Die Deutschen Maler-Radirer (1866) / t_1450

WILHELM von KOBELL.

Die Vorfahren der Künstlerfamilie Kobell, deren Name nicht blos in Deutschland, sondern auch in den Niederlanden einen guten Klang hat, wohnten im Anfang des 18. Jahrhunderts in Frankfurt am Main. Nachdem im Juni 1719 eine furchtbare Feu­ersbrunst einen grossen Theil dieser Stadt verwüstet hatte, verliessen zwei Brüder und Glieder dieser Familie die alte freie Reichsstadt, der eine, der Vater der beiden Maler Ferdinand und Franz und der Grossvater unsers Wilhelm, zog nach Mann­heim, wo er in der Folge im kurfürstlichen Finanzbureau angestellt ward, der ande­re ging nach Rotterdam und etablirte dort ein Handelsgeschäft mit englischem Por­zellan. Dieser wurde der Stammvater des niederländischen Zweiges dieser Familie und hinterliess zwei Söhne, Hendrik und Jan, die sich als Landschafts- und Thierma­ler unter den neueren holländischen Künstlern einen guten Namen erworben ha­ben.

Unser WILHELM von KOBELL wurde den 6. April 1766 zu Mannheim geboren und von seinem Vater Ferdinand, der das Amt eines Professors an der Kunstakademie dieser Stadt bekleidete, in den Anfangsgründen des Zeichnens und Malens unter­richtet, später vervollkommnete er sich durch das Studium der Bilder in der Mann­heimer und Düsseldorfer Gallerie, unter welchen vorzüglich die Gemälde Wouwer­man’s ihn anzogen. Sein reiches Talent brachte ihn auf der betretenen Bahn schnell vorwärts, so dass er seinen Lieblingsmeister Wouwerman sowohl in Zeichnung als in Compo­sition und Färbung glücklich nachzuahmen begann, ohne dabei seine künstlerische Selbstständigkeit zu opfern. Ländliche Scenen und Thierstücke waren die Vorwürfe, welche er sich wählte und die er bald in Oelbildern und Aquarellen, bald in Radirun­gen und Aquatintablättern mit getreuer Naturauffassung, markigem Pinsel, ge­schmackvoller und correcter Zeichnung bearbeitete. Später versuchte er sich mit Glück in Darstellung kriegerischer Scenen, wozu ihm die damalige Zeit reichen Stoff bot. So malte er im Auftrag Königs Maximilian I. von Bayern die Schlacht bei Hanau unter Wrede, welches Bild sich 1814 auf der Münchener akademischen Kunstausstellung befand, für den damaligen Kronprinzen die Schlachten bei Eck­mühl, Abensberg und Landshut und viele andere Schlachtenbilder, welche neben ihrem künstlerischen Werthe durch die zahlreichen in denselben angebrachten Por­traits berühmter Personen noch ein besonderes Interesse haben.

Sein Leben, nur der Kunst gewidmet, verfloss ohne bemerkenswerthe Ereignisse. Die Uebersiedelung seines Vaters nach München veranlasste auch ihn, in dieser Stadt seinen Wohnsitz zu nehmen, 1808 wurde er zum Professor an der Akademie der Künste ernannt, 1809 und 1810 hielt er sich behufs Studien für seine Schlach­tenbilder in Wien und in Paris auf, 1816 wurde er von seinem Monarchen durch Ver­leihung des Civilverdienst-Ordens der bayerischen Krone ausgezeichnet. In seinem spätern Leben scheint er die Kunst wenig mehr ausgeübt zu haben. Er starb nach einem glücklich durchlebten Alter in den Armen seiner beiden Kinder, als Künstler geehrt und als Mensch geliebt von Allen die ihn kannten, den 15. Juli 1855.

Seine Gemälde wurden in seiner Blütezeit von Kunstfreunden eifrig gesucht, er malte sie gewöhnlich auf Bestellung oder wusste sie auf privatem Wege an ihre Käufer zu bringen, so dass er die öffentlichen akademischen Ausstellungen selten beschickte. Sie sind aus diesem Grund in weiteren Kreisen weniger bekannt gewor­den als die Arbeiten anderer gleichzeitiger Künstler und wir glauben unsern Lesern einige Nachweise über jetzige Aufbewahrungsorte derselben schuldig zu sein. In der Neuen Pinakothek zu München: die Schlacht bei Hanau. In Schleissheim: die Schlacht bei Bar sur Aube 1814 (dieses und die Schlacht bei Brienne befanden sich 1817 auf der Münchener akademischen Ausstellung), die Belagerung von Kosel 1806; die Erstürmung von Glatz 1807; der Angriff der Russen bei Poglawi 1807; Landschaft mit zwei Reitern; ein Herr und eine Dame besteigen einen Kahn; ein Fuhrmann, der sich mit einem Weibe unterhält. Im Festsaalbau des Königl. Schlos­ses zu München: verschiedene Schlachtenbilder. Im Städelschen Institut zu Frank­furt: eine Heerde, die an einer hohen Mauer vorübergetrieben wird, vorn ein Hir­tenknabe, der seinen Hut in die Höhe wirft. In der Wagnerschen Sammlung zu Ber­lin: Viehstück, Rindvieh und Ziegen mit zweien sie hütenden Kindern, ruhig im Was­ser stehend, im Hintergrund Regen. 1820. Auf der Münchener akademischen Aus­stellung 1829: Gegend bei Tegernsee. In der Darmstädter Gallerie: Gebirgsland­schaft, zwei beladene Esel, ein Knabe und ein Hündchen; ein kleines Pferdestück. In Lütschena: Gewittersturm, ein Bursche reitet zwei Pferde aus der Schwemme. 1804. In Weimar: Jagdzug vornehmer Herren an einem bayerischen See. Bei Prehn in Frankfurt: zwei kleine Pferdestücke. Im Ferdinandeum zu Innsbruck: Landschaft mit Thierstaffage.

Nicht jeder Liebhaber hat Gelegenheit, Kobell aus seinen Gemälden kennen zu ler­nen, aus seinem ebenso reichen als schönen Kupferstichwerke kann ihn jeder ken­nen lernen. Dasselbe umfasst etwa 124 Blätter, die theils radirt, theils in Aquatinta gearbeitet sind, theils Originalzeichnungen des Meisters, theils berühmte Gemälde namhafter niederländischer und deutscher Maler reproduciren. Obschon er seine Nadel in seinen Originalradirungen mit Sorgfalt und Feinheit, mit Geist und spie­lender Leichtigkeit zu handhaben verstand, so verdankt er seinen kupferstecheri­schen Ruhm doch weniger diesen Erzeugnissen, als seinen Aquatintablättern, was noch um so höher anzuschlagen ist, als das mechanische Verfahren dieser Stechart mit grossen Schwierigkeiten verbunden ist. Wir bewundern nicht blos die vollkom­mene Ueberwindung dieser Schwierigkeiten, mehr seinen glücklichen Geschmack in der Wahl passender Stoffe und ganz besonders die getreue, charakteristische und ungezwungene Wiedergabe der Gegenstände, des eigentümlichen Charakters jedes Meisters und ihrer Schönheiten in Zeichnung, Anordnung und Farbe, anders im Berghem, anders im Wouwerman, anders im Roos.

Was die Anordnung unseres Katalogs betrifft, so bemerken wir, dass wir die Origi­nalradirungen des Meisters an die Spitze gestellt haben. Wo uns Abdrucksgattun­gen bekannt waren, haben wir nicht unterlassen, solche anzuzeigen. Von den Aqua­tintablättern, die alphabetisch nach den Malern geordnet sind, kommen manchmal unvollendete Probedrücke vor, zum Theil mit einer Zahlenscala behufs Abstufung der Töne im Rand. Auf eine Aufzählung dieser ziemlich wertlosen Probedrücke ha­ben wir selbstverständlich verzichtet.

Dr. phil. Andreas Andresen: Die Deutschen Maler-Radirer (Peintres-Graveurs) des neunzehnten Jahr­hunderts, nach ihren Leben und Werken. Leipzig, 1866.


23-13-20/21 (Kobell)