Die bildende Kunst in München (1842) / t_862

Franz Hanfstängel, der Sohn eines Bauers, geboren 1804 zu Bayernrain im Hochlan­de Oberbayerns. Erst in seinem zwölften Jahre und mit wenigen Vorkenntnissen kam er nach München, besuchte hier die zweckmäßig eingerichtete Feiertags- und Zeichnenschule, und zeichnete sich durch Fleiß und Fortschritte bald so aus, daß der Professor Mitterer, welcher die Vervollkommnung der Lithographie und ihre Anwendung zu eigentlichen Kunstzwecken auf das Eifrigste und Glücklichste durch immer erneute Versuche erreicht hatte, den fähigen Jüngling immer mehr an sich zog, bildete und ganz der Kunst zuführte. Hanfstängel besuchte die Akademie und widmete sich dann ausschließlich der Lithographie, in welcher er das Trefflichste leistete, was diese Kunst bisher in Deutschland, ja überhaupt hervorbrachte. Zuerst gab er sehr gelungene Porträte, dann wagte er sich an die Nachbildung von Oel­gemälden, deren Kraft und harmonische Farbenwirkung er durch lange Uebung und die sorgfältigste Ausführung glücklich wieder in so zart abgestuften Licht- und Schattentönen zu erreichen wußte, daß man wirklich ein Gemälde zu sehen glaubt, wenn man seine auf Stein ausgeführten Bilder betrachtet. Mit der Klarheit und dem charaktervollen Ausdrucke in den Köpfen verbindet er die glänzendste Behandlung der Gewandung, und die schillernden Seidenstoffe, Leichtigkeit und Schwere sind auf das Täuschendste ausgedrückt, und das Urbild des Malers in seiner geistigen Auffassung und ganzen Eigenthümlichkeit wiedergegeben, wie die herrlichen Blät­ter zeigen, die er aus der Gallerie in Dresden gab, wo er sich seit dem Jahre 1835 befindet. Kaum ist einem anderen Lithographen, außer ihm, gelungen, den Zauber des Helldunkels, die Silberklarheit des Tones, die feine Charakteristik seines Origi­nals, den eigenthümlichen Vortrag, das Glatte und Markige, Leichte und Derbe des Pinsels vermittelst der Kreide so kenntlich wiederzugeben, und den Meister in sei­ner ganzen Eigenthümlichkeit, so weit dieses nur immer durch bloße Abstufung der Lichter und Schatten geschehen kann, nachzubilden.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.


02-07-37 (Hanfstaengl & Schwartz)