Die bildende Kunst in München (1842) / t_2

Albrecht Adam,

geboren im Jahre 1786 zu Nördlingen. Er sollte sich der Zuckerbäckerei, dem Ge­schäfte seines Vaters, widmen, zu welchem Zwecke er auch zeichnen lernte, was er bald mit immer größerer Liebe trieb, sich auch im Modelliren übte und besonders gern Thiergestalten, namentlich Pferde nachbildete. Diese Liebe zur Pferdemalerei ward vorzüglich genährt durch den Anblick der schönen Thiere verschiedener Racen, welche sich im Marstalle des Fürsten von Wallerstein befanden und welche zu zeichnen dem Jünglinge erlaubt wurde. So übte er sich bis in sein sechzehntes Jahr ohne eigentliche Anleitung der Kunst, kam im Jahre 1803 nach Nürnberg, wo er der Konditorei ganz entsagte, entschlossen einzig der Kunst zu leben, und ge­wann Anfangs seinen Unterhalt durch Formenschneiden, dann widmete er sich der Porträtmalerei, der ergiebigeren Quelle, und zeichnete fortwährend nach der Na­tur, so wie er auch zur weiteren Ausbildung die Akademie in Nürnberg besuchte. Nach einem kurzen Aufenthalte in seiner Vaterstadt, 1806, wo er seine ersten Ra­dirungen, sechs Blätter Jagd- und andere kleine Stücke herausgab, ging er nach Augsburg, malte Bildnisse, richtete seine Aufmerksamkeit bei den damaligen krie­gerischen Zeiten auf militärische Gegenstände, welche ihm eine große Mannichfal­tigkeit zu Darstellungen boten, und reiste dann im folgenden Jahre, 1807, nach München.

Die große Sammlung der hier aufgehäuften Kunstgegenstände überraschte und begeisterte ihn, und sogleich war es sein fester Entschluß, diese Stadt für immer zu seinem bleibenden Wohnorte zu wählen. Die Richtung der Zeit zog ihn mächtig zur Darstellung kriegerischer Scenen und fortwährend blieb das Studium des Pferdes seine Hauptbeschäftigung; kaum hat sich ein anderer Künstler mit solch beharrli­chem Fleiße demselben gewidmet, als er, so daß er als Pferdemaler bei Weitem der berühmteste wurde, da er strebte, nicht bloß den inneren Bau dieser Thiergat­tung nach ihren verschiedenen Abarten in allen Theilen kennen zu lernen, sondern bei Darstellung derselben auch die größte Treue und Zierlichkeit anwendete und sich besonders im Glanzlichte als Meister zeigte.

Bei der verbreiteten Pferdeliebhaberei fand er sich bald vielfach gefördert, beson­ders von hohen Offizieren, die auch seine Neigung zur Schlachtenmalerei nährten, und im Jahre 1809 begleitete er den Flügel-Adjutanten Grafen Frohberg von Mont­jois auf den Feldzügen nach Oesterreich, wo er Zeuge kleinerer Gefechte und großer Schlachten war.

Im Mai desselben Jahres kam er mit seinem reichen Skizzenbuche nach Wien, wo er bei den französischen Offizieren große Aufmunterung und viele Beschäftigung er­hielt; dort malte er viele Porträte zu Pferd und kleine Scenen aus jenem Kriege und lernte die ausgezeichnetsten Männer kennen; dort zog er die Aufmerksamkeit des edlen Vicekönigs von Italien, Eugen, auf sich, der den Künstler in seinen Dienst nahm.

Adam folgte dem Fürsten im Jahre 1810 nach Italien, fertigte für die Fürstin zwölf Aquarellzeichnungen aus dem Kriege des vorigen Jahres und vollendete im Früh­jahre 1812 auch sein erstes großes Schlachtgemälde aus demselben Feldzuge: die Schlacht bei Leoben in Kärnthen. Dann begleitete er den Prinzen nach Rußland zu dem furchtbaren Kriege, wo auch er alle Beschwerden ertrug, Anfangs den stürmi­schen Siegeszug, die sich schnell aufeinander folgenden Schlachten und Gefechte als treuer Beobachter, endlich den Wendepunkt des grauenvollen Kampfes im brennenden Moskau und den Alles vernichtenden Rückzug der großen Armee schaute: Bilder, die mit ehernem Griffel in seiner Seele gezeichnet blieben. Unter großen Gefahren und Hindernissen, umschwärmt von Kosacken, legte er die Reise von Moskau bis München vom 9. November bis 12. Dezember zurück.

Als Eugen auf seinem Wege nach Italien im J. 1813 in München anlangte und zur Ausrüstung eines neuen Heeres nach Italien ging, begleitete ihn der Künstler dahin, wo er bis zum Jahre 1815 blieb, während welcher Zeit er viele Kabinetsbilder mal­te, welche theils in Italien, theils in Oesterreich zerstreut sind.

Darauf kehrte er zu dem Fürsten nach München zurück und fertigte im Aufträge desselben jenes denkwürdige Tagebuch in 83 Blättern, welches die wichtigsten Scenen aus jenem russischen Kriege darstellt in höchst mannichfaltigen lebendigen Bildern, ganz aus der Wirklichkeit genommen. Sie sind auf Papier in Oel gemalt und werden in der herzoglich Leuchtenbergischen Büchersammlung in München aufbewahrt. Nach und nach entstanden auch die großen Gemälde, von welchen die Schlachten von Raab, Mosaisk, Malojaroslawez und von St. Michel im herzoglichen Palaste in Eichstädt sich befinden, und mehrere Kabinetsbilder. Viele seiner schöns­ten Bilder aus den Jahren 1817–1824 kamen in den Besitz des Königs Maximilian Joseph nach Tegernsee, der dem Künstler mit Wohlwollen zugethan war, oder in den des Fürsten Wrede nach Ellingen.

Sein großes militärisch malerisches Werk in 100 Blättern im Steindruck, interessan­te Zeichnungen der merkwürdigsten Ereignisse aus dem Kriege in Rußland, deren er im Ganzen über dreihundert entworfen hatte, erschien nach dem Tode seines fürstlichen Gönners im Jahre 1824, welches auch im Auslande große Anerkennung fand.

Während eines einjährigen Aufenthaltes in Stuttgart malte er den König von Wür­temberg zu Pferd und führte viele andere Bilder, unter ihnen die Bildnisse der vor­züglichsten arabischen Pferde, aus; in diesem Kunstzweige arbeitete er auch mit allgemeiner Würdigung seiner trefflichen Leistungen in Mecklenburg und Holstein, wohin er sich eine Zeitlang begeben hatte. München aber blieb fortwährend seine eigentliche Heimat und hier entstanden seine größten und schönsten Bilder, von welchen in der letzten Zeit viele nach Paris wanderten.

Betrachtet man nun die Eigenthümlichkeit dieses Künstlers, so erkennt man vor Al­len seine unübertreffliche Schilderung der Pferde; er weiß die Eigenthümlichkeiten und Formen dieser Thiergattung mit dem sichersten Ausdrucke zu geben: die voll­endete Zeichnung, die wohlberechnete Haltung des Ganzen, die Harmonie und Klarheit der Farben, die breite Behandlung bis zu den Beiwerken herab, geben ein vollendetes Bild. Zugleich sind seine gelungensten Werke auch die schwierigsten, in deren Ausführung er sich am meisten gefällt. Das Pferd in seiner gereizten Natur, in seiner angestrengtesten Kraftäußerung im Schlachtgewühl, oder sich mühend vor dem Pfluge und dem belasteten Wagen, in seinem gesunden, sowie in seinem kranken Zustande darzustellen, gab ihm Stoff zur Schilderung der mannichfaltigs­ten und schwierigsten Stellungen dieses Thieres, und er faßt das nach Außen stre­bende Leben, den in alle Formen sich ergießenden Charakter desselben, in seiner ganzen Lebendigkeit und Wahrheit und weiß ihm in der Darstellung stets Bedeut­samkeit zu geben. Selbst seine größeren und kleineren Schlachtenbilder, voll Feuer und Wahrheit, scheinen vorzugsweise der Pferde wegen gemacht; das Pferd er­scheint als handelndes Wesen, und ihm wendet sich die Theilnahme im höchsten Grade zu. Um so mehr ist dieses dann der Fall, wenn er ein einzelnes Pferd oder eine Gruppe darstellt, und mit Vorsatz oder unwillkürlich die Wirkung einer drama­tischen Handlung, einer Fabel hervorbringt.

Die vielen gediegenen Darstellungen aus dem russischen Feldzuge, in welchen er jetzt den muthigen Angriff oder die Wachsamkeit, dann die Trauer und das allmäh­lige Verkümmern dieser Thiergattung in den wirksamsten Einzelnheiten schilderte, sind allgemein berühmt. Die in großen Massen vorwärts eilenden, drängenden aus­beugenden Reiterangriffe in seinen Schlachtbildern, das Ueberschlagen, Dahin­sterben einzelner Pferde, sowie der feurige Muth anderer in schönen Gruppen, sind schwer mit Worten zu schildern; aber seine kleineren Darstellungen mit einzel­nen Pferden sprechen wie im elegischen oder Idyllenton.

Hier steht ein Pferd einsam in öder flacher Gegend vor einem Sumpfe, in welchem man die Reste eines todten Pferdes sieht; zu seinen Füßen liegt der Helm eines französischen Kürassiers, hinter ihm neben einem Weidenstrunke halbversunken eine Kanone; weiter zurück ziehen einige Kürassiere ihre abgemagerten, mit Mühe sich fortschleppenden Pferde über einen Knütteldamm; der Himmel ist trübwolkig, in der Ferne zeigt sich Feuersglut am Himmel.

Ein anderes Bild zeigt uns das Innere eines Stalles, ein Knabe führt ein weißes Mut­terpferd mit einem braunen Fohlen herein, voran aber kommt eine Henne mit ihren Küchlein, und der Hahn lustig krähend; durch eine offene Thüre sieht man in einen anderen Stall mit Pferden.

Ein anderes stellt eine Scene vor einer Schmide auf dem Lande vor, unter deren Vordach ein Pferd der Beschlagung harrt. Rechts im Vordergrunde steht ein kranker Schimmel, zur Seite hinter ihm sein Nebengespann. Ein Fuhrmann hat das kranke Pferd eben herbeigebracht, er fährt mit der Hand am Knie des Schimmels von da nach der kranken Stelle hinab, um sie mit Vorsicht zu berühren; der Meister Schmid, eine derbe Gestalt mit dem Schurzfelle angethan, steht nachdenkend, wie etwa hier zu helfen sei, daneben und hält seine Prise Taback, die er längst aus der Dose geholt, wie vergessen noch zwischen den Fingern, den Blick auf den Verband der kranken Stelle über dem Hufe des Pferdes gerichtet.

Diese und ähnliche Bilder sind ganz aus der Wirklichkeit genommen, sinnig, wahr und lebendig aufgefaßt, daß selbst dasjenige noch als charakteristisch erscheint, was man für zufällig halten möchte.

Vor allen übrigen Bildern dieses Künstlers ist eines ausgezeichnet und von wahrhaft tragisch-historischer Bedeutung: Napoleon vor Moskau im Augenblicke der ent­setzlichen Zerstörung. Durch die zum Theil verschüttete Oeffnung eines durch Brand und Gewalt zerstörten Gebäudes im Vordergründe sieht man in eine der Strassen Moskaus mit ihrem Gräuel der Verwüstung. Die Wuth der Flamme hat sich bereits etwas gelegt und ausgebrannt starren die traurigen Ueberreste dem Blick entgegen, über den Boden hin ziehen grauliche Dämpfe, die aus der noch glim­menden Asche aufsteigen. Grabesstille herrscht umher, eine Gruppe französischer Soldaten weilt noch in der Mitte der Strasse, hülflos und ermattet; andere eilen an den Häusern hin, Einer, mit Raub beladen, voran. Aber rechts, weithin über der Stadt wogt das gräßlich flammende Feuermeer, zischend und prasselnd, hoch auf seine Funken sprühend. Die Lüfte glühen und in blutig rothen Strömen wirbelt der Rauch empor, von deren Widerschein im tiefsten Hintergrund ein Theil der Stadt mit seinem vierthürmigen Dome erhellt ist. Die Luft ist in dunklen Qualm gehüllt, der vom Winde getrieben in schwarze Wolken geballt weithin den Horizont um­zieht.

Dieses für sich allein schon abgeschlossene Gemälde bildet aber nur den Hinter­grund zu der Gestalt, die im Vordergrunde Aller Augen unwiderstehlich fesselt und durch welche das Bild erst seine Erklärung und weltgeschichtliche Deutung erhält. Es ist Napoleon auf einem arabischen Hengste vor den Trümmern der russischen Kaiserstadt. Er hält vor der oben angedeutenden Oeffnung, einsam, verlassen. Sei­ne äußere Haltung auf dem zierlichen Schimmel deutet auf keine Veränderung, sie ist ruhig, wie immer, als ging es in die Schlacht. Aber seine Seele scheint tief ergrif­fen; er ist bewegt, ohne erschüttert, gerührt, ohne gebeugt zu seyn. Alle seine Ei­genthümlichkeiten, die der Künstler so oft zu beobachten und aufzufassen Gele­genheit hatte, Gesichtszüge und Farbe, seine Haltung und Kleidung von der eige­nen Form seines Hutes bis zur gewohnten lichtgrauen Farbe des Oberrockes, sind ganz nach dem Leben wahr und treu geschildert. Ruhig steht auch das Pferd, mit kaum merkbarer Wendung den Kopf nach der flammenden Stadt gewandt; von schönem Bau, leichter und flüchtiger Gestalt, trägt es den kaiserlichen Herrn, der auf purpurner mit goldenen Treffen befranzter Decke sitzt.

Dieses Bild kam in den Besitz Rothschilds nach Paris und wurde von dem Künstler in seinen Haupttheilen mehrmal wiederholt. Seine Schlacht an der Moskwa im Auf­träge des Königs Ludwig, als Hauptmoment den Angriff der Reiterei und die Ver­folgung des Feindes darstellend, voll mannigfaltiger lebendiger Gruppen und be­wegter Massen, ist unter der Reihe der Schlachtenbilder im Festsaalbau zu Mün­chen aufgestellt.

Schon seit mehreren Jahren erscheinen seine drei Söhne, von ihm selbst herange­bildet, in dem großen Reigen der trefflichen Künstler Münchens: Beno, Eugen und Franz; idyllische Darstellungen aus der Thierwelt, weidende oder ruhende Lämmer mit Ziegen an Bergesabhängen oder in angenehmen Thälern, zu schönen Gruppen um den Hirten vereint mit trefflicher Ausführung der Landschaft, oder Schilderun­gen des heiteren Alpenlebens mit den kräftigen Thiergattungen, Fernsichten u. dgl. gelingen ihnen auf das Anmuthigste.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.


27-01-25 (Adam)