Deutsche Musik-Zeitung (17.1.1874) / t_1068

Sophie Menter.

Der arme Popper! Wer kennt Frau Popper? Alle Welt spricht nur von Sophie Men­ter, die ihr Los an das seine, ihr Clavier an sein Cello gekettet hat. Etwa drei Jahre sind es her, da erschien sie bei uns und mit ihrem Spiel wühlte sie unsere tiefinners­ten Empfindungen auf; leuchtend wie ein Meteor zog sie durch die Räume unseres Kunst-Himmels, um bald aus unseren Blicken, aber nicht aus unserer Erinnerung zu schwinden. Ein Liebling der Grazien und der Musen zugleich, nahm sie Auge und Ohr gefangen. Die ganze Männerwelt zog an ihrem Triumpfwagen und es wurde beinahe wie eine, jedem Einzelnen zugefügte Beleidigung betrachtet, als es hieß, Sophie Menter habe noch andre Götter neben der Kunst und ihr Herz sei von dem kleinen Gott mit dem Bogen getroffen worden. Vollends ärgerlich war man, als es sich herausstellte, daß dieser Bogen eigentlich nur ein Fiedelbogen war. Nicht hei­ße Liebe war es, die uns trostlos gemacht, sondern kalte Selbstsucht, denn die Ehe gilt als Grab der Kunst, besonders einer solchen Halbkunst, wie Spielhagen das Clavierspielen zu nennen wagt, als hätte Sophie Menter nicht in ihrem kleinen Fin­ger mehr Verstand, als für zehn Künstler ausreicht und Sophie Menter hat nicht nur zwei kleine Hände, sondern auch zwei kleine Finger! Bei unserer trefflichen Pianis­tin scheint diese Besorgniß ungegründet, im Gegentheil, sie beginnt die Flügel mächtiger zu regen als je. Der große Concert-Impresario Ullman hat die Namen des Künstlerpaares Popper auf das Menu seiner musikalischen Delicatessen gesetzt u. Sophie Menter durchzieht nun die Welt, um den Völkern das Evangelium ihres großen und bisher unerreichten Meisters Fr. Liszt zu predigen, der – auch dieses Wunder hat sie bewirkt – so gerne zu den Füßen seines liebenswürdigen, so gläu­big auf ihn niederschauenden Gamaliel saß.

Deutsche Musik-Zeitung Nr. 3. Organ für Theater und Kunst. Wien, 17. Jänner 1874.


05-02-35 (Menter)