Die bildende Kunst in München (1842) / t_820

Wilhelm Gail,

geboren 1804 zu München, besuchte zuerst die lateinische Schule und trat dann in die Bauschule der k. Akademie über, 1817. Nach tüchtigen Studien in diesem Kunstzweige wendete er sich zur Malerei, verließ die Akademie im Jahre 1822 und bildete sich vorzüglich unter der Leitung seines Schwagers Peter Heß unermüdet weiter. Scenen aus dem bayerischen Gebirgsleben stellte er am liebsten dar.

Im Frühjahre 1825 begleitete er den Freiherrn von Malzen auf einer Reise durch Sa­voyen und Piemont und zeichnete für denselben dreizehn Blätter auf Stein, welche nachmals unter dem Titel »Römische Denkmäler in den Staaten von Sardinien« er­schienen. Zugleich führte er mehrere kleinere Steinzeichnungen aus, Volksscenen von Genua, und begab sich darauf nach Rom. Von hier aus wanderte er zweimal nach Neapel, um die Sitten der Einwohner zu beobachten und in Bildern wieder zu geben; er machte Ausflüge nach Pesto, wo ihm die Tempelruinen so sehr gefielen, daß er im Neptunstempel acht Tage lang verweilte und die schönsten Ueberbleib­sel sorgfältig zeichnete, bis ihn das Fieber zwang sich nach Neapel und Rom zu­rückzubegeben. Nach seiner Rückkehr führte er in München mehrere kleinere Oel­bilder seiner in Italien gesammelten Skizzen aus, und gab unter dem Titel: Erinne­rungen an Florenz, Rom und Neapel, ohngefähr dreißig Zeichnungen auf Stein her­aus.

Im Jahre 1830 besuchte er Paris und einen Theil der Normandie, im folgenden Jah­re Venedig, und widmete sich dann ausschließlich der Architekturmalerei. Da Domi­nik Quaglio in der Darstellung der mitteldeutschen Baudenkmäler großen Ruhm er­worben hatte, wollte Gail sich durch die treue Schilderung eines anderen Baucha­rakters eben so auszeichnen, und er begab sich deswegen im Jahre 1832 nach Spa­nien, die Maurischen Denkmale zu zeichnen. Obgleich die Reise mit großen Schwie­rigkeiten verbunden war, blieb er seinem Plane treu und weilte längere Zeit zur Aufnahme der vorzüglichsten Gebäude aus jener Maurischen und nachfolgen­den Periode in den wichtigsten Städten Spaniens, und kehrte nach einem Jahre nach München zurück, wo seine Zeichnungen die allgemeine Theilnahme der Kunst­freunde erregten und die Schilderung eines Stiergefechtes in einer Reihe von Dar­stellungen lebhaften Beifall erhielt.

Seitdem gibt er in vielen Oelbildern die Ansichten Maurischer Gebäude, oder der von ihnen eingeschlossenen Höfe, und läßt die Baudenkmale, welche die Araber einst in Spanien errichteten, in der Schilderung der köstlichen Ueberreste bewun­dern: die luftigen Bogen auf den schwachen, rohrförmigen Säulchen, die Marmor­brunnen und Bäder, oder er führt uns in die stillen und öden Gänge alter Klöster, oder in feierliche Kirchenhallen, oder auf die steilen Bergeshöhen, auf denen Ein­siedeleien thronen. Zuweilen gibt er auch durch eine architektonische Verzierung und Oeffuug, durch die säulengetragenen Vorhallen, eine überraschende und ent­zückende Aussicht auf Meer und Gebirg, welche im warmen Lichte des Südens schimmern. Bekannt ist sein Löwenhof im Schlosse Alhambra bei Granada. In der Mitte der Säulenhallen, welche den Hof umgeben, versendet ein Brunnen mit dop­pelten Becken, die von zwölf steinernen Löwen getragen werden, Wasser nach ver­schiedenen Richtungen hin. Die ganze glänzend phantastische Pracht des mit Stuk­katur und Mosaik reich geschmückten Palastes aus dem dreizehnten Jahrhunderte wird hier sichtbar; dazu kommt der Zauber des Lichtes, die üppige Pflanzenwelt, eine Gruppe von spanischen Frauen und einem Sänger, welche sich auf reichem Teppich im Schatten der Halle um eines der acht kleinen Bassins gelagert haben, die in den verschiedenen Theilen des Hofes Kühlung verbreiten.

Ein anderes Bild schildert die Vertheidigung und Erstürmung des Klosters S. Juan de los Reyes in Toledo. Die Wölbungen des im mitteldeutschen Style erbauten Kir­chenschiffes stürzen zusammen, an den Säulen des Schiffes sind die Heiligenbilder aus Stein, zertrümmert, sichtbar; durch eine weite Oeffnung erblickt man den lich­ten Himmel und den Thurm der Kirche. Schutt und rauchende Trümmer bedecken den Mittelgrund, auf welchem sich verschiedene kriegerische Gruppen zeigen; vor allen zieht den Blick auf sich ein Mönch, der sich um einige verwundete Franzosen bemüht. Der Vordergrund ist im Reflexlicht gehalten.

Einen ganz eigenen Eindruck machen in seinen Schilderungen von Klostergängen und Kirchen die Gruppen von Geistlichen und Mönchen, die sich wenig von Statuen unterscheiden.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.


05-16-09 (Gail)