Der Bayerische Landbote (9 & 10.1.1849) / t_1661

Nekrolog.

Franz Xaver Gabelsberger, Erfinder der deutschen Stenographie.

Geschildert von Dr. J. H. Wolf.

Franz Xaver Gabelsberger, der Erfinder und unermüdliche Förderer einer deutschen, formell und materiell systematischen Stenographie, ist todt. Mit seinem Leben ist unstreitig die fortschreitende Seele seinee Systeme erloschen und wenn wir auch mit ihm die praktische Seite seiner Kunst nicht zu Grabe tragen, so trauern wir an seinem Sarge doch über den entschwundenen schöpferischen Geist derselben; denn so, wie Gabelsberger, mit so großartig aufopfernder Liebe für das ureigene Kind seines Geistes wirkt ganz gewiß keiner seiner Jünger mehr.

Gabelsberger hat seiner Erfindung tausend und tausend Nächte; er hat ihrer Vervollkommnung ganz sicher sein Leben geopfert. Jenes sein geistiges Kind, wird nun wohl freilich adoptirt werden; aber der Adoptivvater kann nie und nimmermehr die Liebe des wahren Vaters besitzen. Doch ein Trost bleibt uns, Gabelsberger’s Stenographie ist fast volle 30 Jahre alt, groß genug, um allein sich durch die Welt zu tragen und gesund genug, um durch ihre Früchte die Schüler des Meisters auch zur geistigen Fortbildung derselben anzuregen. Dem Andenken des großen Meisters wollen wir eine Blume reichen.

Franz Xaver GabelSberger erblickte das Licht der Welt am 9. Februar 1789 in München. Frühzeitig Waise erzog ihn ein Verwandter, der Chorregent und Lehrer Plinkhardt von Haag. Er studirte auf dem Gymnasium in München bis zur Poesie im Jahre 1808. Ein Jahr später versiegten die Quellen zur Fortsetzung seiner Studien und er mußte lediglich dahin streben, seine Subsistenz zu erhalten. Durch Empfehlung wurde er als Schreiber bei der Stiftungs-Administration in München untergebracht. Der Zufall machte ihn später mit Leopold Sennefelder bekannt, und während er diesem bei Lithographieen aushalf, lernte er diese Kunst selbst und verdiente sich manches Sümmchen damit. Als Kanzelist im Ministerium erwarb er sich durch Fleiß und moralisches Betragen allseitige Achtung. Er wurde Ministerialsekretär, aber bei eintretender Organisation bald pensionirt, jedoch gegen eigene Remuneration viele Jahre zuletzt im statistischen Büreau verwendet. Dies war die eine, für das Vaterland weniger relevante Seite des Verblichenen. Um desto großartiger ist die andere gewesen. Es ist seine Meisterschaft in der Stenographie.

Die Stenographie hat in Bayern mit der ersten Ständeversammlung im Jahre 1819 auch ihren ersten sehr schwachen Anfang genommen. Franz Xaver Gabelsberger, damals als Kanzelist in der Kammer der Abgeordneten verwendet, hatte sich für den Zweck des Nachschreibens der Reden eine ganz eigenthümliche Abkürzungsschrift erfunden. Oberflächliche Geister lächelten darüber; der einzige Feldmarschall Fürst von Wrede, dem der Versuch bekannt wurde, ermunterte das Streben des kühnen Autographen. Gabelsberger reichte jedoch mit seiner Kraft allein nicht aus, er nahm sich also einen Gehilfen. Jedoch trotz dieser Beihilfe waren seine Versuche, die Reden ganz und wörtlich nachzuschreiben, höchst mangelhaft. Um diesem Mangel abzuhelfen, wenigstens ihn nicht so sehr fühlbar zu machen, erfand sich Gabelsberger eine Schrift von neuen, auf das Prinzip der Stamm-, Vor- und Nachsylben gegründeten Zeichen, welche in der wechselnden Strichform zunächst die Consonanten nur ausdrücken, die Vokale aber andeuten sollten – und dieser Erfindungs-Moment gab eigentlich die Veranlassung zur später so sehr berühmten deutschen Stenographie, die den Namen »die Gabelsberger’sche« mit unbesieglicher Präeminenz trägt. Zur Vervollkommnung der Zeichen sowohl, wie zur Organisirung eines auf diese Zeichen und die Tironischen Noten der Römer gebauten Systems verwendete er seit fast 30 Jahren alle seine über den Beruf hinaus reichenden Stunden bis zu seinem am 4. Jan. 1849 Vormitt. ¾10 Uhr plötzlich in der Schwabingergasse vor dem russischen Gesandtschaftshotel erfolgten Tode oft, ja sehr oft bis in die tiefste Nacht hinein.

Nur mit einem solchen, gewiß auch seinen Tod leider fördernden Fleiße schuf er eine deutsche Stenographie von Grund auf neu und so fest, daß dieselbe ohne alle Widerrede jetzt den Ruf der besten in Deutschland und weit über seine Gränzen hinaus behauptet.

Das System des H. Gabelsberger in seinen beiden Hauptabtheilungen, Schrift- und Sprach-Kürzung, zeigte sich in seiner ganzen Vortrefflichkeit auch in der Anwendung auf die neugriechische Sprache; so wurde dasselbe durch einen k. bayerischen Beamten, J. M., für dieselbe angewendet und bewährte sich in der Ausübung als ganz vortrefflich, worüber der nämliche Beamte in dem Senate Griechenlands Probe ablegte. Die wirkliche Einführung der Stenographie in Griechenland scheiterte theils an der Indolenz der k. griechischen Regierung, theils und hauptsächlich an dem Umstande, daß die bayerische Regierung ihrem Beamten den nöthigen Urlaub für längere Zeit und die Erlaubniß, zu diesem Zwecke in k. griech. Dienste temporär überzutreten, verweigerte.

Stolpe in Berlin war nicht im Stande, dem Systeme der Gabelsberger’schen Stenographie Eintrag zu thun. Beim ersten preußischen Landtag waren Stolpe’s Schüler in den ersten Sitzungen schon nicht fähig, das nach dem Systeme ihres Meisters Geschriebene wieder zu lesen – und man mußte Gabelsbergersche Stenographen aus Dresden durch Estaffette kommen lassen, um das auf Sand getriebene Schiff wieder flott zu machen.

Selbst der auf ähnliche Weise zu einer eigenthümlichen Stenographie gekommene Winter in Stuttgart beugt sich mit seinen Schülern vor der unüberwindlichen Tüchtigkeit der Gabelsbergerschen Kunst, in der nicht allein eine Schnellschrift, sondern die Fähigkeit zur Ausbildung der deutschen Sprache selbst liegt. Nicht allein aber die deutsche Sprache war es, auf welche die Kunst des edlen Todten Anwendung fand; auch andere Sprachen, todte wie lebende, hat er in seinen zauberhaften Bildungskreis gezogen. So kam im Sommer des verwichenen Jahres ein Schüler sogar aus Dänemark – und Gabelsberger befriedigte seinen Durst nach praktisch- und theoretisch-stenographischem Wissen vollkommen, freilich um den sein Nervenleben sehr anstrengenden Preis der Voraus- und Zwischenerlernung der dänischen Sprache selbst. Rußland selbst hat sich vor zwei Jahren bei dem weithin bekannten Gabelsberger angefragt, ob sein Stenographie-System auf die russische Sprache anwendbar sey – und der Gefragte hat mit »Ja« geantwortet.

(Schluß folgt.)
(Schluß.)

So kam es denn, daß die Gabelsberger’sche Stenographie-Schule im Interesse mündlich-öffentlicher wie Kanzel- und Katheder-Verhandlungen eine entschiedene Wichtigkeit behauptet, und daß es ein wahres Unglück wäre, wollte man ihre Relevanz im Staatsleben mißkennen oder gar unterdrücken.

Die Regierung von Sachsen, eine der erleuchtetsten in Deutschland, hat diese Wichtigkeit auch längst erkannt und eine selbstständige stenographische Schule unter Führung eines Schülers von Gabelsberger gebildet, ihm den Titel eines Professors und 1400 sächsische Thaler jährlichen Gehalt gegeben. Es ist dies der Deputirte beim Frankfurter Parlament, Wigard. In ähnlicher Weise hat sich die Winter’sche Schule in Stuttgart und in Karlsruhe etablirt. Gabelsberger blieb nicht zurück. Er hat schon seit 1835, anfangs im Lokal der polytechnischen Schule allein, und seit 1848 auch im Universitäts-Gebäude Unterricht in der Stenographie ertheilt und viele sehr tüchtige Schüler herangebildet. Dieselben erhielten nach einander durch ihren Meister den Ruf zur Verwendung bei den Ständeversammlungen in Innsbruck, Stuttgart, Sigmaringen, Karlsruhe, Frankfurt etc., und ärndteten sich und ihrem Lehrer überall das unbedingteste Lob.

Aber Gabelsberger hatte nicht bloß Schüler durch eigene, durch lebendige Vorträge, sondern auch solche, die ihn von Person nie gesehen, nie gesprochen, die Stenographie also lediglich aus seinen Werken erlernt haben. Um so größer war seine Freude, wenn sich ein solcher bei ihm gemeldet hat oder auf andere Weise ihm bekannt geworden ist. So hat er erst im vorigen Monate noch einen durchaus stenographirten Brief von einem österreichischen Oberlieutenant aus Mailand erhalten, worin derselbe erzählt, daß er die Stenographie aus Gabelsbsrgers Werk allein erlernt habe, und daß diese Kunst ihn bereits in alle Garnisonen, in alle Lager, auf alle Schlachtfelder begleitet habe, und daß er sie daher in jedem freien Stündchen bei Tag und Nacht übe, hiefür aber dem Erfinder selbst seine innigste Hochachtung und seinen herzlichsten Dank zolle.

Solche Anerkennungen wirkten natürlich entschieden wohlthuend auf das zarte Gemüth des Verstorbenen; sie wirkten auf ihn um so lebhafter, je länger ihm die offizielle Anerkennung seiner Verdienste im eigenen Vaterlande versagt blieb. Es ist nun einmal das traurige Loos aller großen Männer, daß ihre Würdigung erst nach ihrem Tode zum Durchbruch kommt. Gabelsberger hat übrigens jene Anerkennung noch erlebt. Freudig bewegt theilte er seinen Freunden die Nachricht mit, daß ihm Se. Maj. der König Max durch das Staatsministerium des Innern erst in der letztern Zeit des vorigen Jahres für seine Leistungen in der Stenographie die frühern prekären 500 fl. nun als definitive Besoldung, bei eintretender Gebrechlichkeit aber 250 fl. bewilligt habe. Daß ihm der Titel »Professor« verliehen worden sei, wie öffentliche Blätter meldeten, ist unrichtig. Allerdings aber hat er ein eigenes Belobungs-Dekret vom k. Staatsministerium erhalten. Offenbar wurden beide Resultate lediglich von Hrn. Frhrn. von Thon-Dittmer erzielt, wofür ihm öffentlicher Dank gebührt; denn er hat dadurch die letzte Zeit des berühmten Todten wahrhaftig auf’s Freudigste bewegt.

Diese Freude wurde ihm auch stets von seinen Schülern geboten. Väterlich ist er ihnen gegenüber gestanden. Ueber ihren Vorzug in der praktischen Uebung der von Ihm erlernten Kunst hat er niemals ihre Dürftigkeit vergessen. In ihrem steigende Verdienste hat er die glorreichste Errungenschaft seines Strebens, seiner vieldurchwachten Nächte gefunden. Oft hat man ihn dieser, die Körperkraft so sehr consumirenden Anstrengungen wegen liebreich getadelt. Seine Entschuldigung war und blieb immer die Hoffnung auf bessere Zeiten. Gabelsberger hat aber auch die k. Regierung veranlaßt, daß sie Prämien den besten Stenographen ertheilte, die in Form von Stipendien eine kräftige Stütze zur praktischen Ausbildung der Kunst selbst geworden sind. Dank der Regierung für diese schöne Handlung. Sie ist durch eine große Zahl tüchtiger Stenographen bereits mit den fruchtreichsten Erfolgen gekrönt worden.

Und so hat denn Gabelsberger Gutes gewirkt, wo es in seiner Macht stand. Im Ständehaus lebte er stets im freundlichsten Verkehr mit allen Denen, die seiner Hilfe bedurften. Kein böses Wort ist aus seinem Munde gekommen. Höchstens war es eine väterlich ernste Mahnung, die den Schuldigen beschämte. Dem Hrn. Archivar und Regierungsrathe Stumpf hing er mit entschiedener Treue für die Wichtigkeit des Dienstes an, und kein Mißklang hat je diese und die Harmonie mit den jezeitigen Direktorien zu ihm gestört. Wen er vorschlug, der erhielt die Stelle, und hat sie auch nach Kräften ausgefüllt. Sein Nachfolger in der Stenographen-Direktion ist der älteste Stenograph, nach dem Willen des Verstorbenen, nach Zustimmung des Archivariats und der älteren Stenographen, der Hr. Rathsaccessist Scheiber, ein Schüler des berühmten Todten schon seit dem Jahre 1834. Die Rettung der Einheit und Tüchtigkeit des Institutes darf man von seinem Nachfolger mit Bestimmtheit erwarten.

Und so scheiden wir denn von einem Manne, dem die bayerisch-deutsche Geschichte die Bürgerkrone nicht versagen kann; wir scheiden auf Ewig von ihm. Er war nicht minder groß wie Sennefelder, Utzschneider, Frauenhofer und Westenrieder. Ein Monument wird ihm nicht versagt bleiben; das schönste hat er sich durch seine unsterbliche Kunst selbst gesetzt. Friede seiner Asche! Muth seinen Schülern, auf der vom Meister betretenen Bahn unaufhaltsam der Vollendung entgegen zu ringen! Trost seiner Gattin und seiner einzigenm Tochter, deren Verlobung am dritten Tag vor seinem Tode noch den liebenden Vater zur thränenden Freude begeistert hat. Auf einstiges Wiedersehen, geliebter Freund!

Dr. J. H. Wolf: Der Bayerische Landbote Nr. 7 & 8. München; Montag & Dienstag, 9. & 10. Januar 1849 und Nr. 9. Mittwoch, 10. Januar 1849.


↑ 07-10-54 (Gabelsberger)