Die bildende Kunst in München (1842) / t_755

Von ganz anderer Art sind die vorzüglichsten landschaftlichen Gemälde von Johann Christian Etzdorf, geboren 1801 zu Pösnek bei Neustadt an der Orla in Sachsen und auf der Akademie in München gebildet. Ihm scheint jene Mannichfaltigkeit und Vielseitigkeit zu mangeln, welche man bei anderen Künstlern häufig findet, oder er strebt gefließentlich nicht danach. Die beßten seiner Bilder scheinen vielmehr im Norden entstanden, aus der tiefen Anschauung einer nördlichen Gegend ge­schöpft, und der Künstler hat sich so in den Charakter jener Gegenden versenkt, in welcher er längere Zeit zubrachte, daß er mit wahrer Begeisterung diese vorzugs­weise darstellen will, und seine ganze Einbildungskraft scheint davon erfüllt. Statt dem gewöhnlichen Zuge nach Süden zu folgen, wanderte er zur Anschauung einer großen Natur nach Norden, nach Schweden und Norwegen, und dort empfing er jene mächtigen Eindrücke in seine Seele, welche sich beinahe in allen seinen Bil­dern wieder aussprechen.

Das erste große Bild, welches er in München ausstellte, und welches der König für die Gallerie in Schleißheim ankaufte, erregte ein wahres Erstaunen über die Art der Auffassung und Ausführung. In einer Waldgegend lehnt eine Sägemühle rechts an einen hochanstrebenden Felsen; das Wasser rauscht aus dem waldigen Hintergrun­de, stürzt sich auf die Räder und sprudelt in vielen, kleineren und größeren Fällen über die Felsenblöcke und zwischen denselben durch. Fremd ist der blasse, graue Himmel, fremd die Felsenfernen mit ihrer düsteren Beleuchtung, fremd die Pflan­zenwelt; nur die Fichten und Tannen erinnern an unsere Wälder. Alles ist höchst harmonisch zu einem Ganzen verbunden, über das Bild gleichsam nur Ein Ton ver­breitet, die technische Ausführung vollendet, Felsen und Luft von bezaubernder Naturwahrheit, die Farben so stark aufgetragen, daß man die Spuren der Verwitte­rung an den Felsen und das Moos nicht bloß sieht, sondern fühlen zu können glaubt.

In diesem Geiste sind die meisten Bilder dieses Künstlers, mit wenigen Ausnahmen, aufgefaßt und ausgeführt. Seine Seele scheint wie vom Heimweh nach jenen Ge­genden ergriffen, die trotz ihres düsteren kalten Ernstes durch die Kunstdarstel­lung jenen poetischen Zauber bei dem Beschauer hervorbringen, von dem der Künstler selbst beseelt ist. Die Gemälde scheinen ganz jene Gegenden zu schil­dern, in welchen Ossians Helden wandeln: die sonderbar gezackten, nebelum­schlossenen Felsen, die feuchten, schweren Lufttöne, und die ernste Stimmung, welche über das Ganze verbreitet ist, passen zum Schauplatze jener Inselkönige.

Sein Bruder Christian Friedrich, geboren 1807, hat sich seine Auffassungs- und Dar­stellungsweise im hohen Grade eigen gemacht, und schildert mit Naturwahrheit düstre Waldgegenden, Winterlandschaften durch Thiere belebt, oder Felsenthäler u. dgl.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.


28-12-20* (Etzdorf)