Die bildende Kunst in München (1842) / t_611

Heinrich Bürkel,

der Sohn eines Wirthes, geboren am 9. Sept. 1802 zu Pirmasens in der Pfalz, war von seinen Eltern zum Kaufmannsstande bestimmt, gegen welchen er aber eine so heftige Abneigung hatte, daß er es vorzog, als Schreiber bei einem Friedensgerich­te zu arbeiten, wodurch er fünf Jahre für die Kunst verlor, zu welcher ihn eine unwi­derstehliche Neigung trieb, daß er schon früh ohne alle Anleitung nach der Natur und schlechten Kupferstichen zeichnete, die er in seiner Vaterstadt auffand, wobei ihm das väterliche Haus, in welchem sich, als einem Wirthshause, oft die bunteste Gesellschaft zusammenfand, manchen Stoff darbot, den er auf komisch naive Wei­se in flüchtigen Umrissen mit dem Stifte zu Papier brachte. Als er endlich in Straß­burg die ersten Oelgemälde sah, erwachte der Drang zur Kunstausbildung so ge­waltig, daß er seinen Eltern anlag, ihm Unterstützung und Erlaubniß dazu zu ge­währen, was er jedoch erst auf die Fürsprache des edlen Regierungspräsidenten Stichaner und nur unter der Bedingung erhielt, daß er binnen Jahr und Tag solche Fortschritte machen müßte, um seinen Unterhalt durch die Kunst zu erwerben, sonst sollte er wieder zum Schreibdienste zurückkehren.

So konnte er erst im Jahre 1824 die Akademie zu München besuchen, hielt sich je­doch nicht strenge an den Bildungsgang dieser Kunstschule, sondern zeichnete mit rastlosem Fleiße für sich, copirte dann die Niederländer in den Gallerien zu Mün­chen und Schleißheim, machte während des Sommers Ausflüge in das bayerische Hochland, überall das Leben in seinen mannichfaltigen Erscheinungen mit heiterem Sinne und in leichten gefälligen Zügen auffassend und zu einem Bilde verbindend, die er dann in Oel ausführte.

Im Jahre 1831 ging er nach Italien und Rom, weilte dort zwei Jahre und wußte sich bald ganz in den südlichen Charakter des Landes und Volkes so zu versenken, daß er auch hier die Natur in ihrer Eigenthümlichkeit wiederzugeben wußte. Dadurch erklärt sich die Menge und Mannichfaltigkeit seiner Bilder, die wie liebliche Gele­genheitsgedichte erscheinen, welche ein heiterer Wanderer auf dem Wege macht.

Mit besonderer Vorliebe aber widmete er sein schönes Talent der Auffassung des bayerischen Gebirgslebens, und dabei ist Landschaft und Handlung der dargestell­ten Personen auf das Schönste und Innigste miteinander verbunden. Jetzt schildert er das heitere, romantische und idyllenartige Alpenleben, zeigt, mit welcher Freude im erwachenden Frühlinge die Senninen und das Vieh hinaufziehen zu den bekräu­terten Höhen: schon ist der Bube oben bei der Sennhütte angekommen, nach klettert das Vieh, und er steht und schaut hinab in die ferne Ebene, und schwenkt den Hut, und läßt seinen Gruß von Berg zu Berg, von Thal zu Thal erschallen. Der Beschauer, fühlt sich selbst wie auf eine vom klaren Himmel umflossene Alpenspitze versetzt, und schaut selbst mit Wohlgefallen dahin in die Ferne, die mit Dörfern und Städten besäet erscheint. Ein anderes Mal schildert er den Heimzug von der Alpe, oder er zeigt uns die Sennin neben der Hütte, Wasser schöpfend am Brunnen, umher das Vieh im fetten, glänzenden Grase, Schwalben im reinen Himmelsblau schwebend, die weite Landschaft unten im Morgenscheine, und Wan­derer steigen den Berg herauf. Wieder ein anderes Mal führt er uns dagegen zu ei­ner Schlägerei, wie sie auf dem Lande vorkommen, in einer Schenke, und schildert die Scene mit lebendiger Treue.

Selbst aus Italien, dem Lande des Schönen, bringt er vorzugsweise solche Volks-Scenen, und führt uns in die schmutzigen Kneipen, zeigt uns das Getreibe der Esel­treiber und Bettler, der Mönche und Hirten; die schönen italienischen Frauen, auf welchen der Blick mit Wohlgefallen ruht; oder einen ländlichen Tanz vor einem italienischen Wirthshause; eine Bauernfamilie, die nach Rom reist, und die pontini­schen Sümpfe in der Ferne mit den unheilvollen Dünsten.

Mit eben solcher Wahrheit, wie diese und ähnliche Scenen, schildert er auch den Winter, wenn die Natur ringsumher erstorben scheint und nur ein leises Leben in falbgrünen Gräsern und dunklen Tannenzweigen aus dem Schnee hervor sich an­kündet; oder Regen und Sturm mit ihren malerischen Erscheinungen.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.


38-01-10 (Bomhard & Bürkel)