Der Sammler (26.1.1871) / t_468

Eine Episode aus der Belagerung von Belfort.

Unter den zahllosen Opfern, welche der gegenwärtige Krieg an edelstem Blute un­serer kämpfenden Söhne fordert, befindet sich auch der 28jährige Artillerie-Ober­lieutenant Friedrich Wanner aus München. Viele Besucher des im vorigen Jahre da­hier verhandelten Schwurgerichtsfalles: Oberndorfer wegen Raubmordes etc. erin­nern sich noch des gewinnenden Eindruckes, den die ritterliche Erscheinung dieses jungen Mannes als Zeugen, seine eben so klaren, als vollständigen und logisch ge­ordneten Aussagen auf Jedermann machten: jene, sowie seine zahlreichen Freunde und Bekannten werden mit Theilnahme den näheren Verlauf seines tragischen Schicksals aus diesen Zeilen ersehen.

Längst sich sehnend in den großen Kampf handelnd einzugreifen, war Wanner am 12 v Mts. mit seiner Batterie von Ingolstadt abmarschirt. Ueber Straßburg, Colmar, Schlettstadt, Mühlhausen, Unterbrunnhaupt, La Chapelle, La Riviére, Fontaine, Bes­so court, Montreux le chateau gelangte er unter großen Mühseligkeiten in Folge des ungemein durchweichten Bodens, und nachdem er schon am 17. das Feuer der Granaten vom Fort la Justice auszuhalten gehabt hatte, am 18. nach dem Stand­quartier Brebotte, gegenüber von Belfort. Die folgenden Tage wurden theils mit gefahrvollen Rekognoszirungen, theils mit Requisition von Deckungshölzern und Schanzzeug, Herstellung von Prügelwegen u dgl zugebracht, während die Tempe­ratur plötzlich auf mehr als 10° Kälte herabging und dadurch die gedachten Arbei­ten ungemein erschwerte. Am 24 – Weihnachtsabend – wurde unter unsäglichen Anstrengungen und eisigem Nordostwinde zum Batteriebaue geschritten, der viel­fach durch feindliches Feuer behelligt war. Am Christtage stand die Batterie nebst zwei dazu ausgegrabenen und hierauf eingedeckten Magazinen und zwei Unter­ständen für die Mannschaft fertig zum Feuern bereit, womit auch Nachmittags um 1 Uhr 20 Min. begonnen wurde. Ungeachtet der grimmigen Kälte und dem hierauf zeitweise hindernd eintretenden Schneefalle wurde das Feuer an den nächsten Ta­gen mit gutem Erfolge, jedoch immer lebhafter werdender Erwiderung durch die gegnerischen Geschütze fortgesetzt. Da schlug plötzlich am 27. Nachmittags 3 Uhr 30 Min. – soviel zeigte die später aufgefundene plattgedrückte Taschenuhr – eine französische Granate durch die Decke des Pulvermagazins, an welches gelehnt Wanner seine Beobachtungen und Aufzeichnungen über die Wirkungen der bayeri­schen Schüsse machte. Augenblicklich erfolgte eine furchtbare Explosion, das Ma­gazin ging in die Luft und Wanner nebst 4 Kanonieren wurde 150-200 Schritte rückwärts geschleudert, während äußerem 2 Unteroffiziere und 3 Kanoniere schwer und mehrere andere leicht verwundet wurden. Grauenvoll verstümmelt, ohne daß jedoch irgend ein Glied gefehlt hätte, wurde die Leiche des unglücklichen jungen Mannes nach Brebotte und alsbald nach München gebracht, wo die Beerdigung un­ter allgemeinster Theilnahme stattfand.

Der Trauer um den Verlust eines tapfern und höchst intelligenten Offiziers Aus­druck gebend, hat auch Se. Maj. der König in huldvollster Weise den Schmerz des unglücklichen Vaters, Professors Wanner in München, durch ein allerhöchstes Hand­schreiben folgenden Inhaltes zu lindern gesucht:
»Herr Professor Wanner! Wie ich mit tiefem Bedauern vernehme, hat Ihr Sohn Friedrich im I. bayerischen Artillerie-Regimente bei der Belagerung von Belfort den Heldentod gefunden. Die dankbare Erinnerung und das Wohlwollen, welche ich Ih­nen als Meinem ehemaligen Lehrer bewahre, geben Mir Anlaß, Sie Meiner aufrichti­gen Antheilnahme an diesem schmerzlichen Verlust persönlich zu versichern. Ich verbleibe mit geneigter Gesinnung Ihr gnädiger König Ludwig. Hohenschwangau, den 10. Jan. 1871.«

Außer zahlreichen Freunden beweint eine liebende Gattin nebst ihrem Söhnchen an Wanner’s Grabe ihr früh zerstörtes Familienglück.

Augsburg. L. v. St.

Der Sammler. Ein Blatt zur Unterhaltung und Belehrung Nr. 10. Beilage zur Augsburger Abendzei­tung. 26. Januar 1871.


ML-030/031 (Wanner)