Der Bayerische Landbote (1.9.1868) / t_1837

Lokales.

Oeffentliche Bezirksgerichtssitzung

Den Gegenstand der Verhandlung bildete das stattgehabte Duell zwischen den po­lytechnischen Schülern Joseph Pflieger 161½ Jahre alt, Bräubeamtenssohn von München und dem Landkommissärssohn Casimir Ottmann, 20 Jahre alt, aus Spey­er, welches Letzterem leider das Leben kostete. Der Sachverhalt, wie ihn die öffent­liche Sitzung ergab, ist folgender: Pflieger und Ottmann befanden sich beide seit Herbst vorigen Jahres auf der polytechnischen Schule in München und kontra­hirten nach studentischer Sitte gegen Ende vorigen Jahres in der Weise, daß Pflie­ger den Ottmann einen dummen Jungen nannte und Ottmann dagegen den Pflie­ger eine Forderung auf einen Gang Schläger ohne Mütze zuschickte. Das Duell fand regelrecht in Gegenwart von vielen Zuschauern statt und kamen beiderseits Verwundungen vor, und wurde auch der Gang vollständig ausgehalten. Ottmann erhielt hiebei 3 Kopfverletzungen und war bei zwei derselben die Beinhaut von dem Schädelknochen beiläufig erbsengroß abgelöst. Ottmann, welcher sich bis zum 16. März 9 Tage nach dem Duell, den ärztlichen Anordnungen fügte, fing je­doch an, im weitern Verlauf der Zeit den ärztlichen Rath bei Seite zu setzen, sah ge­gen die Vorschrift des Arztes zum Fenster hinaus, studirte und ging sogar noch am 16. März unter Tags und Abends auf die Kneipe. Schon am Abend des nächsten Ta­ges stellte sich Schüttelfrost und Fieber ein, die Wunde und deren Umgebung ver­schlechterten sich und hatten auch schon am 24. März den Tod zur Folge. Nach ärztlichem Gutachten ist nun als Ursache des Todes Gehirnhautentzündung und Py­ämie festgestellt, welche beide Krankheiten für sich schon den Tod verursachen und ist zwar die Möglichkeit zugegeben, daß die Krankheit schon durch die Ver­wundung selbst herbeigeführt wurde, jedoch erschien es unwahrscheinlich, daß dieselbe zum Tod geführt hätte, wenn nicht der Verwundete durch sein eigenes Verfahren gegen den Willen des arztes sein Leben auf so grobe Weise der Gefahr ausgesetzt haben würde. Unter diesen Umständen ersah das Bezirksgericht hierin nur ein Vergehen des vollzogenen Zweikampfes und sprach gegen Pflieger eine 21tägige auf einer Festung zu erstehende Gefängnißstrafe aus. Bemerkenswerth erscheint hiebei, daß Pflieger zu der Zeit, als die Forderung zum Duell – nemlich Ende vorigen Jahres – an ihn gelangte, erst 15 Jahre 10 Monate alt war, hätte das Duell sofort oder noch vor dem erreichten 16. Lebensjahre stattgefunden, so wäre nur eine Uebertretung des Zweikampfes vorgelegen. Die Verzögerung im Duell hatte ihren Grund darin, daß Pflieger ein Linkschläger ist und Ottmann sich deßhab längere Zeit für diesen Zweikampf einübte.

Der Bayerische Landbote No. 245. München; Dienstag, den 1. September 1868.


19-03-28 (Löffelholz & Ott & Ottmann)