Deutsche Warte (1871) / t_501

Zenger, Dr. Franz Xaver, ordentlicher Professor der juridischen Fakultät an der Münchener Hochschule, † am 30. Juni zu München.

Die juridische Wissenschaft, die Universität München und das vielbewegte religiöse und politische Leben der bayerischen Hauptstadt haben durch sein Hinscheiden ei­nen herben Verlust erlitten. F. X. Zenger war als Sohn einer untergeordneten Inten­danturbeamten am 28. November 1798 zu Stadtamhof bei Regensburg geboren, brachte indeß seine Jugendzeit schon vom ersten Lebensjahre an in Augsburg zu. Auf dem dortigen Gymnasium zu St. Anna herangebildet, erregte er die Aufmerk­samkeit seiner durchweg geistlichen Lehrer in dem Grade, daß ihm der Vorschlag in den Jesuitenorden zu treten gemacht wurde. Trotz oder vielleicht auch wegen seiner aufrichtigen Religiosität, die ihn sein ganzes Leben hindurch begleitet hat, und ungeachtet seiner durch den Tod der Vaters bedrängt gewordenen materiellen Lage schlug der junge Zenger dieses Anerbieten aus und bezog im Jahre 1817 die Universität Landshut, um dort Philosophie und Jurisprudenz zu studiren. Mit vor­züglichen Fähigkeiten und großer Arbeitskraft ausgerüstet vermochte er beider Disciplinen vollständig Herr zu werden, ohne deshalb den Anforderungen der Ge­selligkeit sich entziehen zu dürfen, im Gegentheil brachte er er bei dem Studenten­corps Suevia zu der Stellung eines allgemein beliebten Seniors.

Im Jahre 1821 begann er nach rühmlich bestandenem Examen die Laufbahn des praktischen Staatsdienstes, vertauschte dieselbe indeß schon im Jahre 1823 mit der akademischen und habilitirte sich, nachdem er ein Jahr in Göttingen seine wis­senschaftliche Bildung erweitert und zwei Jahre in Privatstudien zugebracht hatte, im Herbst 1826 als Privatdocent in München, wohin die alte Hochschule der bayeri­schen Herzoge mittlerweile übergesiedelt war. Fortan blieb er mit Ausnahme einer dreijährigen Aufenthaltes zu Erlangen, wo er von 1828-31 als außerordentlicher Professor weilte, dieser Hochschule treu, versah 1840-41 die Würde eines Rektors der Universität und vertrat dieselbe auch auf dem bayerischen Landtage von 1848, wo er u. A. als Referent über die ständische Initiative fungirte. Obgleich als Schrift­steller nahezu vollständig unthätig, brachte es Zenger in der von ihm erwählten Branche der Civilrechtes sehr bald zu einer bedeutenden wissenschaftlichen Autori­tät, und übte auf die Tüchtigkeit des bayerischen Richterstandes, dessen jüngere Generation fast vollständig zu seinen Füßen gesessen hat, einen segensreichen Einfluß. Noch bedeutender war freilich sein praktisches Talent, wie er denn als Mit­glied des Spruchkollegiums und des administrativen Ausschusses der Universität nicht leicht zu ersetzen sein wird.

Schon im Jahre 1828 verheirathet, besaß Zenger eine zahlreiche Familie, aus der u. A, der bekannte Komponist Max Zenger, Musikdirektor an dem Münchener Hoftheater, hervorgegangen ist. Im Jahre 1866 hatte der Verewigte das Unglück, eine erwachsene liebenswürdige Tochter fast vor der Thür seiner Hauses überritten und tödtlich verwundet zu sehn, und im November 1870 starb seine Gattin.

Nach diesen herben Verlusten nahm seine Religiosität mehr und mehr den Charak­ter der Todessehnsucht an, ohne deshalb den schwächlichen und mystischen Zug zu gewinnen, den das herannahende Lebensende oft auch kräftigen Gemüthern aufprägt. Im Gegentheil stellte sich der kränkelnde Mann bei dem Ausbruche der Infallibilitätsstreites entschlossen auf die Seite derjenigen, welche in der neuen Doktrin eine Verkehrung aller bisher gültigen katholischen Grundsätze erblickten, und warf freudigen Muthes das wissenschaftliche und moralische Gewicht seines Namens in die Wagschale der bekannten Münchener Museumsadresse, durch wel­che die bayerische Staatsregierung zum Einschreiten gegen die staatsgefährlichen Konsequenzen der neuen Dogma’s aufgefordert wurde.

Dieser Stellung blieb er auch auf dem Sterbebette treu, das so manchen Abfall von freisinnigen religiösen Ueberzeugungen gezeitigt hat. Als ein ihm persönlich seit langen Jahren befreundeter Franciskanerpater ihm die Absolution ohne vorgängi­gen Widerruf seines Protestes gegen die Unfehlbarkeit verweigerte, verließ sich der sterbende Mann muthig auf die Gnade Gottes und wies dieser Verlangen zu­rück. Ein milder gesinnter Geistlicher, Gymnasialprofessor Meßmer, ertheilte ihm endlich auch ohne diesen Widerruf die Absolution, eine Handlung, für die er nach­träglich selber exkommunicirt worden ist. Mittlerweile eilte der Professor Friedrich, das mit dem Stiftspropst von Döllinger zugleich exkommunicirte Mitglied der Mün­chener theologischen Fakultät, zu dem wegen seines Protestes gegen die Unfehl­barkeit gleichfalls exkommunicirten Pfarrer Renftle in Mehring unweit Augsburg und holte von diesem die Stola und das heilige Salböl herbei, mit denen er dann dem sterbenden Universitätsgenossen und Freunde die letzten Sakramente spen­dete.

Indeß selbst nach dem Tode verfolgte die ultramontane Intoleranz ihren Gegner. Der bekannte Pfarrer Westermayer, als Stadtpfarrer von St. Peter Diöcesan der Friedhofskirche zu St. Elisabeth, verweigerte die Herausgabe der Begräbnißpara­mente und das Geläute der Kirchenglocke, trotzdem Paramente wie Grabkirche städtisches Eigenthum sind. Erst die Selbsthülfe der Magistrates ermöglichte die­sen Theil der Begräbnißfeier. Um so großartiger war die Theilnahme der Bevölke­rung an diesem letzten Akte. Gegen 20,000 Menschen, das Universitätskollegium mit Ausnahme der wenigen infallibilistischen Professoren und den Magistrat an der Spitze, geleiteten am 2. Juli den Dahingeschiedenen zu Grabe. Die kurze, aber ein­drucksvolle Trauerrede hielt Professor Friedrich, der zwei Tage vorher dem sterben­den Freunde die letzten Tröstungen der Religion verschafft hatte. Das Ganze ge­staltete sich zu einer ergreifenden Gedächtnißfeier für den Mann, der auch im An­gesichte der Todes die kirchliche Ueberzeugung seines Lebens behauptet und die schwierige Aufgabe gelöst hatte, zugleich ein ächter Mann und ein frommer Christ zu sein. Sein Andenken wird an der Stätte seines Wirkens lange unvergessen blei­ben.

Deutsche Warte. Umschau über das Leben und Schaffen der Gegenwart. Hildburghausen, 1871.


12-02-55 (Zenger)