Der furchtlose Bayer (7.4.1831) / t_1480

Ein Blümchen
auf
das Grab des seligen
Anton Baumgartner.

Anton Baumgartner – ehemals königl. Polizey-Direktor und zuletzt – königl. Baurath in München, war auch Einer aus jenen Tausenden, welche auf Erden am meisten wirkten, und am Meisten verkannt wurden.

Seine Ehrlichkeit, seine Uneigennützigkeit und sein Eifer für seinen Fürsten, für sein Vaterland und für das gemeine Beste überhaupt, brachte ihn häufig um die gerech­te Anerkennung, und sehr oft um seinen Namen.

Manche tragen auf ihrer Brust ein Kreuz für ihre Sorgenlosigkeit, Hrn. Baumgartner ward es versagt, weshalb er es nur mit desto größerem Muthe und Beharrlichkeit selbst, jedoch in einer andern Form, auf den Rücken nahm, und bis zu seinem Tode nachschleppte.

Wir können in Wahrheit hierüber sprechen; denn nicht selten waren wir mit einan­der in persönlichem und literarischem Verkehre.

Baumgartner hatte größere Wissenschaften, als man ihm zuzutrauen pflegte, und er verband damit ein so seltenes Gedächtniß für Kleinigkeiten, daß er als eine am­bulante Lokal-Chronik, als ein lebendiges Archiv betrachtet werden konnte.

Er kannte jeden Stein, jeden alten Dachziegel in der Hauptstadt, von welchem er zu erzählen wußte, wo diese und zu welcher Bestimmung sie dort gewesen seyen; Wer, wohin und warum dieselben versetzt worden seyen u. dgl.

Der Bauplan jedes einzelnen Hauses lag ihm vor Augen, was ihm eben jene Vorzü­ge gab, die er bey allen Feuersgefahren entwickelte.

Man legte ihm, ihn sehr kränkende, Schwächen zur Last; allein wir konnten an ihm nie eine andere entdecken, als solche, welche wir an Andern finden, vielleicht verschieden an der Form, die aber doch in Bezug auf die Sache selbst durchaus nichts ändert; wobey zu seinem Vortheile und zu seinem Lobe noch besonders bemerkt werden muß, daß Baumgartner, hätte er die Zeit, und seine Stellungen widerrecht­lich benützt, wie tausend Andere sie, bisweilen sogar auf die grausamste Art, be­nützt haben, eben so viele Klugheit besessen hätte, jene Schwächen mit Gold oder Silber, oder gar mit dem »Excellenz«-Titel vor den Augen der Welt zuzudecken.

Das Zusammentreffen verschiedener politischer und organischer Verhältnisse be­wirkten eine so große Mißkennung dieses Mannes. Wir wollen hier nur der Vorzüg­lichsten erwähnen.

Wer es weiß, und zu würdigen versteht, was eine Zeit heiße, in welcher das Licht – von der Finsterniß gewaltsam ausgeschieden werden soll – der wird es auch begrei­fen und würdigen, welche Last Herrn Baumgartner, der gerade damals die Polizey-Direktion übernahm, aufgeladen wurde.

Baumgartner ward durch diese Stellung verurtheilt, mit der Regierung gleichen Schritt halten zu müssen, ja! noch mehr, er mußte die Aufklärungs-Theorien prak­tisch in das Leben einführen, in einer Zeit – wir wiederholen es – in welcher der Bruch eines Fasttages, wenn nicht mehr, doch eben so viel, als Hochverrath und Meineid galt.

Einen faktischen Beleg hiezu gibt jene Prozession, welcher der Polizey-Direktor, den allerhöchsten Absichten gemäß, den Einzug durch das Sendlinger-Thor ver­wehren wollte.

Baumgartner wurde von dem frommen (!) Volke mit Füßen getreten, und auf alle Art und Weise thätlich mißhandelt.

Weiß man nun, wie bey vielen Menschen es heute noch ein entsetzliches Verbre­chen ist, Ketzer, das ist: nicht Katholik – zu seyn, so fällt es nur um so mehr in die Augen, welche Gottlosigkeit Baumgartner damals begangen habe, einem so from­men Zwecke – einer Prozession – hinderlich in den Weg treten zu wollen, zumal Baumgartner selbst Katholik war.

Er also war es, der, nach dem Volksausspruche, als Vorläufer des Antichrists be­stimmt und berufen war; und wessen also bedürfte es noch, um ihn, den gewiß ed­len Mann, allgemein verhaßt zu machen?

Was diesen Haß und diese Verachtung noch mehr vergrößerte, war der besondere Umstand, daß der König Maximilian, in seiner unermeßlichen Güte, dem Polizey-Di­rektor schriftliche und mündliche Aufträge ertheilte, bald an Diesen, bald an Jenen – sechs bis zwölf und auch zwanzig Louisd’or auszubezahlen.

Der ganze Amts-Etat betrug, mit Ausschluß der Besoldung des Direktors, damals 12.000 fl. jährlich – ohne allen Reserve-Fond.

Solche Anweisungen brachten den Direktor fast täglich in die peinlichsten Lagen, ohne sich Jemand in Wahrheit offenbaren zu dürfen.

Die Begnadigten waren der Meynung, das Geld sey den Anweisungen beygelegen, und jede Zahlungs-Verzögerung sahen sie also wenigstens als einen Vorenthalt, wenn nicht gar – als eine Veruntreuung von Seite des Direktors an, und somit war dieser nothgedrungen, jedes Opfer solchen Aufträgen im Stillen zu bringen. Aber auch mit diesem noch nicht genug! sondern selbst die Darleiher glaubten nicht an­ders, als Baumgartner brauche diese Gelder alle für sich.

So ward Baumgartner Ketzer, so gerieth er in Schulden, und was wäre also noch er­foderlich, vom großen Haufen, und selbst von vielen Bessern, der Verachtung und der Schmähung Preis gegeben zu werden.

Gleichwie der Reiche – Ehre und Achtung genießt, ohne daß Jemand Rücksicht dar­auf nähme, wie? er reich geworden sey, eben so wird dem Armen – Schmähung, Verläumdung und Geringschätzung zu Theil, ohne daß Jemand fragen möchte, wie? ist er arm geworden, ob aus Unglück, ob aus Ehrlichkeit, alterirt gar nichts, und dieß war zum Theile das Loos des so edlen, so thätigen, so uneigennützigen und rastlosen Baumgartner.

Von diesem Allem aber wollen wir nun einen Augenblick hinweg, und auf die Feu­ers-Gefahren hinsehen, wo wir den Baumgartner jedesmal, ohne Ausnahme, zuerst und an der Spitze der Hilfeleistenden ordnend und leitend sahen.

Seine Lokalitäten-Kenntnisse, sein Eifer, seine Ausdauer, mit Verachtung jeder Ge­fahr, wendete, durch eine Reihe von Jahren, namenlose Unglücke ab, und seine bit­tersten Feinde machten ihm nicht streitig, daß er der Stadt Hunderttausende direk­te und Millionen indirekte an Beschädigungen bey diesen Funktionen verhütet habe, und doch vermochte dieses Alles nicht, den Mann zu allgemeinen Ehren und Hoachtung ju bringen!!!

Kurz vor seinem Tode, nach seiner letzten scheinbaren Rekonvaleszenz, sagte er zu uns, an der Ecke des Lentner’schen Hauses nach der Fürstenfeldergasse, ausru­hend:
»Mein Blasbalg läßt die Luft, es wird wohl bald ausgeblasen seyn, ich tröste mich aber, trotz aller meiner Mißkennungen, mit meinem guten Gewissen.«
Ja wohl! Baumgartner! dieß hattest du gewiß, und gewiß trägt es dir dort die Zin­se, wofür dir hier das Kapital verweigert wurde; allein ich bemerkte ihm doch zu je­nen Worten:
»Was hilft’s, wenn Jemand meiner wegen in der Hölle sitzt, und hat meine Kleider an.«
Er nickte mit dem Kopfe, herzlich lachend, und setzte bey:
»Es ist einmal so, und wird vermuthlich noch lange so bleiben.«

Dies war das Letztemal, als wir uns sahen.

Wir werden später noch bey verschiedenen Gelegenheiten auf diesen seltenen Mann zurückkommen, für jetzt sey uns nur noch gestattet, zu sagen: daß wir die in­nigste Indignation empfanden, als wir auf dem sogenannten Leichenzettel den Na­men des so nahen Anverwandten, des Privatier’s Hrn. Sutner, nicht gelesen haben.

Wahrlich! der Ehrenmann Sutner hätte sich nicht schämen sollen, dem Ehrenmanne Baumgartner diese Ehre zu erweisen, und wir nehmen keinen Anstand, laut zu er­klären, daß das Publikum, welches nach dem Tode eines Mißkennten immer scho­nender zu urtheilen Pflegt, diese Unterlassung und Geringschätzung gar nicht gut aufgenommen habe.

Doch vielleicht hat Herr Sutner, da er doch – wenn wir nicht irren – durch jenen Tod Kapitals-Vortheile bezieht, die ehrenvolle Absicht, jenes gewiß indignirende Uebersehen durch die Stiftung eines bleibenden Grab-Monumentes – allerwenigstens – auszugleichen.

Unserer Seits müssen wir uns begnügen, dem edlen Baumgartner das Letzte

»Friede seiner Asche«

zurufen zu können.

Der furchtlose Bayer Nro VI. Ein satyrisches, nicht periodisches, Unterhaltungs-Blatt. München, den 7. April 1831.


09-01-17 (Baumgartner & Parrot)