Der Bayerische Landbote (12.10.1842) / t_1790

Notizen über Kunst.

Xaver Mayr.

(Fortsetzung.)

Die erste Rolle, in welcher Xaver Mayr auf der Bühne des Hof- und Nationalthea­ters entschiedenen Beifall erntete, war jene des Fridolin im gleichnamigen Schau­spiel von Holbein; doch gefiel er um jene Zeit auch besonders als Eduard in dem damals so beliebten Stück »Das Mädchen von Marienburg,« als Stern in dem Gu­bitz’schen Lustspiel »Die Talentprobe,« als Babylas im Castelli’schen Drama »Die Waise und der Mörder,« als Rose in dem Schauspiel »Reue und Ersatz« von Vogel, als Heide in dem Lustspiel »Die Neugierigen« von L. Schmidt, als Esquire Harris in dem Beck’schen Schauspiel »Rettung für Rettung,« als Ritter Hans von Treuenstein in dem Holbein’schen Ritterschauspiel »Das Turnier zu Kronstein,« als Hauptmann Peinbek in dem Lustspiel »Der todte Gast« von L. Robert, und wohl noch in man­cher anderen Rolle. Gewiß ist, daß er sich schon in jener Zeit, die seine eigentliche Bildungs- und Entwicklungsperiode hätte seyn sollen, zu vielfach beschäftigt sah, um einzelnen Kunstzweigen seine ganze Kraft und seine vollen Studien widmen zu können. Indessen blieb das Fach jugendlicher Liebhaber und noch mehr jenes der Naturbursche dasjenige, in welchem er sich vorzugsweise gern verwenden ließ und in dem er einer beifälligen Aufnahme und Anerkennung seiner Leistungen vornher­ein am sichersten seyn konnte. Darüber verging aber Tag um Tag und Jahr um Jahr, ohne daß sich in seinen Verhältnissen und Beziehungen eine wesentliche Aende­rung ergeben hätte. Zu einem endlichen Ausflug in die Ferne mußten ihn Freunde und theilnehmende Gönner fast nöthigen, so sehr war ihm die Erfüllung seiner Be­rufspflichten das Erste, dem er nachstrebte, so wenig lag ihm bei allem Ehrgefühl und bei der größten Freude über jede ihm zu Theil werdende Gunst des Publikums an der sogenannten auswärtigen Künstler-Renommée, und so gerne mißtraute er auch sich und seinem guten Glück in schwachen Stunden. Selbst der erste überaus glückliche Erfolg änderte in dem Allen nichts. Mayr wurde nämlich in Linz, wohin er jenen Ausflug im September 1830 gemacht hatte, so wohlwollend und auszeich­nend aufgenommen, daß vielleicht mancher Andere an seiner Stelle mit der Miene und Haltung des Triumphators heimgekehrt wäre. Er trat an sechs Abenden auf der dortigen Bühne auf,*) und wurde an jedem mit dem rauschendsten Applaus für sein gutes Spiel belohnt, auch jedesmal, und mitunter wiederholt, einstimmig gerufen. Die freundlichste Erinnerung an jene Tage mag ihn wohl nie verlassen haben, aber zu einer größeren Kunstreise konnte sie ihn doch nicht veranlassen. Nach München zurückgekehrt, war er vielmehr wieder unablässig thätig unter dem alten Wechsel zwischen eben so wichtigen als schwierigen Rollen und zwischen solchen von nur geringer oder winziger Bedeutung. Nie krank, nie unaufgelegt, vielmehr stets zur Erfüllung der eignen Pflichten und auch zur Aushilfe für Andere bereit,**) ist’s kein Wunder, wenn wir ihn fast bei allen Darstellungen auf dem Gebiet des recitirenden Schauspiels und gelegentlich selbst in Opern u. dgl. m. beschäftigt sahen. »Aber er war eben so brauchbar, – äußerte sich einer seiner Collegen jüngst gegen den Refe­renten,- daß man jede seiner beiden Hälften wieder gerade so oft verwendet ha­ben würde, hätte man ihn anders nur erst theilen können.« Ein großes Lob zugleich für den Verewigten, und zugleich der nöthige Fingerzeig für diejenigen, welche die Erscheinung erklärt wissen wollen, daß Xaver Mayr bei seinem schönen Talent, bei seinen guten Studien, bei seiner leichten Auffassungsgabe, endlich bei seinem un­ermüdlichen Fleiß, sich doch nicht aus seiner bescheidenen Stillung emporarbeiten, nicht zu jenem Kunsthöhepunkt gelangen konnte, zu dessen Erreichung es ihm doch an innerer und äußerer Kraft so durchaus nicht zu fehlen schien.

(Schluß folgt.)

*) Als Junker Hans in »Der Landjunker zum erstenmal in der Residenz,« als Hans Sachs in dem gleichnamigen Drama, als Anton in den »Jägern,« als Baron von Reut­heim im »Alpenröslein,« als Major von der Horst in »Mesnchenhaß und Reue,« als Sigmund in dem Lustspiel »Die beiden Grenadiere,« und als Peter in der Posse »Der Wittwer.«

**) Ließ sich Mayr doch am 1. März 1839 bewegen, die Rolle Eduard’s von Herder in den Schleichhändlern für einen Collegen aus dem Buch auf derr Bühne abzule­sen!

Der Bayerische Landbote No. 285. München, den 12. Oktober 1842.


15-07-01 (Mayr)