Deutscher Bühnen-Almanach (1.1.1878) / t_1541

Ferdinand Lang,
K. Bayrischer Hofschauspieler.
(Fünzigjähriges Künstlerjubiläum.)

Aus echtem Künstlerblute stammend, schon unter den Vorfahren seiner beiden El­tern finden sich Namen, die am Theaterhimmel des vorigen Jahrhunderts als glän­zende Sterne prangten, wurde Ferd. Lang am 28. Mai 1810 in München geboren. Der Wunsch des Vaters ging dahin, daß der Sohn sich für Instrumentalmusik ausbil­den und dereinst sein Nachfolger als erster Violinist der Hofkapelle werden sollte. Demgemäß erhielt Ferdinand denn auch sorgfältigen und strengen Unterricht im Violinspielen. Sein Herz war aber nicht bei dieser Kunst, seine Wünsche nahmen ei­nen anderen Flug – nach der Bühne. Der Drang des jungen Ferdinand, sich der Schauspielkunst zu widmen, wurde allmälich so stark, daß er schließlich die Scheu und Angst, sich seinem Vater mit diesem Herzenswunsch zu entdecken, überwand und mit der sehnlichen Bitte, ihn Schauspieler werden zu lassen, vor den Alten trat. Dieser, dem damit ein Lieblingsplan in die Brüche ging, war Anfangs sehr aufge­bracht und bezeugte durchaus keine Lust, nachzugeben. Die Mutter trat aber als Vermittlerin auf und brachte durch ihr gütiges Zureden den Vater Theobald endlich dahin, daß er nicht länger widerstrebte und seinen Ferdinand nun selbst zu dem trefflichen Künstler, dem Hofschauspieler Urban, führte. Dieser erkannte alsbald das hier schlummernde Talent und nahm unsern Ferdinand mit Freuden als Schüler an. Schon nach sechsmonatlichen Studien war derselbe soweit gefördert, daß er am 7. Juni 1827 am Hoftheater in München in der Rolle des Aegisth in Voltaire’s »Merope« mit großem Erfolge auftreten und demnächst engagirt werden konnte, und zwar als jugendlicher Liebhaber mit einer Gage von jährlich 200 fl. In diesem seiner Individualität weniger zusagenden Rollenkreise wäre er vielleicht für immer geblieben, wenn ihn nicht ein Zwischenfall, der ihn allerdings an den Rand des Gra­bes brachte – am 25. November 1831 wurde er nach der Vorstellung in der Flur sei­ner Wohnung meuchlerisch überfallen und durch einen Stich in den Unterleib auf den Tod verwundet – auf seiner Erholungsreise nach Wien geführt hätte, wo ihn sein Schwager, der bekannte Schauspieldirektor Karl, erst auf sein hervorragendes komisches Talent aufmerksam machte. Zwar gastirte er bei dieser Gelegenheit noch dreimal am Burgtheater in Liebhaberrollen unter großem Beifall, aber von da ab blieb doch Raimund, den er in seinen Glanzleistungen sah, das Ideal, dem er nachstrebte, und er ruhte, nach München zurückgekehrt, nicht eher, als bis ihm die Rolle des Staberl anvertraut war, deren glänzende Durchführung den Beweis liefer­te, daß er erst jetzt in dem seinem Talente angemessenen Fahrwasser sei. Von nun ab ist Lang’s Stern in stetem Aufsteigen begriffen, und er gilt noch heute als bester vielleicht als einziger Vertreter der sogenannten süddeutschen Komik.

Hr. Lang spielte von Beginn seiner Thätigkeit am Theater bis zum Tage seines Jubi­läums im Ganzen 5521mal, wovon 3523mal im Kgl. Hoftheater, 629mal im Kgl. Resi­denztheater, 652mal im Kgl. Theater am Gärtnerplatz und 717mal bei Gastrollen in den verschiedensten Städten.

Die Festlichkeiten der Jubiläumsfeier fanden in der letzten Vorstellung von »Zu ebener Erde und im ersten Stock« einen glänzenden Abschluß. Die Ansprache Richters an Lang am Schlusse der Posse lautete wörtlich: (Nachdem Hr. Sigl das Stück beschlossen hatte mit den Worten: So nehmt denn meinen Segen und seid glücklich! und Lang sich eben erhob, begann Richter:) »Halt! Mein lieber Damian Stutzl-Lang, nimm auch unsere Glückwünsche zu Deinem Wohnungswechsel von ebener Erde in den ersten Stock, auch unseren Segen beim Eintritt in einen bedeu­tungsvollen Lebensabschnitt. – Doch warum willst Du eigentlich Wohnung wech­seln? Seit 50 Jahren wohnst Du in diesem Hause, und nicht nur zu ebener Erde und im ersten Stock, nein, in aller Herzen von ebener Erde bis zum fünften Stock, und frage herum, ob irgend Eines Dir die Wohnung kündigen will!? – Ein halbes Jahr­hundert in diesem Hause unausgesetzt in Thätigkeit, welch‘ lange Zeit in einem kurzen Menschenleben! Nur wenigen Schauspielern ist es vergönnt, ihre Wirksam­keit in voller Rüstigkeit, ungeschädigt durch das Alter, auf so lange Zeit auszudeh­nen! Noch Wenigeren aber, dies auf einer und derselben Bühne zu thun! Und wel­che aufreibende Thätigkeit! Jeder Abend auf der Bühne ist ein Kampf, jede neue Rolle ein erneuter Kampf – nicht immer ein neuer Sieg! Leicht blickt sich’s von dort unten hier herauf; schwer, recht oft schwer und beklommen von hier oben dort hin­unter! Zumal wenn wir mit einer neuen Schöpfung hierhertreten und trotz reiflichen Studiums und Ueberlegens des glücklichen Ausgangs nicht sicher sind! – Vor zehn Jahren, bei Gelegenheit Deines vierzigjährigen Dienst-Jubiläums war mir der ehren­volle Auftrag geworden, Dir die Glückwünsche und Gefühle der Collegen auszu­sprechen, – heute sehe ich mich zu meiner hohen Freude in dem gleichen Falle. Wir schieden damals von Dir mit den Worten:

Auf Wiederseh’n, Du lieber Jubilar,
Den goldnen Lorbeerkranz im Silberhaar!

Alles jubelte diesem Wunsche entgegen, und wir sind heute gekommen, das da­mals gegebene Versprechen einzulösen. – Aber so Manche sind nicht erschienen; sie haben nicht Wort gehalten und sind zu dem heutigen Rendezvous nicht gekom­men; besonders eine junge, Dir damals herzlich zujauchzende Person blieb aus! Ach! Sie haben diese Bretter – welche die Welt bedeuten – verlassen, der größere Theil der Nichterschienenen hat sogar diese Welt selbst verlassen. Wir aber sind noch da, Dank sei es einer gütigen Vorsehung, und sind nicht allein da, sondern auch noch ebenso thatkräftig und vollwirkend da, wie vor zehn Jahren. Du hast das in den letzten Tagen vollauf bewiesen als Valentin, Staberl, Damian! Wer konnte in Deinem Staberl den 68jährigen Mann vermuthen? Warst Du nicht vielmehr ein flink umherspringender 28jähriger Jüngling?! Und hast Du nicht auch in der ernsten Richtung unseres Repertoirs einen ganzen Künstler gestellt? Ich erinnere nur an Deine Leistungen bei der vorjährigen Aufführung der Shakespeare’schen Königs­dramen. Und bist Du nicht sogar ein thatkräftiges Mitglied der Oper noch heute? Du legtest großartiges Zeugniß davon ab in den lustigen Weibern, im schwarzen Domino, in den Meistersingern. (Hier lehnte Lang in höchst komischer Geberde den seiner Meinung nach unverdienten Sängerruhm ab.) So bist Du also ein Juwel der königlichen Kunstanstalt. Man darf Dich mit ganzem Recht einen Brillant in der Künstlerkrone des Hoftheaters nennen, und um Dir diese unsere Ueberzeugung symbolisch auszudrücken, oder es Dir – wie man sagt -durch die Blume zu verste­hen zu geben, haben wir uns erlaubt, als Erinnerung an diesen festlichen Tag Dir diesen Brillanten im Ring zu widmen, den ich Dir hiermit an den Finger stecke mit dem herzlichsten Wunsch, daß gleich ausdauernde Härte, Unverletzbarkeit und gleiches Feuer, wie dieser Stein besitzt, Dich befähigen möge, noch ferner in bishe­riger Thätigkeit der Hofbühne und ihrem Künstlerkreise anzugehören. Und so rufe ich denn: Gott erhalte uns unseren Lang noch länger als lang und schließe mit den Worten von damals:

»Es lebe hoch der theure Jubilar,
Den goldnen Lorbeerkranz im Silberhaar!«

Eine festliche Scene spielte sich des Morgens im Bureau des kgl. General-Intendan­ten Frhrn. v. Perfall ab, der dort in Gegenwart der sämmtlichen Beamten des Hau­ses, der Regisseure und Hofkapellmeister dem Jubilar mit königlicher Genehmi­gung ein Ehrengeschenk in Form eines Pokales, an dem in sinnreicher Form zweit­ausend Mark in Gold angebracht sind, unter Worten der herzlichsten Anerkennung als einen Hausschatz überreichte, eine kleine Gegengabe für den Schatz, den Lang’s Herzenheiterkeit und Kunst für die Hofbühne und ihre Freunde stets bildete und hoffentlich noch lange bilden wird. Auch bei diesem Anlaß verleugnete sich der Komiker nicht. Er dankte in der drolligsten Weise und erregte die allgemeinste Heiterkeit. Ferner erhielt Hr. Lang auch von der Dante-Stiftung in Neapel das Ehrendiplom und die goldene Medaille.

Deutscher Bühnen-Almanach. Berlin, den 1. Januar 1878.


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