Der Fasching (1907) / t_353

Von den zahllosen Gedenktagen der Münchner Kunstchronik ist der merkwürdigs­ten einer der 18. Februar. Da fand vor einem Vierteljahrhundert eine Maskenkneipe statt, die an Aufwand künstlerischer Kraft, sowie an Eigenart der Ideen alles in Schatten stellte, was man bis dahin auf diesem Gebiete gesehen hatte. Ein Riesen­schiff auf der Kneipreise um die Welt, das war der Grundgedanke.

Rechts und links vom Verdeck und von den Segeln die Erdteile, die es berührte. Alle waren vertreten, die Chinesen mit einem verschnörkelten Turm, der viele Stockwerke in die Höhe ragte, der wilde Westen Amerikas mit einem festgefügten Blockhaus, die Sandwich-Insulaner in einer dämmernden Höhle, die Eskimos in tran­befeuchtetem Zelte, ja, sogar ein Pfahlbauernhaus konnte man sehen. All das belebt von den Inwohnern in streng entsprechender Gewandung.

Auf dem Verdeck des Schiffes endlich, wo unaufhörlich die Glocke zum Einsteigen lud, als lachende Passagiere so ziemlich alle Typen der Erde, von Kaiser und Köni­gen angefangen bis herunter zum Handwerker, Urlauber und Hausknecht. Das strömte hinauf und hinunter, bald nach Asien, bald nach Amerika, bald nach Austra­lien, am liebsten jedoch bliebs in Europa.

Dort gabs von allen Kneipen der Weltkugel doch noch immer die besten. In einem weißgetünchten Gewölbe hielten fromme Klosterbrüder selbstgebrautes Bier feil, echten Bliemchen und Schnaps gabs in der sächsischen Kaffeebude und in einem oberbayrischen Wirtshaus konnte man auf einer langen Bahn regelrecht Kegel schieben.

In besonders verschwiegenen Ecken jedoch wurden einige jener Kuriositäten ge­zeigt, die damals übermütige Künstlerlaune noch erzeugen durfte, ohne am andern Tag der Sittenkommission zu verfallen. So bot Madame Lutetia dem ruhelosen Wanderer gegen prompte Bezahlung ein mehr wie gastliches Heim, der Henker der spanischen Inquisition zwickte auf der Folterbank den Delinquenten unter Beistand der lieben Geistlichkeit ein Markstück nach dem andern heraus, und ein Riesenfern­rohr auf dem Verdeck des Schiffes zeigte gegen fünfzig Pfennige Entgelt die frat­zenhaftesten Perspektiven. Dazu siedelten wandernde Zigeuner und bliesen böh­mische Musikanten greuliche Weisen.

Da plötzlich, so um Mitternacht, als der Trubel am höchsten war, stürzte etwas durch den Saal. Etwas, was nicht hergehörte, etwas Prasselndes, Brennendes. Un­heimlich wars und doch nur ein Augenblick, so schnell, daß es kaum auffiel.

Was gabs denn? Neun Eskimos als wandelnde Feuersäulen. Die stießen in heller Verzweiflung gegen diese Welt von Leinwand und Holzgerüsten. Nichts brannte an, doch sie selber verkohlten unter furchtbarem Wehgeschrei draußen in der Vorhalle oder auf dem Weg zum Spital. Einige von dem Todesschiff sahen den Jammer und flohen davon, geschüttelt von Grauen; die meisten sahen ihn nicht. Sie kneipten fort bis zum frühen Morgen, als man sie aber am hellen Mittag mit der Schreckens­botschaft aus dem Bette jagte, da war’s, als grinste das Totengerippe selber zur Türe herein.

Und das uferlose Entsetzen griff weiter über die ganze Stadt. Auf Jahre lähmte es alle Unternehmungslust, alle Begeisterung, ja, es verschob mit der Zeit die ganze Linie des Münchner Karnevals. Denn wer nicht dabei gewesen war, schimpfte über die leichtfertigen Leute, und so mancher wollte in der Katastrophe den Finger Got­tes erblicken, die gerechte Strafe für frevelhaften Uebermut.

Den Künstlern wurde bös in die Suppe gespuckt; nur zweimal noch kamen sie mit solchen Kneipen. Die aber erreichten nicht mehr jene schönste und grauenvollste. Und der Münchner schimpfte kräftig weiter. Er ist von Haus aus ein guter Kerl, der, was malt und bildhauert, gern leiden mag. Nur dürfens die Herren nicht gar zu bunt treiben; die Behaglichkeit muß gewahrt bleiben. Die Kneipe mit allen Zutaten hätte ihm trefflich gefallen, die Späße hätte er belacht, am stärksten die Zoten – das Unglück war ihm zu viel. Kein Pietist, kein Mucker, praktischer Katholik auf allen Gebieten, sieht er, trotzdem er gern in die Kirche geht, streng darauf, daß ihm die Alleinseligmachende mit ihren Vorschriften in keiner Weise lästig falle. Das Dogma kennt er nicht, Fanatismus ist ihm direkt zuwider, und doch, der Witze auf die Reli­gion waren zu viel, und was die Unsittlichkeit betrifft, so hätten die dummen Maler auch etwas mehr Maß halten können. »Muaß ma a net alleweil gar a so sei.« Das ist sein Wahlspruch, und den zitierte er hartnäckig von da an, wenn er auf den Un­glücksabend zu sprechen kam. Erst nach und nach zog ein leises Vergessen ein, und so tauchte mit den Jahren ein Faschingsbild auf, das der Münchner und die neue Generation etwas besser verstand.

Josef Ruederer: München; Der Fasching. München, 1907.


20-08-14 (Opfer des Kolosseum-Brandes)