Die bildende Kunst in München (1842) / t_795

Philipp Foltz,

der Sohn eines Malers aus Bingen, geboren am 11. Mai 1805, ward früh schon durch die herrliche, ihn umgebende Natur, die großartigen Bauüberreste jener Ge­genden, die überall wie Geisterstimmen zu einem empfänglichen Gemüthe spre­chen, und durch die Arbeiten seines Vaters der Kunst zugeführt. Zwar besuchte er eine Zeit lang die lateinischen Schulen in Mainz, fing aber bald an, mit rastlosem Ei­fer zu zeichnen und seine inneren Anschauungen in Bildern auszudrücken. Die wun­derlieblichen Sagen des Rheinlandes, die Burgen und Dome umher übten einen un­gemeinen Zauber auf die Einbildungskraft des Jünglings, und er strebte, jene Mär­chenwelt in Bildern wiederzugeben.

Hinlänglich herangebildet wollte er nach Düsseldorf zur eigentlichen Kunstentwick­lung wandern, da er von den Darstellungen des Cornelius zu Göthes Faust und den Nibelungen, mächtig ergriffen war; als der Meister nach München berufen wurde. Doch er zog ihm nach, und brachte als Zeugnisse seiner Leistungen sechzehn Blät­ter aus Schillers Wilhelm Tell in Steindruck und andere vielversprechende Entwürfe und Zeichnungen mit. Das jugendlich mit aller Lebenskraft sich entwickelnde Kunst­streben so vieler Genossen wirkte auch erregend auf ihn; er übte sich in der Fres­komalerei zuerst unter Cornelius Anleitung in der Glyptothek, dann in den Arkaden des Hofgartens, wo er nach seinem eigenen Entwurfe und selbstständig eines der schönsten und gelungensten Bilder der ganzen Reihe vollendete, darstellend: die Gründung der Akademie der Wissenschaften durch den Churfürsten Maximilian III.

Darauf übernahm er im Königsbau den Saal, der zur Ausschmückung mit Darstel­lungen aus Schillers Gedichten bestimmt war, und theilte mit Lindenschmitt die sämmtlichen Arbeiten desselben. Dann aber wendete er sich entschieden der Oel­malerei zu, worin er gewissermassen sein eigener Lehrer ward, und bald wußte er mit kühnem und zartem Pinsel die lieblichsten Gestalten voll Natur und Anmuth darzustellen. Bei der Wahl seiner Gegenstände erscheint er als wahrer Romanzen­dichter, und es ist, als seien die Gebilde und Sagen seiner Jugend lebendig gewor­den, und erstünden in frischer Klarheit, so wie er auch jeder Erscheinung, jedem Er­eignisse der Gegenwart eine schöne, durch die Darstellung jeden Beschauer ge­winnende, Seite abzulauschen und wiederzugeben versteht.

Dieses zeigte sich schon in den ersten Oelgemälden, in welchen er bei warmer Ausführung der Landschaft einen interessanten, balladenartigen Stoff auf das Ge­lungenste behandelte, wie in jenem Bilde, welches eine Sullotin darstellt, die in der Morgendämmerung für ihren todesmüden und auf seinem, eine weite Aussicht gewährendem, Posten eingeschlummerten Vater Wache hält, während verwundete Griechen in mancherlei Stellungen umherliegen; oder in jenem Gemälde, das einen kräftigen Jägerburschen darstellt, der hoch oben auf der Bergeskuppe sitzend voll Sehnsucht und Wehmuth den dahin eilenden Flüßen und Bächen und dem Zuge der Wolken über alle die Bergeszinnen und die weiten Thäler nachschaut; in einem Fischermädchen, das am Strande ruhend über den See hinüberschaut, als sollte von dorther irgend ein Stern für sie aufgehen; dann in einer Fischerfamilie, die un­ter und an der Hausthüre versammelt dem zurückkehrenden Schifflein entgegen­sieht, daS den Vater bringt. Ein rührendes Bild ist die Fischerin am Achenthalersee mit ihrem Knaben im Arm, die bei dem Ausbruche eines furchtbaren Ungewitters ihren Mann mit angstvoller Ungeduld erwartet, der eben in einem schmalen Na­chen über den Wogen schlagenden See zurückkehrt.

Schon diese Bilder sind Zeugen, wie sehr ihn die Alpenwelt und das trauliche Leben in derselben, wie er sie auf manchen Wanderungen in das bayerische Gebirg ken­nen lernte, angesprochen, welche mit ihrer frischen Lebensfülle einen unendlichen Stoff zu bildlichen Darstellungen gewährt, wie sie auch in jenen kecken naiven Dichtungen und Liedern sich offenbart, die von Berg zu Berg widerklingen. Scenen aun dieser Welt schildern auch die Bilder: zwei Jäger hoch auf dem Gebirge aus ei­ner Höhle hervor auf nahende Gemsen lauernd; die Befreiung eines an einen Baum gebundenen Wildschützen, der eben von seinen Banden losgemacht wird, und mit dem seitwärts gewendeten Kopfe nach seinem Befreier voll Ungeduld hinblickt, wie mit dem Vorsatze, die Schmach bald zu rächen.

Zu den trefflichsten Bildern aus jener früheren Zeit gehören: das trauliche Gespräch zweier Liebenden aus der idyllischen Alpennatur, und aus dem Mittelalter. Das Eine darstellend eine Sennin im Gekose mit dem Jäger, umgeben von allen den großar­tigen Reizen, welche der schönen und furchtbaren Alpennatur eigen sind; das An­dere: der Ritter und seine Braut unter einer schattenreichen Buche vor dem Pfört­lein der väterlichen Burg, aus dem so eben des Fräuleins frühere Wärterin heraus­tritt, unten am Hügel harren die Rosse des Ritters. Die warme Glut der Abendland­schaft und das Gemüth erhebende Schauspiel des Sonnenuntergangs, die Land­schaft mit ihren im Abendgolde strahlenden Münstern, Stromburgen und Bergsch­lössern schließt ergänzend und den Zauber vollendend das Ganze.

Im Jahre 1833 vollendete er die schöne Zeichnung: Otto’s, des Königs von Grie­chenland, Abschied aus dem väterlichen Schlosse zu München, das durch den Steindruck vervielfältigt und überallhin verbreitet ist. Mit Rührung betrachtet man den jugendlichen König, der, unten an der Treppe des königlichen väterlichen Schlosses von seinen Geschwistern und den königlichen Eltern, einer schönen cha­rakteristischen Gruppe, und einem ausgewählten Kreise von nachfolgenden Edlen umgeben, im Begriffe zu scheiden, seiner liebenden geliebten Mutter die Hand reicht, während der König Ludwig, der Gruppe der griechischen Abgeordneten und den Gliedern der Regentschaft zugewendet, die Hand auf die Schulter des Seehelden Miaulis legt, diesem den theuern Sohn wie ein Kleinod vertrauend. Alle Figuren sind wahre, nach dem Leben gezeichnete, Bildnisse, die tiefdurchdachte Anordnung und Ausführung des historisch merkwürdigen Momentes auf das Treff­lichste gelungen.

Ganz in seinem lyrischen Elemente konnte er sich bei der Ausschmückung eines größeren Saales im Königsbau bewegen, und löste die Aufgabe, die Balladen Bür­gers in bildlichen Darstellungen enkaustisch zu geben, mit wahrem poetischen Sin­ne, unterstützt von zwei Schülern. Zu den ansprechendsten gehören: der Bruder Graurock und die Pilgerin, die Weiber von Weinsberg, das Lied vom braven Manne, die Bilder zu Ritter Karl von Eichenhorst, Leonardo und Blandine.

Nach der Vollendung dieser Gemälde, im Spätherbste des Jahres 1835, begab er sich nach Italien, kam um das neue Jahr 1836 in Rom an und schwelgte nun eine geraume Zeit an dem Anblicke der Raphael’schen Werke, deren Innigkeit und Tiefe mit dem bezaubernden Farbenschmelze ihn vor allen anderen Kunstwerken anspra­chen. Mit erneuetem Eifer widmete er sich der Erforschung der Farbenverbindung und drang durch beständige Uebung in das Geheimniß des lebendigen und harmo­nischen Kolorits der großen italienischen Meister. Außer vielen anderen kleineren Arbeiten vollendete er dort zwei Madonnenbilder, die zart und innig aufgefaßt und ausgeführt sind, und die mütterliche, im Anblicke des Kindes beseligte, Liebe auf ergreifende Weise schildern und in den lichten Lufttönen, dem harmonischen Schmelz der Farben und in der Gruppirung ganz im Geiste der früheren italieni­schen Künstler gedichtet erscheinen. Ein großes Bild: des Sängers Fluch, nach einer Ballade von Uhland, brachte er nach seiner Rückkehr aus Italien gegen das Ende des Jahres 1838 zur Ausstellung nach München, voll lebendiger Kraftentwicklung den Augenblick schildernd, da der grausame, tigerartig auffahrende König in seiner Wuth dem blühenden Sänger-Jüngling das Schwert in die Brust wirft, der alte Vater den Sinkenden umfängt, die Königstochter in Ohnmacht vergeht und alle Diener erstarrt stehen. Ausdruck, Farbengebung und Gruppirung waren im Ganzen und Einzelnen höchst gelungen und die Wirkung bei der klaren Darstellung entschie­den.

Nach einem kurzen Aufenthalte in München reiste er in seine Heimat an den Rhein, verkaufte jenes Bild nach Köln und kehrte dann wieder zu neuen Kunstschöpfungen nach München zurück.

Eine Madonna, bestimmt in die Schloßkapelle nach Egg im Auftrage des Grafen von Armansperg, ist im Geiste Raphaels gedichtet.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.


29-13-10/11 (Foltz)