Die bildende Kunst in München (1842) / t_883

Karl Wilhelm von Heideck,
genannt Heidegger,

schildert mit Lebendigkeit einzelne Scenen des Volkslebens der verschiedensten Nationen, die er zu beobachten Gelegenheit hatte. Er ist im J. 1788 zu Saaralben in Lothringen geboren, wo sein Vater, der Sproße eines alten helvetischen Geschlech­tes, bei dem Schweizer-Regimente in Garnison stand, und dann in die Dienste des Herzogs von Zweibrücken übertrat. Nach dem Falle von Kusel, wo er angestellt war, kehrte er mit seiner Familie nach Zweibrücken zurück, wo sein Sohn Karl Wil­helm anfangs die gelehrten Schulen besuchte und zugleich im Zeichnen Unterricht erhielt. Darin übte er sich fortwährend und mit Vorliebe in Zweibrücken, wohin er sich mit seiner Mutter im Jahre 1799 begeben hatte, und auch in München, wo er im J. 1801 ankam, um sich hier in der Militärakademie zum Krieger zu bilden. Be­reits hatte er im Guachemalen, in der Tusch- und Aquarell-Manier große Fortschrit­te gemacht, als er im Jahre 1805 zum Lieutenant der Artillerie ernannt ins Feld zog, zuerst im Kriege gegen Preussen, dann im Jahre 1809 gegen Oesterreich und Tyrol kämpfte, darauf von Kampfeslust getrieben freiwillig den französischen Feldzügen in Spanien und Portugal beiwohnte, dann nach dem ersten Pariser-Frieden im Ge­folge des Kronprinzen Ludwig von Bayern nach England ging, dem Kongresse in Wien beiwohnte und im Herbste des Jahres 1816 als Grenzberichtigungs-Commis­sär zwischen Bayern und Oesterreich eine Zeit lang in Salzburg und der Umgegend weilte.

Während dieses vielfach thätigen und bewegten Lebens war ihm die Uebung in der Kunst eine angenehme Erholung und, allein an die Natur gewiesen, suchte er die mannichfaltigen Erscheinungen bei den verschiedenen Völkern, zu welchen ihn das Schicksal geführt, in charakteristischen Skizzen, die er später ausführte, zu schil­dern und die flüchtigen gleichsam festzuhalten. Auf diese Weise entstanden seine vielen Zeichnungen nach der Natur, in welchen er ernste kriegerische, ländliche und heitere Scenen mit treuer Auffassung der landschaftlichen Umgebung und des Kli­ma, so wie der physiognomischen Nationalverschiedenheit der Völker und ihrer ei­genthümlichen Tracht und ganzen Lebensweise, bald in einzelnen Gestalten, bald in schön geordneten Gruppen darstellte: angenehme Denkblätter seiner Ergebnis­se und Anschauungen, voll Geist und Lebendigkeit.

Schon in Spanien hatte er sich auch der landschaftlichen Schilderung zugewendet und die ältere und neuere Bauart jenes Landes nach ihren äußeren Formen und in­neren Einteilung gründlich zu erkennen gesucht und sie vielfach in seinen Zeichnun­gen und in den nachmals ausgeführten Gemälden auf das Treueste und Glücklichs­te hervorgehoben, wie die Brücke von Cuenca mit der Ansicht eines Theiles dieser Stadt, den römischen Triumphbogen des Hadrian, bei welchem eine spanische Guerilla zu Pferd von französischen Reitern verfolgt wird; noch entschiedener er­griff er aber die landschaftliche Schilderung während seines Aufenthaltes in Salz­burg und nach demselben, da die großartigen mannichfaltigen Gebirgsformen, die lieblichen Thäler und Matten und die üppige Pflanzenwelt jener Gegend seine Phantasie mit den anmuthigsien Bildern erfüllt und einen unvergeßlichen Eindruck in seinem Gemüthe zurückgelassen hatten.

Erst im Jahre 1816 begann er die Uebungen im Oelmalen, überwand mit ausdau­erndem Fleiße die Schwierigkeiten und bewegte sich bald frei in dieser Art der Darstellung, so daß er schon bis zu dem Ende des Jahres 1825 an siebzig Staffelei­gemälde vollendet hatte, theils Scenen aus seinen reichen Lebensanschauungen der mannichfaltigsten Art, theils Landschaften, verschieden nach ihrem ernsten oder heiteren Charakter: Felsenthäler oder angenehme Ebenen, jede mit Figuren im Vordergrunde – einer der Landschaft angemessenen Staffage – belebt und mit der jede Tages- und Jahreszeit klar bezeichnenden Luft-, Licht- und Pflanzen-Er­scheinungen. Landschaft und Handlung, aus der Menschen- oder Thierwelt, vor Al­len liebt auch er, Pferde darzustellen, sind stets auf das Innigste miteinander ver­bunden und ergänzen sich wechselseitig; die Gruppen sind lebendig gefällig ge­ordnet.

Eine neue Welt zu lebendigen Darstellungen eröffnete sich ihm während seines Aufenthaltes in Griechenland, wohin er zuerst aus freiem Antriebe im Jahre 1826 als Philhellene gegangen war und dort am Kampfe des edlen Volkes gegen die Tür­ken Theil nahm und die verschiedenartigsten Aeußerungen des kriegerischen, öf­fentlichen und häuslichen Lebens zu Wasser und Land zu beobachten Gelegenheit hatte; dann als er im J. 1832 als Mitglied der Regentschaft dahin zurückkehrte und mehrere Jahre dort, in dem ihm angewiesenen Wirkungskreise thätig, verweilte. Seit dieser Zeit hat er mit Vorliebe belebte Scenen aus Griechenland dargestellt, besonders die Kämpfe des zur Freiheit erwachenden Volkes: das freie Leben der Palikaren in ihrer reichen, eigenthümlichen Tracht, sonnenverbrannt, zum beständi­gen Kampfe gerüstet. Hier lagern sie auf den Ruinen einstiger Größe von Hellas; hier vergnügen sie sich an Lautenspiel und Tanz; dort sind sie im glühenden Streite mit den Türken geschildert, und jedes Volk zeigt die ihm eigentümliche Physiogno­mie, Gewandung und Art des Kampfes; die Türken zu Roß anstürmend, mit dem krummen Säbel und mit Pistolen angreifend; die Palikaren zu Fuß, mit dem langen Feuerrohre sich verteidigend. Auf einem anderen Bilde sind Palikaren und Philhelle­nen verschiedener Nationen im Lager vor Athen in bunter Mischung traulich zu ein­ander gesellt, in mannichfache Gruppen vertheilt; hier schildert er den belebten Marktplatz in Athen; ein anderes Mal aber nur eine einfache friedliche Scene: wie ein Greis mit seinem Enkel im Schatten an einem Brunnen sitzt, daneben die junge Frau mit ihrem Säugling, weiter ab der Vater steht, welche Beide dem Gespräche und der Unterhaltung Jener zu lauschen scheinen. Oder wie hier die Türken eine griechische Verschanzung angreifen, heiß der Kampf und die Verteidigung glüht, wie die Massen und einzelne Gruppen und Gestalten die Aufmerksamkeit auf sich lenken, theilen und wieder vereinigen; wieder ein anderes Bild schildert ein Ge­fecht zwischen griechischen und türkischen Reitern; andere dagegen das Leben der Seeräuber, jetzt, wie sie auf Beute lauern; dann, wie sie verfolgt sich in eine Bucht retten.

Mit derselben technischen Fertigkeit und Wahrheit gibt er auch Bilder, in welchen das Architektonische und Landschaftliche als die Hauptsache hervortritt: Brunnen, wohlummauerte, welche aus früherer Zeit herstammen und die als wahre Denkmale erscheinen, mit dem eigenthümlichen landschaftlichen Hintergrunde und den sie umgebenden Bäumen und Gebüschen; Thore; das Gewölbe in den alten Kaiserpa­lästen zu Rom; Hirten mit mancherlei Vieh. Zuweilen läßt er der heiteren Laune frei­es Spiel, wie in der Schilderung einer Scene, da ein Viergespann kräftiger Hengste, durch ein Gewitter scheu gemacht, brausend dahinstürmt und der Bauernbursche sie vergebens zu zügeln sich bemüht; und in einer Scene aus Victor Hugo’s Notre Dame zu Paris, da der alberne Philosoph bei nächtlicher Beleuchtung von den Gau­nern, in deren wildtobende betrunkene Gesellschaft er gerieth, so eben an einem Balken soll aufgehängt werden.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.


AA-35 (Harlander & Heideck)