Die bildende Kunst in München (1842) / t_876

Max Haushofer, geboren 1811 zu Nymphenburg, wo sein Vater, ein geschickter Zeichner, Schullehrer war, bildete sich, nachdem er den eigentlich gelehrten Studi­en an der Universität entsagt, ganz allein durch sich selbst ohne die akademische Vorbildung zum Meister in der landschaftlichen Darstellung, gleich anfangs die Na­tur selbst zur Führerin sich erwählend.

Seine Bilder beschränken sich nicht auf die Ausführung und Nachbildung einzelner, still abgeschiedener Felsen- oder Hochthäler; sie sind wahrhaft große Landschaf­ten, die sich meilenweit mit reichem Vor-, Mittel- und Hintergrunde vor dem Blicke ausbreiten, in welche man gleichsam wie von einerHöhe herab hineinzuschauen, sich heimlich zu fühlen meint: es ist die Hochebene Bayerns, die reiche, gesegnete, mit ihren Flüssen und Seen, Schlössern, Dörfern und Weilern, und den in den schönsten Wellenlinien sich hinziehenden, vom blauen Duft der Ferne umhauchten Hochgebirge im Hintergrunde, was dieser Künstler vorzugsweise und mit dem Ge­fühle darzustellen pflegt, welches deutlich ausspricht: das ist mein Vaterland!

Besonders gefällt er sich am Chiemsee, und schildert ihn mit seinem Kranz von Ge­birgen und dem mannichfachen Vordergrunde im verschiedensten Lichte, zu den verschiedensten Jahres- und Tageszeiten. Hier auf diesem Bilde liegt der See mit seinem schönen Wellenspiegel und seinen beiden Klöstern, Herren- und Frauen Chiemsee, im Mittelgrunde, eingeschlossen vom Kranz der hohen Gebirge, die im hellen Sonnenscheine glänzen; es ist Mittag, und die Sonne scheint warm aus rei­nem Himmel; nur einzelne Wolken, die man sich diesseits des Bildes denken muß, werfen ihre Schatten über die Waldungen und Matten des Vor- und Mittelgrundes. Auf einem andern Bilde schildert er jene Gegend im Reiz des lieblichen Frühlings; darum der Vordergrund dieses Mal überaus reich, mannichfaltig, und in das Ein­zelnste ausgeführt. Durch das wallende, duftende Getreidfeld zieht sich ein Steig hin, ein anderer durch die blumigen Matten, und auf beiden wandeln Menschen; die ganze Natur prangt wie neuerstanden: das Laub des Waldes wie frisch! die Luft wie rein! Ein köstlicher, milder Himmel umarmt die ganze Landschaft, und herein, weither vom Hintergrunde, schauen die Hochgebirge in die glückliche Landschaft. Oder er schildert diese Gegend, stets von einer andern Seite her betrachtet, zur Seite der Sommer Aernte; eine andere Hochebene mit Seen in der Ferne und dem Gebirg, im Mittelgrunde aber ein stattliches Schloß auf einem waldbewachsenen Hügel, und im Vordergrunde Hain und Quellen.

Auch in seinen italienischen Landschaften gibt er stets ein großartiges Bild, und schildert mit warmem Pinsel den Charakter einer Gegend, indem er einen hohen Standpunkt zur Uebersicht wählt, und dahin auch den Beschauer des Bildes stellt. Seine Fernsichten und das klare Licht, in dem dieselben erscheinen, sind von der angenehmsten Wirkung.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.


33-13-10 (Haushofer)