Der Grenzbote (24.5.1874) / t_225

Oberbayerische Schwurgerichtssitzung.

(Raubmord an Frl. Hebberling.)
(Schluß.)

Allein bei der Gleichartigkeit der Ausführung und dem Umstande, daß der Verbre­cher in die Wohnungen bejahrter und alleinstehender Damen eingedrungen, wobei es nur dem Zufälle zuzuschreiben ist, daß dieselben nicht, gleich wie Frln. Hebber­ling, dem Mörder zum Opfer fielen, lassen mit Recht annehmen, daß Stöhr der Thä­ter ist.

Der erste Fall betrifft einen nächtlichen Besuch in der Hochparterre-Wohnung der 60 Jahre alten Gräfin Askanie v. Berchem (Türkenstraße 84). In der Nacht zum 19. Februar v. Js. Morgens 3 Uhr hörte die Gräfin in dem an ihr Schlafzimmer ansto­ßenden Eckzimmer ein Geräusch, glaubte anfänglich das Dienstmädchen sei schon mit Einheizen beschäftigt, schöpfte aber dann doch Verdacht, sah durch’s Schlüs­selloch hinaus und bemerkte, daß ein Licht im Zimmer sei. Sie rief: »Kathi, bist Du’s?« worauf sofort das Licht erlosch. Sie eilte nun auf der andern Seite des Schlafzimmers in das Zimmer ihrer zwei Dienstmädchen und befahl ihnen aufzuste­hen. Die Thüre, welche vom Zimmer der Mädchen in die Garderobe und von dieser in den Gang führt, war offen, woraus hervorgeht, daß der Dieb, welcher sich in der Wohnung ungefähr ein und eine halbe Stunde aufgehalten haben mag, auch in das Zimmer der Mägde gekommen ist. Einiges Silberzeug, welches er bereits zusam­mengerafft und in einer Serviette eingewickelt hatte, ließ er bei seiner Flucht zu­rück, desgleichen auch hier ein Beil, ein Stemmeisen und ein langes Messer, endlich zwei Lappen einer gewirkten Jacke oder Unterhose mit dem Zeichen B. 4., ohne Zweifel, um auch hier den Verdacht auf eine falsche Spur zu lenken. Ein paar Geld­rollen dagegen im Betrage von über 100 fl. und ein Portemonaie mit kleiner Baar­schaft und einige andere unbedeutende Gegenstände waren verschwunden. Der Dieb war, wie vorgefundene Fußspuren zeigten, von der Jägerstraße aus, wo da­mals Stöhr wohnte, über eine Planke in den Garten der preuß. Gesandtschaft ge­langt, von diesem über einen Zaun in den Hausgarten der Gräfin Berchem und von da in jenem Hoftheil, auf welchen zwei Fenster des Speisezimmers herausgingen, die eingedrückt waren.

Ein weiteres Verbrechen des Versuches zu einem Verbrechen des Raubes, wovon Stöhr gleichfalls nichts wissen will, wurde am 24. Januar v. Js. an der 62 Jahre alten Metzgersfrau Rosalia Hummel verübt, welche ganz allein im vierten Stock des Hau­ses Nr. 19 am Marienplatze dahier wohnt. Als diese Frau am erwähnten Tage Abends halb 7 Uhr heimkam, wunderte sie sich, daß die Hausthüre noch offen war, da diese im Winter regelmäßig um 6 Uhr geschlossen wird. In ihrer Wohnung ange­kommen, kleidete sie sich um und hörte alsbald schellen. In der sicheren Erwar­tung, daß ihr Schwiegersohn Ig. Holzer von Augsburg, welcher damals bei ihr auf Besuch war, heimlich gekommen sey, öffnete sie, das Oellämpchen im Hausgange auf den Boden stellend, die Thüre und sagte: »Heute kommst Du aber beizeiten etc.« Sie erhielt keine Antwort und sah auch Niemand im Stiegenhause. Sie ging nun etwas vorwärts, um hinauszusehen: von da an hört ihr Bewußtsein über das, was weiter vorging, auf. Ihr Schwiegersohn kam ungefähr um 7 Uhr heim und als ihm auf zweimaliges Läuten nicht geöffnet wurde, war er der Meinung, seine Schwiegermutter sey ausgegangen. Er holte einen Schloßer, und als er wieder zu­rückkam, war die Wohnungsthüre halb offen, Rosalia Hummel lag bewußtlos auf dem Boden des Hausganges; das Gesicht war ganz blau und an den Ohren, sowie am Halse, zeigten sich deutlich Spuren von Eindrücken, und das ärztliche Gutach­ten nimmt an, die alte Frau habe wahrscheinlich einen heftigen, wegen des Chi­gnons keine Spuren zurücklassenden Schlag auf den Kopf erhalten und sey hierauf so lange gedrosselt worden, bis sie bewußtlos zusammenfiel. Die Besinnungslosig­keit hielt eine ganze Woche mehr oder minder ausgeprägt an, jetzt aber ist der Ge­sundheitszustand der schwer mißhandelten alten Frau wieder hergestellt, ohne daß irgend ein Nachtheil geblieben ist. Nach allen Umständen wurde die Vergewalti­gung nur in der Absicht rechtswidriger Zueignung vorgenommen, wobei jedoch der Räuber durch die unerwartete Heimkunft des Kaufmannes Ig. Holzer ver­sprengt wurde. Sehr gravirlich für Stöhr ist der Umstand, daß er die Lebensge­wohnheiten und Verhältnisse der Hummel genau wußte und eine sog. Diebslarve in der Wohnung der letzteren gefunden wurde, wie Stöhr sie bei derlei Exkursionen zu benützen pflegte.

Endlich das letzte Reat bildet einen Einbruchsdiebstahl im Pfarrhofe zu Bobingen. Als in der Christnacht 1872 Hr. Pfarrer Schmid von der sog. Mette heimkam, ge­wahrte er, daß mittlerweile (auch seine 62jährige Schwester war in der Kirche und der Pfarrhof während des Gottesdienstes von den Bewohnern verlassen) eingebro­chen, Behältnisse und verschiedene Gemächer aufgesprengt und daraus Silberlöf­fel, Loose und Baargeld, letzteres im Betrage von etwa 60 fl., gestohlen worden waren. Auch an dieser Stelle blieb der abgebrochene Stiel eines Handbeiles zurück und in dem aufgesprengten Pult fand sich eine rothe Diebsmaske vor. Stöhr, dem dieser Einbruch zur Last gelegt ist, hatte die Zeit, um jeden Verdacht wegzubrin­gen, derart benutzt, daß er schon am andern Morgen dahier bei seiner Geliebten, die er ausnahmsweise am Tage vorher nicht besuchte, erschien, wobei er ihr Geld gab. Was ihn jedoch am meisten verdächtigt, ist der Umstand, daß in seinem Notiz­buch auch die Nummern der obigen Loose verzeichnet sind. Er will heute glauben machen, er habe die Loose schon im Oktober 1872 von einem unbekannten Pack­träger gekauft, was um so weniger möglich ist, als sie damals noch gar nicht ge­stohlen waren.

Der k. Staatsanwalt Hr. Hindringer leitete die Begründung der Anklage mit einer allgemeinen Charakteristik des Angeklagten ein. Als die Einzelnheiten des Hebber­ling’schen Mordes bekannt wurden, habe die ganze Stadt ein Gefühl der Unsicher­heit beschlichen und man habe sich gesagt: Vor dem Menschen, der das gethan, ist Niemand sicher, der dringt in jedes Stockwerk eines Hauses ein; ausgerüstet mit Mordwerkzeugen scheut er nicht die Anwesenheit von Menschen, und wenn ihm bei Ausführung seiner Diebspläne Jemand in den Weg tritt, erschlage er ihn. Die beispiellose Kaltblütigkeit und Berechnung, womit er bei seinen Verbrechen gehan­delt, zeige, daß nie ein gefährlicherer Mensch als der, den man den Hebberling-Mörder nenne, auf der Anklagebank gesessen sei. Gestern Morgen, ehe er in das Schwurgerichtsgebäude geführt wurde, habe er sich ohnmächtig gestellt, der Ge­richtsarzt jedoch dies sofort als Simulation erklärt. Ebenso habe er sich in der Ver­handlung als Heuchler gezeigt, dessen Thränen jedoch Niemanden zu täuschen vermögen. Nach diesen einleitenden Worten sah sich Herr Staatsanwalt mit Rück­sicht auf das Ergebniß der öffentlichen Verhandlung veranlaßt, über das Erkenntniß des Appellationsgerichtes, welches den Angeklagten nur wegen Raubes verwiesen, hinauszugehen und den Antrag auf Schuldig des Mordes zu stellen, da die Ausrede des Stöhr, er habe die Josephine Hebberling nur betäuben wollen, eine unstichhal­tige ist, vielmehr angenommen werden muß, derselbe habe nach der ganzen Vor­bereitung und Durchführung der räuberischen Handlung, insbesondere nach dem wuchtigen Schlag, welchen derselbe auf die im Bette liegende Greisin geführt, Letztere um’s Leben bringen wollen.

Der Vertheidiger, Herr Dr. Blab jun., dagegen plaidirte in einem mit großer Elo­quenz durchgeführten Vortrage auf Todtschlag, welchem Ansinnen die Geschwor­nen auch beipflichteten; die übrigen Schuldfragen wurden gleichfalls sämmtlich be­jaht. Der Gerichtshof erkannte demgemäß auf lebenslängliches Zuchthaus und dau­ernden Verlust der Ehrenrechte.

Der Grenzbote Nro. 21. Beilage vom 24. Mai 1874.


07-01-14 (Hebberling)