Deutscher Bühnen-Almanach (1869) / t_1272

Sophie Schröder.

Die große deutsche Tragödin Sophie Schröder ist am 25. Februar 1868 in München im Greisenalter von 87 Jahren gestorben. Sie wurde 1781 in Paderborn geboren. Ihre Mutter, welche sich nach dem Tode ihres ersten Mannes, eines Schauspielers, Namens Bürger, mit dem rühmlich bekannten Schauspieler Keilholz verheirathete, folgte einem Rufe nach Petersburg. Sie hatte zwar die damals zwölfjährige Sophie, obgleich diese schon als Kind in kleinen Rollen Talent bewiesen, noch nicht für die Bühne bestimmt, da aber das Personal der Tylli’schen Schauspielergesellschaft in Petersburg sehr beschränkt und zufällig das Fach der jugendlichen Rollen in Oper und Schauspiel unbesetzt war, so gab sie den Bitten der bedrängten Directrice nach, und Sophie begann in der Dittersdorf’schen Oper »Das rothe Käppchen« als Lina ihre theatralische Laufbahn. In Reval, wohin die Gesellschaft später reiste, hei­rathete sie als fünfzehnjähriges Mädchen den Schauspieler Stollmers. Hier lernte sie auch Kotzebue kennen, und erhielt auf seine Empfehlung eine Anstellung bei dem Wiener Hoftheater. Sie spielte damals noch ausschließlich naive Rollen und ge­fiel in ihren Debüts als Margarethe in den »Hagestolzen« und Gretchen in den »Ver­wandtschaften« sehr. Nach einem Jahre ging sie jedoch nach Breslau, wo sie vor­zugsweise für die Oper engagirt wurde und besonders als Hulda im »Donauweib­chen« viel Glück machte. 1801 unter sehr vortheilhaften Bedingungen nach Ham­burg berufen, betrat sie hier die Bahn, auf welcher sie als ein Stern erster Größe glänzte; sie wechselte nämlich das naive Rollenfach mit dem tragischen. Häuslicher Kummer hatte ihren sonst heiteren Geist in eine melancholische Stimmung versetzt und den schlummernden Funken zur Flamme entzündet. Ihre erste Rolle in diesem Fache war die Zimmermeisterstochter in »Julius von Sassen.«

1804 heirathete sie ihren zweiten Gatten, den Schauspieler Schröder, und lebte un­ter den günstigsten Verhältnissen in Hamburg, bis die kriegerischen Begebenhei­ten im Jahre 1813 sie bestimmten, diese Stadt zu verlassen.

Nachdem sie eine glänzende Kunstreise gemacht, spielte sie anderthalb Jahre in Prag und folgte dann einem Rufe zu dem Wiener Hoftheater, dessen Zierde in hochtragischen Rollen sie war. Ihre Phädra, Lady Macbeth, Merope, Sappho, Johan­na von Montfaucon waren meisterhafte Gebilde. Von hier aus zog sie mehrmals im künstlerischen Triumph durch Deutschland, gastirte an allen größern Bühnen und erwarb sich Ruhm und Ehre im höchsten Grade.

1829 vermählte sie sich zum dritten Male mit dem ungleich jüngeren, bekannten Heldenspieler Wilhelm Kunst, doch ward diese unhaltbare, von blinder Leiden­schaft geschlossene Ehe schon nach wenigen Wochen, wenn nicht gerichtlich, so doch factisch durch die Abreise des Gemahls wieder gelöst. Den Namen ihres drit­ten Mannes legte sich Sophie Schröder niemals bei, doch wurde sie in der That erst 1859 durch W. Kunst’s Tod Wittwe im eigentlichen Sinne des Wortes.

Sie ging später noch an das Hoftheater in München über, von wo sie aber dann nach Wien zurückkehrte und dort in ihren früheren Wirkungskreis nochmals eintrat.

1840 wurde sie pensionirt und seitdem lebte sie zurückgezogen von der Oeffent­lichkeit Anfangs in Augsburg, zuletzt in München, wo sie nur bei Gelegenheit des hundertjährigen Schiller-Jubiläums im November 1859 vorübergehend noch einmal sich dem Publikum im Theater zeigte, indem sie auf höheren Wunsch »das Lied von der Glocke« vortrug, in dessen Recitation sie von jeher meisterlich Vollendetes leis­tete. Sophie Schröder war im Rechte, als sie an der Feier von Schiller’s Geburtstag thätigen Antheil nahm, denn sie war bereits noch zu Lebzeiten des großen Dichters in Activität auf der Bühne. Persönlich nahe trat sie ihm zwar niemals, doch schuf sie seit 1801 noch in Hamburg ihre Amalie in den »Räubern«, Louise in »Kabale und Liebe«, Beatrice in der »Braut von Messina«, Jeanne d’Arc und Turandot, sowie dann in Wien ihre Maria Stuart und ferner auch die Elisabeth in demselben Drama, die seitdem nie wieder so groß gesehene Lady Macbeth in der Schiller’schen Bear­beitung, die Lady Milford, die Isabella in der »Braut v. Messina«, und ebenso auch verschiedene episodische Gestalten, wie Agnes Sorel, Gräfin Terzky, Julia Jmperiali in »Fiesco« und Armgart in »Tell.«

Keine deutsche Künstlerin dürfte wie sie fast die ganze Gallerie Schiller’schen Frau­engestalten auf der Bühne verkörpert haben. Sophie Schröder war in der deut­schen Kunst eine der ersten, von denen, die im Gegensatz zum Realismus der Iff­land’schen Schule einer mehr idealistischen Spielweise zum Siege verholfen. Statt allzustrenger Natürlichkeit fand man bei ihr großartige Austastung und Ausmalung gewaltiger Leidenschaften, wodurch der etwas pedantisch und farblos gewordenen Menschendarstellung auf der Bühne Schwung und Poesie zurückgegeben ward, wenn auch hinwiederum die Gefahr nahe lag, daß der nun auf den Theatern herr­schende pathetische Styl hier und da die Grenzen überstieg und an Stelle der Ein­fachheit und schlichten Wahrheit hochtrabendes Wesen trat. Partien der idealen Gattung, wie Iphigenia, Medea, Phädra, Sappho, Merope, Lady Macbeth und Isa­bella in der »Braut von Messina«, stellte Sophie Schröder mit einer poetischen Ge­walt dar, die den Zuschauer gewaltsam zur Höhe dieser idealheroischen Spiel­weise emporriß und ihre Leistungen zu den unvergeßlichen stempelten.

Am 27. Februar 1868 Nachmittags 4 Uhr wurde Sophie Schröder zur Erde bestat­tet. Ein Meer von Menschen wogte nach dem Friedhofe, nicht von der Neugierde getrieben, sondern von dem Drange, der großen Künstlerin das letzte Ehrengeleite zu geben. An der Spitze des gesammten Hoftheaterpersonals und des Hoforches­ters befand sich der Intendant Freiherr von Perfall in seiner Kammerherrenuniform und legte einen Lorbeerkranz auf den mit Lorbeern und Blumen schon dicht um­hüllten Sarg nieder. Im Namen Sr. Majestät des Königs war der Flügeladjutant Hauptmann v. Sauer, ebenfalls den Sarg bekränzend, anwesend. Mit dem Glocken­schlage 4 Uhr setzte sich der Riesenzug in Bewegung. Voraus ein Musikcorps, Beet­hoven’s Trauermarsch spielend, hinter diesem das Kreuz mit dem Decane, dann der Sarg, umgeben von den Regisseuren, welche brennende Wachskerzen, und von zwölf Hofschauspielern und Hofopernsängern, welche Palmenzweige trugen. Alle hatten um die Brust lange Trauerschärpen. Hinter dem Sarge schritten mit den Leidtragenden Frhr. v. Perfall, ihm folgten schwarz gekleidete Damen der Hofbüh­ne; eine Deputation des Aktientheaters und sämmtliche Mitglieder des Theaters und der Hofkapelle, Celebritäten der Kunst und Wissenschaft, hohe Staatsbeamte und Offiziere aller Waffengattungen, zum Schlusse eine Armee von Trauernden. Nachdem der Sarg in das Grab gesenkt war, hielt Hr. Dechant Hayer eine tiefergrei­fende Rede, die Verdienste der dahingeschiedenen Mitschwester als Künstlerin, Mutter und Christin preisend. Hierauf ergriff Hr. Regisseur Richter in, alle Anwesen­den mächtig erschütternder Rede das Wort; er betonte, wie wenig Künstlern es vergönnt ist, einen Ruhm, wie Sophie Schröder, sich zu erwerben, und der beste Beweis, was die große Tragödin ihren Zeitgenossen ist und war, sei die Anwesen­heit der Tausende; aber auch die immer wachsenden Beweise von Theilnahme, wel­che von Außen dem Tode der Künstlerin gezollt würden, seien sprechende Zeugen, was Sophie Schröder der Mitwelt war und der Nachwelt bleiben wird. Die Hofthea­ter von Dresden und Berlin sendeten diese Lorbeerkränze und die Palmen, um sie als , sichtliche Zeichen der letzten Anerkennung auf das Grab der greisen Tragödin zu legen. »So lege ich denn, Sophie Schröder, mit unserer Liebe, unserer Bewunde­rung, diese Ehrenzeichen auf Deinen Sarg. Du erhabenes Vorbild, Du Fürstin im Ge­biete der dramatischen Kunst; ihr irdischen Ueberreste Sophie Schröder’s, lebt wohl! Auf ewig wohl!« Kein Auge blieb nach diesen Worten trocken. Die würdevolle Feier schloß ein gemischter Chor mit Horn- und Posaunenbegleitung von einem Zeitgenossen der großen Verstorbenen, dem Hofkapellmeister Stuntz.

Deutscher Bühnen-Almanach. Berlin, 1. Januar 1869.


39-13-21 (Schröder)