Der Bayerische Landbote (14.10.1842) / t_1791

Notizen über Kunst.

Xaver Mayr.

(Schluß.)

Gleichwohl verging kaum ein einziges Jahr, in welchem Xaver Mayr nicht durch die glückliche Lösung einer neuen, größeren Aufgabe seine Tüchtigkeit frisch erprobt, sich als denkenden umsichtigen und bühnengewandten Künstler bewährt hätte. Es hieße jedoch die Aufmerksamkeit unserer Leser absichtlich ermüden, wollten wir alle einzelnen Rollen der Reihe nach aufzählen, die sich für diese Be­hauptung als Beweise anführen ließen. Zudem liegt der letzte Abschnitt der Thätig­keit Mayr’s der Erinnerung aller Theaterfreunde noch so nah, daß es kaum mehr als flüchtiger Andeutungen bedarf. Wir gedenken deshalb zum Schluß noch seines Aeiplers, seines Ballandard, seines trefflichen Gianuettino Doria, seines Astragalus, und zwar des letzteren als einer Rolle, in der er ursprünglich sehr würdig neben Rai­mund gestanden hatte, und die ihm seinen letzten Triumph bereiten sollte, indem er in derselben noch kurz nacheinander am 19. und 28. August mit lautem Beifall belohnt und gerufen wurde. Zwar trat er noch an zwei späteren Abenden auf, zum letzten Mal am 1. September als Horatio neben Rott in Shakespeare’s Hamlet, aber in dieser Rolle schon krank im vollsten Sinne des Wortes.

Was unsere Bühne an Xaver Mayr verloren, zweifelsohne wird sie selbst es am längsten empfinden; denn gerade Schauspieler seiner Gattung sind anerkannt am schwierigsten zu ersetzen. Aber wir haben am 1. Oktober nicht nur dem verdienten Künstler die letzte Ehre erwiesen, wir erzeigten sie auch dem Ehrenmanne, dem Menschen von seltener Tüchtigkeit; denn beides war Xaver Mayr im vollsten Sinne des Wortes.

Wie sehr der Verewigte zunächst bemüht gewesen seyn müsse, seine Stellung in je­der Beziehung auszufüllen, allen an ihn gemacht werdenden Ansprüchen zu genü­gen, sich um die Anstalt, welcher er seine Kräfte gewidmet, möglichst verdient zu machen, das erhellet wohl am sichersten aus der Würdigung seines Strebens unter vier aufeinander folgenden Intendanzen. Unwahr wäre, nicht zuzufügen, daß er mit wohl allen seinen Collegen das letztvergangene Halbjahr in Bezug auf die hier an­gedeuteten Verhältnisse als die schönste Periode in einer langen Zeit bezeichnete. Mit wie gutem Glück er ferner jene großen und kleinen Fehler zu vermeiden wuß­te, die sich so gern zwischen Schauspieler und Schauspieler stellen, um ihnen gele­gentlich das Leben zu erschweren, oder sich selbst ihren Beruf zu verleiden, und vor Allem dem Gedeihen der Bühnenanstalten hinderlich zu werden, das ist allbe­kannt, nicht minder, daß ihm sein redliches Herz, sein frenudlicher Wille und ein ge­sunder Takt dabei bestens förderlich seyn mußten. Was er endlich als Freund dem Freund habe seyn wollen und was als Familienvater den Seinigen, dafür erinnern wir an das innige Band, welches ihn an Eßlair geknüpft hat bis an des großen Mi­men Todesstunde, und an sein nie ernsthaft getrübtes eheliches und häusliches Glück durch volle dreizehn Jahre. Als es nicht nur für Viele zur Mode geworden war, um Eßlair sich nicht mehr besonders zu bekümmern, sondern für Manchen so­gar zur traurigen Nothwendigkeit, gerade da stand Xaver Mayr dem Verlassenen so befreundet nah, wie der Jünger dem Meister, der angehende Mann dem betag­ten Greis nur je zu stehen vermag. Und auch den Seinigen war er nie wärmer zu­gethan, als wenn sie seiner eben am dringendsten bedurften.

Wir würden nur Allbekanntes wiederholen, wollten wir dem zufügen, wie sehr Vor­gesetzte, Collegen, Freunde, und nicht minder das große Publikum unsern zu früh verstorbenen Xaver Mayr nach seinem Tod geehrt haben. Möge die Erde ihm leicht und sein Andenken unter uns noch lange ein freundliches seyn!

Der Bayerische Landbote No. 287. München, den 14. Oktober 1842.


15-07-01 (Mayr)