Die bildende Kunst in München (1842) / t_1645

Die Lithographie – Zeichnung auf Stein – Steindruck.

Die Erfindung derselben
ging nicht nur von München aus, sondern wurde hier auch zu der bis jetzt größten Vollkommenheit gebracht, ohngeachtet sie seit mehreren Jahrzehnden bereits ein Gemeingut von ganz Europa geworden ist, und besonders von den Franzosen also­bald zu malerischen Darstellungen benützt wurde.

Ihr Erfinder ist Alois Senefelder, geboren am 6. November 1771 zu Prag, wo sich sein Vater, Peter Senefelder, aus Königshofen in Unterfranken, als Schauspieler da­mals gerade aufhielt, der mit dem neuen Jahre 1772 am Hoftheater in Mannheim und im Jahre 1778 in München angestellt wurde. In dieser Stadt erhielt nun Alois seine Bildung, besuchte die gelehrten Schulen, zeichnete sich durch Fähigkeiten und Fleiß aus, und erhielt deswegen von der Kurfürstin Marie Anne eine Unterstüt­zung zum Besuche der Hochschule Ingolstadt, wo er sich mit Eifer dem Studium der Rechte widmete, zugleich aber mit besonderer Neigung der Dichtkunst huldig­te, und schon im J. 1789 ein Lustspiel, der Mädchenkenner, dichtete, welches von den Studirenden mit besonderer Bewilligung und mit Beifall während des Carne­vals auf der Hofbühne gegeben wurde.

Da der Vater schon im Jahre 1792 starb, und die Wittwe mit neun Kindern ihrem äl­testen Sohn Alois keine Unterstützung gewähren konnte und die Rechtswissen­schaft ihm damals keinen sichern Unterhalt zu bieten schien, beschloß er, sich als Dichter und Schauspieler der Bühne zu widmen. Seine geringen Anlagen aber zu ei­nem Schauspieler hinderten seine Aufnahme am Hoftheater in München, das Leben und damalige Treiben bei einigen wandernden Gesellschaften in Regensburg, Nürnberg und Augsburg, an welche er sich angeschlossen hatte, mißfiel ihm bald und so wollte er denn, da sich ihm trotz seiner mannichfaltigen Kenntnisse keine andere Aussicht eröffnete, als Schriftsteller im dramatischen Fache leben, und es entstanden nach einander mehrere Lust- und sentimentale Schauspiele, die ihm je­doch wenig einbrachten und deren Druck ihm größere Summen kostete, als er da­für wieder einnahm.

Dies brachte ihn auf den Gedanken, die Druckmittel sich selbst zu verschaffen, und nach manchen vergeblichen Versuchen, die aus Mangel an den nöthigen Werkzeu­gen und der Geschicklichkeit im Schriftstechen, mißlangen, versuchte er, die Schrif­ten in Kupfer zu ätzen und übte sich deshalb in verkehrten Zügen zu schreiben. Wohl fand er den Aetzgrund und eine zum Decken des Geätzten dienliche Flüssig­keit, auch die Vortheile des Aetzens selbst mittels der während seiner Studien er­langten Kenntnisse in der Chemie; aber er hatte nur eine einzige Platte, diese sollte er zu jedem neuen Gebrauche erst vorher abschleifen und mühsam zubereiten; ein Versuch mit einem Zinnteller entsprach seiner Erwartung nicht, und so benützte er zu seinen Uebungen ein zum Farbenreiben eingehandeltes Stück Marmorschiefer aus Kehlheim. Die Schriftzüge fielen reiner als auf Kupfer aus, erforderten weniger Aetzmittel und das Abschleifen war weniger mühsam.

Allein durch die blosse Anwendung der Art des Kupferätzens hatte er noch nichts eigentlich Neues erfunden, er machte darauf Versuche in der vertieften Art des Steindruckes, in welcher Weise Musiknoten in schwarzem Schiefersteine schon vor ihm gestochen waren, als er durch einen Zufall in weiteren Versuchen dieser Art un­terbrochen wurde.

Er hatte eben eine Steinplatte abgeschliffen, um seine Uebungen in der verkehrten Schrift fortzusetzen, als er für seine Mutter einen Waschzettel schreiben sollte. Da er nicht gleich ein Stückchen Papier zur Hand hatte, und auch die Tinte eingetrock­net war, schrieb er den Waschzettel indessen mit der vorräthigen, aus Wachs, Seife und Kienruß bestehenden Steintinte auf die Steinplatte, um ihn dann wieder abzu­schreiben. Ehe er sie abwischte, fiel er auf den Gedanken, die Platte mit Scheide­wasser zu ätzen, ob sich die Schrift dann nicht vielleicht nach Art der Buchdrucker Lettern oder Holzschnitte einschwärzen und abdrucken ließe, und führte den Ver­such aus. Bei der Untersuchung nach dem Aetzen fand er die Schrift etwas erhöht, er begann darauf das Einschwärzen mit einem feinen ledernen mit Roßhaar ausge­stopften Ballen, den er zart mit einer aus dicken Leinölfirniß und Kienruß bestehen­den Farbe einrieb; die Abdrücke befriedigten ihn, und so war denn die Steintinte erfunden, im Juli 1796, die dem Scheidewasser widerstand.

Bei wiederholten Versuchen verbesserte er die Form des Druckballen, bis er ihm später die Walzenform gab; an der Erfindung einer passenden Presse hinderte ihn der Mangel, und er mußte sich mit einer unvollkommen und roh verfertigten Kup­ferdruckerpresse mit zwei Walzen begnügen, zu deren Herstellung die Mutter ihr Letztes opferte. Seiner Verlegenheit, die nöthigen Mittel sich zur Vervollkommnung seiner Erfindung zu verschaffen, mit Einem Male abzuhelfen, beschloß er, für einen Bekannten um die Summe von 200 Gulden auf 6 Jahre als Soldat einzustehen, um dann seine Erfindung weiter zu führen. Auch daran gehindert, wollte er sich unter­dessen als Drucker nähren, machte glückliche Versuche mit dem Notendruck und trat mit dem Hofmusikus Gleißner in Verbindung, von dessen Compositionen er Abdrücke machte, die trefflich gelangen, und schon glaubte er, man würde seine Erfindung allgemein mit Beifall aufnehmen, ihn unterstützen, fördern. Aber das ge­schah nicht; die Akademie der Wissenschaften, welche den Nutzen der Erfindung nicht zu würdigen wußte, ließ ihm durch ihren Vice-Präsidenten Vachiery, 12 Gulden als Anerkennung seines Verdienstes übergeben.

Nicht abgeschreckt dadurch, begann er mit Gleißner an der Herstellung einer neu­en Druckpresse, die aber so schlecht gerieth, daß er zwei traurige Jahre voll Ar­beit, Kummer und Sorgen verlebte, und mit fortwährenden Preß-Veränderungen, nachdem er die erste zu voreilig vernichtet hatte, und mit Probedruck, Zeit und Geld verdarb; er ließ darauf eine neue, der alten ähnliche, Presse von einem Zim­mermann machen, wobei die Versuche nicht besser gelangen und er eine solche Kraft zum Abdrucke mußte wirken lassen, daß der Stein immer, bald nach wenigen Abdrücken schon, zersprang. Alle weiteren Bemühungen, reine Abdrücke zu ge­winnen, schienen vergeblich, die gemachte Erfindung wieder verloren; Kummer und Hohn der Feinde nagten am Leben Senefelders; die Bereitwilligkeit, mit wel­cher der Musikalienhändler Falter ihm eine neue Presse fertigen ließ, förderte we­nig; der Druck gelang nicht und Falter ließ die Werke wieder in Kupfer stechen.

Bald darauf machte der Professor an der Militär-Akademie, Simon Schmid, Versu­che, Zeichnungen auf Stein zu verfertigen, die aber eigentlich erhobene Stein­schnitte waren und sich wesentlich von Senefelders Erfindung unterschieden, und deren Ausführung gleich derjenigen, die bei den Kupferplatten angewendet wird, sehr mühsam war. Da dieser eben damals von dem Schulrathe Steiner, der zugleich Direktor des Central-Schulbücher-Verlages war, aufgefordert wurde, die Giftpflan­zen durch Steinstiche zum Gebrauche der Schulen herauszugeben, die Versuche aber nicht vollkommen genügten, wendete sich Steiner mit mehreren Aufträgen an Senefelder, die dieser, so gut er konnte, auf Stein ausführte und die dann auf einer Buchdruck-Presse abgezogen wurden, wodurch sie, wenn auch nicht ganz nach Wunsch, doch immer besser gelangen, als bei der unvollständigen früheren Vor­richtung des Erfinders. Er beschäftigte sich nun mit der Zeichnung von Bildern zu Gebetbüchern und Vorschriften, zu deren Ausführung er bei seiner unzulänglichen Kenntniß im Schönschreiben und Zeichnen Andere beiziehen mußte, wodurch er sein Geheimniß beinahe preisgab.

Sein Streben nach Verbesserung der Erfindung gelang nun immer mehr; im Jahre 1797 erfand er bereits die Stangen- oder Galgen-Presse, mit welcher er des Tages mehr als Tausend der schönsten Abdrücke machen konnte.

Da er einmal wahrgenommen, daß mit Bleistift beschriebenes und befeuchtes Pa­pier bei dem Abziehen auf dem Steine die verkehrten Schriftzüge sehr deutlich zu­rücklasse, nahm er zu diesem Mittel seine Zuflucht, als er ein Gebetbuch mit Cur­siv-Schrift für den Schul-Fond fertigen sollte, um des Schreibens in verkehrten Zü­gen überhoben zu seyn, nur wollte er hiebei wieder verbessern, und machte des­wegen mehrere Versuche, da die Anwendung des Röthels und der gewöhnlichen Tinte ihn nicht befriedigten. Aus diesen Versuchen entstand die Entdeckung des Ueberdruckes und Wiederdruckes, wodurch es möglich ward, alle Arten von Ge­schriebenem und Gedrucktem, auch Kupferstiche auf eine Platte abzudrucken und diese so zu bereiten, daß man von ihr viele, dem ersten ganz gleiche, Abdrücke nehmen konnte. Und dieses führte auch die Erfindung der wichtigsten Druckart, die man ihm verdankt, die des chemischen Stein- oder Flachdruckes, 1798, auf wel­che er durch die Untersuchung geführt ward, warum ein größerer Flecken auf der Platte ohngeachtet des öfteren Ueberwalzens die Farbe nicht angenommen habe? Er fand die Veranlassung in einem Speichelflecken, der auf der Platte lag, und so­gleich benützte er diesen Umstand, und wendete statt des Speichels eine Auflö­sung von arabischem Gummi für jene Stellen an, welche nicht gefärbt, sondern weiß erscheinen sollten.

Auf die gemachten Erfahrungen gestützt kehrte er jetzt das bisherige Verfahren um, und benetzte den Stein, statt wie bisher mit Wasser, mit Oel, nahm aber eine mit Gummiwasser bereitetete Abdrucksfarbe, wodurch es geschah, daß nicht die fetten, sondern nur die nassen Stellen die Farben annahmen, und er konnte nun mit allen Wasserfarben drucken. Das Bezeichnen mit trockener Seife bildete den natürlichen Uebergang zur nachherigen Kreide-Manier, welche auch er entdeckte, so wie zur gestochenen Manier, bei welcher der Stein zuerst mit Scheidewasser und Gummi vorbereitet und dann die Zeichnung darauf in die Tiefe gestochen wird, ohne erst mit Scheidewafser eingeätzt zu werden. Die Entdeckung der Krei­demanier mit der dazu gehörigen Kreide war besonders für die Herstellung von Kunstgegenständen sehr wichtig.

Nach so vielen, endlich gelungenen, Versuchen schien für den Erfinder und seinen treu mit ihm ausharrenden Freund Gleißner die Frucht der bisherigen Mühen zu rei­fen; sie erhielten bald nach dem Regierungsantritte Maximilian Josephs auf 15 Jah­re das ausschliessende Recht, Alles, was sie durch ihre Kunst erzeugen könnten, in ganz Bayern ausschließlich und allein drucken und verkaufen zu dürfen.

Von dieser Zeit an verhehlte Senefelder die Verfahrungsart bei der von ihm ent­deckten Kunst Niemanden, unbekümmert, ob im Auslände dasselbe sogleich ange­wendet und Druckereien errichtet würden. Sein Ruf verbreitete sich nun schnell durch ganz Deutschland, und brachte ihn mit Hohen und Niederen in Berührung, und war auch die Veranlassung zur Bekanntschaft mit dem Hofrath André aus Of­fenbach, der sogleich einen Vertrag zur Errichtung einer Druckerei in Offenbach mit ihm abschloß. Ehe Senefelder dahin ging, hatte er, begünstigt durch die neue Druckart, noch das Glück, den Ueberdruck in Kupfer gestochener Bilder auf den möglichsten Grad der Vollkommenheit zu bringen, und dadurch gute und wohlfeile Bilder für die Kinder zu fertigen. Es gelang ihm durch fortgesetzte Versuche sogar, Kupfer und andere Metallplatten chemisch so vorzubereitcn, daß sie, wie der Stein, die Druckfarbe nicht annahmcn, an welchen Stellen man dies immer anwenden wollte. Vor seiner Abreise mit Gleißner übertrug er die Ausführung seines Rechtes in Bayern seinen Brüdern Theobald und Georg.

An seinem neuen Wohnorte setzte er die Verbesserungs-Versuche fort, sah aber endlich, daß André in der Folge allein allen oder doch den größten Vortheil aus sei­ner Erfindung ziehen würde, da dieser in den Hauptstädten verschiedener Länder Druckereien, durch Privilegien geschützt, errichten wollte. Die Bewerbung um die­se führte ihn selbst nach London 1800, wo er eifrige Studien in der Chemie machte, dann nach Wien, wo er Jahrelang auf die Gewährung seiner Bitte harrte, nach der Ertheilung derselben im Jahre 1803 mit Mehreren zu Errichtung einer Kattunfabrik in Verbindung trat, aber in allewege übervortheilt, gekränkt und mißmuthig ohne den geringsten Gewinn mit seinem treuen Freunde Gleißner im Herbste 1806 nach München zurückkehrte.

Hier hatte seine Erfindung unterdessen fest gewurzelt; seine Brüder hatten am 7. November 1804 auf Steiners Veranlassung dem edlen Gründer der Feiertagsschule Professor Kefer, das ganze Verfahren als Eigenthum der Feiertagsschule unter ihrer Mitwirkung gegen eine jährliche Rente von 700 Gulden überlassen; die Kunst ward nun gewissermassen eine Staats-Anstalt, jetzt erst gab man ihr den Namen Litho­graphie, und unter der Leitung des Professors Mitterer, durch die Aufmunterung des Gallerie-Direktors Manlich, und des Ober-Schulrathes Freiherrn von Frauen­berg, entwickelte sie sich rasch zu immer größerer Vollkommenheit. Mitterer er­fand die Rollpresse für Zeichnungen, benützte die einfache Kreidemanier auf das Glücklichste bei seinen Zeichnungen, und es erschienen nacheinander: Anleitung zur Figurenzeichnung in Umrissen, mehrere Blätter bayerischer Gegenden von Wa­genbauer, Prachtblumen von Mayerhofer, und darauf im Sept. 1805 Lieferungen von verschiedenen Kunstgegenständen.

Eine neue größere Thätigkeit entwickelte sich nach Senefelders Zurückkunft, die vorzüglich durch die Aufforderung veranlaßt war, mit dem k. Hofbibliothekar Frei­herrn Christoph von Aretin eine Druckanstalt zu gründen. Sie entstand und be­schäftigte gleich Anfangs fünf Pressen für Musik, Regierungsangelegenheiten und die Kunst, und eröffnete eine glänzende Aussicht. Das berühmte Gebetbuch Al­brecht Dürers wurde als treues Nachbild herausgegeben; dann bemächtigte sich die eigentliche Kunst dieses neuen schönen Hilfsmittels zur eigenen Darstellung ih­rer Gebilde oder zu Nachbildungen der Zeichnungen aus der k. Sammlung von Handzeichnungen und der Gemälde in den k. Gallerien in der Kreide-Manier auf Manlichs Anregung durch Strixner und Piloty.

Die Erfindung wurde benützt zum Zwecke der Vervielfältigung königlicher und amt­licher Schreiben, und mehrere Behörden errichteten für ihren Zweck eigene Stein­druckereien, was Senefelder geschehen ließ, der nur auf Verbesserungen und neue Erfindungen bedacht war. Während jener Kriegszeit hatte man seine Erfindung, Zeichnungen in Stein zu graben, häufig zur Herstellung kleiner Landkarten und Pla­ne benützt, da diese mit der Nadel auf Stein zu ritzen, weit schneller, als auf Kup­fer, und eben so rein gedieh.

Diese Kunst rief man jetzt zur Hilfe, als unter der Leitung des um vaterländische Kultur und Industrie hochverdienten Utzschneider, Bayern zum Behufe der Steuer-Berichtigung ins Einzelnste sollte vermessen werden, um die Plane auf Stein auszu­führen. Utzschneider, der jedes Verdienst so gerne würdigte, berief Senefelder zur Theilnahme, und dieser wurde darauf am 2l. Okt. 1809 bei der neuen Anstalt als Li­thograph mit dem Range eines Inspektors und einer jährlichen Besoldung von 1500 fl. angestellt. So ärntete er endlich die Frucht seiner Bemühungen, und widmete sich, einem sorgenfreien Alter entgegenblickend, nun mit erneutem Eifer der Ver­besserung seiner Kunst. Er brachte die Art des Ueberdruckes von Kupferstichen und alten Büchern zu einer größeren Vollkommenheit, wodurch sich leicht lithogra­phische Stereotypen verfertigen lassen; im Farbendruck machte er solche Fort­schritte, daß er von den mit Farben illuminirten Bildern ähnliche Abdrücke liefern konnte. Dieser Mosaikdruck ist von großer Wichtigkeit bei allen farbigen Druckar­ten auf Kattun, Leinwand oder Seide, vorzüglich für Tapeten, illuminirte Landkar­ten, Plane, Landschaften und Abbildungen aus der Naturgeschichte. Die neue Art dieses Druckes ist so, daß zwei Personen an einem Tage über 1000 Abdrücke von der Größe eines Schreibbogens machen können, wenn das Bild auch aus hundert Farben bestehen sollte. Er erfand die Anwendung des Tondruckes, indem er von einem bereits mit der Zeichnung versehenen Steine einen Abdruck auf einem anderen Steine machte, in diesem die höchsten Lichter herausschabte oder mittelst schraffirter Linien heraushob, und solche Stellen, um sie ungefärbt zu erhalten, chemisch bereitete, den Stein aber mit einer Tonfarbe überzog und diese auf den Abdruck übertrug. Damit das Gelingen des Druckes nicht fortwährend zunächst von der Geschicklichkeit und dem Fleiße der Drucker abhinge, erfand er eine Druckmaschine, bei der das Naßmachen und Einfärben der Platte unmittelbar durch den Mechanismus der Presse selbst geschieht.

Bereits im Jahre 1809 hatte er Probeblätter mit kurzen Andeutungen öffentlich be­kannt gemacht, welche Arten der Lithographie er erfunden und angewendet hatte; im Jahre 1818 aber erschien sein: Vollständiges Lehrbuch der Steindruckerei, ent­haltend eine richtige und deutliche Anweisung zu den verschiedenen Manipulati­ons-Arten in allen Zweigen und Manieren, belegt mit den nöthigen Musterblättern, nebst einer vorangehenden ausführlichen Geschichte dieser Kunst, von ihrem Ent­stehen bis auf gegenwärtige Zeit. Mit einer Vorrede von Friedrich von Schlichte­groll. München und Wien. 1818. Erst dieses Werk, das so einfach, offen alle Versu­che erzählt, alle Verfahrungsarten in der neuen Kunst angibt, Nichts verheimlicht, erwarb seinen Verdiensten die allgemeinste Anerkennung, und er erhielt viele Be­weise derselben von kunstliebenden Fürsten. Das Werk ward unter seiner Aufsicht während seines Aufenthaltes in Paris im Jahre 1819 ins Französische übersetzt.

Der König Ludwig hatte schon als Kronprinz, Einer der Ersten, die Wichtigkeit der Erfindung gewürdiget, den Erfinder großmüthig beschenkt, und dessen Büste durch den Bildhauer Kirchmaier in Gyps fertigen lassen, um sie einst, in Stein aus­geführt, unter den Brustbildern ausgezeichneter Bayern einzureihen; am 26 Jan. 1827 verlieh er ihm zum Zeichen seiner Anerkennung und Zufriedenheit für das, durch die Erfindung des Steindruckes erworbene, wesentliche Verdienst die golde­ne Ehrenmedaille des Civil-Verdienst-Ordens der bayerischen Krone.

Die in seinem Werke selbst angeführten Erfindungen und nützlichen Versuche sind:
die Steintinte,
die ersten lithographischen Pressen;
Druckarten in erhabener Manier: Feder- und Pinselzeichnung in Strichen und Punk­ten, Kreidezeichnung einfach in mehreren Platten, Ueberdruck, lithographische Ste­reotypie und Durchzeichnung, Holzschnittmanier, zwei Arten von Tuschzeichnun­gen, von welchen die eine der geschabten Manier ähnlich ist, die andere wie ge­wöhnlich auf Papier mit dem Pinsel verfertigt wird; die gespritzte Manier, Farben­druck mit mehreren Platten, Gold- und Silberdruck.
Druckarten in vertiefter Manier: geschnitten oder gestochen, geätzt, mit Präparirt­inte gezeichnet, dabei gespritzte aqua tinta, diese nach Kupferstecherart mit Aetz­grund oder Kreidengrund, vertiefte Kreide- und Durchzeichnung, Tuschzeichnung mit Aetzfarbe, theils um fertige radirte oder geschnittene Zeichnungen gleichsam auszutuschen, theils zum Vollenden der verschiedenen Aquatint-Arten.
Die vermischte Manier, welche bisher bei keiner anderen Druckart statt fand, wobei man zugleich erhaben und vertieft drucken kann: Federzeichnung mit Gestoche­nem gemischt, vertiefte Zeichnung mit erhobenem Ton, vertieft und erhaben mit mehreren Platten, Verwandlung des Erhabenen ins Vertiefte und umgekehrt.
Als besondere Druckarten erscheinen: Druck mit Wasser- und Oelfarbe zugleich, Druck auf chemische und mechanische Art zugleich, Anwendung des Steines für Kattundruck durch Abstreichen, Farbendruck durch Abstreichen, Anwendung des chemischen Druckes auf Metallplatten, Mosaikdruck, Stein-Surrogat durch eine künstliche Masse, die sich auf Metall, Holz, Stein, Leinwand und auf Papier aufstrei­chen läßt, weswegen er diese Erfindung Steinpapier nannte.

In den letzten Jahren beschäftigte er sich vielfach mit der Erfindung und Verbesse­rung eines Abdruckes von Oelmalereien; sie entstand im Jahre 1830, und es gelang ihm von kleinen Oelgemälden, die er mit eigens bereiteten Farben auf Tuch copirt hatte, gegen dreißig gute und reine Abdrücke zu erhalten, worauf er ihnen durch einen zweiten ähnlichen Druck die scharfen Schatten und Lichter gab und dadurch die nöthige harmonische Wirkung hervorbrachte, worauf sie mit Firniß überzogen wurden.

Selten hatte ein Erfinder das Glück, noch während seines Lebens seine Erfindung allgemein anerkannt, vervollkommt und verbreitet zu sehen; Senefelder aber ge­noß dieser Freude. Die Lithographie, die er ins Leben gerufen und wie eine schöne Tochter reich ausgestattet hatte, fand in alle Welttheile Eingang, war unter seinen Augen erhoben, veredelt und ein treffliches Mittel zu Kunstdarstellungen; durch sie wurden neue Druckereien und Kunsthandlungen hervorgerufen; sie dient auf man­nichfache Weise der menschlichen Gesellschaft, und ihre Erzeugnisse werden we­gen ihrer Wohlfeilheit ein Gemeingut, und namentlich trägt sie dazu bei, den Kunstsinn überall zu verbreiten und das Auge an edle schöne Formen durch ihre Kunstwerke zu gewöhnen.

Senefelder starb am 26. Februar 1834, und hinterließ ohngeachtet seiner einfachen Lebensweise seinem Sohne und seiner Wittwe kein Vermögen, da er es weder ver­stand, mit seiner Erfindung Handel zu treiben, noch es wollte.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.


05-02-01 (Senefelder)