Deutscher Bühnen-Almanach (1880) / t_1311

Eduard Sigl,
Königl. Bayr. Hofopernsänger und Hofopernregisseur
zu München.
(Fünfzigjähriges Dienstjubiläum.)

Eine Feier eigner Art beging im Oktober 1879 Bühne und Publikum des Hofthea­ters in München. Es fanden die Festvorstellungen zum 50jährigen Dienstjubiläum des k. Regisseurs Hrn. Eduard Sigl statt. Auch der oberflächlichste Kenner des Büh­nenwesens wird beurtheilen können, was das heißen will, 50 Jahre lang die neben Ruhmeskränzen fast noch mehr Dornenkronen eintragende Künstlerlaufbahn an ei­ner Bühne verfolgt zu haben. Und in richtiger Würdigung der Bedeutung einer sol­chen Feier war man auch bemüht, dem greisen beliebten Künstler durch lebhaften Beifall, durch Blumen und Kränze die herzliche Theilnahme an seinen Ehrentagen, die volle Anerkennung für seine langjährigen Verdienste zu bezeugen.

Der Jubilar trat am 14. Oktober als Falstaff in Nicolai’s »Lustigen Weibern« auf und führte diese Rolle mit all dem frischen Humor durch, dem die Besucher der kgl. Theater so viele schone heitere Abende verdanken. Hr. Sigl sang aus Anlaß seines Jubiläums noch zweimal, am 17. Oktober den Baculus im »Wildschütz« und am 23. den Bartolo im »Barbier von Sevilla.«

Eduard Sigl wurde am 22. November 1810 zu Passau geboren, wo sein Vater Ignaz Sigl als fürstbischöflicher Musiker angestellt war. Im Jahre 1815 siedelte die Familie nach München über. Hier lernte Eduard bei seinem Vater und seinem Bruder Ignaz das Violoncell spielen, während der Vater die ältere Schwester Katharina (spätere Frau Sigl-Vespermann) in Gesang und Violinspiel unterrichtete. Beide Kinder mach­ten so rasche Fortschritte, daß der Vater schon 1817 mit ihnen eine Kunstreise durch Deutschland, Holland nnd Frankreich unternehmen konnte. Die Kleinen fan­den allenthalben ungetheilten Beifall. Eduard spielte sein Violoncell, Katharina sang Arietten und produzirte sich als Violinspielerin. Auf der Rückreise in die Heimath spielten die Kinder in Aachen, während der Kongreß tagte. Auch hier traten sie mit schönstem Erfolg auf und erwarben sich die liebevolle Theilnahme der berühmten Catalani.

Im Jahre 1819 kehrte die Familie nach München zurück, wo Eduard wieder seine Schulstudien aufnahm und zu diesem Zweck in das sogenannte Holland’sche Insti­tut kam, wo er bis zum Jahre 1827 blieb, um alsdann beim Hoforchester als Volon­tair einzutreten. Am 6. August 1829 avancirte er zum Hofmusikeleven und von hier aus datirt sein Künstlerjubiläum. Noch im selben Jahre (26. November) wurde er zum Hofmusiker ernannt. So vergingen die nächsten Jahre, bis er am 29. Januar 1832 als »Villack Umu« in Winters »Unterbrochenem Opferfest« seinen ersten theatralischen Versuch wagte. Ohne vorläufig seiner Anstellung in der Hofkapelle zu entsagen, betrat er im Verlauf der nächsten Jahre die Bühne noch mehrmals mit glücklichstem Erfolg.

Erst mit 1. Mai 1836 schied Eduard Sigl aus dem Orchesterverband und wurde k. Hofsänger und zugleich Hofkapellsänger. Das Theater nahm natürlich seine Thätig­keit zumeist in Anspruch, und sein frischer Humor wie sein schauspielerisches Ta­lent machten ihn schon in kurzer Zeit zu einem der beliebtesten Mitglieder der Münchener Hofbühne. Am 1. Juni 1855 ernannte Dingelstedt den mit Bühnenerfah­rung reich ausgestatteten Künstler zum Regisseur der Hofbühne, und 1870 wurde er nebenbei noch als Sänger, Schauspieler und Regisseur für das Theater am Gärt­nerplatz engagirt. Wie groß die Liebe zu seinem Beruf war, mögen – von der Tätig­keit Sigl’s am letztgenannten Theater ganz abgesehen – folgende Zahlen beweisen: Vom Jahre 1836 bis zum 30. Juni 1879 trat Sigl am Hoftheater 5017 mal und am Gärtnerplatz-Theater 1302 mal, zusammen also 6319 mal auf; seine Dienste als Re­gisseur werden sich auf nahezu zweitausend belaufen und seine Gastvorstellungen in Augsburg, Mannheim, Nürnberg, Ulm und Wien auf etwa einhundertundfünfzig.

Daß die oben erwähnten Festvorstellungen dem hochbeliebten Jubilar reichen Bei­fall einbrachten, ist selbstverständlich, aber auch andere Ovationen wurden ihm in Menge zu Theil. Am 19. Oktober überreichte ihm der General-Intendant der Kgl. Hoftheater, Excllenz v. Perfall in Gegenwart des gesammten Personals, der Beam­ten und der Kapelle, mit warmen Worten seine Verdienste anerkennend, im Namen Sr. Majestät des Königs die »Ehrenmünze des Ludwig-Ordens.« Die darstellenden Mitglieder ließen alsdann durch Hrn. Kindermann einen Lorbeerkranz überreichen in dessen Mitte ein außerordentlich werthvoller Brillantring lag. Die erhebende Fei­er schloß mit einem vom Chordirektor Stick componirten und vom gesammten Chorpersonale vorgetragenen Gesange. Die Garderobe des Gefeierten war fast zu klein zur Aufnahme aller Geschenke, Blumen, Lorbeerkränze u. s. w., die ihm von seinen Verehrern von nah und fern zugingen.

Den Schluß der Feier machte ein Festmahl, welchem nicht nur die jetzigen, sondern auch viele der früheren Collegen Sigl’s, auch Excellenz v. Perfall, anwohnten, und welches den heitersten Verlauf nahm.

Möge dem verdienten Jubilar noch ein langes und glückliches Leben blühen!

Deutscher Bühnen-Almanach. Berlin, 1880.


18-14-27 (Sigl & Wepper)