Deutscher Theater-Correspondent (1870) / t_1224

Die Wiederholung der Oper »Der Prophet« bot einen höchst genußreichen Abend. Herr F. Nachbaur hatte die volle Sicherheit und Ruhe, welche bei der vorhergehen­den Aufführung zu fehlen schienen, wiedergewonnen, und excellirte im Spiel und Gesange.

Die »Fides« des Fräulein Schefzky verdient das ehrendste Lob. Stimmen von dem Umfange, wie ihn diese Parthie erheischt, gehören zu den auserlesensten Selten­heiten. Fräulein Schefzky’s Stimme hatte, bevor sie nach Wien zur Ausbildung sich begab, entschiedenen Altcharakter; es hat fast unzweifelhaft den Anschein, daß der Lehrer der jungen Sängerin das bei der Tiefe der Stimme verdarb, was er an Höhe gewann. Wenn nur auch der Umfang der Stimme den Anforderungen der Aufgabe nicht entsprechen konnte, so hat Frln. Schefzky durch ihren trefflichen Vortrag, ihr überraschend schönes, von bedeutender dramatischer Begabung zeu­gendes Spiel reichlichen Ersatz geboten. Die junge Künstlerin wurde mit wiederhol­tem Beifall ausgezeichnet.

Deutscher Theater-Correspondent Nr. 22. München, 1870.


21-05-07* (Schefsky)