Deutsche Mechaniker-Zeitung (1909) / t_324

Dr. Sigmund Ritter v. Merz.

(Unter Benutzung des Manuskriptes einer Autobiographie.)

In Dr. Sigmund v. Merz, der am 11. Dezember 1908 hochbetagt in München starb, ist der letzte persönliche Mitarbeiter Utzschneiders dahingegangen.

Sigmund Merz war geboren zu München am 6. Januar 1824 als der zweite Sohn des Optikers Georg Merz, welcher nach Fraunhofers Tod von Utzschneider zum Di­rektor seines optischen Institutes (Utzschneider & Fraunhofer) bestellt worden war. Utzschneider selbst war sein Taufpate. Sigmund Merz besuchte zuerst eine Elemen­tarschule, kam dann in die Lateinschule und darauf in das Kgl. alte Gymnasium. Schon während der Gymnasialzeit beschäftigte er sich sehr mit Mathematik und hatte schon damals einen ersten Teil zu einer mathematischen Beispielsammlung, ähnlich der von Maier-Hirsch, zum Drucke reif. In den Schulferien übte er sich zum Zeitvertreib im Schleifen optischer Gläser.

Nach Absolvierung des Gymnasiums trat Merz auf des Vaters Wunsch an Stelle sei­nes älteren Bruders Ludwig, der sich für physikalische Geographie an der Universi­tät München habilitierte, in das Geschäft. Unter des Vaters spezieller Leitung 3 Jah­re praktizierend, hörte er nebenbei Physik und Chemie an der polytechnischen Schule und besuchte die Vorträge Lamonts, der übrigens sein Firmpate war, über Astronomie an der Kgl. Sternwarte zu Bogenhausen.

In den ersten Jahren seiner optischen Tätigkeit widmete Merz sich hauptsächlich dem Bau und der Verbesserung des Mikroskops.

Nach 3 Jahren (1845) vermochte er bereits zum Zweck von Unterhandlungen mit dem Vertreter des Harvard College in Cambridge, Mass., V. S. A., nach London zu gehen. Nach der Rückkehr erstreckte sich seine Tätigkeit auf alle Zweige der Tech­nik des Institutes, insbesondere besorgte er die Kreisteilungen. 1847 trat Merz als Mitinhaber in die Firma, damals Merz, Utzschneider & Fraunhofer, ein.

1851 vertrat Merz die Firma während der I. Weltausstellung in London. Dort lernte ihn Prof. v. Schafhäutl, der Kommissär der Bayer. Regierung in London, kennen; auf dessen Vorschlag wurde er 1852 als Mitglied in die Ministerialkommission für Prü­fung der Erfindungsbeschreibungen berufen, welcher er bis zu ihrer Aufhebung an­gehörte. Merz war ferner 1864 bis 1866 Mitglied der Gewerbe- und Handelskam­mer von Oberbayern, 1866 bis 1869 Gemeindebevollmächtigter von München; er gehörte ferner dem Handelsgericht München und alsdann, zum Assessor vorge­rückt, dem Handelsappellationsgericht bis zu dessen Aufhebung (1879) an.

Sigmund Merz gelangte durch den am 12. Januar 1867 erfolgten Tod seines Vaters in den Alleinbesitz der Firma Merz, Utzschneider & Fraunhofer; von da ab beginnt seine selbständige Tätigkeit als Leiter dieser von Fraunhofer gegründeten Anstalt.

Von bedeutenderen Arbeiten, die unter Sigmund Merz vollendet wurden, sind zu nennen: 1869 ein 9½-zölliger Refraktor für Marseille, durch Leverrier in Paris be­stellt, ferner ein 9-Zöller für San Jago in Chile; 1872 ward ein 6½-Zöller, parallak­tisch montiert mit Uhrbewegung, für die Privatsternwarte des Hrn. v. Basilewsky in St. Petersburg geliefert, 1873 ein 10-Zöller für die Firma Trougthon in London und ein 5-Zöller für die Privatsternwarte des Hrn. v. Biela in Wien; dieses letztere Instru­ment, parallaktisch montiert mit Uhrwerk, wurde auf der Weltausstellung Wien 1873 preisgekrönt. Im folgenden Jahre kam je ein 9-Zöller nach Nikolajew (Ruß­land) und nach Quito (Ecuador). 1876 folgte ein 6½-Zöller für Calcutta, je ein 7-Zöl­ler für die Sternwarte in Düsseldorf und für das Bernoullianum in Basel, 1877 ein 6-Zöller für die Sternwarte von Prof. v. Konkoly in O-Gyalla, ein 12-Zöller für Catania und ein 14-Zöller für Brüssel; 1878 ein 6-Zöller für Tokio, ein 10-Zöller für die Privat­sternwarte von Bazley in Fairford (England) und ein 7-Zöller für die Sternwarte des Kardinals Haynold in Kalocsa (Ungarn). Diesen Instrumenten folgte 1879 ein 10-Zöl­ler für Genf, 1880 ein 18-Zöller für die neue Sternwarte in Straßburg und ein 14-Zöller für Bordeaux, 1881 ein zweiter 18-Zöller für Mailand und ein 9-Zöller für Prof. v. Konkoly in O-Gyalla, 1882 ein 11-Zöller für Turin.

Von Instrumenten eigener Erfindung sind zu nennen: ein Helioskop, ein Objektiv-Spektralapparat und ein Protuberanzspektroskop.

Einen großen Teil der Tätigkeit von Merz beanspruchte das neue große Militärfern­rohr, ein Instrument von außergewöhnlicher Helle und dadurch mächtig gesteiger­ter Tragweite. Nicht allein, daß von dem ersten Modell, mit Objektiv von 34 Linien Öffnung, dem Kgl. bayer. Kriegsministerium bereits 1867 schon unterbreitet, für die Feldausrüstung der bayer. Armee mehr als 80 Stück im Verlauf der Zeit gelie­fert wurden, hatte sich dasselbe auch in der russischen Armee Eingang verschafft. Ein zweites größeres Modell von 43 Linien Öffnung wurde für die preußische Ar­mee in 55 Exemplaren geliefert; eine weitere Serie von Fernrohren noch größerer Helle kam im Laufe des Jahres 1881 als Festungsfernrohr für Preußen zur Abliefe­rung. Auch das französische Kriegsministerium bestellte je 1 Exemplar dieser In­strumente.

Im Dezember 1883 zog sich v. Merz im Rückblick auf eine mehr als 40-jährige Tätig­keit teilweise vom Geschäfte zurück, sich die Übernahme größerer Objektive sowie den Betrieb der optischen Glashütte zu Benediktbeuern unter der Firma G. & S. Merz vorm. Utzschneider & Fraunhofer, vorbehaltend. Aus dieser Zeit entstammen noch folgende Instrumente: 1883 ein 14-Zöller für Odessa und ein 8-Zöller für Zü­rich, 1887 ein 10-Zöller für die römische Sternwarte auf dem Janiculum, bestellt durch Padre Ferrari.

Seine freie Zeit widmete Merz optischen Studien und glastechnischen Versuchen zu Benediktbeuern. Im Herbst 1892 gelangte das übrige dritte Objektiv von 18 Zoll an die Sternwarte des Jesuitenkollegs in Manila. Hierauf trat Merz von der praktischen Tätigkeit und der Fühlung mit den einstigen Werkstätten vollends zurück.

(Schluß folgt.)

Dr. Sigmund Ritter v. Merz.

(Unter Benutzung des Manuskriptes einer Autobiographie.)
(Schluß.)

Sigmund v. Merz hat sich auch literarisch eifrig betätigt; es seien folgende Abhand­lungen genannt:

1. Über Spiegelfabrikation. (Bayer. Kunst- und Gewerbeblatt 1849.)
2. Das Mikroskop und seine Anwendung in der Technik. (Ebenda 1852.)
3. Über Spektralanalyse. (Ebenda 1861.)
4. Über das Farbenspektrum. (Ebenda 1862.)
5. Leben und Wirken Fraunhofers. Landshut bei Thomann 1865.
6. Distanzmesser ohne Standlinie und ohne Winkelmessung. (Bayer. Kunst- und Ge­werbeblatt 1865.)
7. Über Flintglas. (Ebenda 1868 und Dingler Polyt. Journ. 188. S. 483. 1868.)
8. Über Dispersionsverhältnisse optischer Gläser. (Zeitschrift f. Instrkde. 2. S. 176. 1882.)
9. Das Fraunhofer-Objektiv. (Sitzungsber. d. Math-Physik. Klasse der Bayer. Ak. 28. 1898.)

Unter den zahlreichen Ehrungen, von denen das Wirken Sigmunds v. Merz beglei­tet war (allein 7 Orden wurden ihm verliehen), seien die große goldene Medaille »bene merenti« der Bayer. Akademie der Wissenschaften erwähnt, die ihm verlie­hen wurde, als er das Fraunhofersche Spektrometer der Akademie geschenkt hat­te, der Bayer. Michael-Orden I. Klasse, den Merz 1868 bei Enthüllung des Fraunho­fer-Denkmals erhielt, und das Ritterkreuz des Verdienstordens der Bayer. Krone, womit der persönliche Adel verbunden ist. Noch im hohen Alter wurde Merz die Anerkennung zuteil, von der Münchener Universität zum Doctor honoris causa er­nannt zu werden, und zwar, wie es in dem Diplom heißt, »propter insignia merita de instrumentis opticis et astronomicis perficiendisu (»wegen hervorragender Ver­dienste um die Vervollkommnung der optischen und astronomischen Instrumen­te«); das Übersendungsschreiben erwähnt noch speziell die Verdienste von Merz »um die praktische Optik und ihre Anwendung auf Astronomie und Spek­tralanalyse«.

Deutsche Mechaniker-Zeitung. Vereinsblatt für Mechanik und Optik. Berlin, 1909.


SK-N-3/4 (Merz)