Deutsches Dichter-Lexikon (1877) / t_1361

Trautmann, Franz, wurde am 28. März 1813 zu München geboren, wo sein hochge­achteter Vater, ein Kunstkenner und bedeutender Sammler, als Juwelier des königl. Hofes lebte. Seine ersten poetisch-historischen »Anwandlungen« hatte Trautmann als kleiner Knabe in schönen Herbstzeiten zu Wessobrunn, dem alten Kloster un­weit des Ammersee’s. Noch ist dort der Stein am Wegrain, an dem er, wie in der Gegend erzählt wird, im üppigen Grase lag und von der Vergangenheit träumte, von Mönchen und Chorgesängen, gelegentlich auch von den wilden Ungarn und ihren Ueberfällen. Auch in München, wo er seine Gymnasialstudien machte, fehlte es ihm an poetisch anregenden Eindrücken nicht. Wie viele Baulichkeiten, Sitten, sinnreiche Gewohnheiten gemahnten dort nicht an die alte Zeit; wie viele alte Män­ner und Frauen lebten damals noch, welche die Sagen der Vorzeit, ob auch mehr oder weniger stückweise, fortpflanzten, und mit solchen Leuten zusammenzukom­men, hatte der Knabe und Jüngling hinreichende Gelegenheit.

Durch dies alles und durch früh begonnene Lektüre von Schriften, welche sich auf frühere Jahrhunderte bezogen, wurde das Verlangen Trautmanns, die Vorzeit zu schildern, immer mehr wach, während andrerseits die Fülle des mannigfach Schö­nen, welches ihn in Hinsicht auf Kunst und Kunstgewerbliches von der Wiege an umgeben hatte, das Verlangen erregte, auch in dieser Richtung tiefere Kenntnisse zu erringen. Aus diesem Verlangen und dem treuen Folgegeben desselben er­wuchs ihm in späteren Jahren die Möglichkeit, sein bahnbrechendes Werk »Kunst und Kunstgewerbe vom frühesten Mittelalter bis Ende des 18. Jahrh. Ein Hand- und Nachschlagebuch zur leichteren Orientierung….« (Nördlingen 1869) herzustel­len. Abgesehen von spezifisch literarischen und archivalischen Studien kamen ihm bei der Abfassung des Werkes seine ausgedehnten Reisen auf dem Kontinente, wie auch nach England und Schottland, und die Erfahrungen zustatten, welche er durch unausgesetzte Mitthätigkeit vom Beginn des bayerischen Nationalmuseums bis zu dessen Vollendung zu sammeln und auch geltend zu machen reiche Gelegenheit hatte.

Alle diese Bestrebungen erklären es zur Genüge, weshalb Trautmann seinen ur­sprünglich gewählten Lebensberuf später aufgab. Zwar hatte er in München unter tüchtigen Lehrern die Rechte studiert und die Universitätsjahre auf das treueste ausgenutzt; zwar hatte er in der juristischen Praxis sieben volle Jahre am Stadtge­richt zu München pflichttreu gearbeitet, und seine Anstellung stand bereits in nicht zu ferner Aussicht: allein es waren Jahre eines inneren schweren Kampfes, die er zu durchleben hatte, um so schwerer, als seine Erfolge auf verschiedenen Kunstgebie­ten, Poesie, Musik und Landschaftsmalerei, zu weiterer Entwickelung einluden. Er verließ also seinen Beruf, um sich hinfort schriftstellerischer Thätigkeit und Kunst­bestrebungen zu widmen. In der Hoffnung, dieser inneren Bestimmung mindestens nebenbei Rechnung tragen zu können, nahm er einen Ruf des Prinzen Karl von Bay­ern an, in dessen Dienst sich der sprachenkundige Trautmann allmählich zum ersten Sekretär heranbilden sollte. Die gehegten Hoffnungen, irgend produktiv sein zu können, wurden durch die Menge der Arbeit enttäuscht, eine schwere Krankheit stellte sich ein, und so legte Trautmann nach seiner Genesung sein Amt dem hohen Herrn zu Füßen.

Von nun an begann seine literarische Thätigkeit, hier und da begleitet von solcher auf dem Gebiete der Malerei, gelegentlich auch der Musik, sich mehr zu entfalten. Bereits als siebzehnjähriger Jüngling hatte er ein Bändchen Gedichte ediert, dann 1830-31 wesentlich an Saphirs »Deutschem Horizont« mitgewirkt, 1840 mit Fr. Lentner die »Lesefrüchte« redigiert, während eines Aufenthaltes in Franken 1849-50 den »Nürnberger Trichter«, ein reich illustriertes Blatt heiteren politischen Cha­rakters, herausgegeben und zwischendurch fleißig an den »Fliegenden Blättern« und der »Hauschronik« mitgearbeltet, bis er nach einigen Versuchen im Dramati­schen sich schließlich dem Gebiete zuwandte, auf dem er die meisten Lorbeeren geerntet hat: nämlich der Erzählung, deren Stoffe dem früben Mittelalter angehö­ren. Trautmanns Leistungen nach dieser Seite hin gehören zu den besten, welche unsere Literatur aufzuweisen hat und haben ihm mancherlei Anerkennung, wie z. B. von der Münchener Universität das Diplom eines Doktors der Philosophie, einge­tragen. Trautmann lebt seit 1851 in München in angenehmen Verhältnissen und ist mit Elise, einer Schwester des Dichters Julius Grosse, verheiratet.

Dichtungen: Gedichte. München 1830. – Jugurtha. Trsp. in 5 A. (Bühnenmanuscr. Ebd 1837.) – Die Verstoßene. Drama (Manuscr. Ebd 1838) – Kaiser Maximilians Ur­ständ. Lyrischer Cyklus bei Gelegenheit des großen Künstler-Maskenfestes. Mün­chen 1840 (Inhalt: Das Erwachen. – Der Page. – Narrenlied. – Der Landsknecht. – Die deutschen Frauen. – Raubritter. – Reichsbürger. – Künstlenwappen.) – Proteus Dich­tungen; II Ebd. 1843. (Inhalt: I. Ein Abend auf dem Helicon. – II. Das Welt-Ende.) – Schloß Latour. Orig.-Lustsp. in 4 A. (Manuscript. Ebd. 1846.) – Eagliostro. Drama. (Manuscr. Ebd 1846.) – Das Debüt wider Willen. Dramat. Scherz in 1 A (Manuscr. Ebd. 1851.) – Eppelein von Geilingen und was sich seiner Zeit mit diesem ritterli­chen Eulenspiegel und seinen Spießgesellen im Fränkischen zugetragen. Frankf. 1832. 2. Aufl. 1856. – Die Abenteuer des Herzogs Christoph von Bayern, genannt der Kämpfer; II. Ebd 1852-53. 2 Aufl. 1857. 3. Aufl. in Vorbereitung. (Inhalt: I. Die Gruft. – Der schwarze Christoph. – Hörst’s Gras wachsen. – Zwei Finger. – Die Jung­frau von Pavia. – Lindwurmeck. – Der Löffelwirt am Rathhaus. – Der Brüder Zwist. – Der Degenberg und Rußberg. – Der Baumeister von U. l. Frau – Der alte Bonifaz. – Ein Stück aus H. Christophs und Albertus Ausgaben. – Der Schulmeister von St. Pe­ter. – Margreth von Sigenheim. – Sidonia von Cleve. – H. Christophs Gefangenschaft und Befreiung. – Engels Tod. – II. Ab vom Land Bayern. – Das Turnier zu Landshut. – Der Klosterschreiber von Seldenthal. – Sieg ohne Kampf. – Der letzte Abensberger. – Kunegunde. – König, Narr und Herzog. – Die zwei letzten Steine zu U. l. Frauen. – Des Kaisers Zorn, neuer Bruderzwist. – Unweit München. – Allerlei frumm froh und frei. – Der Achenthaler Ur. – H. Christophs Wurf und Sprung. – Zum heil. Grab. – Ein Brief von München nach Wien und der heil. Onuphrius auf dem Eiermarkt zu Mün­chen. – Aus H. Christophs Pilgrambuch. – H. Christophs Tod und Begräbnis.) – Frau­enhuld tilgt jede Schuld. Histor. Charakter-Lustsp. in 5 A. München 1853. – Die gute alte Zeit. Münchener Geschichten. Frkf. 1855. (Inhalt: Der Wettermacher von Frank­furt. – Türmers Töchterlein. – Sultan. – Magister Calomalus. – Der Meister von Nürn­berg.) – Das Plauderstüblein. Für jung und alt erzählt. München 1855. – Die Cbroni­ka des Herrn Petrus Nöckerlein, eines Glücksritters aus alter Zeit; II. Frkf. 1856. – Das Münchener Stadtbüchlein. (Kleinere Erzhlgn. a. d. Vorzeit.) München 1857. – Münchener Geister. (Heiteres Traumbild von altem Volkswahn und Sitten der Ver­gangenheit.) Ebd. 1858. – Heitere Stadtgeschichten aus alter Zeit. Frkf. 1862. (In­halt: Herr Esselmann von Erfurt. – Der Rosenaurekrieg. – Der tapfere Springinkler. – Der Schlagbaum am Krempfer Thor. – Die Krone von Ungarn. – Brummele im Faß. – Fritze woher, Fritze wohin? – Die Klostervisitation. – Der Ragnitz und Hodenheimer. – Müller Krebs. – Kleine Nürnbergersagen. – Der Stock im Eisen. – Trau, schau, wem? – Der Student von Erfurt. – Der Franzos im Bad.) – Traum und Sage. München 1864. – Leben, Abenteuer und Tod des Dr. Theodosius Thaddäus Donner… Eine neudeut­sche göttliche Komödie. Ebd. 1864. – Alt-Münchener Wahr- und Denkzeichen. Ebd. 1864. – Meine Ruh’ will ich, oder: Blemers Leiden. Original-Lustsp. in 1 A. (Manuscr. Ebd. 1864.) – Astern und Rosen, Disteln und Mimosen. Aus der Kriegszeit 1870. Ge­dichte. Berl. 1870. – Die Glocken von St. Alban. Stadt- und Familien-Roman aus be­wegten Zeiten des 17. Jahrh.; III. Regensb. 1875. – Verschiedene Lieder nebst eige­nen Kompositionen a. d. J. 1870.

Vermischte Schriften: Ludwig Schwanthalers Reliquien. Illustriert. München 1858. – Das Gleichendenkmal im Dom zu Erfurt (histor.-kritisch). Erfurt 1867.

Franz Brümmer: Deutsches Dichter-Lexikon. Biographische und bibliographische Mittheilungen über deutsche Dichter aller Zeiten. Unter besonderer Berücksichtigung der Gegenwart. Zweiter Band. Eichstätt & Stuttgart, 1877.


19-13-05/06 (Trautmann)