Die bildende Kunst in München (1842) / t_1283

Moritz von Schwind,

geb. 1804 zu Wien, wo er auch den ersten Unterricht in der Kunst von Ludwig Schnorr erhielt, dann die dortige Akademie besuchte, zeigte schon früh ein reiches Talent zur Erfindung besonders in heiteren und satyrischen Darstellungen. Seine ersten Arbeiten waren Zeichnungen für Stammbücher, Taschenbücher; vor allen wurden bekannt die höchst gelungenen lebendigen Schilderungen zu Tausend und Einer Nacht, welche Göthe beifällig öffentlich besprach und dadurch die Aufmerk­samkeit auf den jungen Künstler wendete, der sich im Jahre 1828 nach München begab, wo er bis zum Jahre 1834 weilte und hier Gelegenheit fand, seine sinnigen Phantasiegebilde in Zeichnungen und Freskobildern auszuführen. Ueberall zeigt sich in denselben eine heitere gefällige Auffassung und Gruppirung; davon zeugen die Bilder im Bibliothekzimmer I. M. der Königin nach Tieck’s Dichtungen, davon die schönen und mannigfaltigen Aquarellzeichnungen, ihrer über fünfzig, in sechs Zimmern des Schlosses Hohenschwangau.

Schon in München begann er in Oel zu malen, setzte dieses mit großem Eifer und Erfolg während seines Aufenthaltes in Italien – 1834 und 1835 – fort, und wußte mit kräftigem Pinsel Leben und Bewegung in seinen Gemälden auszudrücken; dabei scheint er mit Vorliebe in der Auffassungsweise der älteren deutschen Meister sei­ne reichen Gebilde zu geben, wie dieses geschah im Lebenslauf zweier Brüder, da er einen kleinen Noman in drei Feldern schilderte und die Brüder am Ende ihrer Laufbahn als Einsiedler auftreten läßt; noch mehr zeigte es sich in Ritter Kurt’s Brautfahrt nach Göthe, einem höchst lebendigen gruppenreichen Gemälde, ganz im kräftigen Geiste der Aelteren angeordnet und auögeführt: im Hintergrunde, entfernt, das Schloß des Helden; im Vordergrunde die der Hochzeit harrende Braut mit ihren Verwandten, aber zugleich der Ritter im Gedränge von ungestümmen Gläubigern auf offenem bewegten Marktplatze.

Von seinen anmuthigen zarten Darstellungen nennen wir den Gefangenen, der im Gefängnisse auf einem Strohlager ruht, indem Zwerge, kleine wundersame Wesen, einer über dem andern zum vergitterten Fenster hereinsteigend und so eine Leiter bildend, ihn befreien wollen; dann die vier Fresken aus Amor und Psyche, welche der Künstler in Sachsen auf dem Gute des Hrn. v. Crusius ausführte, und die drei Fi­guren: Friede, Kunst und Natur im Landhause des Hrn. v. Arthaber bei Wien.

Zu seinen größeren Entwürfen, die wir in München von ihm sahen, gehört die Gründung des Freiburger-Domes durch die erlauchten Zähringer. Das Gebäude er­hebt sich, bis über das große Eingangsthor hinauf vollendet, in der Mitte des Bil­des aus einer waldbewachsenen Gegend; die feierliche Einweihung soll geschehen, und zu dem Portale heran kommen von rechts und links die in schönen Gruppen vertheilten Anwohner der Gegend: Landbebauer, Jäger und Hirten; eine Hochzeit; die Geistlichkeit und der Stifter, dem der Plan der Kirche mit dem durchbrochenen Thurme vorgetragen wird, wie er künftig sich erheben soll; schöne kräftige Gestal­ten, zum Theil in dem jetzt noch üblichen Kostüme des nahen Schwarzwaldes, zu dem die ritterliche und geistliche Kleidung einen wirksamen Gegensatz bildet. Ver­wundert und ärgerlich höhnisch schaut ein Teufel durch die Bäume nach dem Feste. Das Bild führt der Künstler jetzt im Stiegenhause der neuen Gallerie in Carlsruhe aus, wo er auch schon im Sitzungssaale der ersten Kammer acht allegorische Figu­ren vollendete.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.


16-09-43 (Schwind)