Der Bayerische Landbote (7.5.1860) / t_463

Der Selbstmord des »Münchner Astrologen« bildet jetzt einen sehr wesentlichen Theil des Stadtgespräches. Allgemein hört man von der Verurtheilung des »Studi­ums«, das den Unglücklichen so weit hinein in die Bahnen des Aberglaubens trieb, doch den in seinem Privatleben sehr achtbaren Mann bedauern.

Bekanntlich war es bei ihm und zwar schon seit mehreren Jahren, zur fixen Idee ge­worden, er werde heuer einen Hauptgewinnst in einer Staatslotterie machen. Wie es scheint, sollte dieß nach Ausweis der Sterne die am 1. d. M. stattgehabte letzte Ziehung der österreichischen Loose im Jahre 1834 seyn, deren Haupttreffer 320,000 Gulden beträgt.

Wie man hört, soll Vogt nicht nur eine beträchtliche Anzahl von Staatslotterieloo­sen überhaupt, sondern auch in den Serien bereits gezogene Loose, und zwar zu mitunter sehr hohen Preisen, angekauft, und darauf einen großen Theil seines, wie bekannt, im Lottospiel gewonnenen und durch verschiedene Spekulationen ver­mehrten Vermögens verwendet haben.

Der Glaube, daß der ihm von den Sternen verkündigte Haupttreffer ihm gar nicht entgehen könne, war bei ihm zu solch einer unbedingten Gewißheit geworden, daß er mit der größten Seelenruhe dem Verfallstermine einer für einen hiesigen Cavalier, den Grafen B., übernommenen Bürgschaft für eine Summe, die sein Ver­mögen fast noch übersteigen soll, entgegensah, Freunde aufforderte, getrost auf seinen zu machenden Gewinnst die größten Wetten einzugehen, ja sogar bei eini­gen hiesigen Bankiers angefragt haben soll, ob sie diesen noch zu machenden Ge­winnst nicht im Voraus diskontiren wollen.

Da kam endlich der Ziehungstag und – die Sterne hatten gelogen! Den Seelenzu­stand des unglücklichen Mannes zu ermessen, dürfte wohl schwer seyn. Was viele seiner Freunde in dem nun eingetretenen Falle, daß Vogt endlich den Beweis der Nichtigkeit seiner Prophezeihung erhalten werde, befürchteten, Wahnsinn oder Selbstmord, hat sich leider bewahrheitet.

Man kann wohl annehmen, daß Vogt in einem unzurechnungsfähigen Gemüthszu­stande die unselige That ausführte. Er hinterläßt eine seit langer Zeit schwer kran­ke Gattin und fünf Kinder. Was die erwähnte von ihm für den Grafen B. geleistete Bürgschaft anbetrifft, so dürften vielleicht doch Anhaltspunkte sich finden lassen, welche die Rettung wenigstens eines Theiles des Vermögens für seine Hinterblie­benen ermöglichen.

Der Bayerische Landbote Nr. 128. München, Montag, den 7. Mai 1860.


17-HZ-10* (Vogt)