie eine etwas kleinere Darstellung desselben Bildes bei Herrn v. Soudienko in Kiew, »eine Madonna mit dem Kinde«, im Besitz der Frau General Tseffkin in St. Petersburg; 1835 kopirte er die Sixtinische Madonna von Raphael, welches Bild sich jetzt in der Gallerie zu Balti­more befindet.

Neben diesen religiösen und idealen Darstellungen entstanden auch einige genre­artige Bilder, in welchen Vogel sein Talent für treue und tiefempfundene Naturauf­fassung beurkundete. Ein Gemälde dieser Art malte er 1840, zwei kleine Mädchen, welche in der Gegend von Schandau auf einer Gartenmauer an der Elbe sitzen.

1834 machte Vogel eine Studienreise nach London. Im Frühjahr 1842 trat er seine zweite Römerfahrt an und verweilte in Italien bis zum Juni 1844. Der gereifte Meis­ter zählt diese Jahre seines zweiten Aufenthaltes in Italien zu den schönsten seines Lebens. Vor allem begeisterte ihn Dante, und 1844 stellte er zu Florenz im Studio alla candele sein elf Palmen hohes Bild »Dante in seiner Beziehung zur Divina Co­media« aus. Dieses schöne und reiche Gemälde, welches in einer zusammenhän­genden Reihenfolge von Bildern die Oekonomie und innere Gliederung der göttli­chen Comödie darstellt, fand in Rom und Florenz grossen Beifall, der Grossherzog von Toskana kaufte es für den Palast Crocetta und beauftragte zugleich den Künst­ler, sein eigenes Bild für die berühmte Florentiner Künstlergallerie zu malen. Die Akademie zu Florenz ernannte ihn zu ihrem Mitgliede und der Gelehrte G. B. Giulia­ni schrieb eine eigene Abhandlung (La divina Commedia di Dante Alighieri, dipinto del Sign. Carlo Vogel di Vogelstein. Discorso del P. Giamb. Giuliani. Roma 1844. Mit einem radirten Umriss.) über das Gemälde.

Ein betender heil. Carl Borromäus, nach der Todtenmaske gezeichnet, kam in Be­sitz des Baron v. Richthofen in Schlesien, eine kleinere Wiederholung erhielt Graf Kueffstein in Dresden, eine Sorrentinerin mit einem Lorbeerkranze Baron Speck v. Sternburg. Ganz besondern Beifall fand seine »Märtyrerin Perpetua im Gefäng­niss«, die in namenlosem Schmerze ihre Arme nach ihrem von der Wärterin getra­genen Kinde ausstreckt. Der Grossherzog von Toskana kaufte das Bild. Wiederho­lungen finden sich bei Herrn v. Soudienko in Kiew, bei Graf Zurowsky in Volhynien und bei Banquier Carl Heine in Hamburg, der auch einen betenden Evangelist Mat­thäus besitzt.

Nach seiner Rückkehr nach Dresden 1844 ging Vogel zunächst an ein Doppelbild aus dem fünften Gesange in Dante’s Hölle, Francesca von Rimini und Paolo Mala­testa, welche von den Stürmen umhergetrieben aufwärts schweben, und als Ge­genstück zu dieser düstern ergreifenden Scene, Francesca im Bade am waldbe­wachsenen Felsabhange; dort grausiger Sturm, Verdammung, Elend, hier Friede, Unschuld und Ruhe.

Als Gegenstück zu »Dante in seiner Beziehung zur göttlichen Comödie« wählte Vo­gel später Goethe’s Faust und gliederte dieses Bild analog dem des Dante in meh­rere Abtheilungen; oben erscheint Gott Vater auf dem Regenbogen, in der mittle­ren Abtheilung erblicken wir Faust in seinem Studirzimmer, in den kleineren Räu­men sind passende Momente der Dichtung dargestellt. Vogel vollendete dieses be­reits 1847 begonnene Bild 1852 zu Venedig, wohin er Weihnachten 1851 gegangen war. (Vergleiche die Augsburger Allgemeine Zeitung vom 15. August 1852. Von beiden Werken existiren kleinere Wiederholungen und eine Beschreibung in deut­scher wie französischer Sprache: Description de deux petits tableaux, repésentant, l’un l’histoire de Faust, poeme de Goethe, peint à Dresde en 1847, l’autre la divine Comédie du Dante, ce dernier la reproduction avec quelques changements en pe­tit du grand tableau au palais Pitti. – Eine andere hierher gehörige Schrift ist folgen­de: Die Hauptmomente von Göthe’s Faust, Dante’s divina Comedia und Virgil’s Ae­neide. Bildlich dargestellt und nach ihrem innern Zusammenhange erläutert von C. Vogel v. Vogelstein. Mit Kupfern von Volkert, Rohrdorf, Gonzenbach und Mayr. München 1861. fol.)

Vogel liebt Aufgaben, welche zu zusammenhängenden Bilderreihen Anlass bieten. Dahin gehört auch sein grosses Altarbild für die von Heideloff neu erbaute katholi­sche Kirche in Leipzig. Das Hauptbild zeigt die kolossale Gestalt des Heilandes, auf den Seiten sind die fast lebensgrossen Evangelisten und an der Predella die sieben Werke der Barmherzigkeit in chiar’ oscuro gemalt. Der Bau der Kirche kam durch milde Graben zu Stande und Vogel malte für diesen Zweck eine Allegorie in Aqua­rell: die Religion mit dem Kreuze, im Hintergrunde die neue Kirche, ringsum Ara­besken mit aus Blumenkelchen aufsteigenden Engeln, welche die Werkzeuge der Künste tragen.

1860 vollendete Vogel zwei colossale Christusbilder für die katholische Hofkirche in Dresden: den am Kreuze verschiedenen und den erscheinenden Heiland, beide en medaillon, im folgenden Jahre zwei grosse Oelgemälde: den Engel Gabriel und die heil. Jungfrau, ein Geschenk für die Kirche zu Franzensbad.

Als im December 1850 die Mitglieder der Dresdener Conferenzen zusammentra­ten, fasste Vogel den Entschluss, die hervorragendsten Persönlichkeiten derselben in einem Tableau darzustellen, ihre Zahl wuchs gegen den ursprünglichen Plan wäh­rend der Ausführung auf 28 an. Vogel zeichnete und malte sie zuerst nach der Na­tur, und dann, als er sie auf das Bild übertragen hatte, auf diesem selbst wieder nach dem Leben. Um die beiden Portraits des Herrn v. Manteuffel und des Fürsten von Schwarzenberg zu vollenden, musste der Künstler mit dem Bilde nach Berlin und Wien reisen. Ausser diesem Tableau nennen wir noch folgende in diese spätere Zeit fallende Portraits: Minister v. Beust und seine Gemahlin, Gräfin Kueffstein, Frau v. Hartmann, Frau Major Serre, Madame Jung, Radin Saleh und Prinz Boachi von Ashantee.

Im Jahre 1853, nach 34jährigem Dienste in der Königl. Akademie zu Dresden, wur­de Vogel auf sein Ansuchen in den Ruhestand versetzt und erhielt bei dieser Gele­genheit das Ritterkreuz des Albrechtsordens; bald darauf vertauschte er seinen Wohnsitz in Dresden mit München, wo sein Sohn eine Anstellung im Staatsdienste erhalten hatte. Dort erhielt er vom Grossherzog von Toskana den Auftrag zu einer Wiederholung seines grossen Faustbildes als Gegenstück zum Dantebilde im Palast Pitti. Später kaufte derselbe Fürst ein Oelgemälde, Christus mit einer Gruppe Kin­der. Unter vielen andern Bildern malte Vogel in München eine Kreuzigung Christi für die Kapelle in Hoddersville in Irland. Gegenwärtig hat er zwei grosse Altarbilder für die Kirche zu Altstetten im Allgäu beendet, die Kreuzigung Christi und die Ma­donna del Rosario mit dem heil. Dominicus, ein drittes wird den heil. Joseph mit dem Christkinde darstellen.

Im Jahre 1865 bei der Dantefeier in Florenz anwesend, fasste Vogel den Plan, die Enthüllungsfeierlichkeit der grossen Dantestatue in chiaroscuro zu malen und führ­te diesen Plan nach seiner Rückkehr aus. Das Gemälde ist durch eine Photographie vervielfältigt worden. Im Vorgrunde ist das Portrait des Königs Johann von Sachsen mit mehreren berühmten Staatsmännern angebracht, auf der andern Seite mehrere gelehrte Dante-Freunde, und ganz in der Ecke rechts auch das Portrait des Künst­lers. Ueber dem Hauptbilde ist ein kleineres ovales Gemälde, Dante von der Italia gekrönt, mit zwei Nebenbildern, in welchen Dante’s classische Gelehrsamkeit durch Homer, Aristoteles und Virgil, und das theologische Wissen durch die Bea­trice, St. Bernardus und St Tomaso angedeutet ist.

Gegenwärtig ist der unermüdlich thätige Künstler beschäftigt, die bedeutendsten Gleichnisse in Dante bildlich darzustellen.

Vogel hinterlässt sehr ausführliche Tagebücher von einer langen Reihe von Jahren, welche später durch den unausgesetzten Briefwechsel mit seinem Sohne ihre Fort­setzung gefunden haben. Er ist Mitglied der Akademien der bildenden Künste zu Berlin, Wien, St. Petersburg, Madrid, Kopenhagen, Pensilvanien, Florenz und Vene­dig, desgleichen von mehreren gelehrten Gesellschaften. Ganz neulich hat ihn der König von Italien in Hinblick auf seine unermüdliche Thätigkeit auf dem Gebiete der Dante-Verehrung mit dem Ritterkreuze des St. Mauritius-Ordens decorirt.

Bevor wir vom Meister scheiden, haben wir noch seiner berühmten, in ihrer Art fast einzigen Sammlung von Bildnissen kunstliebender Fürsten, Staatsmänner, Künstler, Kunstfreunde und Gelehrten der Gegenwart zu gedenken. Sie sind grösstentheils von ihm selbst nach der Natur gezeichnet und mit aller jener charakteristischen Schärfe dargestellt, die Vogels Bildnisse so vorteilhaft auszeichnet. Er begann diese Sammlung 1811 zu St. Petersburg, setzte sie auf seinen Reisen und nach seiner Rückkehr fort, so dass sich die Zahl derselben mit derjenigen, welche sich noch in seinem Besitze befinden, über 700 beläuft Im Jahre 1831 übergab er 253 Blätter als Geschenk an das K. Kupferstichkabinet zu Dresden, wofür König Anton ihn un­ter dem Namen Vogel von Vogelstein in den Adelstand erhob. Der Künstler liess in den Jahren 1831 und 1840 ein Verzeichniss drucken, da jedoch die Sammlung noch fortwährend bereichert worden ist, so wäre der Druck eines neuen Verzeichnisses sehr wünschenswerth. Nur wenige von diesen Blättern sind durch den Stich und die Lithographie bekannt.

Vogels Portrait kommt zu wiederholten Malen vor; von seinem »Atelier des Meis­ters« und seinem Bildniss in Florenz haben wir bereits gesprochen. Im Jahre 1828 von Körner und 1841 zu Rom von Paul Delaroche gezeichnet, findet man es in sei­ner berühmten Portraitsammlnng. J. M. Edlinger, jung verstorbener Schüler von Vo­gel, hat 1846 das in Florenz befindliche Bild radirt. Das Bild, wie er vor der Staffelei seinen Sohn ermahnt, ist durch einen kleinen Stahlstich in Heller’s Taschenbuch »Perlen« bekannt; das »Atelier des Meisters« wurde von E. Schuler als Briefvignette und in seiner spätern Gestalt von Payne für das Universum gestochen.

Dr. phil. Andreas Andresen: Die Deutschen Maler-Radirer (Peintres-Graveurs) des neunzehnten Jahr­hunderts, nach ihren Leben und Werken. Zweiter Band. Leipzig, 1867.


AA-93 (Vogel von Vogelstein)