Die bildende Kunst in München (1842) / t_817

Friedrich von Gärtner.

Er stammt von einer erfindsamen Künstlerfamilie ab, ist im Jahre 1792 in Koblenz geboren, wo sein Vater Johann Andreas als Hof-Baudirektor im Dienste des Chur­fürsten von Trier stand, und kam mit diesem während der Kriegsbewegungen jener Zeit nach Würzburg zu dem Fürstbischöfe, der den Vater sogleich in derselben Ei­genschaft und Wirksamkeit anstellte. Als dieses Fürstenthum im Jahre 1804 an Bay­ern fiel, wurde er als Hofbau-Intendant nach München berufen, wo sein Sohn Fried­rich anfangs die gelehrten Schulen besuchte, dann sich ausschließlich der Kunst zu­wendete, und an der Akademie der bildenden Künste sich neben der Malerei dem Studium der Architektur widmete, und sich dieser endlich ganz hingab.

Seine hier erworbenen, mehr theoretischen als praktischen, Kenntnisse suchte er durch eigene Anschauung der vorzüglichsten Gebäude im Auslande zu berichtigen und zu vermehren, und begab sich deswegen im Jahre 1812 nach Paris, wo er seine Studien an der dortigen Akademie unter Percies fortsetzte, dann im Jahre 1814 durch Deutschland nach Italien, wo er vier Jahre lang weilte, und besonders seine Forschungen auf Neapel und Sicilien ausdehnte. Hier suchte er die Reste der grie­chischen Baudenkmäler nach ihren schönen äußeren Formen und in ihrem inneren Wesen zu ergründen, und nahm vorzüglich von den Tempeln zu Girgenti, Segesta und Taormina genaue Zeichnungen, die er dann nach seiner Rückkehr in München unter dem Titel: »Ansichten der am meisten erhaltenen griechischen Monumente Siciliens im Steindruck, mit Erläuterungen« im Jahre 1819 herausgab.

Weil er damals in Bayern wenig Beschäftigung fand, um sich als Baumeister beson­ders in größeren Unternehmungen zu zeigen, reiste er über Holland nach England, wo sich ihm ein weites Feld zur Thätigkeit in seiner Kunst zeigte, daß er schon ent­schlossen war, sich dort bleibend anzusiedeln, als ihn schon im Jahre 1820 der Ruf als Professor der Baukunst an der Akademie nach München zurückführte, wo er seitdem, seine Reisen nach Italien und Griechenland ausgenommen, die er im Ge­folge des Königs Ludwig oder allein machte, in vielfacher Beziehung erfolgreich thätig wirkte.

Mit ganzer Hingebung widmete er sich anfangs seinem Berufe als akademischer Lehrer, da es ihm noch lange nicht gewahrt wurde, sich als praktischen Baumeister zu zeigen, und suchte seine Schüler mit dem Wesen der verschiedenen Baustyle überhaupt, so wie mit den Grundbedingungen jedes Baues vertraut zu machen, um mit innerer Zweckmäßigkeit Dauerhaftigkeit und angenehme Formen zu verbinden. Wohl zunächst für seine Schüler erschienen in dieser Absicht von ihm: Römische Bauverzierungen nach der Antike auf Stein. München, 1824.

Im Jahre 1822 wurde ihm die oberste Leitung über die artistischen Theile an der k. Porzellan-Manufaktur und über die eben damals an jener Anstalt zugleich aufblü­hende Glasmalerei übertragen, wodurch die beiden Anstalten wesentlich gefördert wurden. Da er, der tüchtige Kunstkenner der Alten und treffliche Zeichner die For­men und Verzierungen der Vasen und anderer Gefäße nach den schönen anspre­chenden Mustern der Alten angab und verfertigen ließ, und zu diesem Zwecke eine »Auswahl von Vasen und Gefäßen auf Stein gravirt« herausgab – München, 1825; so erhob sich mit dem gesteigerten Absätze die Thätigkeit an der Porzellan-Manufak­tur bedeutend, und Gärtner darf mit Recht als einer ihrer vorzüglichsten Förderer angesehen werden.

Mit dem Jahre 1829 endlich trat er in entschiedener Weise als Baumeister auf und wendete sich dem Rundbogenstyle zu, den er für unsere klimatischen Verhältnisse und die geselligen Bedürfnisse, so wie zur Entwicklung einfach schöner und kräfti­ger Verhältnisse seiner Bauten nach Innen und Außen am geeignetsten hielt. Indem es ihm gewährt wurde, die von Klenze begonnene Ludwigsstraße weiter zu führen, und in dieser großen Straße eine Menge Gebäude aufzuführen, von welchen meh­rere öffentlichen Zwecken gewidmet sind, konnte er wirklich ein Kunstwerk aus ei­ner Reihe von Kunstwerken bilden, wie dies wenigen Baumeistern zu Theil gewor­den. Mehrere große Bauten von ihm bilden den Ausgang jener Straße und gewäh­ren einen überraschenden Anblick.

Das Bibliothekgebäude, welches die k. Hof-und Staats-Büchersammlung und im er­höhten Erdgeschoße das Staatsarchiv aufzunehmen bestimmt ist, schließt mit sei­nen vier Flügeln zwei Höfe ein, die durch das herrliche Stiegenhaus von einander geschieden werden. Das Gebäude erhebt sich, bei einer Länge von 520 Fuß, 84 Fuß hoch über den Plan der Straße in zwei Stockwerken über dem Erdgeschoße mächtig emporragend. Der Unterbau dieses massiven Baues ist bis zum Brustge­sims, auf welchem die Fenster des Hauptstockes ruhen, mit dem Sockel 36 Fuß hoch. Das Dachgesims bildet mit seinen, durch kleine Bogen verbundenen Tragstei­nen und den blattartig geformten, roth eingefaßten, gelblichen Dachziegelfortsät­zen einen glänzenden kronenartigen Schmuck, der das Dach verdeckend um so vortheilhafter wirkt. Die Vorderseite zieren drei große Thore in der Mitte, (zu wel­chen man von beiden Seiten über eine breite zwölf Stufen hohe Stiege gelangt, de­ren Geländer mit vier kolossalen Statuen: Homer, Thukydides, Aristoteles und Hippokrates geschmückt ist), und über den Thoren nach beiden Seiten hin fünf und zwanzig hohe Bogenfenster, welche durch hölzerne, dem Ganzen entsprechend ausgearbeitete, Fensterstöcke in zwei kleinere Bogen getheilt werden. Das Erdge­schoß ist gewölbt. Das ganze Gebäude ist seiner Bestimmung gemäß sehr zweck­mäßig eingerichtet und geschmackvoll, wenn auch nur einfach verziert. Besonders heiter erscheint der große Lesesaal, dessen Decke von Säulen getragen wird, am äußersten Ende des rechten Flügels. Von hier aus ist die natürlichste Verbindung mit den rückwärts stehenden Flügeln zum Bücherholen für die Diener hergestellt; die kostbaren Manuskripte befinden sich am äußersten linken Hauptflügel. Jeder Büchersaal enthält zwei Gallerien mit Aufschlagpulten übereinander, so daß jedes Buch ohne Anwendung einer Leiter bequem erreicht werden kann. Die nöthigen Zimmer für die Kustoden der Bibliothek u. s. w. sind in der Nähe des Lesesaales passend vertheilt.

Diesem Gebäude zunächst erhebt sich die Ludwigskirche, mit jenem im eigenthüm­lichen Style, obwohl nach byzantinischen Mustern ohne sklavische Nachahmung er­baut. Die Breite der Hauptseite dieser Kirche, an welche sich rechts und links die beiden, vierseitig in Pyramidenform aufsteigenden Thürme und darauf offene Säu­lengänge, mit dem Pfarrhause aus der einen, und einem zum Schulhause bestimm­ten Gebäude aus der andern Seite anschließen, beträgt 150 Schuh und ist mit den Thürmen, deren jeder gegen 236 Schuh hoch ist, ganz aus massiven Quadern von weißem Kalkstein aufgeführt, während die Seitenwände nur einen der Hauptseite gleichförmigen Ueberzug haben. Der mittlere Theil dieser Hauptseite erhebt sich zu einer Höhe von 110 Sch. und theilt sich nach der ganzen Breite in fünf Theile: das Mittelschiff, die Seitenkapellen und die beiden Thürme; die mittlere Facade, ohne die Thürme, durch zwei fortlaufende Friese von schönem Laubwerk von Un­ten nach Oben in drei Theile getheilt. Den unteren bildet die von Säulen getragene offene Vorhalle, zu der man auf 11 Stufen emporsteigt, den mittleren die fünf Ni­schen mit den kolossalen Statuen: Christus in Mitte der vier Evangelisten; den obern eine Rosette und das Hauptgesims von Blumen, welche, konvex und konkav gearbeitet, Luft und Licht durchspielen lassen und sich wie ein Kranz an das Gesims ansetzen. An den beiden Enden des Giebels stehen die kolossalen Statuen Petrus und Paulus, und auf der Spitze desselben ein Kreuz. Jene beiden Friese und die Bo­gen über den Nischen sind mit architektonischen Arabesken, die aus der Fläche des Steins herausgearbeitet sind, angenehm verziert. Das Dach ist mit bunten Zie­geln gedeckt, welche sich der Architektur harmonisch anschließen, so daß es sich wie ein gewirkter bunter Teppich über die Kirche hinbreitet. Der Grundstein zu die­ser Kirche, deren Grundbau ohne die Thürme die Form eines lateinischen Kreuzes bildet, wurde am 25. August 1829 gelegt.

Darauf folgt das Gebäude für das Priester-Seminar und jenes der Erziehungsanstalt für adeliche Fräulein; ihnen gegenüber das neue Universitäts-Gebäude, die mit ihren Facaden und Flügeln einen großen und viereckigten Platz bilden, welcher von der Hauptstraße durchschnitten und mit einem Obelisken von vier kolossalen Lö­wen geschmückt wird. Zwei Seiteneingänge mit eigenen Stiegenhäusern und in der Mitte der Haupteingang mit dem grossen heiteren Stiegenhause, dessen Pracht noch durch hohe Fenster mit Glasmalereien erhöht wird, führen in das Innere des Universitätsbaues. Der ganzen Länge nach zieht sich im Erdgeschoße wie in den beiden oberen Stockwerken der große lichte Gang, rückwärts liegen die geräumi­gen und hohen Hörsäle, in dem einen rückwärts zu verlängerten Seitenflügel finden sich im Erdgeschoße die chemischen und physikalischen Versuchs- und Lehrsäle, im ersten Stocke darüber der große Versammlungssaal, geschmückt mit den Bildnis­sen der Gründer und Förderer der Universität. An der Facade sind zwischen den Fensterreihen die Bildnisse der berühmtesten verstorbenen Gelehrten dieser Uni­versität in Medaillonform angebracht, und ringshin zieht sich der schöne Gesims­kranz aus weißem Kalkstein.

Unmittelbar an dieses Gebäude schließt sich jenes, welches zur Aufnahme der k. Bergwerks- und Salinen-Administration bestimmt ist, darauf folgen die Gebäude für die Blindenanstalt und das Damenstift, jedes nach seinem besonderen Zwecke in seinen inneren Räumen ausgeführt und mit wohlgefälligen äußeren Formen, so daß dieselben miteinander einen erfreulichen heiteren Anblick von schöner Regel­mäßigkeit gewähren.

Gärtner entwarf auch den Plan zur Residenz des Königs von Griechenland in Athen, zu dem Saale und den Arkaden im Badorte Kissingen, zur Wiederherstellung und Verschönerung des Isarthores in München, zu der Kirche und dem Mutterhause der barmherzigen Schwestern daselbst, so wie zu noch mehreren anderen Gebäuden, und zu dem Gebäude mit offener Säulenhalle, welches die Häuserreihe zwischen der Residenz- und Schwabingerstraße gegen den Odeonsplatz hin prachtvoll schließt. Vor demselben werden die Statuen der bayerischen Feldherren Tilly und Wrede in Erz gegossen aufgestellt.

So wirkt dieser Künstler, mit dem Civilverdienst-Orden geschmückt und zum Ober­baurath und General-Inspektor der architektonischen und plastischen Kunstdenk­mäler in Bayern ernannt, besonders als Baumeister, Lehrer und Gründer einer zahlreichen Schule, die in seinem Geiste fortwirkt.

Bei dem Entwurfe und der Ausführung aller seiner Bauplane erscheint das Streben: unserem Klima, unseren häuslichen und geselligen Verhältnissen angemessene Ge­bäude herzustellen, welche zugleich, ohne den griechischen Styl nachzuahmen, die Entfaltung und Vereinigung der drei bildenden Künste gestatten. Der Graf Raczins­ky sagt in seinem Werke über die neuere Kunst von ihm: »Gärtners Werke gleichen Reden mit angemessener wohllautender Stimme gesprochen, in welchen richtiger Ausdruck, Ueberredung und tiefe Gedanken sich vereinigen.«

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.


NA-175 (Gärtner)