Die bildende Kunst in München (1842) / t_1689

Gottlieb Bodmer, der Sohn eines Schullehrers im Landgerichte München, geboren 1804, besuchte die Akademie in München, widmete sich der Malerei, und zwar, nach dem Tode seines Vaters, lange Zeit ausschließlich dem Porträtfach, um seinen Unterhalt desto leichter zu gewinnen, und verdankte seine glücklichen Fortschritte in dieser Kunst zunächst dem Hofmaler Stieler. Seine Bildnisse wurden als treue, wohl ausgeführte Ebenbilder geschätzt; bekannt ist vor allen geworden das schöne Bild eines Landmädchens aus dem Achenthale, welches sinnend in dem mit Wein­laub umrankten Fenster in halber Figur aus dem Bilde herausblickt, das er später selbst in Steindruck wiedergab. Er hatte sich in dieser Kunst noch nicht versucht, als ihn der Buchhändler Franckh aus Stuttgart, der ihn als trefflichen Zeichner kann­te, veranlaßte, die berühmte Madonna di S. Sisto in einer Zeichnung auf Stein aus­zuführen, 1829. Bodmer übernahm die Aufgabe frischen Muthes nach dem herrli­chen Kupferstiche Müllers, überwand unter der Leitung seines Freundes Winterhal­der alle Schwierigkeiten, und wußte den Ausdruck der Köpfe, die zarten Umrisse und die warmen Töne des Fleisches, Gewänder und die Harmonie des ganzen Bil­des so meisterhaft auszudrücken, daß die Ausführung einen äußerst angenehmen Eindruck macht. Da sich Franckhs Verhältnisse indessen geändert hatten, und Nie­mand den Stein um die früher ihm bestimmte Summe erwerben mochte, besorgte er selbst den Verkauf der Abdrücke, wodurch er mehr gewann, als er je gehofft. Dies veranlaßte ihn, zwei Bilder von Heinrich Heß auf Stein auszuführen, die allge­meinen Beifall fanden, worauf er eine Reise nach Paris machte, wo er zur Förde­rung des technischen Theiles seiner Kunst ein Jahr lang weilte. Und nun widmete er sich ganz der Lithographie, machte sich die zarte anmuthige Weise eigen, wie sie in Paris sich am glänzendsten damals ausgebildet hatte, führte dort mehrere wohlge­lungene Blätter aus, von welchen Amor und Psyche nach Gerard am bekanntesten ist, und übernahm nach seiner Rückkehr in München sogleich größere Arbeiten, de­nen er Anfangs die höchste Sorgfalt widmete. Der Abschied des Königs Otto, der Ritter und seine Geliebte, nach Foltz, und der Schweizer-Grenadier nach Kirner sind glänzende Zeugnisse seiner damaligen trefflichen Behandlungsweise. Allmählich aber fing er an, statt der eigentlichen Kunst zu leben, dem wandelbaren Geschma­cke und den Anforderungen der Eitelkeit zu huldigen; die Kraft und Würde schwand immer mehr in seinen letzten Darstellungen, und statt der lieblichen einfa­chen, dabei kräftigen Ausführungsweise haschte er nach blendender Wirkung und verlor sich ins Flache und Matte. Sein schöner Plan, die Malereien im Königsbau durch Nachbildungen bekannt zu machen, ward nicht ausgeführt. Er starb am 18. Juli 1837.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.


06-01-43 (Bodmer)