Deutsches Dichter-Lexikon (1877) / t_1414

Zeising, Adolf, geboren am 24. Septbr. 1810 zu Ballenstedt am Harz, entstammte einer alten Musiker-Familie und ererbte hier den Kunstsinn, der ihn auszeichnete, während gleichzeitig der wissenschaftliche Trieb auf dem Gymnasium zu Bernburg so kräftig hervorbrach, daß nach dem Tode des Vaters sich Freunde und Gönner fanden, die ihm eine Ausbildung seiner Talente auf den Universitäten Halle und Berlin möglich machten. Boeckh, Pott, Karl Ritter waren seine Lehrer, und gern hät­te er sich neben ihnen als Dozent habilitiert; aber die Pflicht, für Mutter und Schwester zu sorgen, rief ihn nach Bernburg, wo er erst als Privatlehrer thätig war und dann eine Lehrerstelle am Gymnastium erhielt. Um diese Zeit trat Zeifing auch als Dichter auf, und Chamisso und Schwab führten durch ihren Musenalmanach den jungen talentvollen Lyriker in die Literatur ein.

Im Jahre 1848 war er ein Leiter der Bewegung für deutsche Einheit und Freiheit in seiner Heimat; auch saß er in dem Landtage, der Anhalt-Bernburg eine Verfassung geben sollte. Als einige Jahre später die Reaktion ihr Wesen trieb, ließ sich Zeising mit einem Theile seines Gehaltes pensionieren, siedelte 1853 nach Leipzig und 1856 nach München über, wo er hinfort schriftstellerisch thätig war. Neben der Ue­bersetzung von »Xenophons philosophischen Schriften« erschien 1854 die »Propor­tionslehre«, die seinem Namen in der Aesthetik eine bleibende Stelle sichert. Er wies darin nach, wie die schon den Alten unter dem Namen des goldenen Schnittes bekannte Theilung auch in der Gliederung des menschlichen Körpers, in der Blatt­stellung der Pflanzen, in der Architektur und in den herrlichsten malerischen Kom­positionen walte. Es folgten 1855 seine »Aesthetischen Forschungen« und unzähli­ge Literatur- und Kunstberichte in den angesehensten Blättern.

Auf schöngeistigem Gebiete trat er mit der Tragödie »Kaiserin Eudoria« in die Rei­hen der Bewerber um den vom Könige Max II. von Bayern ausgesetzten Preis, und er hatte die Freude, daß sein Stück von den Preisrichtern zur Aufführung empfoh­len wurde. Dann folgten mehrere Romane. In den letzten Jahren arbeitete er an ei­nem großen Werke »Gott und Welt«, das die religiöse Idee auf Natur und Ge­schichte begründen sollte. Gewissermaßen einen Auszug aus demselben bildet sei­ne Schrift »Religion und Wissenschaft, Staat und Kirche« (Wien 1873), mit der er sich im Sinne des Fortschritts an dem Kulturkampf betheiligte. Dem Umschwung der deutschen Geschichte folgte er mit freudiger Theilnahme, und daß er die Eini­gung des Vaterlandes und die großen Siege unserer Waffen erlebt, war ihm ein Trost auf dem Krankenlager. Jahrelang widerstand sein kräftiger Organismus einem örtlichen Leiden, das sich zu einem unheilbaren Geschwür entwickelte. Er starb am 27. April 1876.

Dichtungen: Zeitgedichte von Richard Morning (pseud.). Leipz. 1846. – Meister Lud­wig Tiecks Heimgang. Novelle. Frkf. a. M. 1854 – Die Reise nach dem Lorbeerkran­ze. Humorist. Lebensbild; II. Berl. 1861. – Hausse und Baisse. Ein Roman a. d. Ge­genwart; III. Ebd. 1864. – Kunst und Gunst. Roman a. d. ersten Jahrzehnten unsers Jahrh.; III. Ebd. 1865. – Joppe und Crinoline. Roman; III. Leipz. 1865.

Franz Brümmer: Deutsches Dichter-Lexikon. Biographische und bibliographische Mittheilungen über deutsche Dichter aller Zeiten. Unter besonderer Berücksichtigung der Gegenwart. Zweiter Band. Eichstätt & Stuttgart, 1877.


01-05-16 (Wecklein & Zeising)