Der Neue Pitaval (1873) / t_1723

Der Neue Pitaval (1873)

Adele Spitzeder und Genossen.

(München.)
1873.

Seit geraumer Zeit hat kein Criminalfall so die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wie jener der Adele Spitzeder und Genossen, welcher im Juli 1873 vor dem Schwurgerichte in München in einer siebentägigen Verhandlung seinen Ab­schluß fand.

Adele Spitzeder war die Gründerin der ersten sogenannten Dachauer Bank in München. Die Entstehung dieser Bank, die unerhörte Kühnheit ihres schwindelhaf­ten Treibens hatte allgemeine Sensation erregt, ihr Zusammenbruch dröhnte durch alle Theile des Königreiches. Die Verluste, welche dieser Zusammenbruch zur Folge hatte, waren enorme; sie berechneten sich nach Millionen; der Wohlstand ganzer Ge­meinden, ganzer Gegenden wurde hierdurch empfindlich berührt; die sauer er­wor­benen Ersparnisse von Tausenden von Arbeitern und Dienstboten wa­ren dahin. Und diejenige, welche dieses Unheil in der kurzen Zeit von zwei bis drei Jahren über ganze Bevölkerungsklassen gebracht hatte, war nicht etwa eine gerie­bene Ge­schäftsfrau, die sich allmählich durch praktische Erfahrung kaufmännische Kennt­nisse und Routine angeeignet, sondern nur eine einfache Schauspielerin ohne Ver­mögen. Allein sie hatte verstanden, auf die Gewinnsucht der Menge zu speculiren. Sie hielt dem Volke das Trugbild eines andauernden hohen Wuchergewinnes mit der Perspective eines Schlaraffenthums vor die Augen, und in unglaublich kurzer Zeit stürzte sich die Menge in die hingehaltenen Netze. Sogar das bäuerliche Land­volk, dessen zähes Festhalten an den patriarchalischen Gewohnheiten in Bezug auf seine Wirtschaftsführung bekannt ist, dessen hervorragender Charakterzug darin be­steht, daß er unzertrennlich am ererbten Grund und Boden hängt, vergaß, vom Fie­ber der Gewinnsucht erfaßt, die gewohnte Vorsicht und gab sein Hab und Gut wie ein leichtsinniger Spieler den unsichern Chancen eines Wuchergewinnes preis. So hatte sich aus diesem Treiben bald ein Bild schlimmster moderner Corruption entwickelt, in welchem Millionen zum Spielball wurden und Tausende theils be­wußt, theils unbewußt als Handlanger des Betrugs und Schwindels figurirten.

Die unausbleibliche Katastrophe trat ein; der Zusammenbruch der Schwindelbank erfolgte, und nun stand die Menge, die wohlgemeinten Warnungen nur taube Oh­ren geliehen hatte, verblüfft vor dem Chaos der ungeheuern Zerstörung.

Adele Spitzeder, geboren zu Berlin am 9. Februar 1832, ist die Tochter des am 13. December 1832 zu München verstorbenen königlichen Hofschauspielers und Hof­kapellensängers Joseph Spitzeder und dessen Gattin, der königlichen Hofsängerin Batty Spitzeder, geborenen Vio, welch letztere sich nach dem Tode ihres Gatten in Wien wieder verehlichte und, zum zweiten mal Witwe, im Jahre 1872 in München verstarb.

Adele Spitzeder zeigte schon als Kind nicht unbedeutende Anlagen. Sie wurde zu Wien im Sanct-Anna-Institut und von ihrem zehnten Lebensjahre an in einem hö­hern Töchterinstitut in München erzogen, wo sie insbesondere eine hervorragende Begabung für fremde Sprachen entwickelte. Allein bei allem Talent fehlte es ihr doch an Fleiß und Ausdauer. Die stille Zurückgezogenheit und Regelmäßigkeit ei­ner der Arbeit, dem Studium, gewidmeten Lebensweise sagte ihr nicht zu. Von Na­tur mit dem zweifelhaften Geschenke einer leichterregbaren Phantasie ausgestat­tet, nicht frei von einer gewissen Ueberspanntheit, suchte sie ihre Befriedigung in der Zerstreuung und Abwechselung. Um diesen Neigungen leben zu können, be­durfte sie voller Unabhängigkeit ihrer Lage.

Sobald sie daher die Fesseln der Schule abgeworfen hatte, war sie darauf bedacht, vom Einflusse der Mutter sich zu emancipiren. Dies gelang ihr ohne große Mühe, da sich Mutter und Tochter bei dem Mangel an Berührungspunkten in ihren durch­aus verschieden angelegten Charakteren ohnehin nicht zueinander hingezogen fühlten und es daher die Mutter ohne viele Ueberwindung über sich gewann, die Tochter sich selbst zu überlassen. Die Folge davon war, daß die Tochter in den Kreis eines Umgangs gerieth, welcher zwar, weil er sie mit den Lockungen und Rei­zen eines leichten Genußlebens bekannt machte, ihren Neigungen vollkommen entsprach, allein auf die Entwickelung ihres Charakters und ihre Lebensanschauung nicht den vortheilhaftesten Einfluß übte.

Auf Rechnung dieses Einflusses ist es wol mit zu schreiben, daß sie sich gegen den Willen ihrer Mutter für den Schauspielerberuf entschied, obgleich dieser Stand auch wegen der damit verbundenen Unabhängigkeit der Lebensstellung und der Aus­sicht auf glänzende Erfolge eine besondere Anziehungskraft auf sie üben moch­te. Von mehrern hervorragenden Mitgliedern der münchener Hofbühne für ihren gewählten Beruf vorbereitet, betrat sie zum ersten mal in ihrem 26. Lebens­jahre »die Breter, die die Welt bedeuten« und spielte in den darauffolgen­den Jahren nach und nach auf 26-29 Bühnen. Allein sie hatte keinen sonderlichen Er­folg, woran übrigens weniger der Mangel an Talent als vielmehr ihre äußere Er­scheinung die Schuld tragen mochte, welche für die Bühne offenbar nicht beson­ders geeignet war. Die Kunst, die ihr die Lorbern versagte, spendete ihr natürlich auch keine Schätze. Sie verstand es nicht, sich einzuschränken, gerieth vielfach in pecuniäre Verlegenheiten und übte schon frühzeitig die Kunst, auf Kosten ihrer Gläubiger zu leben. So contrahirte sie in Hamburg und Zürich, wo sie engagirt war, bedeutende Schulden. Die beständige Geldnoth mochte in ihr endlich den Ent­schluß zur Reife gebracht haben, die Bühne zu verlassen und sich in das bürgerliche Leben zurückzuziehen. In der That schloß sie im Jahre 1868 mit ihrer Künstlerlauf­bahn ab und kehrte nach München, wo ihre Mutter lebte, zurück.

Am 9. September des genannten Jahres kam sie abends mit dem Bahnzuge da­selbst an und stieg im damaligen Hotel Munkert, jetzt Deutsches Haus, ab, wo sie in dem zu diesem Hotel gehörigen Nebenhause, Nr. 9 in der Burggasse, und zwar wegen des Fremdenzudranges im fünften Stocke untergebracht wurde. Bei ihr be­fand sich die Schauspielerin Emilie Branitzka, welche sie fast auf allen ihren Schau­spielerreisen begleitet hatte. Diese begab sich nach ihrer Ankunft zu ihrer Familie, die gleichfalls in München lebte.

Die Verhältnisse der Adele Spitzeder waren damals mehr als ärmlich. Ihre Gardero­be bestand lediglich aus einem schwarzen Kleide, einem Matrosenhütchen und schlech­ten Schuhen, sodaß sie oft nicht ausgehen konnte.

Ihr Mobiliar wurde einzig und allein durch eine Kaffeemaschine repräsentirt.

Ihrer äußern Erscheinung entsprach auch ihre Lebensweise, die den unverkennba­ren Stempel nothgedrungener Diät an sich trug. Die Mittel, über die sie damals zu verfügen hatte, bestanden, ihrer eigenen Aeußerung zufolge, nur in einem Monats­geld von 50 Gulden, welches ihr ihre Mutter auszahlte. Dennoch scheint sie sich da­mals schon mit großen Entschlüssen getragen zu haben, denn gelegentlich eines Gesprächs mit dem Portier des Gasthauses über ihre künstlerische Laufbahn äußer­te sie: »Es kommt noch der Tag, wo Adele Spitzeder eine Rolle in der Welt spielen wird.« Dem Portier kamen diese prophetischen Worte außerordentlich ergötzlich vor, weil er die Adele Spitzeder für eine unschädliche alte Jungfer hielt.

Im März 1869 wurde ihr im Hotel Munkert gekündigt, sie zog in das Gasthaus Zum goldenen Stern im Thal. Dort bewohnte sie zwar zwei möblirte Zimmer im zweiten Stock zu monatlich 15 Gulden, führte aber auch hier in den ersten Monaten ein sehr einfaches und ärmliches Leben. Nicht selten machte sie damals ihrem gepreß­ten Herzen durch die hingeworfene Aeußerung Luft: »Ach, wenn ich es nur einmal so weit brächte, daß ich Geldgeschäfte machen könnte.«

Bereits Mitte des Jahres 1869 hatten sich die Verhältnisse der Adele Spitzeder auf­fallend geändert. Sie kaufte sich und ihrer Busenfreundin Emilie Branitzka Kleider und machte überhaupt viele und theuere Einkäufe. Die heißersehnten Geldge­schäf­te hatten begonnen, wurden jedoch noch sehr heimlich betrieben. Schon damals brach­ten indeß die Leute von den Vorstädten Münchens viel Geld zu ihr. Das em­pfan­gene Geld verzinste sie mit 10 Proc. per Mo­nat und stellte Wechsel aus.

Gegen Weihnachten 1869 hatte sich ihr Geschäft sehr gehoben. Alte Weiber und gewöhnliche Leute aller Art gingen den ganzen Tag bei ihr aus und ein. Sie gab be­reits Gelage zu 12 Personen, bei welchen der Champagner in Strömen floß.

Infolge übertriebener Ansprüche in Bezug auf Bedienung kam es mit dem Wirth Zum goldenen Stern zum Bruch, und Adele Spitzeder zog im März 1870 wieder in das Hotel Munkert, in der Dienersgasse, wo sie anfangs ein Zimmer um monatlich 10 Gulden bewohnte. Bald darauf, im Sommer desselben Jahres, zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges, nahm sie auch die unzertrennliche Freundin, Emilie Branitzka, zu sich und miethete ihr ein Zimmer. Gleichzeitig tauchte ein »Bedienter« in der Person eines gewissen Franz Silchinger auf, der übrigens schon im Goldenen Stern zu ihrer ständigen Umgebung gehört hatte. Gegen Ende des Jahres 1870 er­hielt auch dieser Silchinger, der bis dahin nicht im Hotel geschlafen hatte, auf den Wunsch seiner Herrin ein Zimmer für monatlich 12 Gulden angewiesen. Allmählich kamen nun auch hier viele Leute, welche Geld zur Spitzeder brachten. Hier und da fuhren auch Personen vor, welche Darlehne bei ihr aufnahmen. Silchinger stand im Vorplatz und fungirte als Portier. Alle, die Geld brachten, wurden mit Braten, Wurst und Bier regalirt. Der Aufwand dafür stieg schnell von 5 auf durchschnittlich 10 Gul­den täglich.
Zur Einzugszeit der Truppen im Juli 1871 war der Andrang der Menge so groß, daß der Wirth des Hotel Munkert genöthigt war, der Adele Spitzeder noch zwei rück­wärts gelegene Zimmer zu 10-15 Fl. monatlich als förmliche Geschäftszimmer zu über­lassen. Allein das Treiben wurde so stark und für die übrigen Gäste des Hotels so belästigend, daß der Besitzer des Gasthauses der Spitzeder das Quartier kün­digte.

Am 1. Oktober 1871 siedelte sie in das von ihr käuflich erworbene Haus Nr. 9 an der Schönfeldstraße über. Wagen und Pferde hatte sie sich schon zuvor ange­schafft. Es begann nun ein Leben im großen Stil. Auch das Geschäft nahm immer be­deutendere Dimensionen an, wozu hauptsächlich ihre wohlüberlegte Taktik bei­trug, dasselbe gegenüber den Leuten als ein Unternehmen hinzustellen, welches auf den Nutzen und die Förderung der Interessen des armen und gemeinen Man­nes im Gegensatz zu den Reichen berechnet sei. Ferner schuf sie sich dadurch, daß sie jedem, der Geld einlegte, ein sogenanntes »Trinkgeld« von 5 Proc. bis 7 Proc. auszahlte, eine Masse von eifrigen Agenten, welche aus eigenem Interesse den Ruhm und die Uneigennützigkeit des Dachauer Bankgeschäftes nach allen Him­melsgegenden verkündeten. Auch war sie darauf bedacht, den Kreis ihrer Anhän­ger durch Uebernahme zahlloser Gevatterschaften und Spendung von reichen Pa­thengeschenken bei Taufen und Firmungen zu erweitern. So stand sie von Ende des Jahres 1869 bis zu Ende Oktober 1872 in München allein nicht weniger als 64-mal zu Gevatter. Schon beim Einzuge in das Haus Nr. 9 an der Schönfeldstraße war ihre Popularität so groß, daß sich dieser Einzug zum Feste gestaltete, und ihre An­hänger und Anhängerinnen, Bediensteten u. s. w. ihr Ovationen und Geschenke, darunter einen silbernen Lorberkranz, darbrachten.

So kam es denn, daß der Zudrang des kleinen Kapitals zu dem Spitzeder’schen Ge­schäfte ein immer größerer wurde. Eine geraume Zeit hindurch mag die Summe der Einlagen täglich im Durchschnitt 50-60000 Fl., keinesfalls unter 25000 Fl. betra­gen haben. An einzelnen Tagen belief sich der Gesammtbetrag der Einlagen sogar auf 100000 Fl. Die Masse der Leute, welche Geld bei der Dachauer Bank anlegen woll­ten, war häufig so groß, daß viele tagelang auf ihre Abfertigung warten muß­ten. Diesen bot die unermüdliche Fürsorge der Adele Spitzeder einstweilen ein Asyl in der von ihr erworbenen Gastwirthschaft Zum Tell, wo sie auf ihre Kosten be­wirthet wurden. Auch kam sie häufig abends nach Schluß der Geschäftsstunden herab und theilte an die Leute, die nicht abgefertigt worden waren, Geldgeschen­ke aus. Die Zahl der in dem Geschäfte angestellten und verwendeten Personen be­lief sich schließlich 30-40.

Um Zeugniß zu geben von dem Geiste, der angeblich im Spitzeder’schen Geschäf­te waltete, waren Plakate im Hause angeheftet, auf welchen in großen Lettern ge­druckt der stolze Spruch zu lesen war: »Thue recht und scheue niemand.« Sogar das Briefpapier, das sie zu ihren Correspondenzen verwendete, trug diese Devise. Sie selbst erschien nie, ohne ein großes goldenes Kreuz, das Symbol der christli­chen Liebe und Duldung, um den Hals zu tragen, und die ihr dienstbaren Zeitungs­blätter verfehlten nicht, den Ruf ihrer Frömmigkeit besonders unter die Kreise des leichtgläubigen Landvolkes zu verbreiten.

Mit Hülfe aller dieser Mittel hatte sich also Adele Spitzeder aus dunkler Dürftigkeit auf die Höhe des Lebens emporgeschwungen. Der Reichthum hatte seine Zauber­pforten geöffnet und bot ihr in verschwenderischer Fülle die ersehnten Mittel zur Befriedigung jeder Laune und jedes Wunsches. Bisher gänzlich unbeachtet, kaum dem Namen nach bekannt, war sie plötzlich zur gefeierten Persönlichkeit gewor­den, welcher die niedern Volksklassen als ihrer »Wohlthäterin« huldigten. Der Gip­felpunkt ihrer geheimen Wünsche: »eine Rolle in der Welt zu spielen, Triumphe zu feiern«, war erreicht – allein auf Kosten des Ruins von Tausenden und auf Kosten ihres guten Gewissens.

Es konnte natürlich nicht fehlen, daß das unheilvolle verbrecherische Treiben der Spitzeder’schen Schwindelbank die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog und bei vielen ernstliche Besorgnisse erweckte. Zuerst wendete sich die unabhängige, ihrer sittlichen Aufgabe eingedenke Presse gegen das Spitzeder’sche Bankinstitut, suchte das Publikum über dessen schwindelhafte, betrügerische Grundlage aufzu­klären und vor den unausbleiblichen Folgen des Zusammensturzes zu warnen. Al­lein diese Versuche scheiterten an der großen Leichtgläubigkeit und verblendeten Ge­winnsucht der Masse. Insbesondere gelang es den sogenannten Dachauer Ban­ken – denn das Beispiel der Adele Spitzeder wirkte verführerisch, und waren in kurz­er Zeit in München noch weitere vier solcher Banken entstanden – mehr und mehr die Kapitalien der ländlichen Bevölkerung an sich zu ziehen. Aus den Sparkas­sen wurden die Einlagen, die diesen Banken zugebracht wurden, zurückgezogen, und die erstern sahen sich deshalb genöthigt, ihre meist in Hypotheken auf dem Lande angelegten Gelder in bedeutendern Beträgen zu kündigen. Hierdurch wurde in einzelnen Bezirken der Hypothekarcredit und damit der Wohlstand ganzer Ge­meinden ernstlich bedroht.

Das königlich bairische Ministerium des Innern erließ zu wiederholten malen öffent­lich die eindringlichsten Warnungen wider die Dachauer Banken und wies darauf hin, daß diese Banken die Zinsen von 90 und l00 Proc. jährlich natürlich nur mit Hül­fe der Kapitalien bestreiten könnten, welche ihnen neu zuflössen, daß die hierdurch fortwährend entstehenden Kapitalverluste schließlich von den Einlegern selbst ge­tragen werden müßten und daß solche Banken, wie dies ähnliche Vorgänge in Itali­en, Belgien und Ungarn bereits gezeigt hätten, überall mit ungeheuerm Verlust am Kapital enden müßten und zwar mit um so größerm, je länger ihre Wirksamkeit dauere.
Trotzdem blühte das Geschäft der Spitzeder nach wie vor. Erst im Herbste des Jah­res 1872 brach ihre Bank plötzlich zusammen.

Am 11. November stellten mehrere Wechselgläubiger den Antrag auf Ganteröff­nung. Auf Grund dieses Antrags wurde vom königlichen Bezirksgerichte München am 12. November 1872 die Beschlagnahme ihres Vermögens verfügt und die Prü­fung der Vermögenslage angeordnet. Die Beschlagnahme des Vermögens und die damit inbegriffene Schließung des Geschäftes wurde noch an demselben Tage voll­zogen und Adele Spitzeder in die Civilhaft abgeführt. Die dieser gerichtlichen Maß­nahme zu Grunde liegende Annahme bedeutender Ueberschuldung stellte sich zu­folge der spätern Erhebungen auch vollständig gerechtfertigt dar. Denn es ergab sich bei einem Aktivvermögen von 1,974008 Fl. 24 Kr. ein Schuldenbetrag von 10,099766 Fl. 50½ Kr., mithin die enorme Ueberschuldung von 8,125758 Fl. 26½ Kr.!

Einiges Mistrauen war übrigens durch das obenerwähnte warnende Auftreten der Re­gierung auch schon vor der gerichtlichen Einmischung und der hierauf erfolgten wirklichen Zahlungseinstellung wach gerufen worden. Der Andrang der Wechsel­gläubiger, welche Rückzahlung ihrer Einlagen forderten, wurde sehr bedeutend, während die Kapitalzuflüsse sich erheblich minderten. So betrugen am 8. Novem­ber die Einlagen 15-1600 Fl., die Rückzahlungen an Kapitalien aber 40000 Fl.; am 9. November betrugen die Einlagen 6000 F., am 11. November 8500 Fl., dagegen die Rückzahlungen 65000 Fl. Diese für die Bankinhaberin höchst fatale Wahrnehmung hatte sie zu einigen sehr bemerkenswerthen Maßnahmen veranlaßt. Sie beschränke nämlich die Rückzahlung verfallener Wechsel auf die ungewöhnliche Morgenstunde von 6-7 Uhr und ordnete weiter an, daß an bestimmten Tagen (Mittwoch und Sams­tag) verfallene Wechsel gar nicht angenommen würden. Diese Anordnung wurde als durch Rücksichten auf ihre Gesundheit motivirt bezeichnet. Am 11. November kam es sogar vor, daß in der zur Zahlung festgesetzten Stunde die Zahlung der am genannten Tage fälligen Wechsel verweigert wurde, »weil der Tag noch nicht abge­laufen sei«. Diese Manöver, welche gleichsam das Vorspiel zu der bald darauf ein­getretenen Zahlungseinstellung bildeten und aus dem Bewußtsein entsprangen, daß bei einem etwas lebhaftern Andrange der Wechselgläubiger die disponibeln Zahlungsmittel nicht ausreichen würden, waren alle darauf berechnet, die Rückzah­lung der eingelegten Kapitalien möglichst zu erschweren und den Andrang der die Auszahlung der Wechselsumme fordernden Gläubiger zu hemmen.

Was den Geschäftsbetrieb der Adele Spitzeder anbelangt, so war derselbe trotz der großen Ausdehnung des Geschäftes ein überraschend einfacher. Den Einlegern wurden an Zinsen früher 10 Proc., seit Mitte 1871 aber regelmäßig 8 Proc. per Mo­nat vergütet; es wurden also die eingelegten Kapitalbeträge jährlich mit 96 Proc. verzinst. Der Zins von zwei Monaten wurde sofort bei der Geldeinlage ausbezahlt und über die Einlagesumme unter Hinzurechnung eines weitern einmonatlichen Zinses ein Wechsel auf drei Monate lautend ausgestellt. Legte also jemand 1000 Fl. ein, so wurden ihm sofort 160 Fl. Zinsen auf zwei Monate vergütet und ihm ein auf den Betrag von 1080 Fl. lautender, nach drei Monaten zahlbarer Wechsel eingehän­digt. Außerdem erhielt jeder Kapitalzubringer, welcher Gelder einlegte, noch ein Trinkgeld von 5 Proc. bis 7 Proc. durchschnittlich.

Adele Spitzeder bezahlte somit an Zinsen und Provisionen jährlich noch um einige Procente mehr, als die Summen der eingelegten Gelder betrugen, ein Kunststück, das eben nur dadurch zu leisten möglich wurde, daß sie ihre Verbindlichkeiten an Zinsen und Kapitalrückzahlungen immer wieder aus den neuen Einlagen deckte.
Das Bankgeschäft der Adele Spitzeder beruhte daher auf der verwerflichsten Grundlage, es war lediglich darauf berechnet, durch enorm hohe Verzinsung die Kapitalien gering Bemittelter, sowie die Ersparnisse der Arbeiter und Dienstboten an sich zu ziehen, die Zinsen, Provisionen und Kapitalrückzahlungen mit Hülfe der neu zufließenden Kapitalien zu bestreiten und dieses System des Schwindels und Betrugs dadurch zu verdecken, daß sie sich den Anschein gab, als ob alle diese Zahlungen aus dem durch den Betrieb großartiger Ausleihgeschäfte, durch Specu­lation in Immobiliarwerthen und dergleichen erzielten Gewinn des Geschäftes be­stritten würden, auch wol, auf die Leichtgläubigkeit der Menschen pochend, hier und da in unbestimmter Weise Andeutungen machte, als ob ihr, der Adele Spitze­der, infolge geheimnißvoller Verbindungen unerschöpfliche Mittel zu Gebote stän­den.

Der Zusammenbruch eines solchen Geschäftes ist natürlich unvermeidlich, denn die Mög­lichkeit des Fortbestandes desselben ist dadurch bedingt, daß nicht nur neue Ka­pi­talien beständig zufließen, sondern daß dies auch in Beträgen geschieht, wel­che mit der in ungeheuerer Progression wachsenden Schuldenlast im entsprechen­den Verhältnisse stehen.

Der Betrag der täglichen Einlagen muß sich also gleichfalls beständig erhöhen. Al­lein diese Steigerung der Einlagen hat eben immer ihre natürliche Grenze, und es war in dieser Beziehung nicht uninteressant, daß ein Bediensteter der Adele Spitze­der selbst angab, er habe nach gewonnenem Einblick in das Wesen dieses Ge­schäftes berechnet, das solches unter den günstigsten Verhältnissen nur bis unge­fähr Mitte des Jahres 1873 bestehen könne, dann aber unfehlbar zusammenbre­chen müsse, weil bis dahin die Schuldenlast zu einer solchen Höhe angewächsen wäre, daß sie durch die täglichen Einlagen unmöglich mehr hätte gedeckt werden können.

Von einer bankmäßigen oder überhaupt kaufmännischen Anlage und Verwendung der eingelegten Gelder war in dem Geschäfte der Adele Spitzeder keine Rede. Sie betrieb zwar ein Ausleihgeschäft, wobei sie allerdings in Bezug auf die Berechnung von Wucherzinsen das Möglichste leistete, allein dasselbe war nicht von nennens­werthem Umfang und konnte schon wegen der erfahrungsgemäß bei solcher Gat­tung von Geschäften häufig eintretenden Kapitalverluste nicht wohl genügend ren­tiren.

Sie kaufte auch Häuser und Anwesen, theils in München, theils auswärts, welche selbstverständlich gegenüber den hohen Zinsen, die für die zu dem Ankauf ver­wendeten Kapitalien an die Einleger von ihr bezahlt wurden, nur eine winzig kleine Rente abwarfen. Creditoperationen in größerm Maßstabe, Börsengeschäfte und der­gleichen nahm sie nicht vor und war auch durch ihre gänzliche Unerfahrenheit und Unkenntniß in Sachen des Geldmarktes daran gehindert. Die bei ihr anstatt Baargeldes eingelegten Papiere wurden, insoweit sie nicht für die laufenden Aus­gaben oder zur Bezahlung von Kaufschillingen verwendet und zu diesem Zwecke versilbert wurden, einfach deponirt. Brachte jemand Werthpapiere anstatt Baar­geld zum Einlegen, so mußte er diese zuerst in einem gegesonderten, links von der Hausstür befindlichen Zimmer vorzeigen, worauf die Obligattonen sowie der Name des Besitzers in ein Buch (sogenanntes Obligationenbuch) eingetragen wurden und er sodann die Obligationen mit einem Zettel zurückerhielt, auf welchem die Sum­me, zu welcher die Obligationen angenommen wurden, die durchschnittlich l Proc. über den Tageskurs betrug, und die zur Ergänzung der Darlehns-, resp. Einlage­summe zu zahlende Differenz bemerk war.

Ob nun nach allen diesen Präliminarien die Besitzer der Obligationen dieselben auch wirklich einlegten, darum bekümmerte man sich merkwürdigerweise nicht weiter. Die Einträge in den Obligationsbüchern gewährten daher durchaus keine Bürgschaft dafür, daß die darin verzeichneten Obligationen auch wirklich in den Be­sitz der Adele Spitzeder gelangt waren.

Am Abend nach Schluß des Geschäftes ließ Adele Spitzeder das eingegangene Geld, die Obligationen und Banknoten in ihre Wohnung hinaufbringen und am näch­sten Morgen wurde dann so viel Silber in die Geschäftslocalitäten wieder her­untergebracht, als nach dem Gange des Geschäfts muthmaßlich nöthig erschien. Die eingegangenen Obligationen, Banknoten und das Gold dagegen wurde den Friseureheleuten Speyer – Friseur Speyer war ein alter Vertrauter der Spitzeder – zur Aufbewahrung übergeben und von diesen in einem von der Spitzeder zu die­sem Zwecke eigens angeschafften feuerfesten Schranke, der in der Speyer’schen Wohnung aufgestellt war, einfach deponirt, worüber die Speyer’schen Eheleute Aufzeichnungen machen mußten.

Hierbei fand man es aber nicht der Mühe werth, die Obligationen, bevor sie all­abendlich dem Speyer zur Deponirung übergeben wurden, vorerst noch mit den Einträgen im Obligationenbuche zu vergleichen, obwol doch nur auf diese Weise hätte festgestellt werden können, ob in der That die im Buche als eingegangen ver­zeichneten Obligationen auch alle an der Kasse eingelegt worden waren.

Die Aufzeichnungen, welche Speyer über die in Empfang genommenen Obligatio­nen machte, bestanden lediglich darin, daß er auf einen halben Bogen Papier je­desmal unter Angabe des Datums die Gesammtsumme der erhaltenen Obligatio­nen, nach ihrem Nominalwerthe berechnet, mit Bleistift verzeichnete (also z. B.: 19./3. 72 – 10000 Fl. u. s. w.).

Ueber ein Depot, das im October 1872 fast die Summe von zwei Millionen erreicht hatte, fand sich daher an Aufzeichnungen weiter nichts vor, als ein Blatt Papier, auf welchem mit Bleistift verschiedene Summen untereinander geschrieben waren!

Nach den Bestimmungen des Deutschen Reichs-Strafgesetzbuches kann das Ver­brechen des betrügerischen Bankrotts nur von einem »Kaufmann« begangen wer­den.
Daß nun mit Rücksicht auf die Beschaffenheit ihres Geschäfts Adele Spitzeder als »Kauffrau« im Sinne des Deutschen Handelsgesetzbuchs zu betrachten war, dar­über lagen bereits Entscheidungen des königlichen Handelsgerichts München und des Handelsappellationsgerichts daselbst vor.

In beiden Erkenntnissen war Adele Spitzeder, weil sie gewerbsmäßig Handelsge­schäfte im Sinne des Handelsgesetzbuches treibe, angewiesen worden, ihre Firma beim königlichen Handelsgerichte München behufs Eintragung im Handelsregister anzumelden und zu zeichnen. Dieselben Gründe, auf welchen diese civilrichterli­chen Entscheidungen beruhten, waren auch für den Strafrichter bestimmend, bei Adele Spitzeder die Eigenschaft einer »Kauffrau« anzunehmen.

Im Art. 272, Ziffer 2 des Handelsgesetzbuches sind nämlich Bankiergeschäfte, wenn sie gewerbsmäßig betrieben werden, als Handelsgeschäfte bezeichnet. Das Wesen des Bankiergeschäfts besteht aber in der Vermittelung des Geld- und Cre­dit­umlaufs. Alle Geschäfte, welche diesem Zwecke dienen, sind Bankiergeschäf­te.

Geschäfte solcher Art sind nun die gewerbsmäßige Aufnahme von Geldern gegen Verzinsung, die Gewährung von Credit an dritte Personen durch Hingabe verzinsli­cher Darlehne, der gewerbsmäßige Ein- und Verkauf von Staats- und Industriepa­pieren, wobei die Annahme solcher Papiere an Zahlungsstatt gleichbedeutend ist mit Kauf. Daß Adele Spitzeder solche Geschäfte wirklich betrieben und daß diesel­be in dem regelmäßigen Betriebe dieses Geschäftes ihren Beruf, ihren Erwerb ge­sucht hatte, war durch die Untersuchung erwiesen. Sie hatte auch selbst ihren Ge­schäftsbetrieb in dieser Weise aufgefaßt, dies bewies ihre Geschäftsanmeldung zum Gewerbsregister vom 9. Juni 1871, worin sie behufs der Steueranlage erklärte, daß sie das Bankier- und Geldwechslergeschäft als Gewerbe betreiben wolle. Spä­ter versuchte sie allerdings aus nahe liegenden Gründen die kaufmännische Eigen­schaft ihres Geschäftes in Abrede zu stellen.

Als »Kauffrau« war Adele Spitzeder nach Art. 28 des Allgemeinen Deutschen Han­delsgesetzbuches verpflichtet, Handelsbücher zu führen, aus welchen sich ihre Han­delsgeschäfte und die Lage ihres Vermögens vollständig ersehen ließen.

Diesen Erfordernissen zu entsprechen, mußte die Buchführung eine vollständige, klare und leicht übersichtliche Darstellung des Vermögens bei der Gründung des Geschäftes, des schließlichen Vermögensstandes und des innerhalb eines Zeitrau­mes von einem, längstens von zwei Jahren gemachten Gewinnes oder erlittenen Verlustes geben; es mußte daraus zu jeder Zeit die Summe des vorräthigen Geldes, der vorhandenen Werthpapiere, das Rechnungsverhältniß zu den Gläubigern und Schuldnern ersichtlich sein. Zu diesem Zwecke mußten daher nach den überein­stimmenden Gutachten der vernommenen Sachverständigen bei der in einfachster Weise geführten Buchhaltung mit Rücksicht auf die große Ausdehnung des Ge­schäfts folgende Bücher geführt werden:

1) ein Inventar über das bei der Gründung eingelegte Kapital;
2) ein Kassabuch, abgetheilt in Einnahmen und Ausgaben, fortlaufend addirt und jeden Monat abgeschlossen;
3) ein Scontro über gekaufte oder an Zahlungsstatt angenommene Effecten mit Columnen für das Eingangsdatum, die Benennung des Papiers, den Nennwerth, die Nummer, den Zinsfuß und Zinstermin, den Namen des Verkäufers u. s. w.;
4) ein Buch, das Verzeichniß der Gläubiger, resp. Einleger, der eingelegten Sum­men, der Beträge der zurückgezahlten Summen und ihrer Verfallzeiten enthaltend;
5) In Betracht der großen Anzahl von Posten und des hierdurch erwachsenen be­trächtlichen Umsatzes ein chronologisches Verzeichniß ihrer Außenstände und Ver­bindlichkeiten, also eine Zusammenstellung, wieviel sie jeden Tag zu zahlen und an­dererseits einzunehmen hatte;
6) ein Verzeichniß ihrer Häuser und deren Ankaufssummen, der darauf ruhenden Hypotheken und ihre Verzinsung und der darauf geleisteten Zahlungen;
7) ein jährlich oder mindestens alle zwei Jahre aufzustellendes Inventar über das vorhandene Geld, den Geldwerth der vorräthigen Effecten und Wechsel, der Häu­ser und Mobilien, als Schmuck, Gemälde, Waaren, Wagen, Pferde u. s. w., und an­dererseits über die schuldigen Beträge.

Statt dessen wurden aber im Spitzeder’schen Geschäfte nur folgende Bücher ge­führt:

a) das sogenannte Obligationenbuch, in welchem die gekauften, beziehungsweise an Zahlungsstatt angenommenen Staats- und Industriepapiere verzeichnet wurden;
b) sogenannte Quittungsbücher über ausbezahlte Zinsen und zurückbezahlte Kapi­talien, in welchem die Einleger ihrerseits durch die Einzeichnung ihrer Namen über den Empfang quittiren mußten;
c) sogenannte Adreßbücher, in welchen die Namen der Gläubiger (Einleger) ver­zeichnet wurden;
d) ein Correspondenzbuch;
e) ein Verzeichniß der zu Verlust gegangenen Wechsel.

Es wurde also in dem Geschäfte der Spitzeder trotz seines Ungeheuern Umfangs nicht einmal ein Kassabuch geführt – das unentbehrlichste aller Geschäftsbücher – von den übrigen oben aufgeführten nothwendigen Büchern, deren Führung eben­falls unterlassen wurde, gar nicht zu sprechen. Es war beim Mangel eines Kassabu­ches nicht einmal möglich, die eigenen Leute zu controliren, und von einer Uebersicht über den Stand des Geschäfts konnte absolut keine Rede sein.

Einen höchst merkwürdigen Anblick gewährten übrigens die in dem Spitze­der‘ schen Geschäfte geführten Bücher. So wurden z. B. in den sogenannten Adreß­bü­chern die eingelegten Kapitalbeträge in der Regel nicht vorgetragen. Man be­schränk­te sich darauf, die Namen der Wechselgläubiger vorzumerken, weil – wie Ade­le Spitzeder gegenüber der Commission des Gantgerichts in außerordentlich naiver Weise bemerkte – man ja den Betrag der Schuld aus den den Gläubigern aus­gestellten und ihnen behändigten Wechseln hätte entnehmen können.

Den seltsamsten Eindruck machten aber unstreitig die sogenannten Quittungsbü­cher. In diese Ouittungsbücher mußten, wie bemerkt, die Wechselgläubiger über empfangene Zinsen und zurückbezahlte Kapitalien quittiren. Dieses wurde so be­werkstelligt, daß in die erste Rubrik jeder Seite die Ziffer 2 oder 3 geschrieben wur­de, wodurch die Zahl der Monate angedeutet werden sollte, für welche der Empfänger die Zinsen erhalten hatte. Gewöhnlich rührten diese Ziffern von der Hand der Spitzeder selber her. Unmittelbar hinter diese Ziffer in die mittlere breite Rubrik schrieb dann der Empfänger seinen Vor- und Zunamen. Stand und Wohnort wurde nicht gefordert und fand sich auch nie beigesetzt; sehr häufig war auch nur der Zuname eingeschrieben. Ueber den Betrag der gezahlten Zinsen oder des zu­rückgezahlten Kapitals wurde nichts bemerkt. Ob der betreffende Name leserlich geschrieben war, ob derselbe durch einen der zahlreichen Tintenkleckse, welche in jeder Gestalt und Größe die Blätter der Quittungsbücher zierten, sofort nach sei­nem Entstehen für immer wieder in Dunkelheit gehüllt wurde, darauf kam es nicht weiter an. Ja nicht selten trifft der Blick des Lesers auf die drei Kreuze eines Schreibunkundigen, ohne im geringsten eine Andeutung darüber zu finden, aus wessen Feder die Hieroglyphen geflossen sind. Meistens stehen die Kreuze ganz einsam und verlassen, zuweilen wird auch die Neugierde des Lesers mit einem un­ter den Kreuzen angebrachten kühnen Federstrich abgefertigt, der aber der Phan­tasie ebenso viel zu rathen übrigläßt als die drei Kreuze selbst.

Es ist absolut unverständlich, was mit einer derartigen Buchführung für ein reeller Zweck erreicht werden wollte, denn nicht einmal eine klare und vollständige Ueber­sicht über einzelne Zweige der Geschäftsführung, wie z. B. über die Auszahlung der Zinsen, konnten diese Bücher gewähren. Man mußte daher unwillkürlich auf den Gedanken kommen, daß es der Adele Spitzeder gar nicht eigentlich um eine Buchführung zu thun gewesen war und daß sie solche wahrscheinlich am liebsten ganz unterlassen hätte, wenn es ihr nicht darauf angekommen wäre, durch die Füh­rung von einzelnen Büchern vor den Augen des Publikums ihrer »Bank« wenigstens den äußern Habitus eines Geschäftes zu verleihen. Die Buchführung war eben für sie nur ein leeres, aber unentbehrliches Ceremoniell, welches lediglich dazu diente, das Publikum über die wahre Natur ihres Geschäftes zu täuschen.

Die in dem Spitzeder’schen Geschäfte vorhandenen Bücher wurden selbstverständ­lich nicht ausschließlich von der Spitzeder selbst, sondern größtentheils von ihren Bediensteten in ihrem Aufträge geführt. Doch waren diese letztern, obgleich sie verschiedene Titulaturen, wie Kassirer, Controleur, Buchhalter u. s. w. führten, in Bezug auf die ihnen übertragene Buchführung nichts weniger als selbständig, son­dern sie mußten sich durchaus den Anweisungen der Adele Spitzeder fügen. Ue­berhaupt war es ein beachtenswerther Umstand sowol für die Art der Geschäfts­führung als für die Beurthcilung der Persönlichkeit der Adele Spitzeder, daß sie es nicht liebte, sich von ihrer Umgebung in geschäftlicher Beziehung irgendwie beein­flussen zu lassen. Sie übertrug daher auch keinem ihrer Bediensteten eine be­stimmte Geschäftsbranche zur eigenen Verantwortlichkeit, sondern sie verwendete jeden nach Gutdünken bald da, bald dort, wobei sie, wie es scheint, hauptsächlich darauf bedacht war, zu verhindern, daß ihre Bediensteten einen vollständigen Ein­blick in die Lage und den Betrieb des Geschäftes gewännen. Dieses eigenthümli­che Abhängigkeitsverhältniß, in welchem die Adele Spitzeder ihre Bediensteten zu halten wußte, mußte auch dazu führen, in Bezug auf die unterlassene Buchführung nur sie allein als strafrechtlich haftbar zu erklären, wenn es auch nicht dem gerings­ten Zweifel unterlag, daß auch die Bediensteten die wahre Lage des Geschäftes und die Unvermeidlichkeit der Zahlungseinstellung wol gekannt hatten. Jedenfalls hat die Mehrzahl derselben es verstanden, sich binnen der kurzen Zeit, in welcher sie im Spitzeder’schen Geschäfte sich befanden, aus unbemittelter Lage zum Wohl­stande emporzuschwingen.

Die Unterlassung der Buchführung, welche der Adele Spitzeder als Kauffrau nach Art. 28 des Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuches oblag, bildete zunächst einen jener Anklagemomente, auf welche sich die Anschuldigung des Verbrechens des betrügerischen Bankrotts gründete.

Allein Adele Spitzeder war auch weiter beschuldigt, daß sie nach bereits erfolgter Zahlungseinstellung unter Beihülfe von einzelnen ihrer Bediensteten Vermögensbestandtheile beseitigt hatte.

Wie bereits oben bemerkt, übergab die Spitzeder kurze Zeit, nachdem sie in ihr Haus gezogen war, alles, was an Obligationen, Banknoten und Gold bei ihr einging und was sie nicht zu laufenden Ausgaben verwendete, den Friseureheleuten Spey­er zur Aufbewahrung.

Am 24. October 1872 hatte das bei ihnen hinterlegte Depot den höchsten Stand erreicht, nämlich: 1,862862 Fl. Von da an nahm es allmählich wieder ab, indem ent­weder die Obligationen für die Spitzeder bei Bankers verkauft oder ihr dieselben sowie Banknoten und Gold auf ihr Verlangen wieder zurückgegeben wurden. Der Rest des Depots wurde am 8., 9. und 10. November in einigen zwanzig Päcken zu je 50000 Fl. von der Frau Speyer selbst unter Beihülfe ihrer Köchin zur Spitzeder hinuntergetragen und zwar geschah dies deshalb, weil der Besitzer des Hauses, in welchem die Speyer’schen Eheleute zur Miethe wohnten, erklärt hatte: er müsse entschieden darauf dringen, daß die der Spitzeder gehörigen Papiere aus seinem Hause entfernt würden, da er von der im Falle eines Zusammenbruches der Spitze­der-Bank zu befürchtenden Aufregung des Volkes leicht Insulten zu gewärtigen habe, wenn bekannt würde, daß in seinem Hause Papiere der Spitzeder in so ho­hem Werthe sich befänden – eine Ansicht, die unter den gegebenen Verhältnissen gewiß auch einiges für sich hatte.

Eine nach den Speyer’schen Aufzeichnungen über die Rückgabe des Depots und die actenmäßigen Erhebungen über die im Monate November im Besitze der Spitz­eder gewesenen Werthpapiere gemachte Zusammensetzung ergab nun, daß nach dem 1. November 1872 Speyer an Werthpapieren besessen hat: 1,603722 Fl.
Hiervon wurden bei der am 12. November 1872 erfolgten gerichtlichen Beschlag­nahme saisirt in 16 Päcken: 801475 Fl.
Ferner bei Bankiers verkauft, theils unmittelbar vom Speyer’schen Depot aus, theils von der Spitzeder aus, nachdem sie von Speyer zu derselben gebracht worden wa­ren: 694108 Fl.
Summa: 1,495583 Fl.
Es fehlten sohin, wenn man einzelne unterlaufene Rechnungsverstöße des Speyer bei Berechnung des Depots in Anschlag bringt, in runder Summe 100000 Fl. oder zwei Päcke mit je 50000 Fl.

Diese 100000 Fl. wurden nachgewiesenermaßen am 12. November 1872, nachdem die gerichtliche Commission in der Spitzeder’schen Wohnung erschienen war und die Anwesenden sowie die Spitzeder selbst von der Beschlagnahme des gesamm­ten Vermögens der letztern und von der Sperrung des Geschäftes in Kenntniß ge­setzt hatte, im Auftrage der Spitzeder und mit deren Einverständniß von ihrer Ge­sell­schafterin, der Schauspielerin Rosa Ehinger, und mehrern ihrer Be­diensteten be­seitigt.

Abends gegen 7 Uhr nämlich oder nach 7 Uhr, als die gerichtliche Commission noch im Hause anwesend war, kam die Rosa Ehinger in sichtlich aufgeregtem Zu­stande in die Küche und forderte das dort befindliche Stubenmädchen Anna Jor­dan auf, ihr zu helfen, es sei noch Geld da, das das Fräulein Spitzeder habe aus­wechseln lassen wollen und das glücklicherweise die Commission übersehen habe, sie möge ihr beistehen, dasselbe zu »retten«, indem sie es zu ihrer im andern Flü­gel des Hauses wohnenden Mutter, Bertha Ehinger, hinübertrage. Sie führte nun die Anna Jordan in das Lederzimmer (von den Möbeln von schwarzem Glanzleder, die in demselben sich befanden, so genannt), zog einen Schlüssel aus der Tasche, sperrte eine unter dem Bücherschranke angebrachte Schublade auf und zog einen Pack Obligationen heraus, welcher mit Bindfaden zusammengeschnürt war. Sie ver­suchte den Pack mit einem Spagat an den Schurz des Mädchens zu befestigen, da­mit sie denselben unter dem Rock versteckt forttragen könnte, ein Vorhaben, das jedoch wieder aufgegeben wurde, weil das Schurzband riß. Nun versuchte Rosa Ehinger den Pack unter dem Sofa zu verbergen und weil dies ebenfalls nicht gelin­gen wollte, holte sie aus ihrem Nähtische eine Schere herbei und schnitt, um die Obligationen vertheilen zu können, den Bindfaden auf.

Eine Stunde später ging die Köchin Maria Pregler an dem Zimmer der Rosa Ehinger vorüber und sah die letztere in einem solchen Zustande »der Verzweiflung« stehen, daß sie zu ihr hineinging. Die Ehinger führte sie nun in das bereits erwähnte Leder­zimmer, zog unter dem Sofa einen Stoß Obligationen hervor, nahm von demselben etwa eine daumendicke Partie, faltete sie in der Mitte zusammen und gab sie der rc. Pregler mit der Bitte, dieselben zu verstecken. Sie sagte hierbei nicht, wem sie gehörten oder wohin sie dieselben tragen sollte, sondern äußerte nur: »Thun sie’s, wohin sie’s wollen.« Die rc. Pregler steckte auch die Obligationen zu sich und trug sie nach Hause in ihre Wohnung. Nach Verlauf von einigen Stunden brachte sie zwar einen Theil wieder und übergab sie dem Kammerdiener Nebel, allein 16 Stück im Nominalwerthe von 3100 Fl. behielten sie und ihr Mann, der Ausgeher Pregler, in ihrer Wohnung zurück und wurden dieselben später bei einer am 9. Januar vor­genommenen Haussuchung vorgefunden.

Inzwischen hatte sich Rosa Ehinger auch an den Kammerdiener Jakob Nebel mit der Bitte gewendet, »ihr zu helfen«. Sie führte denselben in das sogenannte Leder­zimmer, zog die unten am Bücherschranke angebrachte Schublade heraus, in wel­cher sie die Obligationen schon das erste mal, als sie in Gegenwart der Jordan die­selbe öffnete, liegen hatte und wohin sie sie inzwischen seit der Scene mit der rc. Pregler wieder zurückgebracht haben mußte, nahm zwei nicht zusammengebunde­ne Päcke Obligationen und ersuchte den rc. Nebel: mit ihrer Beihülfe dieselben in dem im sogenannten Eckzimmer befindlichen Pianino zu verstecken, was denn auch geschah. Nachträglich wurden in diesem Pianino vier Stück dieser Obligatio­nen noch vorgefunden, welche offenbar bei der Wiederherausnahme der übrigen dort versteckt gewesenen in der Aufregung des Augenblicks zurückgeblieben wa­ren.

Bezüglich dieser von ihm und der Rosa Ehinger im Pianino versteckten Obligatio­nen gibt rc. Nebel an, daß die Spitzeder schon vorher, etwa um 9 Uhr, als sie be­reits im Bette lag, zu ihm sagte: »Jakob, du bist so gut und trägst das Geld zur Frau Ehinger hinüber«, und daß sie auf seine Frage: »Was für ein Geld?« weiter er­widert habe: »Die Rosa hat es, es gehört ihr.« Nebel trug auch später – wovon noch weiter unten die Rede sein wird – diese Obligationen zur Mutter Ehinger hinüber.

Zuvor gelang es jedoch noch, einen weitern Pack Obligationen der Gerichtscom­mission aus den Händen zu reißen. Als sich nämlich letztere in das Schlafzimmer der Spitzeder begab, um die in dem dortigen Verschlage befindlichen Obligatio­nenpäcke zu Gerichtshänden zu nehmen, wurde Jakob Nebel von der Spitzeder an­gewiesen, die Obligationenpäcke aus dem Verschlage herauszureichen. Bei dieser Gelegenheit gelang es dem Nebel, einen Pack Obligationen auf die am Verschlage stehende Kommode zu legen, woselbst sich Wäsche befand, und denselben vor den Augen der Anwesenden dadurch zu verbergen, daß er schnell ein Deckchen darüberzog.

Adele Spitzeder, der er gleich darauf den guten Erfolg seines Manövers mittheilte, äußerte ihre Zufriedenheit hiermit und wies ihn an, die Obligationen auch zur Ehin­ger hinüberzutragen und zu sagen, es sei der Rosa ihr Geld. Nebel brachte hierauf den Pack vorerst in das rothe Zimmer – so genannt von den rothen Möbeln, die in demselben sich befanden – wohin er auch die von ihm und der Rosa Ehinger ver­steckten Obligationen, nachdem er dieselben mit ihrer Beihülfe aus dem Pianino wieder herausgenommen hatte, schaffte. Hierbei forderte nun auch Rosa Ehinger ihn auf, die Papiere, die ihr von der Spitzeder »geschenkt« worden seien, zu ihrer Mutter hinüberzutragen. Jakob Nebel nahm hierauf in Gegenwart der Rosa Ehin­ger die in ein Packet zusammengebundenen Obligationen, sowie die aus dem Pia­nino genommenen nicht zusammengebundenen losen Obligationen und trug alles zusammen in sein Zimmer, wo er sie in seinem Bette versteckte. Als dies bereits ge­schehen war, gab ihm die Köchin Maria Pregler einen Theil jener Obligationen zu­rück, welche ihr die Rosa Ehinger, wie oben bereits erwähnt, zugesteckt hatte, mit dem Bemerken, Fräulein Rosa habe sie ihr gegeben, sie getraue sich aber nicht, sie zu behalten, Nebel möge sie um Gottes willen nehmen.

Ferner wendete sich in jenem Zeitpunkte auch die Theaterdirectorswitwe Betty Winter, welche in der letzten Zeit die Verwaltung der Spitzeder’schen Häuser be­sorgt hatte und von der Gerichtscommission zur Aufschlußertheilung gerufen wor­den war, an rc. Nebel mit dem Ersuchen, ihr von den Obligationen zu geben, wor­auf dieser sich in sein Zimmer begab und ihr sechs Stück Obligationen im Nenn­werthe von 3500 Fl. einhändigte. Mit diesem Ersuchen an rc. Nebel hatte es nach Angabe der Winter folgende Bewandtniß:
Nachdem die Gerichtscommission sich schon entfernt und die Spitzeder, angegrif­fen von den Ereignissen des Tages, sich ins Bett gelegt hatte, sagte dieselbe zur Betty Winter, diese solle sich von Jakob Obligationen geben lassen, denn 8000 Fl. gehörten der Rosa, die sie ihr erst kurz vorher geliehen, und sie, die Winter, möch­te der »armen Haut« diesen Betrag oder einen Theil desselben retten. Darauf hin ließ sich die Winter die fraglichen Obligationen von Jakob Nebel geben. Als sie dann wieder zur Spitzeder in deren Schlafzimmer kam und ihr sagte, daß sie 3500 Fl. habe, äußerte sich diese sehr befriedigt darüber. Kurz bevor die Winter in der Nacht das Haus verließ und die Spitzeder fortgebracht wurde, fragte letztere die Winter, ob Jakob das Packet schon hinübergetragen habe oder wo er es hingethan habe, worauf die Winter erwiderte, sie wisse es nicht, habe aber von Jakob gehört, daß er ein Packet zu Rosa’s Mutter hinübergetragen habe. Hierauf sagte die Spit­zeder ganz ängstlich, wenn der Jakob die Sachen nur ordentlich besorgt, es han­delt sich um 50000 Fl.

Jakob Nebel trug auch in der That nachts um 11 Uhr sämmtliche Obligationen, die er in seinem Bette versteckt hatte – bis auf jene der Winter gegebenen, eine fünf­procentige münchener Stadtobligation zu 100 Fl., die er sich zugestandenermaßen in unredlicher Absicht zueignete und bald darauf verkaufte, sowie zwei weitere (Bo­dencreditobligationen zu je 100 Fl.), welche drei Tage nach der Sperre noch im Bette des Nebel aufgefunden wurden und wahrscheinlich aus Versehen dort zu­rückgeblieben waren, ferner eine weitere Anzahl von in runder Summe 5400 Fl., welche sich der Hausmeister Compensis auf eine nicht bestimmt ermittelte Weise inzwischen zu verschaffen gewußt hatte – zur Mutter Ehinger hinüber, von welcher sie ein paar Tage darauf dem Gantgerichte ausgeliefert wurden.

Zu Mutter Ehinger waren übrigens schon vorher, ehe Jakob Nebel jene große Quantität Obligationen zu ihr schaffte, von der Rosa Ehinger selbst und dem Stu­benmädchen ungefähr 20 alte Frauenthaler, in ein Papier gewickelt, und eine kleine Partie zusammengelegter Obligationen gebracht worden. Diese alten Frauenthaler hatte die Spitzeder sonderbarerweise aus Aberglauben sowol auf einem Betstuhle, der in ihrem Schlafzimmer stand, als an verschiedenen andern Orten vertheilt und auch paarweise unter die Blumenvasen gelegt gehabt, wo sie Rosa Ehinger, wäh­rend die Spitzeder bei der Commission sich befand, hinwegräumte.

Auch das Dienstmädchen der Mutter Ehinger, Namens Katharina Fischer, welche der Rosa Ehinger einen Shawl hinübergebracht hatte, erhielt von der letztern, ei­nen ungefähr faustgroßen Sack mit Geld mit dem Auftrag, denselben ihrer, der Rosa, Mutter, zu übergeben. Zuvor hatte sie jedoch diesen Sack mit Geld der noch im Bette liegenden Spitzeder mit den Worten gezeigt: »Adele, dies gebe ich mei­nem Mädchen mit«, worauf die Spitzeder mit »Ja« antwortete.

Von der Spitzeder selbst wurden ferner vor ihrer Abführung in die Civilhaft und während sie noch im Bette lag, ein großer Sack mit altem Gelde, bestehend aus so­genannten Frauenthalern, im ungefähren Betrage von 4000 Fl., theils als Bezahlung für geleistete Dienste, theils als Bezahlung noch nicht eingelöster Wechsel an die Bediensteten vertheilt. Auf diese Weise erhielt die Putzerin Anna Anger etwas, über 20 Fl., die Köchin Marie Pregler circa 70 Fl., das Stubenmädchen Anna Jordan 5 bairische Thaler, Kammerdiener Jakob Nebel 25-26 Thaler, Hausmeister Georg Compensis als Entschädigung für seine uneingelösten Wechsel eine nicht bestimmt ermittelte, aber jedenfalls sehr namhafte Partie dieser Thaler.

Dem Jakob Nebel schenkte sie weiter sieben Stück ihr gehörige zu 4 Proc. verzins­liche Pfandbriefe der Bairischen Hypothen- und Wechselbank zu je 100 Fl.

Das waren jene Vorgänge, welche sich am 12. November 1872 abends zutrugen, als die Gerichtscommission bereits in der Wohnung der Adele Spitzeder mit Inven­tarisirung des Vermögens beschäftigt war. Dieselbe hatte die Ausdehnung der Un­tersuchung auf die Bediensteten der Spitzeder, nämlich auf ihre Gesellschafterin Rosa Ehinger, ihren Kammerdiener Jakob Nebel, die Köchin Marie Pregler und de­ren Mann zur Folge.

Bezüglich der Adele Spitzeder selbst stand nach jenen Vorgängen fest, daß sie zur Verschleppung des einen der beiden von rc. Nebel zur Mutter der Rosa Ehinger verbrachten Packete Obligationen demselben ausdrücklich Auftrag gegeben hatte und daß sie bezüglich der andern von Rosa Ehinger zuerst versteckten und dann gleichfalls von rc. Nebel zur Mutter der Ehinger verbrachten Partie Obligationen mit der Rosa Ehinger im Einverständniß sich befunden hatte. Letztere hatte auch in einem am 21. November 1872 mit ihr vorgenommenen Verhöre eingeräumt, sie wisse zwar nicht bestimmt, sie glaube aber, daß sie, ehe Jakob Nebel auf ihr Ge­heiß die Obligationen zu ihrer Mutter getragen, mit Adele ein paar Worte darüber gesprochen habe.

Adele Spitzeder wollte zwar von der Beiseiteschaffung dieser Obligationen insge­sammt nichts wissen und diesen Standpunkt des Leugnens hielt sie auch in der öf­fentlichen Verhandlung fest, doch hatte sie in ihrem zweiten Verhöre in der Vorun­tersuchung am 18. November 1872 angegeben, daß sie vor etwa drei Wochen, als ihre Freundin Rosa um ihretwillen ins Gerede gekommen, was dieser natürlich bei ihrer Stellung als Schauspielerin höchst unangenehm gewesen sei, ihr gleichsam als Entschädigung 50000 Fl. in Obligationen geschenkt habe. Die gleiche Behauptung stellte auch die Rosa Ehinger auf. Allein es ist klar, daß diese angebliche Schenkung nur eine Erdichtung war, mit welcher die unter Mitwirkung der Rosa Ehinger vorge­nommene Verschleppung der 50000 Fl. Obligationen gerechtfertigt und womöglich diese Summe der Adele Spitzeder für die Zukunft gesichert werden sollte.

Gegen die Schenkung sprach die Höhe der angeblich geschenkten Summe, die angstvolle Hast und Heimlichkeit, mit welcher das Wegschaffen des angeblichen Geschenkes während der Anwesenheit der Gerichtscommission im Hause bewerk­stelligt wurde, ferner die obenerwähnte charakteristische Aeußerung der Spitzeder gegen die Betty Winter: »letztere solle sich von Nebel Obligationen geben lassen, damit der «armen Haut», der Rosa, wenigstens ein Theil des Darlehns, das sie, die Spitzeder, von ihr erhalten habe, gerettet würde.«

Noch schlagender wurde übrigens jene Behauptung der Schenkung widerlegt durch die auffallenden Widersprüche und Schwankungen in den Angaben der Ehin­ger und Spitzeder über den Zeitpunkt der erfolgten Schenkung und durch eine Rei­he von Thatumständen, aus denen hervorging, daß der in Frage stehende Ob­li­gatio­nenpack zu 50000 Fl. aus Effecten bestand, welche theils erst am 9. oder 10. November aus dem Speyer’schen Depot zur Spitzeder gebracht, theils erst in den letzten Tagen vor der gerichtlichen Schließung des Geschäfts, nämlich am 11. und 12. November, eingelegt worden waren, und welche daher zur Zeit der be­haup­te­ten Schenkung noch gar nicht im Hause und resp. Besitze der Spitzeder ge­wesen sein konnten.

Adele Spitzeder hatte nämlich in einem Verhöre vom 18. November 1872 erklärt, daß sie die erste Schenkung ungefähr vor drei Wochen der Rosa Ehinger gemacht habe. Dies wäre also in den letzten Tagen des October gewesen. Später in einem Verhöre vom 13. December suchte sie zwar, aber offenbar nicht mit Glück, diese Angabe wieder abzuändern, indem sie sich dahin ausdrückte, daß der Schenkungs­act innerhalb der Zeit vom 24. October bis 12. November erfolgt sei.

Rosa Ehinger blieb bezüglich des Zeitpunktes der angeblichen Schenkung nach mehr­fachen Schwankungen endlich dabei stehen, daß sie die Obligationen schon eine Woche lang im Besitze gehabt habe, ehe Frau Speyer mit den Obligationen, die sie im Depot hatte, gekommen sei. Dieser Angabe der Ehinger trat dann auch die Spitzeder schließlich bei.

Nun hatte aber die Speyer erst am 8. November begonnen, die bei ihr deponirten Obligationen zur Spitzeder zu tragen, nachdem sie dieselben zuvor zu Hause in Pa­ckete von je 50000 Fl. zusammengebunden hatte. Vor dem 8. November 1872 be­fanden sich nach dem Ergebniß der Untersuchung Obligationen in dem fraglichen Betrage gar nicht in der Spitzeder’schen Wohnung.

Es konnte daher der kritische Obligationenpack von 50000 Fl. zum weitaus größten Theile wenigstens nur aus solchen Obligattonen bestehen, welche bei Speyer im Depot gewesen waren.
Die vor der gerichtlichen Schließung des Geschäfts am 11. und 12. November ein­gegangenen Obligationen bestanden in
A) zwei österreichischen Silberrenten à 100 Fl.
B) einer österreichischen Silberrente à 1000 Fl.

Die beiden sub A wurden im Pianino vorgefunden und daß sie mit den übrigen von Rosa Ehinger dort versteckten Werthpapieren dahin gelangt waren, ergab sich aus dem Umstande, daß neben denselben sich zwei Pfandbriefe befanden, von denen der eine C. 53603 schon am 12. August, wie der Eintrag im »Obligationenbuch« zeigte, eingegangen und daher schon längst in das Speyer’sche Depot gewandert war.

Die Silberrente sub B aber lag neben einer Bodencreditobligation der Bairischen Vereinsbank C. 1459, welche unter dem 1. Juli 1872 als eingegangen im Obligatio­nenbuche verbucht war, demnach ebenfalls sich im Speyer’schen Depot befunden hatte.

Diese drei am 11. und 12. November bei der Spitzeder eingegangenen Papiere be­fanden sich am 12. November mittags auf dem Buffetschrank im Speisezimmer, von wo aus sie dann in das Schlafzimmer der Spitzeder gelangten. Denn als der damals bei der Spitzeder bedienstete Michael Kreuzer etwa um 2 Uhr in das Schlafzimmer der Spitzeder trat, um dieselbe etwas zu fragen und ihr zu sagen, daß im Speise­zimmer noch Obligationen lägen, deutete Rosa Ehinger auf einen Korb, der auf dem Kasten neben dem Verschlage stand, und sagte zur Spitzeder:
»Adele, da sind die Papiere, die du im Speisezimmer gehabt hast.«

Kreuzer sah nun selbst deutlich in dem Korbe einen Geldsack, in dem zusammen­gefaltete Obligationen staken.

Es wurde ferner festgestellt, daß Rosa Ehinger häufig den Schlüssel zu dem im Schlafzimmer befindlichen Verschlage besaß, in welchem die von der Speyer ge­brachten Obligationenpäcke aufbewahrt wurden, und daß sie insbesondere am 12. November, dem Tage der Sperre, ein paarmal in dem Verschlage gesehen wurde, das letzte mal zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags.

Demnach konnte darüber wol kaum ein Zweifel bestehen, daß der von der Rosa Ehinger versteckte und sodann von Nebel zu deren Mutter gebrachte Pack Obliga­tionen von der erstern selbst zusammengestellt war und zwar aus Obligationen, welche aus dem Speyer’schen Depot am 9. oder 10. November von der Frau Spey­er zur Spitzeder gebracht, und aus mehrern andern, die bei der Spitzeder selbst erst in den letzten Tagen (11. und 12. November) eingelegt worden waren. Die Be­hauptung, daß die Adele Spitzeder ihrer Freundin Rosa Ehinger die in Frage ste­henden Obligationen acht Tage vor dem 8. November oder Ende Oktober ge­schenkt haben wollte, war somit als unwahr erwiesen. Uebrigens war es auch be­zeichnend genug, daß diejenigen Bediensteten der Spitzeder, denen gegenüber sich die Rosa Ehinger über die angeblich erfolgte Schenkung geäußert hatte, über­einstimmend angaben, daß sie keinen Augenblick ernstlich an diese Schenkung ge­glaubt hätten.

Aus den voraufgeführten Thatsachen insgesammt ergab sich also, was zunächst die Angeklagte Adele Spitzeder anlangt, daß sie nach erfolgter gerichtlicher Beschlag­nahme ihres Vermögens am 12. November vorigen Jahres abends und in den spätem Nachtstunden Vermögensstücke dadurch verheimlichte und beseitigte, daß sie

a) einen ihr gehörigen Pack von Werthpapieren und zwar mit österreichischen Papi­errenten-Obligationen im Nominalbeträge zu 19050 Fl. Oesterr. W. und münchener Stadtanlehns-Obligationen zu 31000 Fl. nebst je dazu gehörigen Zinsabschnittbo­gen durch ihren Kammerdiener Jakob Nebel zu der in dem andern Flügel ihres Hauses wohnenden Oberpackersfrau Bertha Ehinger verbringen ließ;
b) von einem weitern, ihr gehörigen Pack mit verschiedenen Werthpapieren nebst Zinsabschnittbogen, durch ihren Kammerdiener Jakob Nebel Werthpapiere im No­minalbetrage von 3500 Fl., der Theaterdirectorswitwe Betty Winter zur spätern Auslieferung an ihre Gesellschafterin Rosa Ehinger behändigen und einen großen Theil der übrigen Papiere in einem nicht näher zu bestimmenden Werthbetrage un­ter dem Vorgeben, es gehörten solche der Rosa Ehinger, zu deren Mutter, der be­reits genannten Bertha Ehinger, bringen ließ;
c) ihrer Gesellschafterin Rosa Ehinger gestattete, eine ihr gehörige, in einem zwilli­chenen Säckchen verwahrte Summe Geldes im ungefähren Betrage von 100 Fl. zu deren Mutter, Bertha Ehinger, bringen zu lassen;
d) ältere Geldmünzen, meist Frauenthaler, im ungefähren Gesammtwerthe von 4000 Fl. unter ihre Bediensteten vertheilte;
e) dem Jakob Nebel sieben Stück ihr gehörige verzinsliche Pfandbriefe der Bairi­schen Hypotheken- und Wechselbank zu je 100 Fl., wovon zwei ohne Zinsabschnit­te, die übrigen nur mit Coupons vom 1. Juli 1873 versehen waren, schenkte.

Zum Thatbestande des betrügerischen Bankrotts wird der Nachweis erfordert, daß der Schuldner in der Absicht gehandelt hat, seine Gläubiger zu benachtheiligen. Im vorliegenden Falle ergab sich diese Absicht von selbst.

Daß ein Geschäft wie die »Dachauer Bank« der Adele Spitzeder nothwendig zu dem tragischen Abschlusse der Zahlungseinstellung führen müsse, darüber war wol jeder denkende Mensch, dessen Blick nicht durch Gewinnsucht oder politische Lei­denschaft momentan geblendet war, im Klaren. Denn es gibt kein Gebiet der Spe­culation, auf welchem es möglich wäre, Gewinne zu erzielen, wie sie erforderlich gewesen wären, um die ungeheuere, täglich wachsende Zinsenlast des Spitze­der’schen Geschäfts, die zu zahlenden Provisionen, die rückzuzahlenden Kapitalien, die riesigen Summen zu decken, welche der luxuriöse Haushalt der Spitzeder und ihre maßlose Verschwendung verschlangen. Allein von Erzielung eines Gewinnes war bei der Art der Spitzeder’schen Geschäftsführung überhaupt keine Rede. Ja sie verschmähte es sogar, eine etwas höhere Rentabilität als gewöhnlich für die ih­rer Bank anvertrauten Gelder anzustreben. Ihr Verfahren in Bezug auf die Verwen­dung dieser Gelder war über alle Erwartungen einfach. Was nämlich an Effecten (Staats- und Industriepapieren) und Gold einging, wurde, wie schon erwähnt, jeden Abend den Speyer’schen Eheleuten zur Aufbewahrung übergeben. Dort blieben diese Papiere in Frieden liegen, bis der Augenblick kam, wo ein Theil derselben zur Beschaffung von Baargeld für die Auszahlungen an der Bank versilbert werden mußte. Um die Cursbewegungen dieser Papiere in der Zwischenzeit bekümmerte sich niemand. Die Möglichkeit eines vortheilhaften Verkaufes infolge des Eintretens günstiger Cursverhältnisse wurde gar nicht ins Auge gefaßt, dazu hatte man offen­bar gar keine Zeit.

Das eingegangene Baargeld wurde sofort wieder dazu verwendet, um die fälligen Zinsen aus frühern Kapitaleinlagen und die fälligen Kapitalien zurückzubezahlen und die Bedürfnisse des Haushaltes zu bestreiten. Was hiervon noch übrigblieb, wurde allenfalls bis auf weiteres bei einer Bank verzinslich angelegt. Außerdem er­warb Adele Spitzeder einen größern Immobiliarbesitz, indem sie nach und nach 16 Häuser in München und eine Villa in Feldaffing am Starnbergersee, von ihr später »Villa Rosa« nach dem Namen ihrer Freundin genannt, ankaufte. Allein sie kaufte diese Häuser nicht etwa, um zu speculiren, d. h. durch einen günstigern Wiederver­kauf Gewinn zu ziehen, sondern sie behielt diese Häuser, welche mit wenigen Aus­nahmen sogenannte Zinshäuser waren, in ihrem Besitze, weil sie sich offenbar darin gefiel, in München als Besitzerin so und so vieler Häuser genannt zu werden und weil, was wol die Hauptsache war, durch diesen Immobiliarbesitz ihrer Creditfähig­keit ein erhöhter Glanz, eine scheinbar unerschütterliche Grundlage verliehen wur­de.

Adele Spitzeder lieh zwar auch Kapitalien gegen Wucherzinsen aus, und – so sehr sie oft auch Geld durch Geben von großartigen Geschenken und dergleichen mas­senhaft verschleuderte – hier zeigte sie sich in Bezug auf das Nehmen von Procen­ten durchaus nicht spröde. Allein im Verhältniß zu der Größe ihres stets in Zunah­me begriffenen Passivsaldos war das Kapital, welches sie zum Betriebe ihres Ans­leihgeschäftes verwendete, winzig klein. Denn nach einer im Gantverfahren aus den vorhandenen Activwechseln gemachten Zusammenstellung betrug die Ge­sammtsumme der Activwechselfordernngen nicht mehr als 103683 Fl.

Bei einer solchen Geschäftsführung, die mit nichts begonnen wurde, und bei wel­cher eigentlich mit dem Augenblicke der ersten Einlage auch schon der Zustand der Insolvenz eingetreten war, wird niemand ernstlich bezweifeln wollen, daß Adele Spitzeder über den Stand ihres Geschäftes, über die Unvermeidlichkeit der Zah­lungseinstellung, die nur eine Frage der Zeit war, sowie über den schließlich eintre­tenden ungeheuern Schaden, den ihre Gläubigerschaft erleiden mußte, vollständig im Klaren war, daß sie ferner recht wohl einsah, daß die Ziffer dieses Schadens des­to beträchtlicher werden mußte, je länger das Geschäft fortgeführt wurde. Gleich­wol zögerte Adele Spitzeder keinen Augenblick, auf dem einmal betretenen Wege fortzuschreiten. Vermeiden konnte sie die unvermeidliche Katastrophe des Zusam­menbruches nicht, aber dieselbe solange als möglich hinauszuziehen, dazu wurden alle ihr zu Gebote stehenden Mittel versucht.

Die Stimme des Gewissens, die ihr hätte sagen müssen, daß die verderblichen Fol­gen ihres Thuns gerade denjenigen Theil der Bevölkerung treffen würden, welcher Vermögensverluste am schwersten empfindet, die Armen und Unbemittelten, an deren geringen Ersparnissen der Schweiß harter Arbeit und die Bitterkeit der Ent­sagung haften, wurde übertäubt durch die Lockungen der Eitelkeit und den Reiz ei­nes üppigen Genußlebens.

Adele Spitzeder hatte sich ziemlich rasch daran gewöhnt, sich von dem glänzenden Comfort des Reichthums umgeben zu sehen; ihre Zimmer waren auf das elegantes­te eingerichtet; in denselben waren Spieluhren aufgestellt, um mit ihren Melodien die geladenen Gäste bei der Tafel zu ergötzen oder die Gebieterin in einsamen Stunden in süße Träumereien zu wiegen; die Wände waren bedeckt von Oelgemäl­den in prunkenden Rahmen, für ihre sonntäglichen Ausflüge standen drei Equipa­gen im Stalle bereit, ein Troß von Bedientesten harrte ihres Winkes!

Allein um die Fortdauer aller dieser Herrlichkeiten zu ermöglichen, war es nothwendig, dem Geschäfte die möglichste Ausdehnung zu geben und dadurch gegenüber der täglich zunehmenden Schuldenlast täglich höhere Kapitalzuflüsse zu erhalten. Zur Erreichung dieses Zweckes suchte sich die Spitzeder zunächst die Presse dienstbar zu machen, was ihr auch zum Theil gelang. Von der ihr ergebenen Presse, die vorzugsweise in den Kreisen der Landbevölkerung verbreitet war und unter welchen sich insbesondere die ultramontanen Blätter, das »Bayrische Vater­land« und »Der Volksbote« hervorthaten, wurde das Lob der Adele Spitzeder, ihre Uneigennützigkeit, die Solidität und Dauerhaftigkeit ihrer »Bank« in allen Tonarten gesungen. Blätter, die ihre Stimme erhoben, um den gefährlichen Schwindel der Dachauer Bank bloßzulegen und das Publikum vor einer Betheiligung zu warnen, wurden in der heftigsten Weise angegriffen, beschimpft und ihnen vorgeworfen, daß sie nur darauf ausgingen, im Interesse eines geldwuchernden liberalen Juden­thums die lästige Concurrenz der gerade für die arbeitenden Klassen so wohlthäti­gen Dachauer Bank der Adele Spitzeder zu vernichten, und dergleichen. Unter der Hand wurde dann auch der Versuch gemacht, diese Blätter auf andere Weise, näm­lich durch Bestechung, zum Schweigen zu bringen oder solche gar anzukaufen.

Adele Spitzeder gründete selbst eine Zeitung, das Münchener Tageblatt, dessen Redaction ein gewisser Dr. Faist übernahm, ein Blatt, welches unter dem Deckman­tel der politischen Tendenz eines gemäßigten Ultramontanismus ausschließlich die Interessen des Spitzeder’schen Geschäfts zu vertreten hatte. Sie spielte die Wohlt­häterin des Volkes, indem sie für milde Zwecke bedeutende Summen ausgab und eine Volksküche gründete, in welcher Speisen und Getränke zu außergewöhnlich billigen Preisen abgegeben wurden und an deren Wänden Devisen angebracht wa­ren, wie: »Aus dem Volke und durch das Volk«, oder:

Wer Trank und Speise billig schafft,
Der gibt dem Volke seine Kraft.

Und in der That, alle diese Mittel waren vom besten Erfolge begleitet. Ihre Popula­rität wurde größer und größer, der Zudrang zu ihrem Geschäfte nahm lange Zeit von Tag zu Tag zu, und besonders die Landbevölkerung strömte massenhaft her­bei, um ihre Kapitalien der neuen Wunderbank anzuvertrauen.

Gleichwol vergaß Adele Spitzeder im Taumel des Erfolges nicht, an das unvermeid­liche Ende zu denken und sich, soweit eben thunlich, vor den strafbaren Folgen dieser Eventualität zu sichern. Dahin gehört vor allem ihr Bemühen, nicht als »Kauf­frau« erklärt und zur Firmenzeichnnng, beziehungsweise Eintragung ihrer Firma im Handelsregister gezwungen zu werden. Der Widerstand, den sie in dieser Bezie­hung entwickelte, sucht an Hartnäckigkeit seinesgleichen. Die Acten des königli­chen Handelsgerichts geben hierüber genügenden Aufschluß. Sie glaubte hier­durch zweierlei zu vermeiden. Einmal wollte sie der Verpflichtung zur kaufmänni­schen Buchführung überhoben sein, sodann glaubte sie, daß dann im Falle des Zu­sammenbruches die Bestimmungen des Reichs-Strafgesetzbuches – das sie nach ei­genem Geständniß eifrig studirt hatte und von welchem auch ein Exemplar, auf ihrem Schreibtische liegend, vorgefunden wurde – über den kaufmännischen Bank­rott nicht auf sie angewendet würden. Welch großen Werth sie darauf legte, nicht als Kauffrau erklärt zu werden, beweist unter anderm der Umstand, daß sie dem Rechtsconcipienten, welcher die Einspruchsschrift gegen die Verfügung des könig­lichen Handelsgerichts München vom 21. November 1871, wodurch Adele Spitze­der zur Firmenzeichnung aufgefordert wurde, verfertigt hatte, ein Geschenk von 2500 Fl. machte.

Es wurden von ihr, um die Eintragung im Handelsregister zu vermeiden, übrigens nicht blos alle zulässigen processualen Mittel erschöpft, sondern es wurden auch Aenderungen in der Geschäftsführung getroffen, welche darauf berechnet waren, dem Geschäfte den kaufmännischen Charakter zu benehmen.

So wurden im Ausleihgeschäfte die Wechsel nicht mehr auf den Namen der Adele Spitzeder als Wechselgläubigerin ausgestellt, sondern auf den Namen eines der Be­diensteten, offenbar zu dem Zwecke, um vorgeben zu können, daß Adele Spitz­eder gar kein Ausleihgeschäft mehr betreibe.

Auch wurde beim Eintrag in das Obligationenbuch in Bezug auf die anstatt der Baar­geldeinlage an die Spitzeder verkauften Obligationen nicht mehr der Ausdruck »verkauft«, sondern »übergeben« gebraucht, damit man nicht mehr sagen könne, die Spitzeder beschäftige sich mit dem Ein- und Verkauf von Staatspapieren.

Es wird wol nicht fehlgegriffen sein, wenn man auch in diesen Aenderungen in dem Modus der Geschäftsführung die Einflüsse juristischer Rathschläge erblickt, ebenso wie es aller Wahrscheinlichkeit nach auf Rechnung juristischer Rathsertheilung zu setzen ist, daß Adele Spitzeder im Verlaufe des Sommers 1872 plötzlich anfing, in ihren Wechseln die Worte beizusetzen: »Nicht an Ordre«, wodurch bekannterma­ßen die Uebertragbarkeit des Wechsels an Dritte gehindert wird.

Die Absicht war offenbar die, den großen Andrang zu vermeiden, der dadurch ent­stand, daß Wechsel durch Kauf an dritte Personen übergingen, die sich nicht wie die ursprünglichen Wechselgläubiger mit der bloßen Prolongation der Wechsel und Auszahlung der Zinsen begnügten, sondern die Auszahlung der Wechselsummen verlangten, denn solche gewaltsame Aderlässe mußten, um das Leben des Patien­ten zu fristen, womöglich vermieden werden. Daß nun gleichwol solche Wechsel auch dritten Besitzern gegenüber honorirt wurden, erklärt sich durch die grenzen­lose Unordnung im Spitzeder’schen Geschäfte. Vielleicht geschah es auch aus der Besorgniß, es möchte durch die verweigerte Einlösung Mistrauen erweckt werden, weshalb man sich entschloß, lieber von den rechtlichen Wirkungen dieses »Nicht an Ordre« wieder abzusehen.

Wie aus dem vorstehend Ausgeführten zur Genüge hervorgeht, war das Geschäft der Adele Spitzeder im Grunde nichts weiter als ein großartig angelegter Betrug im vulgären Sinne des Wortes, gerichtet auf die schamloseste Ausbeutung des Pu­blikums, eine organisirte Massenberaubung in moderner civilisirter Gestalt.

Es könnte auffallen, daß Adele Spitzeder, wenn sie sich der ganzen Tragweite ihres Handelns, der hieran sich knüpfenden unvermeidlichen tatsächlichen und rechtli­chen Folgen vollkommen bewußt war, sich nicht noch zur rechten Zeit ihrer Verant­wortung durch die Flucht entzogen oder wenigstens einstweilen die Vorbereitun­gen zur Flucht in entsprechender Weise getroffen hat.

Allein man muß eben nicht vergessen, daß sie durch die übereinstimmende Versi­cherung ihrer juridischen Rathgeber, daß man ihr, solange sie die Zinsen bezahle und die fälligen Wechsel einlöse, nichts anhaben könne, offenbar sicher gemacht war. Mangel an Einsicht und Ueberlegung war gewiß nicht die Ursache, denn Adele Spitzeder war eine viel zu geriebene Person, um nicht alle Eventualitäten ins Auge zu fassen und zu überdenken. Wohl aber mögen gewisse Eigenthümlichkeiten ihres Charakters mit zu dem Entschlüsse beigetragen haben, vorläufig den Schauplatz ih­rer Thätigkeit nicht zu verlassen, den Kampf aufzunehmen mit dem gegen sie ge­richteten Theil der öffentlichen Meinung, Trotz zu bieten dem Gesetze, vor dem sie sich gesichert glaubte, ungeachtet der von der Regierung ergangenen Warnungen. Ihre Eitelkeit, ihre zum Widerstande geneigte Gemüthsart mochte darin einen ge­wissen Reiz, eine Art Befriedigung finden.

Uebrigens bleibt es immerhin ein beachtenswerther Umstand, daß man bei der Be­schlagnahme ihres Vermögens in ihrer Wohnung Pretiosen, vorzugsweise aus Bril­lanten bestehend, im Werthe von 34137 Fl. vorgefunden hat. Es ist möglich, daß diese Pretiosen mit Rücksicht auf eine beabsichtigte Flucht angekauft wurden, es ist aber auch möglich, daß sie diese Kostbarkeiten nur aus Hang zur Verschwen­dung gekauft hat. Ihre Lust, das Geld zu vergeuden, war so maßlos, daß es nicht ohne Interesse sein wird, wenn wir noch einige Proben davon geben. Die luxuriöse, man darf sagen fürstliche Pracht ihres Hauses haben wir schon erwähnt. Aber auch die Zahl ihrer Dienerschaft war eine fürstliche zu nennen. Ihr Personal bestand aus circa 50 Personen, welche sie ohne Ausnahme verköstigte. Dasselbe aß theils in ih­rer eigenen Wohnung, theils auf ihre Kosten in der von ihr käuflich erworbenen Wirthschaft Zum Tell. Die Küchenrechnung betrug per Woche 130-140 Fl., wobei die Einkäufe beim Spezerei- und Delicatessenhändler und beim Charcutier nicht eingerechnet sind; in der Wirthschaft Zum Tell betrug die Rechnung in der Woche durchschnittlich 120 Fl. Außerdem veranstaltete sie Sonntags gewöhnlich größere Gastgelage, bei denen es hoch herging. Häufig wurden auch von ihr an Sonntagen größere Partien in eigenen Equipagen und in größerer Gesellschaft unternommen, bei welchen sie alles bezahlte und eine außerordentliche Verschwendung in Bezug auf Bewirthung ihrer Gäste und Spendung von Trinkgeldern und dergleichen an den Tag legte.

Ihren Bediensteten gewährte sie außerordentlich hohe Dienstbezüge. So hatte der Buchdruckereibesitzer Napoleon Homalatsch, der bei ihr als Kassirer eintrat, ob­gleich er wegen gänzlichen Mangels kaufmännischer Kenntnisse nicht einmal seine eigene Buchhaltung zu führen vermochte, einen monatlichen Gehalt von 350 Fl. Ei­ner ihrer Diener, Franz Silchinger, hatte nebenbei noch das merkwürdige Privilegi­um, alles Geld, welches er bei Schluß des Geschäftes in den Geschäftslocalitäten auf dem Boden liegend vorfand, für sich behalten zu dürfen. Rosa Ehinger bezog als Gesellschafterin einen Monatsgehalt von 500 Fl. Ihr Berhältniß zu Adele Spitze­der war übrigens ein sehr eigenthümliches und ist durch die Untersuchung nicht vollständig aufgehellt worden. Die Gefühle der Freundschaft zwischen beiden äu­ßerten sich, nach den Aussagen mehrerer Zeugen, in so überschwenglicher, in so ungewöhnlich sinnlicher Weise, daß in der Umgebung der Spitzeder allerlei Combi­nationen über die Natur dieser Freundschaft angestellt wurden. Doch es mag da­hingestellt bleiben, ob derartige Vermuthungen begründet sind. Thatsache ist, daß sie ihre Freundin königlich belohnte. Sie hat sich während ihres kurzen Aufenthaltes bei der Spitzeder von ihrem Gehalt und durch Geldgeschenke, die sie von ihrer Herrin empfing, ein Vermögen von 10000 Fl. erspart! Außerdem schenkte ihr die Spitzeder auch noch Schmuck und Brillanten im Betrage von in runder Summe 7000 Fl., darunter ein aus einem Diamant bestehendes Hemdknöpfchen im Werthe von 1000 Fl. Mit Geschenken, z. B. Brillanten, Ringen und dergleichen wurden auch die übrigen Bediensteten reichlich bedacht.
Durch eine gewisse Rosalie Rothheimer allein ließ sie seit Januar 1872 Einkäufe von Luxusgegenständen aller Art im Betrage von 50000 Fl. machen.

Welche Summen ihr der Ankauf ihrer Gemälde kostete, konnte nicht genau ermit­telt werden, doch ist anzunehmen, daß sie bei ihrer gänzlichen Unerfahrenheit und Un­kenntniß in Gemäldesachen enorme Preise bezahlen mußte.

In welcher Weise die Mitangeklagten der Adele Spitzeder, ihre Gesellschafterin Rosa Ehinger, ihr Kammerdiner Jakob Nebel und die Köchin Maria Pregler an der Verschleppung von Vermögensbestandtheilen theilgenommen haben, ist bereits oben ausführlich erörtert und auch erwähnt worden, daß Nebel von den durch ihn verschleppten Papieren eine fünfprocentige Obligation des münchener Stadtan­lehns vom Jahre 1867 im Betrage von 100 Fl. für sich behielt, sowie ferner, daß Ma­ria Pregler von den ihr zur Beiseiteschaffung zugestellten Papieren vier Stück Lud­wigsbahn-Prioritäten à 100 Fl. und elf Stück Bankobligationen der Handelsbank in München à 500 Fl. sich zueignete und diese Papiere in die Wohnung ihres Eheman­nes brachte, welcher dies nicht allein gestattete, sondern auch die Papiere zusam­men mit seiner Ehefrau verheimlichte. Auf Grund dieser Thatsachen wurde Anklage erhoben 1) gegen Adele Spitzeder wegen einfachen und betrügerischen Bankrotts, 2) gegen Rosa Ehinger wegen betrügerischen Bankrotts und Beihülfe zu diesem Verbrechen, 3) gegen Jakob Nebel und Maria Pregler wegen Beihülfe zum betrü­gerischen Bankrott und wegen Unterschlagung, 4) gegen Georg Pregler wegen Hehlerei.

Am 14. Juli 1873 morgens 8 Uhr begann in München die öffentliche Schwurge­richtsverhandlung. Nicht nur im Schwurgerichtssaale selbst, in welchen der Eintritt nur gegen besondere Eintrittskarten gestattet war, sondern auch in den Gängen des Gerichtsgebäudes drängte sich Kopf an Kopf, denn jedermann wollte die merkwürdige Abenteurerin sehen, welche mit so unerhörter Kühnheit operirt und für Baiern nahezu eine Landescalamität heraufbeschworen hatte.

Adele Spitzeder wurde in den Saal geführt; sie, wie ihre Freundin Rosa Ehinger, er­schienen in schwarzer Kleidung. Die Verhandlung begann mit den gewöhnlichen Generalfragen an die fünf Angeklagten, wobei Adele Spitzeder angab, daß sie eine jährliche Rente von 500 Fl. beziehe und daß sie zuletzt in München »ein Geldge­schäft betrieben habe«. Nun folgte die Verlesung der Anklageschrift, welche an­derthalb Stunden in Anspruch nahm. Interessant war es hierbei, Adele Spitzeder zu beobachten, welche meistens unverwandt zu Boden blickte und nur zuweilen unter lebhaftem Kopfschütteln ihren Blick gegen den die Schrift verlesenden Beamten er­hob; ihre Augen blieben trocken; Rosa Ehinger dagegen vergoß reichliche Thränen und war sichtlich bemüht, den Anblick ihres (hübschen) Gesichts dem anwesenden Publikum zu entziehen, indem sie dem Zuschauerraum den Rücken zuwandte.

Im ganzen waren 130 Zeugen geladen, von welchen jedoch 16 theils durch Krank­heit verhindert, theils flüchtig geworden waren (meistentheils ehemalige Bediens­tete der Spitzeder). Hierauf ging der Präsident zum Verhöre der Hauptangeklagten Adele Spitzeder über, welches, da es offenbar den interessantesten Punkt der Ver­handlung bildete, wir hier in seinen Hauptmomenten wörtlich wiedergeben:

Präsident: Sie haben nun gehört, wessen Sie beschuldigt sind; es liegt Ihnen zur Last, daß Sie als Handelsfrau Ihre Zahlungen eingestellt und daß Sie, wie sich erge­ben, während Ihres Geschäftes nicht blos keine Bücher geführt, sondern, nachdem bereits die Gerichtscommission in Ihrem Hause erschienen war und Sperre verfügt hatte, auch noch Werthpapiere entfernten und beiseiteschaffen ließen, endlich, daß Sie einen unverhältnißmäßigen Aufwand gemacht haben.

Spitzeder: Ich habe nie jemand benachtheiligen wollen. Ich bin als Schauspielerin nach München gekommen in ärmlichen Verhältnissen. Ich bin kein Kaufmann und besitze keine kaufmännischen Kenntnisse und habe darum auch immer gegen die Bezeichnung »Kauffrau« protestirt. Ich habe nur unerhörten Credit gehabt.

Präsident: Ich werde auf alle diese Einzelheiten eingehen, bitte aber, daß Sie sich vorerst näher über das Geschäft selbst äußern.

Spitzeder: Ich bin ja von den Leuten überlaufen worden. Ich habe fast jeden Tag den Leuten gesagt, daß ich keine Sicherheit bieten könne, und gefragt: Was wollt Ihr denn? Dessen rufe ich alle meine Gläubiger als Zeugen auf. Ich habe gewußt, daß ich Gelder aufnehme, dachte mir aber, daß, wenn ich unrecht thäte, das Ge­setz gegen mich auftrete und mir das Unrecht verweise. Ich habe mich auch bei der Polizei angemeldet, diese wies mich an den Rechtsrath Kummer und dieser sagte: das sei ein Schmusgeschäft, das durchaus in keiner Branche anzumelden sei. Ich habe mich dann auch beim Rentamte zur Steuer angemeldet. Es kam der erste Sturm über mich und ich war in der Lage, alle meine Wechsel einzulösen. Da die Behörde weiter nichts that, so setzte ich mein Unternehmen fort. Mit den Werthpa­pieren habe ich keine Spekulationen getrieben, sondern sie zu meiner Sicherheit deponirt. Die Beistände, die ich gehabt habe, sind eigentlich keine Beistände ge­wesen, ich habe selbst alles gethan und veranlaßt.

Präsident: Sie haben protestirt gegen die Bezeichnung als »Kauffrau«, obwol Sie durch alle Instanzen hindurch als solche erklärt worden sind.

Spitzeder: Ich protestire auch jetzt noch dagegen; ich wurde als Kauffrau erklärt, obwol ich nie einen Wechsel girirt und nie Geschäfte mit Werthpapieren gemacht hatte. Wäre ich es gewesen, so hätte ich sicherlich mehr Schutz und Achtung ge­nossen. Ich hätte auch selbst meine Zahlungen nie eingestellt noch einzustellen ge­braucht, da mir ein enormer Credit zu Gebote stand. Was meine in der Anklage­schrift behauptete »Arbeitsscheu« betrifft – in der Anklageschrift war nämlich ge­sagt: daß Adele Spitzeder in ihrer Jugend viel Talent, aber wenig Fleiß und Ausdau­er gezeigt habe – so kann diese denn doch nicht so groß gewesen sein, denn ich habe sieben Sprachen sprechen und schreiben gelernt, bin musikalisch und habe mir überhaupt ein Kapital von Kenntnissen erworben, welche mich in den Stand setzen, jederzeit mein Brot auf ehrliche Weise zu verdienen. Es ist auch durchaus nicht an dem, daß ich als Schauspielerin keine Erfolge gehabt hätte. Es ist wahr, daß ich ganz dürftig nach München gekommen bin und nichts als meine Kaffeema­schine und vier Hunde besessen habe. Allein man hat mir dann Geld später förm­lich aufgedrungen; hätte ich übrigens diesen Haß, diese Feindseligkeiten geahnt, so würde ich mein Geschäft gewiß nicht angefangen haben.

Präsident: Sie widersprechen also, daß Sie je bankrott geworden wären?

Spitzeder: Ich wäre es nie geworden. Ich hätte mich schließlich immer noch mit meinen Gläubigern abfinden können, ohne daß sie großen Schaden gehabt hätten. Uebrigens würde mir mein Baudevilletheater, das ich in der von mir erkauften Westendhalle errichtet hatte, eine bedeutende Rente abgeworfen haben.

Präsident: Wie hoch haben Sie die Rente von diesem Unternehmen angeschlagen?

Spitzeder: Ich glaube, daß ich eine sehr hohe Rente aus demselben erzielt hätte.

Präsident: Sie sagten, Sie hätten die Leute aus Ihrem Hause hinausgewiesen, nah­men aber doch das Geld derselben an. Wer konnte Sie denn zwingen, Geld anzu­nehmen?

Spitzeder: Die Leute gingen eben nicht mehr, ich habe sie oft gewaltthätig zurück­gewiesen, allein ich habe mich der Hunderte von Leuten, die schrien und weinten, nicht erwehren können. Nie habe ich daran gedacht, die Leute zu betrügen.

Präsident: Mit Ihrer Weigerung war es eben nicht Ernst! Wie hoch belief sich denn die Rentabilität Ihrer Häuser und Immobilien, doch nicht über sechs bis acht Pro­cent?

Spitzeder: Nein.

Präsident: Wie haben Sie denn die von Ihnen erkauften Werthpapiere wieder ver­werthet?

Spitzeder: Die habe ich gar nicht verwerthet, sondern einfach deponirt.

Präsident: Die sind also unthätig liegen geblieben! Was haben Sie sich denn von Ih­rer Volksküche versprochen?

Spitzeder: Die habe ich nur aus Dankbarkeit errichtet für das Vertrauen, das mir das Volk geschenkt hat; übrigens würde sie bei ihrem längern Bestehen unter guter Leitung wol eine Rente abgeworfen haben.

Präsident. Sonst hatten Sie also keine weitern Hülfsquellen, aus welchen Sie im Nothfalle Schulden decken konnten?

Spitzeder: Ich wollte, um endlich ein Gleichgewicht herzustellen, mit Grund und Bo­den und namentlich mit Häusern handeln, auch hatte ich vor, einen Holz- und Steinhandel zu betreiben.

Präsident: Die Gesellschaft, die sich in Ihrem Hause einfand, hat aber Ihren Wein­vorräthen sehr stark zugesetzt?

Spitzeder: O, Herr Präsident, so arg ist es nicht, wie man es macht. Im übrigen habe ich aber auch beabsichtigt, vom 1. Januar 1873 ab monatlich nur noch 3 Fl. Zins zu bezahlen, und dieses auch Einzelnen gegenüber bereits ausgesprochen; auch hätte ich, da ich nicht kaufmännisch gebildet bin, einen Buchhalter aufgestellt und würde überhaupt mein Geschäft verkleinert haben.

Präsident. Sie wollten Ihr Geschäft verkleinern, sagen Sie? Dagegen spricht aber doch vor allem die Thatsache, daß Sie sich die Presse dienstbar machten oder zu machen suchten, um mit Hülfe derselben Ihren Credit zu erhöhen.

Spitzeder: Die Absicht, auf die Presse einzuwirken, um diese für meine Zwecke aus­zubeuten, stelle ich in Abrede, sie sollte nicht meinen Credit erhöhen.

Präsident: Zu welchem Zwecke haben Sie denn dann nicht blos selbst ein Blatt, das »Münchener Tageblatt«, gegründet, sondern auch verschiedene Ihr Geschäft an­preisende Artikel in andere Blätter einrücken lassen?

Spitzeder: Diese Artikel sind nicht mit meinem Wissen erschienen, sie sind nicht von mir dictirt worden; ich wollte nur persönliche Angriffe auf meine Ehre zurück­weisen; ich war sehr froh, wenn sich Leute fanden, die mir Schutz angedeihen lie­ßen, vorzüglich um meiner Mutter willen, die damals noch lebte, wünschte ich, daß der Name Spitzeder nicht verunehrt werde.

Der Präsident hielt ihr entgegen, daß noch am 9. November 1872, also nur drei Tage vor der Geschäftssperre, in ihrem Blatte, dem »Münchener Tageblatt«, ein vom königlichen Advocaten Dr. Barth in Augsburg verfaßter Artikel mit ihrer Ge­nehmigung veröffentlicht worden sei, welcher in sehr prägnanter Weise gegen die von der königlichen Staatsregierung gegen die Spitzeder’sche Bank erlassene War­nung gerichtet gewesen sei und die Bank sehr energisch vertheidigt habe, daß ferner der bei ihr bedienstete Literat Fuchs Reclamen für ihre Bank an mehr als dreißig Provinzialblätter geschickt und hierfür von ihr 200 Fl. zur Disposition ge­stellt erhalten habe, worauf sie nur erwiderte: daß Fuchs für und gegen sie ge­schrieben habe.

Der Präsident hielt ihr ferner vor, daß sie dem Redakteur des »Freien Landesboten« in München 14000 Fl. gegen einen Revers gegeben habe, dessen Inhalt beweise, daß es ihr nicht sowol um Abwendung von Angriffen gegen ihre Person, als viel­mehr um Abwendung von Angriffen gegen ihr Geschäft zu thun gewesen sei.
Dieser Revers, von der Spitzeder unterschrieben, lautete:
»Der Unterzeichnete bestätigt, am 13. December von Adele Spitzeder eine Total­summe von 14000 Fl. erhalten zu haben, wofür sich der Unterzeichnete mit seinem Ehrenwort verpflichtet, in seinem Blatte, dem »Freien Landesboten«, wie auch in vorkommenden andern Fällen in andern Blättern nur für das Interesse der Adele Spitzeder zu wirken, niemals etwas Nachtheiliges gegen ihre Person oder ihre Un­ternehmungen in sein Blatt aufzunehmen oder zu schreiben, oder sich an Angriffen, wie sie in Zeitungen, Broschüren u. s. w. erscheinen, zu betheiligen. Auch macht sich Herr B. verbindlich, im Fall sein Blatt ganz an den Miteigenthümer K. oder an­dere Personen übergehen sollte, dieselben Verbindlichkeiten mit den Käufern ein­zugehen. Sollte Herr Th. B. diese Bedingungen nicht erfüllen, oder auch nur im ge­ringsten verletzen, so ist diese Schrift als ein Schuldschein zu betrachten und hat Adele Spitzeder sofort das Recht, die 14000 Fl. von Th. B. zurückzuverlangen und muß Herr Th. B. diese 14000 Fl. sofort ohne Einrede an sie zurückbezahlen. Herr Th. B. erklärt mit eigener Unterschrift, mit dieser Schrift einverstanden zu sein.
Th. Bösl.«

Es wurde ihr ferner vorgehalten, daß sie dem Redakteur des »Volksboten« 13000 Fl. geliehen, das Miteigenthum des »Süddeutschen Telegraphen« von dem damali­gen Redacteur – der hierzu übrigens nicht berechtigt war und auch gleich darauf in­folge dessen flüchtig wurde – um 800 Fl. gekauft, dem Redacteur eines andern kirchlichen Blattes ein unverzinsliches Darlehn von 800 Fl. gegeben, von dem Re­dacteur und Verleger des »Münchener Extrablattes« das Miteigenthum an dem Blatte um 3000 Fl. erworben und ihm außerdem als Redacteur einen monatlichen Gehalt von 100 Fl. und die Hälfte der Reineinnahme des Blattes zugesichert; daß sie ferner den »Bairischen Landboten« (liberal) zu kaufen versucht und die »Neues­ten Nachrichten« (das gelesenste Blatt liberaler Richtung in München) zu ihren Gunsten zu gewinnen sich bemüht, indem sie sich zur Bezahlung einer »jeden Sum­me, die verlangt werde«, erboten habe, wenn das Blatt seine Angriffe gegen die Dachauer Bank einstelle.

Gegenüber allen diesen Vorhalten blieb sie dabei stehen, daß sie nur ihre persönli­che Ehre vor Angriffen habe schützen wollen. Bezüglich des ihr zur Last gelegten Bestechungsversuches gegenüber dem Redacteur der »Neuesten Nachrichten« be­merkte sie (wörtlich):

Spitzeder: O, Herr Präsident! das thut eine Adele Spitzeder nicht, nein! Soviel eine Adele Spitzeder auch Geld besaß, ihre Kasse würde nicht hingereicht haben, einen so hochgelobten Redacteur bestechen zu können!

Präsident: Sie haben aber doch zugegeben, daß Sie den »Bairischen Landboten« kaufen wollten, obwol er liberal ist.

Spitzeder: Es hieß, das Blatt sei zu verkaufen. Ich kümmere mich nicht darum, ob jemand liberal ist, obgleich ich gute Katholikin bin.

Präsident: Gerade die »katholische« Presse hat sich aber Ihrer besonders angenom­men!

Der Präsident nahm hier Veranlassung, von dem großen goldenen Kreuze zu spre­chen, welches sie beständig und bei allen Gelegenheiten an einer schweren golde­nen Kette getragen habe, und bemerkte, daß es hierbei wol um eine gewisse os­tensible Frömmigkeit zu thun gewesen sei.

Spitzeder: Ich bin streng katholisch; ich habe mein goldenes Kreuz nicht getragen, um zu heucheln; dasselbe ist in Rom geweiht und wurde mir von einem von dort kommenden Geistlichen geschenkt; aus religiösem Gefühle, oder, wenn man will, aus Aberglauben habe ich es getragen. Mein ganzes Wesen neigt sich eben dem religiösen Gebiete zu, es ist dies eben Sache des Gemüths.

Präsident: Ich mache Ihnen keinen Vorwurf aus Ihrer Religion, allein wahre Religiosi­tät trägt sich nicht so zur Schau.

Die Frage des Präsidenten, warum sie denn gegenüber den fortgesetzten Angrif­fen der Presse auf ihr Unternehmen, anstatt so große Summen auszugeben, nicht lieber Strafantrag wegen Ehrenkränkung gestellt habe – ferner, warum sie über die Veruntreuungen, die factisch in ihrem Hause vorgekommen, nie eine Anzeige bei Gericht gemacht habe, woraus man auf eine gewisse Scheu ihrerseits, vor die Oef­fentlichkeit zu treten, schließen müsse, beantwortete sie dahin, daß sie das freilich hätte thun sollen; allein sie habe den Skandal aus Schonung für ihre damals noch le­bende Mutter vermeiden wollen, »bestohlen haben sie mich alle«, sagte sie, »aber was half die Anzeige, wenn ich ihnen nichts beweisen konnte«.

Den Vorwurf, daß sie Tausende von Menschen um ihr Vermögen gebracht habe, will sie nicht gelten lassen; sie habe sich stets geweigert, große Summen zu neh­men, die höchste Einlage sei 1500 Fl. gewesen; übrigens habe sie ihre Zahlungen nicht eingestellt, sondern das Gericht, sie würde noch alle ihre Wechsel eingelöst haben.
Nach einem kurzen Rückblick auf die Jugendzeit der Adele Spitzeder, wobei auch ihr Verhältniß zu Emilie Branitzka berührt wurde, welches nach dem Inhalt der vor­liegenden Briefe, in denen die Branitzka von Adele Spitzeder mit »ma chére épou­se« begrüßt wird, durch eine ganz ungewöhnliche Wärme und Leidenschaft ausge­zeichnet war, schritt der Präsident zur Verlesung verschiedener schriftlicher und ge­druckter Ovationen, mitunter von sehr komischer Art, die der Adele Spitzeder zut­heil geworden waren. Unter diesm befand sich z. B. ein Gedicht des bereits oben erwähnten Redakteurs des »Münchener Extrablattes«, Namens Marchner, folgen­den Inhalts:

Du bist ein wahrer Engel,
So hold, so wahr, so süß,
Es ist als ob ein Gottesengel
So süß dich duften ließ.

Charakteristisch waren auch zwei Briefe eines katholischen Geistlichen aus der Nähe von Dachau, welcher seiner Begeisterung für Adele Spitzeder unter anderm in folgender Weise Luft machte: »Als vor einigen Tagen ein Ministerialerlaß publi­cirt wurde gegen die Dachauer Bank, kamen die ängstlichen Seelen alle zu mir und suchten Hülfe und Trost. Ich ließ eS nicht fehlen, den Leuten die Wahrheit zu sagen und sie aufzuklären über das schändliche Treiben der »Neuesten Nachrichten«. Ich sagte den Leuten: «Vertrauen Sie auf Gott, aber auch auf Fräulein Adele» u. s. w.« In einem zweiten Briefe ladet der Herr Pfarrer das Fräulein zu einem Besuche ein, auf den er und die Seinigen sich schon lange freuten; »aber«, schreibt er: »um Eins bitte ich Sie: bringen Sie ein Kistchen Damencigarren mit, denn damit könnte ich Ihnen nicht aufwarten.« Auch mehrere Briefe des katholischen Geistlichen Dr. R., seinerzeit Mitarbeiter und später Redacteur des »Volksboten«, wurden verlesen.

In einem derselben vom 16. August 1872 versichert Dr. R. auf Ehre und Gewissen, daß er ihr aufrichtigster Freund sei und nie im geringsten gegen sie oder ihr Unter­nehmen agitirt habe. Er sei bereit, in persönlicher Audienz ihr mündlich seine Erge­benheit zu versichern und ermahne sie dringend, sorgfältig zu prüfen, wer ihre wahren und ihre falschen Freunde seien. Nach Verlesung des Briefes erklärt Adele Spitzeder, daß Dr. R. von ihr mehrere Darlehne bekommen habe; im übrigen stellte sie in Abrede, mit Geistlichen viel Verkehr gehabt zu haben.

In Beziehung auf ihren Verkehr mit Juristen wurde ihr vorgehalten, daß sie für ihre Vertretung vor den Handelsgerichten in der Frage nämlich, ob sie als Kauffrau zu betrachten sei und sich ins Firmenregister eintragen lassen müsse, sehr große Sum­men verausgabt habe, so z. B. erhielt Advocat W., der sie vor dem Reichs-Oberhan­delsgericht in Leipzig vertrat, 1000 Fl. Honorar, obwol er ihr bereits 4000 Fl. auf Wechsel schuldete, ferner bezahlte sie, wie bereits oben erwähnt, dem Advocaten­concipienten Sch. für die Anfertigung einer Einspruchsschrift gegen die erste han­delsgerichtliche Verfügung, wodurch sie zur Firmenzeichnung unter Strafandro­hung aufgefordert worden war, die Summe von 2500 Fl. u. s. w. Außerdem hatte sie noch drei oder vier junge Juristen als sogenannte Rechtsconsulenten mit einem monatlichen Gehalt von 80-100 Fl. angestellt, welche übrigens auch noch überdies von Zeit zu Zeit namhafte Geschenke erhielten und bei ihr sehr häufig zu Mittag speisten.
Auf den Vorhalt, daß sie auch die Concurrenz anderer nach dem Vorbilde des ihri­gen entstandenen Geschäfte gescheut und sie zu Hintertreiben gesucht, indem sie insbesondere einer gewissen Pauline Dosch die Summe von 15000 Fl. habe anbie­ten lassen, wenn sie ihr Geschäft aufgebe, erklärt sie: daß dies nicht wahr sei.

Der Präsident ging nun speciell auf die von ihr gepflogene Buchführung über, aus welcher sich auch nicht entfernt der Stand ihrer Handelsgeschäfte und die Lage ihres Vermögens habe ersehen lassen, wobei er constatirt, daß merkwürdigerweise das von der Köchin geführte Küchenbuch das einzige richtig und vollständig ge­führte Buch sei. Adele Spitzeder gab hierauf auch zu, daß sie selbst nicht annä­hernd gewußt, wieviel sie Schulden habe. Allein – meinte sie – zu einer kaufmänni­schen Buchführung sei sie auch nicht verpflichtet gewesen, weil sie eben keine Kauffrau gewesen sei. Die Namen der Einleger seien ja in den Adreßbüchern ver­zeichnet gewesen; auch hätten viele Bücher für sie eher etwas Beängstigendes ge­habt. »Meine Wechsel« – schloß sie emphatisch – »waren meine Bücher.«

Auf die Frage des Präsidenten, ob sie den Geldauflegerinnen (es waren nämlich meistentheils Frauenspersonen, welche die Geldeinlagen in der Dachauer Bank ver­mittelten) eine bestimmte Provision gegeben habe, erklärte sie: sie hätte keine Provision, sondern nur ein Trinkgeld gegeben und zwar ganz nach ihrem Gutdün­ken.
Präsident: Wie ist es Ihnen denn überhaupt möglich gewesen, so hohe Zinsen, an­fangs 10 Proc., später 8 Proc. monatlich zu bezahlen? Sie werden doch nicht leug­nen wollen, daß dies nur dadurch möglich wurde, daß Sie von Anfang an sich vor­genommen hatten, die Zinsen immer aus den neueingelegten Kapitalien zu de­cken?
Spitzeder: Ich bestreite die Annahme, als ob ich die Zinsen nur von den eingeleg­ten Kapitalien bezahlen wollte; ob ich übrigens die Leute von diesem Gelde oder von meinen Zinsen bezahlte, das blieb sich gleich, wenn sie nur Geld bekamen.

Präsident: Haben Sie aus Ihrem Ausleihgeschäft Gewinn gezogen?

Spitzeder: Das Ausleihgeschäft war unbedeutend und habe ich solches nur kurze Zeit betrieben. Nachdem mich die Urtheile des Handelsgerichts und des Handels­appellgerichts als Kauffrau erklärt hatten, habe ich überhaupt keine Geldgeschäfte mehr gemacht. Selbst die Gelder, welche ich auf Namen anderer, wie der Betty Winter und des Georg Zeitler, ausgeliehen habe, betrachtete ich nicht als Ge­schäftsgelder, ich habe nicht aus Gewinnsucht, sondern nur aus Gefälligkeit gehan­delt, auf ihr Ansuchen habe ich diesen das Geld gegeben.

Rücksichtlich des ungewöhnlich großen Aufwandes, der bereits oben bei Darstel­lung des Ergebnisses der Voruntersuchung in kurzen Umrissen geschildert wurde, hob der Präsident unter anderm hervor: die enormen Ausgaben für Brillanten, das hohe Taschengeld für die Gesellschaftsdame Rosa Ehinger. Hierauf erwiderte die Angeklagte Spitzeder, daß sie für ihre Person nichts oder nur wenig verbraucht habe; sie habe allerdings Geschenke gemacht und viel an andere verschwendet aus purer Gutmüthigkeit und angeborener Freigebigkeit; ihren letzten Groschen sei sie bereit gewesen mit den Armen und Bedrängten zu theilen!

Zur Illustrirung der Summen, welche Adele Spitzeder für den Ankauf von Brillanten und Schmuckgegenständen verbrauchte, wurde den Geschworenen eine Chatoulle vorgelegt, deren glänzender Inhalt buchstäblich das Auge blendete: goldene Arm­reife mit Brillanten und Smaragden, Ohrringe, Broschen, eine goldene Dose mit Brillanten – ein von einem Notar zur Gantmasse freiwillig zurückgegebenes Ge­schenk der Adele Spitzeder – eine Unzahl von Ringen, mehrere Brillantkreuze, darunter eins im Werthe von 11000 Fl., verschiedene Damenuhren, vor allem aber das bekannte Kreuz mit goldener Kette, welchem Adele Spitzeder das Beiwort »berühmt« gab, fesselten die allgemeine Aufmerksamkeit.

Sodann wurde eine Anzahl von Rechnungen zu hohen Beträgen bekannt gegeben über bezogene Cigarren, à 9½ Kr., zu 1000 Fl., über Toilettegegenstände, Weine, Handschuhe (96 Fl.) und dergleichen, und geben einzelne dieser Rechnungen, auf welchen kurz nacheinander mehrere Schlafröcke verzeichnet waren, dem Präsiden­ten Veranlassung zu der Frage: »Sie sollen eine besondere Vorliebe für Schlafröcke gehabt haben?« worauf Adele Spitzeder mit einem Anflug von stolzem Selbstge­fühl erwiderte: »Meine Schlafröcke waren einfach, aber sehr theuer.«

Die bekannte »Villa Rosa« in Feldafing am Starnbergersee – erklärte sie – habe sie nicht nach dem Namen ihrer Gesellschafterin Rosa Ehinger, sondern nach der na­hen Roseninsel (Eigenthum Sr. Majestät des Königs von Baiern) getauft; sie habe das Anwesen mit 32000 Fl. erworben und sogleich wieder vortheilhaft vermiethet.
Bezüglich ihrer vom Ende des Jahres 1869 bis Ende Oktober 1872 übernommenen 64 Gevatterschaften gab sie auf Befragen an, daß sie als Pathengeschenk stets 5 Fl. gegeben und außerdem noch die nöthigen Tauf- und Kindbettkosten bestritten habe.

Daß sie bei ihren sonntäglichen Ausflügen großen Aufwand gemacht habe, stellte sie mit der Bemerkung in Abrede, daß eben die Wirthe, wenn sie gehört hätten, die Spitzeder sei da, viel größere Rechnungen geschrieben hätten.

Von den ihr zur Last gelegten Vermögensverschleppungen behauptete sie nicht das Geringste zu wissen; wenn von den vorhandenen Werthpapieren und Geld et­was beseitigt worden sei, so sei dies ohne ihr Wissen und Willen geschehen; nur dabei blieb sie stehen, daß sie den Pack Werthpapiere zu 50000 Fl., welchen die Rosa Ehinger durch den Kammerdiener Nebel zu ihrer Mutter Bertha Ehinger habe bringen lassen, der Rosa ungefähr vierzehn Tage vor der gerichtlichen Sperre ge­schenkt habe.
Am Schlusse des Verhörs angelangt, resumirte der Präsident nun noch einmal kurz die ganze Anklage und hielt ihr vor, daß alles zu dem Schlusse berechtige, sie habe von Anfang an die Absicht gehabt, ihre Gläubiger zu benachtheiligen.

Darauf erwiderte sie nochmals, daß sie niemand habe betrügen und benachtheili­gen wollen; sie sei stets eine Beschützerin der Armen, eine Wohlthäterin der Noth­leidenden gewesen; sie habe sich niemals als Kauffrau betrachtet und könne dies auch nicht sein, denn »wie könne man denn einen Mann für einen Schuster er­klären, der keinen Schuh machen kann« (hier unterbrach sie der Präsident mit den Worten: »Dann hätten Sie eben auch nicht schustern sollen!«). Sie habe auch nie­mand anzulocken versucht, sondern man habe ihr das Geld aufgedrängt, die Leute hätten ihr sogar auf ihre Weigerung, das Geld zu nehmen, erklärt: »Wir wollen gar keine Wechsel, wir geben Ihnen das Geld so!« Sie habe selbst nicht beabsichtigt, so ausgebreitete Verbindungen einzugehen, es sei ihr überraschend gewesen, einen solchen Eindruck auf daa Volk zu machen, allein: »es war« – dies sind ihre eigenen Worte – »ein Märchen, es war wie Tausendundeine Nacht!« Sie gebe die Versiche­rung, daß ihrer Seele nichts mehr leidthue, als wenn jemand etwas an ihr verliere!

Der Eindruck, den diese Schlußentgegnung der Angeklagten machte, war nicht ohne theatralischen Beigeschmack. Sie sprach mit großer Emphase und in bestän­dig sich steigerndem Affect, bis sie, wie plötzlich unter der Last des Schmerzes und der Aufregung erliegend, auf einmal abbrach und lautlos in ihren Stuhl zurücksank, von welchem sie sich gegen den Schluß ihrer Rede wie unwillkürlich und in schein­bar leidenschaftlicher Erregung erhoben hatte.

Wer die außerordentliche Ruhe und Sicherheit in dem bisherigen Auftreten der An­geklagten, ihre zuweilen geradezu bewundernswerthe Geistesgegenwart, die sie in ihren Antworten an den Tag legte, beobachtet hatte, der konnte sich mit diesem plötzlichen Ausbruch aufflackernder Leidenschaft nicht ganz zurechtfinden, son­dern mußte wol auf den Verdacht gerathen, daß man es hier am Ende weniger mit einem Ausdruck wahren Gefühls als mit einem wohlberechneten Coulisseneffect zu thun habe.

An und für sich hätte es allerdings nicht wundernehmen dürfen, wenn auf die unge­heuere körperliche und geistige Anspannung eines fast anderthalb Tage andauern­den Verhörs plötzlich eine Erschlaffung der Kräfte eingetreten wäre; allein Adele Spitzeder hatte eben gerade während dieses Verhörs bewiesen, daß ihr Kraft und Ruhe des Geistes sowie die Fähigkeit der Selbstbeherrschung in ungewöhnlichem Maße zu Gebote standen.

Der Präsident begann nun das Verhör der Rosa Ehinger mit der Eruirung der Art und Weise, wie sie mit der Spitzeder bekannt wurde. Sie sei – gab die Angeklagte vor – mit ihr durch ihre Aeltern, die im Hause der Spitzeder zur Miethe wohnten, bekannt geworden und sodann, nachdem ihr Verkehr ein sehr freundschaftlicher geworden, von ihr bewogen worden, als Gesellschaftsdame bei ihr einzutreten; sie habe zuerst ein eigenes Zimmer bewohnt, habe aber dann später mit der Spitzeder in Einem Zimmer geschlafen, weil sich letztere gefürchtet habe. Auf den Vorhalt des Präsidenten, daß nach Aussage mehrerer Leute aus der Umgebung der Spitze­der zwischen ihnen häufig auffallende Zärtlichkeiten ausgetauscht worden sein soll­ten, entgegnete sie: daß sie hiervon nichts wisse. Sie gab dann zu – wie dies auch schon in der Voruntersuchung von ihr geschah – daß sie einen monatlichen Gehalt von 500 Fl. bezogen habe und daß es eigentlich ihre Aufgabe gewesen sei, das Haus zu überwachen, was ihr übrigens von seiten der Bediensteten Gehässigkeiten zugezogen habe. Sie räumte ferner ein, daß sie von ihrer Freundin Spitzeder außer­dem noch viele kostbare Pretiosen und prächtige Kleider bis zu 100 Fl. im Werthe geschenkt erhalten habe (diese Pretiosen, bestehend in Uhren, Ketten, Ohrgehän­gen, Broschen, Medaillons, Ringen, alles in Gold und mit Edelsteinen besetzt, das erwähnte kostbare Hemdknöpfchen u. s. w., von den Sachverständigen im ganzen auf 7 —8000 Fl. geschätzt, wurden den Geschworenen vorgezeigt). Bezüglich der von ihr durch den Kammerdiener Nebel zu ihrer Mutter am Abend nach erfolgter Sperre geschickten 50000 Fl. in Werthpapieren hielt sie in Uebereinstimmung mit der Spitzeder die Behauptung, daß ihr solche von der letztern geschenkt worden seien, aufrecht. Es sei diese Schenkung etwa vierzehn Tage vor der Sperre erfolgt. Anlaß hierzu seien die Verunglimpfungen ihrer, der Rosa Ehinger, Person in der Presse gewesen und weil sie ihren Beruf als Schauspielerin aufgegeben habe.
Auf die Bemerkung des Präsidenten, daß unter den verschleppten Obligationen auch solche gewesen seien, welche am Tage vorher erst eingelegt worden waren, und daß sie dieselben daher unmöglich vierzehn Tage vorher zum Geschenk erhal­ten haben könne, bemerkt die Angeklagte, dies nicht aufklären zu können, ebenso wenig wie den Umstand, daß unter den Obligationen auch solche gewesen seien, welche aus dem Depot der Speyer erst nach dem 8. November in die Wohnung der Spitzeder gebracht worden seien.

Der Präsident hielt ihr hierauf vor: daß sie nach der Sperre ohne Wissen der Spitze­der Werthsachen durch die Anna Jordan zu ihrer Mutter habe schaffen lassen.
Rosa Ehinger erklärte, sich daran nicht mehr zu erinnern; ebenso wenig wisse sie etwas von einem Säckchen Geld und 28 Frauenthalern, welche sie zu ihrer Mutter geschafft habm solle. Gegen den Vorwurf der Habsucht legte sie Verwahrung ein.

Es folgte sodann das Verhör mit dem Angeklagten Jakob Nebel. Derselbe räumte ein, ein Packet mit 50000 Fl., welches er aus dem Verschlage im Schlafzimmer her­ausgenommen hatte, um es der Gerichtscommission zu geben, beiseitegelegt und später auf Befehl von Adele Spitzeder zur Mutter der Ehinger getragen zu haben; und ferner der Rosa Ehinger beim Verstecken von Obligationen im Pianino behülf­lich gewesen zu sein, dieselben sodann in seinem Bette verborgen und zusammen mit Obligationen, welche ihm von der Pregler übergeben worden seien, ebenfalls zu Frau Ehinger geschafft zu haben.

Auf Vorhalten gestand Angeklagter Nebel weiter ein, eine Obligation zu 100 Fl. für sich behalten und auf Anweisung der Spitzeder ihr den Sack mit den 4000 Fl. in Frau­en­thalern zugetragen zu haben, welche sie dann an ihre Bediensteten ver­theilte.

Die Angeklagte Maria Pregler bekannte sich schuldig, von den Obligationen, die sie von der Rosa Ehinger erhielt, um dieselben zu verbergen, mehrere nicht wieder zurückgegeben zu haben. Allein Rosa Ehinger habe zu ihr gesagt: sie dürfe einige von den Obligationen behalten, und so habe sie etwa 15-16 Stück an sich genom­men.
Der Angeklagte Georg Pregler führte zu seiner Entschuldigung an, daß seine Frau ihm gesagt hätte, sie habe die Obligationen von Rosa Ehinger geschenkt erhalten, und das habe er geglaubt.

Am 15. Juli nachmittags begann das Zeugenverhör. Im ganzen spiegelte sich das Bild, welches die Anklageschrift auf Grund der Ergebnisse der Voruntersuchung entworfen hatte, auf das genaueste in den Aussagen der vernommenen Zeugen wi­der. Es wird daher genügen, wenn wir Folgendes hervorheben.

Den Reigen eröffnen zwei Zeugen, welche die Adele Spitzeder von ihrer frühesten Jugend an kannten. Es waren dies die beiden Hof-Solotänzerinnen Jeannette Ballo­gh und Angela Maier. Beide trafen in ihrem Urtheile dahin zusammen, daß Adele Spitzeder ein begabtes und in hohem Grade gutmüthiges Kind gewesen sei; doch habe sie sich nie besonders wahrheitsliebend gezeigt und sich mit ihrer Mutter bald überworfen, welche sie später Schulden halber auch einmal in den münchener »Neuesten Nachrichten« habe ausschreiben lassen. Es waren die Dispositionen die­ser beiden Zeuginnen insofern interessant, als aus ihnen hervorging, daß der ei­gentliche Grundton des Charakters der Adele Spitzeder – schrankenloser Leichtsinn – sich schon frühzeitig entwickelt hatte.

Der Geschäftsbetrieb der Tochter machte nach der Aussage der beiden Zeuginnen der Mutter viel Kummer und Sorge, weil sie ihn für keinen ehrlichen hielt. Sie be­suchte die Tochter öfter in ihrem Hause, erhielt aber von dieser immer auf ihre be­sorg­te Frage, ob denn das Geschäft auch solid sei, eine bejahende Antwort.

Zeuge Langguth, welcher im Jahre 1869 Portier im Deutschen Hause war, wieder­holte seine bereits oben angeführte, in der Voruntersuchung gemachte Angabe, wonach ihm die Spitzeder einmal vorjammerte, daß sie auf dem Theater wenig Glück gehabt hätte, hierbei aber die Hoffnung aussprach, sie werde noch einmal »groß dastehen und eine Rolle in der Welt spielen«. Der Zeuge bemerkte ferner, daß Adele Spitzeder im Hotel äußerst bescheiden gelebt habe und daß ihre einzi­ge Leidenschaft das Cigarrenrauchen gewesen sei.

Die Zeuginnen Anna Beer, Anna Riedmaier und Anna Huber von der Au (Vorstadt von München) hatten als Auflegerinnen bei der Bank figurirt, d. h. sie hatten für an­dere Leute das Geld zur Bank gebracht. Ihre Aussagen waren deshalb von beson­derm Interesse, weil sie einen klaren Blick in die ersten Anfänge des Spitze­der’schen Geschäftes gewährten. Alle drei kannten die Spitzeder schon seit dem Jahre 1869.

Anna Riedmaier, welche ihr regelmäßig ihren Holzbedarf lieferte, lieh ihr in ver­schiedenen Jahren 15 Fl., wofür die Spitzeder 3 Fl. Zinsen monatlich bezahlte. Spä­ter lieh sie ihr noch weitere 27 Fl. und erhielt hierfür 5 Fl. Zins per Monat. Als die Spitzeder vom Goldenen Stern wieder ins Deutsche Haus zog, brachte ihr die Ried­maier noch einmal 50 Fl. zu 10 Fl. Zins monatlich, sodaß also diese 50 Fl. in einem Jahre 120 Fl. Zinsen trugen. Auch bot sich die Spitzeder damals der Riedmaier für ihr zu erwartendes Kind als Taufpathe an, was natürlich dankbarst angenommen wurde.

Die Anna Huber gab der Adele Spitzeder zuerst 50 Fl. gegen einen Wechsel; 10 Fl. Zins wurden vorausbezahlt. Diese 50 Fl. blieben zwei Jahre lang stehen und haben demnach ungefähr 240 Fl. Zins getragen. Darauf wurde sie »Auflegerin«, d. h. Zu­bringerin fremden Geldes, wofür sie von 100 Fl. außer 10 Proc. Zinsen für die Einle­ger, welche für drei Monate vorausbezahlt wurden, auch noch ein Trinkgeld für die­se und eins für sich selbst erhielt. Sie war es auch, die mit mehrern andern soge­nannten »Zubringerinnen« auf Anregung des Franz Silchinger, damaligen Kammer­dieners der Spitzeder, der letztern bei ihrer Uebersiedelung vom »Deutschen Haus« in ihr eigenes Haus in der Schönfeldstraße in München einen silbernen Lor­berkranz darbrachte.

Zeuge Jos. Wagner, früher Packträger und als solcher im Jahre 1869 ausschließlich im Dienste der Spitzeder, welche damals im Gasthofe »Zum goldenen Stern« wohn­te, verwendet, wurde später gleichfalls Aufleger bei der Spitzeder-Bank und »verdiente« sich hierdurch die Summe von 3000 Fl. Aus seiner Aussage sowie aus den Depositionen noch einiger anderer zur Kategorie der »Zubringer« und »Zubrin­gerinnen« gehöriger Zeugen ging hervor, daß sich solche Zubringer oder Aufleger mit Leichtigkeit oft per Tag 40-50 Fl. verdienten.

Die Mittel, welche die Angeklagte Adele Spitzeder gebrauchte, um ihrem Bankge­schäfte Kapitalien in ununterbrochener Folge und in stets wachsenden Summen zu­zu­führen, bestanden allerdings in der Regel nicht in mündlichen Anpreisungen, glän­zenden Versprechungen und dergleichen – in diesem Sinne hatte sie am Ende recht, wenn sie während ihres Verhörs mehreremals hervorhob: sie hätte die Leute niemals »angelockt, es sei ihr das Geld förmlich aufgedrängt worden«; allein die wirksamsten Lockungen waren eben die ungeheuern Zinsen, jene Trinkgelder, die sie in so freigebiger Weise noch außer den Zinsen an die Einleger und Zubringer bezahlte. Die Gewinnsucht der Menge, die sie hierdurch rege erhielt und immer wieder von neuem anfachte, war ihre einzige, aber auch vollkommen ausreichende Bundesgenossin!
Wie demoralisirend zugleich dieses Getriebe der Spitzeder insbesondere auf die untern Volksklassen wirkte, dies konnte man an den erwähnten Zeugen beobach­ten, welche trotz alles Vorangegangenen aus ihren Sympathien für die Spitzeder gar kein Hehl machten. Zeuge Wagner entblödete sich sogar nicht, auf die Frage des Staatsanwalts: »Ihnen wäre es wol lieb, wenn dieser heillose Schwindel bald wieder anginge?« zu antworten: »Von mir aus geht’s schon morgen wieder an.«

Einigermaßen gespannt war man auf das Zeugniß der folgenden Zeugin Emilie Bra­nitzka, welche das Gerächt, ebenso wie später die Rosa Ehinger, in gewisse myste­riöse sinnliche Beziehungen zu Adele Spitzeder gebracht hatte. Dieselbe gab an, daß sie vor zwölf Jahren mit Adele Spitzeder bekannt geworden sei und daß sich ihr Verhältniß bald zu einem sehr intimen gestaltet habe. Dagegen wurde von der Zeugin der leidenschaftliche Ausdruck ihrer gegenseitigen Neigung, wie er sich in ihrer französisch geführten Correspondenz kundgab, nur als eine poetische Spiele­rei erklärt. Daß sie von der Spitzeder höchst werthvolle Geschenke erhalten habe, als Broschen, goldene Kreuze mit Diamanten besetzt, ein Pianino und dergleichen, stellte sie nicht in Abrede.

Von den Aussagen der ehemaligen Spitzeder’schen Bediensteten, welche in großer Anzahl vernommen wurden und von denen der Geschäftsbetrieb der Dachauer Bank in der bereits beschriebenen Weise übereinstimmend geschildert wurde, ver­dient nur diejenige des Literaten und ehemaligen Buchhalters der Spitzeder, Max Fuchs, noch besonders hervorgehoben zu werden. Es war dies jener Zeuge, welcher angab, daß er schon bald nach seinem Eintritte in das Geschäft sich dar­über klar geworden sei, daß dasselbe nicht auf reeller Grundlage beruhe und daß, wenn die Einnahmen noch so stark fließen würden, dasselbe höchstens noch bis Mitte 1873 bestehen könne, dann aber unfehlbar zusammenbrechen müsse. Zeuge behauptete auch, daß er eine geordnete Buchführung habe einführen wollen, von der Spitzeder aber daran gehindert worden sei. Im Anschlusse an diese Zeugenaus­sage wurde auch der Inhalt des schriftlichen Vertrages bekannt gegeben, welchen die Spitzader mit dem Zeugen bei seinem Eintritte in das Geschäft abgeschlossen hatte. Hiernach hatte letzterer gegen einen monatlichen Gehalt von 100 Fl. die Aufsicht über das Personal zu führen und insbesondere auch dem Geschäfte seine literarische Thätigkeit zu widmen, wofür ihm übrigens noch besonderes Honorar zugesichert war.

Durch den Inhalt dieses Vertrages wurde demnach die Behauptung der Spitzeder, daß sie die für ihr Geschäft in den Zeitungen erschienenen zahlreichen Artikel nicht veranlaßt und vor ihrem Erscheinen keine Kenntniß von denselben gehabt habe, schlagend widerlegt.

Interessant war auch, was einzelne Zeugen über die Art und Weise, wie die Spitze­der mit den Leuten, die Geld bei ihr einlegen wollten, zuweilen umzugehen pfleg­te, mittheilten. Wenn nämlich gegen den Schluß der Geschäftsstunden noch viele Leute da waren, die ihr Geld einzulegen beabsichtigten und ob des langen Harrens ungeduldig wurden, so bediente sie dieselben oft mit den gröblichsten Ausdrü­cken. »Ich pfeife auf Euer Geld, tragt’s zu den Juden, die geben Euch größere Si­cherheit, ich gebe Euch blos einen Wechsel.« Nicht selten fertigte sie die Leute in noch drastischerer Weise mit Redensarten ab, die sich nicht gut wiedergeben las­sen. Bei dem bäuerlichen Landvolk, aus welchem insbesondere in der letztern Zeit vorzugsweise das Publikum der Spitzeder-Bank bestand, war natürlich die Schroff­heit dieses Benehmens vollkommen geeignet, das Vertrauen in die Uneigennützig­keit der Bankinhaberin, welche ohnehin von ihren Agenten allerorten gepriesen wurde, nur noch mehr zu befestigen, und die Folge solcher Ansprachen von seiten der Spitzeder war auch immer die, daß die Leute schnell in einen andern Ton über­gingen und sie flehentlich und in den unterwürfigsten Ausdrücken baten, sie möge sich doch ihrer erbarmen und ihr Geld annehmen!

Ueber die Beziehungen der Angeklagten Spitzeder zur Presse wurden gleichfalls eine größere Anzahl von Zeugen vernommen. Aus den Aussagen derselben ergab sich dasjenige, was der Präsident bereits zum Gegenstände eines längern und ein­gehenden Vorhalts bei dem Verhöre der Spitzeder gemacht hatte. Die Reihe dieser Zeugenaussagen begann mit der des nicht erschienenen Zeugen Ferdinand Frän­kel, welche verlesen wurde. Er kannte Adele Spitzeder seit vielen Jahren und stand mit ihr auf kameradschaftlichem Fuße. Sie ließ bei ihm verschiedene Druckarbeiten fertigen und zahlte ein mehrjähriges Abonnement auf die von ihm herausgegebene »Stadtfraubas« im voraus. In Wien war Zeuge für das von ihr projectirte Theater thätig. Er will ihr wiederholt gute Rathschläge in Bezug auf ihr Geschäft gegeben, jedoch taube Ohren gefunden haben, indem sie beständig von geheimnißvollen Unterstützungen gesprochen, die den Fall ihres Geschäftes unmöglich machten. Ein Gedicht, welches mit dem Verse beginnt:

Du hast Diamanten und Perlen,
Von Schmeichlern und Freunden ein Heer,
Ein neues Röschen zu pflücken,
Adele, was willst du noch mehr

scheint das freundschaftliche Verhältniß zwischen ihm und Adele gestört zu haben, wenigstens machte die Angeklagte ihrer Abneigung gegen den Zeugen dadurch Luft, daß sie denselben für den größten Schmarotzer, Heuchler und Bettler erklär­te.

Eine merkwürdige Rolle gegenüber der Spitzeder spielte der Zeuge Julius March­ner, Verleger der »Münchener Volkszeitung«. Er bestätigte, daß ihm die Spitzeder das Miteigenthumsrecht am »Extrablatt« um 3000 Fl. abkaufte und ihm nebenbei als Herausgeber ein monatliches Salair von 100 Fl. bestimmte. Das Wohlgefallen der Spitzeder – gibt Zeuge an – habe er dadurch auf sich gezogen, daß er einen aus dem »Volksboten« und »Vaterland« zusammengestellten Artikel: »Die Geheimnisse der Dachauer Bank«, einen »Schmarren«, wie er ihn selbst nennt, veröffentlicht habe. Der Präsident verlas sodann zwei Briefe des Zeugen an die Spitzeder; in dem einen schreibt er: »Ich würde mich gern dazu erbieten, Ihnen täglich die Schuhe zu putzen, wenn ich Ihnen damit einen Dienst erweisen könnte.« In dem andern be­zeichnet sich Marchner selbst als ihr »geheimer Spitzl«.

Zeuge August Vecchioni, Redacteur der »Neuesten Nachrichten«, bestätigte, daß durch eine gewisse Weigenthaler der Versuch gemacht worden sei, ihn zu beste­chen. Die Weigenthaler habe sofort 2000 Fl. baar auf den Tisch legen wollen und jede Summe versprochen, wenn die Angriffe in dem Blatte aufhören würden.

Auch sei Zeuge durch eine Mittelsperson der Spitzeder einmal gefragt worden, ob die »Neuesten Nachrichten« nicht um die Summe von 100000 Fl. zu kaufen wären.
Johann Bölster, Buchdrucker und Eigenthümer des »Bayerischen Landboten«, de­ponirte, daß vor anderthalb Jahren ein Bekannter zu ihm kam mit der Frage, ob er den »Bayerischen Landboten« nicht verkaufen wolle; da Zeuge auf das Offert ein­ging unter der Bedingung, daß die liberale Richtung beibehalten bleibe, wurde ihm mitgetheilt, daß Schriftsteller Jochner sein Nachfolger werden solle. Zeuge erfuhr jedoch bald darauf, daß Jochner im Hause der Adele Spitzeder sehr häufig verkeh­re, und infolge dessen wurden die Verhandlungen rasch wieder abgebrochen.

Die Angeklagte Adele Spitzeder bemerkte hierauf, daß sie in der That beabsichtigt habe, verschiedene Zeitungen anzukaufen, um ein »allgemeines Zeitungsinstitut« zu gründen.

Bezeichnend für die merkwürdige Scheu der Adele Spitzeder vor der Oeffentlich­keit des Gerichtssaales war die durch mehrere Zeugenaussagen constatirte Thatsa­che, daß sie dem Buchhändler Stöckart in Stuttgart für das Manuscript eines gegen sie gerichteten Romans – eines elenden Machwerkes, dessen erster Theil von ihrem Vorleben, der zweite Theil von der Dachauer Bank handelte – die Summe von 6000 Fl. bezahlte, obwol der Inhalt derartig augenscheinliche Verleumdungen enthielt, daß eine Klagestellung unbedingt hätte von Erfolg begleitet sein müssen; ebenso wurde durch einen Zeugen festgestellt, daß sie dem Literaten Alfred Jochner für einen Roman, den derselbe über ihr Geschäft geschrieben, sowie dafür, daß dersel­be von einer Ehrenkränkungsklage gegen sie abstand, mit welcher er ihr angeblich aus Anlaß einer ihm ihrerseits zugefügten Beleidigung gedroht hatte, 4000 Fl. gab.

Pauline Dosch, Hutmachersfrau, gleichfalls in Untersuchung wegen betrügerischen Bankrotts, deponirte als Zeugin, daß ihr erst 10000 Fl., später 15000 Fl. von Adele Spitzeder geboten worden seien, wenn sie ihr Geschäft (sie hatte nämlich als Dach­auer-Bankinhaberin am 19. August 1872 ein Concurrenzgeschäft eröffnet) aufgebe, worauf sie jedoch nicht eingegangen sei.

Von den als Zeugen vernommenen Juristen (Advocaten, Advocatenconcipienten und Rechtspraktikanten) war es insbesondere Dr. Karl Barth, Advocat aus Augs­burg, dessen Deposition ins Gewicht fiel. Derselbe stand in anwaltschaftlichem Ver­kehre mit der Spitzeder; zuerst wurde sein Rath eingeholt, als die Spitzeder die Nichtigkeitsbeschwerde betreffend die Eintragung ihres Namens ins Firmenregis­ter erhob, später sollte er zur Ordnung ihrer Angelegenheiten überhaupt mitwir­ken, in Gemeinschaft mit zwei andern Anwälten. Sämmtliche Anwälte einigten sich gelegentlich einer Consultation, welche wenige Tage vor der Sperre des Geschäfts stattfand, dahin: es sei das Beste, die Eintragung ihres Namms (Firma) in das Han­delsregister zu beschleunigen, wozu sich jedoch die Spitzeder auch da noch nicht verstehen wollte, obwol inzwischen die Nichtigkeitsbeschwerde vom Reichs-Ober­handelsgericht abgewiesen worden war, also hiermit rechtskräftig feststand, daß die Spitzeder als Handelsfrau zu betrachten war.

Betreffend den vom Zeugen verfaßten und im »Münchener Tageblatt«, dem Organ der Spitzeder, erschienenen Artikel, in welchem das Spitzeder-Geschäft gegenüber den amtlichen Warnungen der Regierung in Schutz genommen wurde, erklärte Zeuge, daß er diesen Aufsatz allerdings auf Aufforderung der Spitzeder, jedoch nur theilweise, gefertigt habe; er habe hierin lediglich die juristische Seite der Sache ins Auge gefaßt, während er die Besprechung der rein geschäftlichen Seite den Spitze­der’schen Bediensteten anheimgegeben habe. Er selbst habe nie einen Einblick in das Geschäftsgebaren der Spitzeder gehabt.

Ferner ist als Beleg für die außerordentliche Freigebigkeit der Adele Spitzeder ge­gen ihre juristischen Rathgeber die Aussage des Rechtsconcipienten Ludwig Kolb erwähnenswerth. Derselbe stand ebenfalls in geschäftlichen Beziehungen zur Spit­zeder, brach jedoch später diese Verbindung wieder ab infolge der fortgesetzten Angriffe der Presse gegen seine Person. Während seines viermonatlichen Dienst­verhältnisses bei der Spitzeder erhielt derselbe von ihr an Honorar und Geschen­ken nicht weniger als die Summe von 3000 Fl.

Es folgten nun noch eine Anzahl von Zeugen, welche über die Verschwendung der Spitzeder aussagten.

Zunächst deponirte eine gewisse Rottheim, daß sie für die Spitzeder den Ankauf von Kleidern, Schmucksachen, Spieluhren, Pianinos u. s. w. vermittelt habe und daß ihr hierfür dieselbe innerhalb Jahresfrist die Summe von 50000 Fl. schuldig gewor­den sei; unter den Schmucksachen befand sich auch das erwähnte Brillantkreuz von 11000 Fl.; unter den Kleidern nicht weniger als zwölf Schlafröcke im Werthe von je 30-40 Fl.

Weinhändler Smith gab an, daß er an die Spitzeder im Verlaufe eines Jahres für 11000 Fl. Wein, in- und ausländische Sorten, durch Vermittelung des herzoglichen Kellermeisters Stock geliefert habe.

Die Köchin Brauneis bemerkte, daß Adele Spitzeder für ihre Person einfach lebte; die Dienerschaft dagegen sei mit Speise und Trank reichlich versehen worden. Die Küchenrechnung habe sich täglich auf 15-20 Fl. belaufen. Im Küchenbuche, dessen Inhalt theilweise vom Präsidenten bekannt gegeben wurde, figurirt in erster Reihe das Wildpret, unter dem Geflügel Kapaunen und Indian, unter den Fischen Forellen u. s. w. Außerdem noch Caviar, Trüffeln, Gänseleber und andere Delikatessen.

Ueber ihre sonntäglichen Ausflüge wurde durch eine Anzahl von Zeugen erhoben, daß solche, wie sie auch selbst zugab, regelmäßig in zwei eigenen Equipagen und in Gesellschaft von acht bis zehn Personen gemacht wurden, wobei sie regelmäßig alles bezahlte. So machte sie im Sommer 1872 mehrere solche Partien nach Kreuth, Miesbach, Schliersee, Birkenstein, Tegernsee, und belief sich hierbei nur für einen einzigen Tag die Zeche in Miesbach auf 70 Fl., in Tegernsee auf 190 Fl. (hierunter 15 Fl. für Musik). Im September 1872 erschien sie an einem Sonntag mit Gesell­schaft in Aibling und machte von dort einen Ausflug nach Schönau, woselbst sie ein Diner, bestehend aus 16 Couverts mit 8-9 Platten, bestellte und hierfür 208 Fl. Ze­che bezahlte. Die Kellnerin erhielt bei dieser Gelegenheit von ihr ein Trinkgeld von 10 Fl. Die Bedienten und Kutscher zechten mit den anwesenden Bauern die ganze Nacht hindurch.

Ein Zeuge (Gensdarm Reindl) schildert die Ergebnisse eines Ausflugs der Spitzeder nach Fürstenfeldbruck, wo sie auf der Post im obern Local, im sogenannten schö­nen Zimmer, für 80 Fl. 30 Kr. zechte. Die Dienerschaft soll das meiste hiervon ver­zehrt haben; die bei dieser Gelegenheit aufspielende Musik erhielt 10 Fl., von den Hausbediensteten jeder 5 Fl. Trinkgeld.

Der Wirth Lauterbacher zu Ebenhausen berichtet von einem zweimaligen Ausfluge der Spitzeder mit Gesellschaft, wo sie im Garten immer ein treffliches Mahl zu sich nahm. Die Zeche belief sich auf je 36-60 Fl.; anwesende Bauern, die sie hoch leben ließen, wurden mit 1-2 Eimern Bier regalirt. Aehnliches bekundet der Gastwirth Rie­del zu Sauerlach, bei welchem sie ungefähr viermal mit Gesellschaft Einkehr nahm und einmal die ihr Ovationen darbringenden Bauern mit 2 Eimern Bier bewirthete.

Gensdarm Fischer von Dachau gab an, daß die Spitzeder im Sommer 1872 mit Ge­folge 15-20 mal in zwei Equipagen nach Dachau gekommen sei, wobei die Zeche gewöhnlich 25-40 Fl. ausgemacht habe; auch seien bei diesen Gelegenheiten Haus­knecht und Kellnerinnen immer sehr reichlich mit Trinkgeldern bedacht worden.

Auch die nicht uninteressante Thatsache wurde durch die Aussage eines Zeugen erhoben, daß die Spitzeder für die Cur eines Lieblingspferdes die Summe von 800-1000 Fl. ausgab, indem sie dem Pferde einen eigenen Wärter hielt und drei bis vier Thierärzte zur Behandlung zuzog.

Zeuge Kaufmann Primavesi gab an, daß sie bei einem Ausfluge nach Bad Kreuth mit ihrer aus acht Personen bestehenden Gesellschaft sein dort befindliches Galan­teriewaarenlager besucht und für ihre Begleiter, die sie aufgefordert: sich herauszu­suchen, was ihnen beliebe, die Summe von 138 Fl. bezahlt und das gleiche Manö­ver an demselben Tage auch noch in einem andern Laden aufgeführt habe.

Es ist übrigens klar, daß solche sonntäglichen Ausflüge mit »Gefolge« nicht aus­schließlich zum Vergnügen unternommen wurden. Die Spitzeder verfolgte hierbei offenbar noch den Zweck, vor den Augen des leichtgläubigen Landvolkes den gan­zen Glanz ihres Reichthums zu entfalten, um so den Glauben zu verbreiten und zu befestigen, daß ihre Mittel unerschöpflich seien und die Dachauer Bank auf uner­schütterlicher Grundlage stehe.

Wie hoch der Ankauf ihrer Gemälde zu stehen kam, konnte auch nicht in der öf­fentlichen Verhandlung ermittelt werden; es ergab sich nur so viel, daß sie nicht mehr als zwei oder drei werthvolle Bilder besaß, alle übrigen waren in Beziehung auf ihren Kunstwerth sehr gering anzuschlagen.

Am Samstag den 19. Juli vormittags 9½ Uhr begann das Plaidoyer des Staatsan­walts. Derselbe hielt in einem mehr als dreistündigen Vortrage die Anklage gegen die fünf Angeklagten aufrecht und forderte die Geschworenen auf, sämmtliche Schuldfragen zu bejahen.

Als der Staatsanwalt seine Rede begann, saß die Angeklagte Spitzeder noch mit derselben lächelnden Ruhe, mit derselben angenommenen Gleichgültigkeit da, welche sie mit wenigen Unterbrechungen während der ganzen Dauer der Verhand­lung beobachtet hatte. Allein bald trat an die Stelle der Ruhe eine sichtliche Aufre­gung, welche sich immer höher steigerte, als der Staatsanwalt im Verlaufe seiner Rede in lebendigen Zügen die Verwerflichkeit ihres schwindelhaften Treibens schil­derte, als er den widerlichen Cynismus der von ihr entwickelten Moral, die scham­lose Frivolität, mit der sie ungeachtet ihrer unsinnigen Verschwendung, ungeachtet der von ihr herbeigeführten ungeheuern Verluste, sich beständig als eine Wohlthä­terin der Armen, als eine Beschützerin der Noth hingestellt hatte, mit beißender Satire geiselte.
Als der Staatsanwalt auf ihre Brillanten zu sprechen kam und diese mit den Schweiß­tropfen des Volkes verglich, welche in ihrer gefühllosen Hand zu kalten fun­kelnden Steinen geworden wären, mit denen sich ihre Eitelkeit vor dem Spiegel behangen, wahrscheinlich um sich in der Glorie einer »Volkswohlthäterin« darin zu erblicken, sprengte der nur mit Mühe niedergehaltene Zorn alle Bande der Selbst­beherrschung – die Angeklagte brach in einen gewaltigen Thränenstrom aus.

Das Hauptgewicht der Anklagebegründung gegen sämmtliche Angeklagte concen­trirte sich übrigens in der Beantwortung der drei Fragen: ob die Angeklagte Adele Spitzeder als Kauffrau zu betrachten sei, ob sie ihre Zahlungen eingestellt habe und ob nach dem Ergebniß der öffentlichen Verhandlung ausreichende Gründe zur An­nahme gegeben seien, daß sie in der Absicht gehandelt habe, ihre Gläubiger zu benachtheiligen, und gelangte der königliche Staatsanwalt in wohlbegründeter Ausführung zur Bejahung dieser drei Fragen.

Die Vertheidigung der Angeklagten Adele Spitzeder suchte im Gegensatz zu den Ausführungen der Anklage nachzuweisen, daß gerade diese drei Fragen verneint werden müßten und daß demnach die Voraussetzungen zum Thatbestande des in Frage stehenden Verbrechens des betrügerischen Bankrotts nicht vorhanden seien. Die Spitzeder habe allerdings – so führte die Vertheidigung aus – schon im Herbste 1871 ihr Geschäft beim Rentamte als Bank- und Wechselgeschäft angezeigt, allein laut Entscheidung vom 15. December 1871 habe das Handelsgericht erklärt: daß sie keine Kauffrau sei, und zwar unter Anführung von Gründen, welche die Absicht deutlich hätten durchschimmern lassen, der Adele Spitzeder die Ehre und Rechte eines Kaufmanns nicht zu gewähren; man habe eben das Spitzeder-Unternehmen als ein einfaches Schmusgeschäft betrachtet, wie es deren in München eine Unzahl gebe; drei Monate später freilich sei das Handelsgericht anderer Ansicht geworden und zwar: weil sie mit fremdem Geld operire. Aus dem Umstande, daß die Spitze­der Darlehne angenommen habe, könne jedoch unmöglich der Begriff eines Han­delsgeschäftes abgeleitet werden. Wenn sie wirklich Gelder ausgeliehen habe, so seien dies mehr Acte des Mitleids als Acte einer geschäftsmäßigen Berechnung ge­wesen. Es könne hier nur von einer unverantwortlichen Geldwirthschaft, nie aber von einem auf geschäftsmäßigen Gewinn berechneten kaufmännischen Gebaren die Rede sein. Die Ausübung ähnlicher Handlungen berechtige so wenig zum Prädi­cat »Kaufmann«, als er (Vertheidiger) schon Advocat sei, trotzdem er schon oft plai­dirt habe. Wenn man ferner Obligationen im Betrage von mehr als einer Million so und so lange liegen lasse, ohne sich um die Cursbewegungen zu kümmern, wenn man auf dieselben drei Frauenthaler lege, »damit sie nicht wegkommen«, wie dies Adele Spitzeder gethan, so könne man unmöglich von kaufmännischen Geschäften sprechen. Die Spitzeder habe die stets um ein Procent über den Curswerth ange­nommenen Obligationen nicht als Geldpapier, sondern als Papiergeld angese­hen, das man eben, wenn das kleine Geld ausgegangen, ebenso wechsele, wie man jedes größere Stück gegen kleinere Münze vertausche.

Bezüglich des Erfordernisses der Zahlungseinstellung bemerkte die Vertheidigung, daß eine solche in der gerichtlichen Sperre im vorliegenden Falle nicht gefunden werden dürfe, weil die Spitzeder zur Zeit der Sperre noch im Stande gewesen sei, alle ihre fällige« Wechsel einzulösen, und hierzu der Gerichtscommission wiederholt die nöthige Summe von 13000 Fl. offerirt habe.

Die Absicht, ihre Gläubiger zu benachtheiligen, sei bei der Spitzeder nie vorhanden gewesen. Dies gehe doch daraus hervor, daß sie zu einer Zeit, wo sie über Millio­nen verfügt, weder einen einzigen Gulden aus dem Lande gebracht, noch einen Versuch gemacht habe, sich zu entfernen. Daß ihr der Credit über den Kopf hinaus­gewachsen sei und sie sich schließlich dessen nicht habe erwehren können, wer könne ihr hieraus einen Vorwurf machen? Ihre Geldwirthschaft sei allerdings be­zeichnend für den Leichtsinn einer phantastischen Schauspielerin, niemals aber könne in derselben ein Moment strafrechtlicher Verfolgung erblickt werden.

Die Vertheidigung der Rosa Ehinger sowie die der drei übrigen Angeklagten, Ja­kob Nebel, Marie und Georg Pregler suchte darzuthun, daß durch die öffentliche Verhandlung der zu einer Verurtheilung ihrer Clienten erforderliche Schuldbeweis weder in subjektiver noch objektiver Beziehung geliefert worden sei.
Am Sonntag den 21. Juli nachmittags war das Plaidoyer beendet.

Die Geschworenen erhielten 22 Fragen, welche sie nach 3¾stündiger Berathung, mit Ausnahme der Fragen auf mildernde Umstände, bezüglich der Adele Spitzeder, sämmtlich bejahten.

Während der Wahrspruch der Geschworenen verkündet wurde und hierauf der kö­nigliche Staatsanwalt Antrag auf Anwendung des Gesetzes stellte, welcher bezüg­lich der Adele Spitzeder auf vierjähriges Zuchthaus, bei den übrigen Angeklagten aber, bei welchen die Fragen auf mildernde Umstände bejaht worden waren, auf Gefängnißstrafe lautete, sank Adele Spitzeder, die bis zum letzten Augenblicke die Hoff­nung auf ihre Freisprechung nicht aufgegeben zu haben scheint, wie vernichtet auf ihren Stuhl zurück, sodaß ihr der Präsident gestattete, den Saal zu verlassen. Sie verließ denselben mit schwankenden Schritten, brach je­doch unter der Thür des Saales vollständig zusammen und sank in die Arme des Gerichtsboten.

Der Schwurgerichtshof verurtheilte hierauf Adele Spitzeder zu dreijähriger Zucht­haus­strafe, Rosa Ehinger und Jakob Nebel zu sechsmonatlicher, Maria Pregler zu viermonatlicher und Georg Pregler zu einmonatlicher Gefängnißstrafe: Ehinger, Nebel, Pregler und seine Frau durften den Saal frei verlassen, da ihnen nach dem Ausspruch des schwurgerichtlichen Erkenntnisses die Untersuchungshaft zur Strafe an­gerechnet wurde.

Adele Spitzeder legte gegen das Urtheil des Schwurgerichthofes das Rechtsmittel der Nichtigkeitsbeschwerde ein, welches jedoch durch Erkenntniß des Obersten Gerichtshofs in München am 9. September 1873 verworfen wurde. In der desfallsi­gen öffentlichen Verhandlung vor dem obersten Gerichtshofe hatte der Vertreter der Adele Spitzeder unter anderm geltend gemacht, daß der §. 281 (betrügeri­scher Bankrott) und §. 283 (einfacher Bankrott) des Deutschen Strafgesetzbuches mit Unrecht angewendet worden seien, weil die thatsächlichen Voraussetzungen, welche das Gesetz hierzu erfordere, nämlich: die Eigenschaft der Adele Spitzeder als Handelsfrau, und eine von ihr erfolgte Zahlungseinstellung nicht vorhanden ge­wesen seien. In Bezug auf diese beiden Beschwerdepunkte findet sich in den Ent­scheidungsgründen des oberstrichterlichen Erkenntnisses, welches die Nichtig­keitsbeschwerde verwarf, Folgendes ausgeführt:

»Durch die Bejahung der an die Geschworenen gestellten Fragen ist ausgespro­chen, daß Adele Spitzeder vom 9. Juni 1871 an und schon vorher bis zum 12. No­vember 1872 ein Bank- und Wechselgeschäft, daß sie solcher Art gewerbsmäßig Handelsgeschäfte betrieb, und ist dies thatsächlich damit begründet, daß sie in ei­ner großen Anzahl von Geschäften fremde Werthe zum Zwecke verzinslicher Anla­ge als Darlehne annahm, wirklich gegen Verzinsung wieder auslieh, Staatsobligatio­nen, Aktien, für den Handelsverkehr bestimmte Werthpapiere durch Annahme an Zahlungsstatt an- und theilweise wieder verkaufte.

»Hiermit sind Bankiergeschäfte, welche in Art. 272, Z. 2 des Allgemeinen Deut­schen Strafgesetzbuches als Handelsgeschäfte aufgeführt sind, genugsam darge­legt. Daß unter den fremden Werthen, welche die A. Spitzeder annahm, Geld und Werthpapiere zu verstehen sind, ergibt sich aus dem angegebenen Zwecke der Er­werbung zur verzinslichen Anlage und deren Wiederausleihung gegen Verzinsung. Wenn sie Staatsobligationen, Aktien, Handelspapiere gegen Entgelt erwarb, um sie wieder zu verkaufen, so ist die Art der Erwerbung, ob sie durch Annahme an Zah­lungsstatt oder durch Kauf oder ein anderes derartiges Rechtsgeschäft geschah, gleichgültig.
»Die Gewerbsmäßigkeit des Betriebes dieser Geschäfte ist damit, daß dieselben in der angegebenen längern Zeit continuirlich in großer Zahl, daß sie zur Spekulation, des Gewinnes wegen gemacht wurden, genugsam gekennzeichnet.«

»Wenn die Angeklagte angeschaffte Werthe auch zur Spekulation in Immobilien be­nutzte – (darauf war nämlich von seiten des Vertreters der Spitzeder zur Bestrei­tung ihrer Eigenschaft als Kauffrau hauptsächlich Gewicht gelegt worden) – so bil­den zwar nach Art. 275 des Handelsgesetzbuchs Verträge über unbewegliche Sa­chen keine Handelsgeschäfte; allein durch solche Spekulation wird der übrige Ge­schäftsbetrieb der A. Spitzeder in seiner Eigenschaft als Handelsgeschäft nicht al­terirt. Da dieselbe durch Darlehnsaufnahme und Darlehnshingabe den Creditum­lauf und durch Anschaffung von Staatsobligationen, Actien, Handelspapieren und deren Wiederveräußerung den Werthumlauf vermittelte, sich dadurch Gewinn zu verschaffen suchte und dies gewerbsmäßig betrieb, so bildet ihr Geschäft ein Ban­kiergeschäft und wurde sie mit Recht als Handelsfrau im Sinne des Art. 4 und 6 des Handelsgesetzbuchs erklärt.«

In Bezug auf Erforderniß »der Zahlungseinstellung« heißt es:
»In dem Wahrspruch der Geschworenen ist festgestellt, daß A. Spitzeder infolge der nach Beschluß des königlichen Bezirksgerichts München vom 12. November 1872 am nämlichen Tage vollzogenen, durch die später constatirte enorme Ueber­schuldung ihres Vermögens vollkommen gerechtfertigten gerichtlichen Beschlag­nahme desselben ihre Zahlungen eingestellt habe.

»Adele Spitzeder hat hiernach allerdings nicht nach eigenem Entschlusse, nicht mit Willen ihre Zahlungen eingestellt, vielmehr bildet die gerichtliche Vermögensbe­schlagnahme den Grund der am 12. November 1872 stattgehabten Zahlungsein­stellung.

»Das Gesetz fordert aber auch nicht, daß der Bankrottirer selbst nach eigenem Entschlusse mit freiem Willen seine Zahlungen einstellt, daß er eine Insolvenzerklä­rung mündlich oder schriftlich abgibt oder sonst die Zahlungen verweigert. Es wird vom Gesetze nur der thatsächliche Zustand erfordert, daß die Zahlungen nicht mehr geleistet werden. Ob dies geschieht, weil der Schuldner nicht mehr zahlen will wegen fingirter Zahlungsunfähigkeit, oder weil er nicht mehr zahlen kann we­gen wirklicher Ueberschuldung, oder ob es geschieht, weil die Gant mit oder ge­gen den Willen des Schuldners eröffnet oder sein Vermögen im Präliminar-Gantver­fahren infolge von Sicherungsmaßregeln mit Beschlag belegt worden ist, ist gleich­gültig.

»Der thatsächliche Zustand der Zahlungseinstellung genügt.

»Im vorliegenden Falle steht nun nach dem Wahrspruch der Geschworenen fest, daß am 12. November 1872 eine enorme Ueberschuldung der A. Spitzeder vorlag und daß infolge der auf Gantantrag von Gläubigern von dem königlichen Bezirks­gericht München im Präliminar-Gantverfahren verfügten Vermögensbeschlagnahme die in der außerordentlich großen Ueberschuldung begründete Zahlungseinstel­lung eintrat.

»Es wurde somit auch die zweite Voraussetzung des betrüglichen und des einfa­chen Bankrotts mit Recht als gegeben angenommen.«

Es behielt also bei dem Urtheile des Schwurgerichtshofes sein Bewenden. Einer der denkwürdigsten Processe unserer Tage hatte seinen Abschluß gefunden, denkwür­dig sowol wegen der grellen Streiflichter, welche er auf gewisse sittliche und socia­le Zustände wirft, denkwürdig aber auch wegen des psychologischen Interesses, welches sich für den Criminalisten an die Person der Hauptangeklagten knüpft.

Der Neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit. Achter Band. Leipzig, 1873.


18-14-26 (Maurer-Spitzeder & Schmid & Spitzeder)