Das Tage-Buch (24.9.1921) / t_1813

TONI KELLEN

ADELE SPITZEDER UND DIE DACHAUER BANKEN

Krach der Wettkonzerne bringt die Erinnerungen an ähnliche Schwindelunterneh­mungen, die auf der immer wieder unterschätzten Massendummheit aufgebaut sind. Die Banken der Rosa Spitzeder haben vor fünfzig Jahren das gleiche Schicksal gehabt wie heute die Unternehmungen des Max Klante.

Adele Spitzeder war ein Theaterkind. Schon ihr Großvater war Schauspieler gewe­sen. Ihr Vater war einer der besten Baßbuffosänger in Wien und Berlin. In zweiter Ehe war er verheiratet mit Betty Vio, der Tochter des italienischen Baßisten Fran­zesco Vio, die ebenfalls schon früh zur Bühne gekommen war. In Wien hatte sie Protektion bei reichen Gönnern gefunden. Fürst Dietrichstein hatte sie ausbilden lassen. Adele ist vielleicht die uneheliche Tochter ihrer Mutter und eines wohlha­benden Freundes gewesen.

Sie war 1832 in Berlin geboren und debütierte 1856 in Koburg als Deborah und als Maria Stuart. Später war sie in Mannheim, München, Brünn, Nürnberg und Frank­furt a. M. tätig. Nachdem sie sich in Zürich als Sängerin versucht hatte, ging sie nach Karlsruhe und spater nach Altona. Es war also das übliche Wanderleben einer mittelmäßigen Schauspielerin. Ihr Talent scheint nämlich nicht sehr bedeutend ge­wesen zu sein, wenn auch Laube sich wiederholt anerkennend darüber geäußert hat. Zuletzt gehörte sie den Münchener Vorstadt-Theatern an.

Sie führte ein galantes Leben, in einer ihr gewidmeten Broschüre schreibt Reinhold Vonkirch schon 1872: Adele Spitzeder scheint auch mit Amor, dem lieblichen Kna­ben, geäugelt zu haben: wenigstens nennen die Annalen von Wieshaden eine Ade­le Spitzeder aus München, die vor einigen Jahren in der Schar jener weiß oder rot angestrichenen durchdringend duftenden Vögel gesehen worden sei. Ja, wie man weiß, in den Spielsälen umherflattern und schwirren und so zahm sind, daß sie sich mit der Hand greifen lassen. Und mehr als ein Vogelsteller soll am Ende wehmutig gezwitschert haben:

»Du hast mich zu Grunde gerichtet.
Adele, was willst du noch mehr?«

Schon als Schauspielerin befaßte die Spitzeder sich mit allerlei Geldgeschäften und zwar hauptsächlich mit der Vermittelung von Darleben. Sie kannte zahlreiche leicht­lebige Herren, mit deren Zahlungsfähigkeit es nicht besonders gut bestellt war und die deshalb gern 40, 60, 80, ja 100 Prozent Zinsen für ein Darlehen bezahlten. An­dererseits erwartete sie, daß es genug Leute gibt, die gern solche Prozente ein­nehmen, aber durch ein gewisses Schamgefühl abgehalten werden, mit solchen Kunden unmittelbar zu verkehren. Hier schob sich die Spitzeder als Vermittlerin ein, und ihre Geldgeschäfte scheinen in ihr die Idee zu der spater von ihr errichteten Dachauer Bank geweckt zu haben. Die Darlehensgeschäfte allein hätten aber nicht einen so großen Umfang annehmen können, wie sie es bei ihrer Bank erreichte. Sie legte vielmehr den Hauptwert darauf, das Geld all jener Leute an sich zu ziehen, die auf hohe Zinsen spekulierten. War das Geschäft einmal im Gange, so lag für eine geriebene Person, wie es die Spitzeder zweifelsohne eine war, der Gedanke nahe, die Wucherprozente aus den angebotenen und einlaufenden Kapitalien zu bezahlen und dadurch den Strom derselben in ihre Kasse zu lenken. Die brauchte ja nur durch irgend einen Strohmann einen Wechsel acceptieren zu lassen und dem Käufer desselben einen Teil seines eigenen Geldes als Zins zu bezahlen. Kam der Verfalltag, so wurde der Prolongationszins oder nötigenfalls der Betrag des Kapi­tals selbst aus neuen Einlagen bestritten. Sobald dieser Schritt einmal getan, war die Dachauer Bank im kleinen fertig.

Die Zeit war damals für solche Geschäfte günstig. Die französischen Milliarden hat­ten sich nach Deutschland ergossen und die Gründertätigkeit befruchtet. Man leb­te in einem Spekulationstaumel, und jeder wollte möglichst schnell reich werden. Nun verbreitete sich in München unter der Hand das Gerücht, die Adele Spitzeder zahle die höchsten Prozente, einzelne versicherten aus eigener Erfahrung, daß sie für 100 fl. monatlich 10 Prozent erhalten hätten, und außerdem sei das Kapital si­cher angelegt, denn sie hatten es versuchsweise zurückgezogen und prompt aus­bezahlt bekommen. Die Sache sei auch ganz natürlich, denn während die Spitzeder 10 Prozent zahle, verlange sie von ihren Schuldnern 15 bis 18 Prozent, so daß sie selbst immer noch ein gutes Geschäft mache. Außerdem wurde herumgeflüstert, dieser oder jener Herzog oder Prinz in Bayern habe der Spitzeder 100,000 Taler oder noch mehr anvertraut, damit sie den Juden Konkurrenz mache. Überhaupt habe sie so hoch hinaufreichende Verbindungen, daß sie gar nicht zu ruinieren sei.

So war es der Spitzeder möglich, 1871 eine eigene Bank in der Dachauer Straße zu gründen, und darnach wurde ihr Unternehmen die Dachauer Bank genannt. Der Name hatte aber auch noch einen anderen Sinn: Die Dachauer Bauern waren näm­lich ihre ersten auswärtigen Kunden. Und das kam so: Die Spitzeder sah wohl ein, daß wenn sie einmal die in München verfügbaren Kapi­talien aufgesaugt hätte, sie gar nicht mehr in der Lage wäre, jährlich 120 Prozent Zinsen zu bezahlen. Sie muß­te deshalb darauf bedacht sein, ihren Betrieb auswärts zu erweitern, um immer neue Kapitalien anzuziehen. Dazu mußte sie die bayrischen Bauern für sich zu ge­winnen suchen, und da diese katholisch sind, gab sie sich als besonders fromme Dame aus, obwohl sie gerade das Gegenteil einer solchen war. Sie trug um den Hals ein großes Kreuz aus massivem Golde, ging eifrig in die Kir­che und nahm an allen religiösen Feiern teil. Den Geistlichen, die Geld brauchten, gab sie Darlehen zu billigsten Zinsen, schenkte den Kirchen und den frommen Ver­einen Geld für ihre Bedürfnisse, und so kam sie bei den Bauern in den besten Ruf. Zuerst bearbeitete sie die Gegend von Dachau, einem einige Stunden von Mün­chen entfernten Land­städtchen. Die Bauern gewannen ein solches Zutrauen zu der frommen Adele Spit­zeder, daß sie willig ihr Geld nach München trugen, wo sie 120 Prozent Zinsen da­für erhielten.

Die schlaue Adele wußte sich auch die Presse dienstbar zu machen. Obschon Mün­chen damals schon eine Stadt von 170,000 Einwohnern war, gab es dort wohl keine bedeutende Zeitung. Die katholischen Blätter, das »Bayrische Vaterland«, der »Volksbote« und der »Bayrische Kurier« waren so kurzsichtig, für die Dachauer Bank zu arbeiten, aber auch die nichtkatholischen Blätter wie der »Süddeutsche Te­legraph«, der »Freie Landbote« und das »Extrablatt« öffneten ihr ihre Spalten, denn Spitzeder verlangte nichts umsonst. Vielleicht noch schlimmer war es bei den Lokalblättchen, die zumeist von Leuten von sehr geringer Bildung und sehr frag­würdiger Zuverlässigkeit hergestellt wurden.

Das Geschäftsverfahren der Dachauer Bank war sehr einfach. Für jede Kapitaleinla­ge stellte sie einen Wechsel mit der Klausel »nicht an Ordre« aus, der also nicht in Umlauf gesetzt werden konnte, und am Verfalltag in den meisten Fällen nicht zur Zahlung, sondern zur Verlängerung präsentiert wurde. Durch diese Vorsichtsmaßre­gel schützte sich die Spitzeder vor einer plötzlichen Überrumpelung und den mas­senhaften Andrang solcher Wechselinhaber, die nicht an die Solidität des Geschäf­tes glaubten und deshalb den Betrag der Wechsel hätten erheben können, um ihn nicht wieder einzulegen. Um andererseits im Falle eines Zusammenbruches ihren guten Glauben nachweisen zu können, gewährte sie einzelnen Herren mit vorneh­men Namen, aber von sehr geringer Kreditwürdigkeit Darlehen, für die sie Schuld­scheine mit außerordentlich hohen Beträgen ausstellen mußten.

Auf diese Weise glaubte die Adele Spitzeder gegen jede Gefahr gesichert zu sein. Das Publikum war übrigens so vertrauensselig, daß sie sich selbst darüber wunder­te. Nicht bloß Bauern, sondern auch Arbeiter und Dienstboten leerten ihre Spar­kasse, um ihr Geld nach München zu bringen. Ja, es gab Bauern, die ihre Höfe ver­kauften oder mit hohen Hypotheken belasteten, um der Dachauer Bank ihr Geld anzuvertrauen. Mit einem Kapital von 1000 fl. konnte man sich ja eine Jahresrente von 1200 fl. verschaffen und damit konnte damals eine Familie in München und noch mehr auf dem platten Lande ganz gut leben. Im Laufe von zwei Jahren brach­ten etwa 30,000 Kunden der Adele Spitzeder 8½ Million Gulden. Das Geld ging so massenhaft ein, daß die Spitzeder in ihrem Geschäftszimmer eine hölzerne Rutschbahn anbringen ließ, auf der das Gold, das Silber und Banknoten wie Kartof­feln in den Keller hinabgelassen wurden. Das imponierte natürlich den Bauern. Das Geld blieb aber nicht im Keller liegen, denn die Adele Spitzeder kaufte sich in Mün­chen 16 Häuser, ferner auf dem Lande Villen, Felder und Wälder. Sie legte sich eine Gemäldesammlung zu, protzte mit Diamanten und Kostbarkeiten, hielt sich Equipa­gen und schöne Pferde, sowie zahlreiche Livree-Bediente.

Um ihren glänzenden Erfolg wurde sie vielfach beneidet, und so entstanden ihr bald allerlei Konkurrenten, die auf derselben Grundlage Banken errichteten. Eine Pauline Dosch z. B. nahm in wenigen Wochen 300,000 fl. ein. Als Gründer anderer Dachauer Banken erwähnt Reinhold Vonkirch einen gewissen Herb, einen Grafen Holnstein und eine Wally Fischer. Die Behörden sahen dem Treiben lange tatenlos zu. Erst als sich die öffentlichen Sparkassen immer mehr leerten und der Schwindel geradezu zu einer nationaler Kalamität geworden war, sah sich die Regierung Ende 1872 veranlaßt einzuschreiten. Zuerst erließ sie eine Warnung in einem Erlaß, in dem sie auf den bevorstehenden Zusammenbruch der Dachauer Banken hinwies. Merkwürdigerweise verteidigten einige Zeitungen die Spitzeder, indem sie erklär­ten, diese sei vollständig solvent, habe bis zur Stunde ihre Wechsel eingelöst, besit­ze an Mobilien und Immobilien so und so viel usw. Dr. Sigl behauptete in seinem »Bayrischen Vaterland«, alle Angriffe gegen die Spitzeder seien Ausflüsse des Nei­des der Juden, Freimaurer und Preußen, die dieser Dame ihren Verdienst nicht gönnten und die nicht leiden wollten, daß auch die kleinen Leute einmal hohe Pro­zente verdienten. Hierauf antwortete die Regierung mit einem zweiten Erlaß, in dem sie vor allen Dachauer Banken, welche Namen sie auch führen mochten, warn­te, da die auf dem schwindelhaften Grundsatz beruhten, die Zinsen mit den einlau­fenden Kapitalien zu bezahlen. Man muß sich nur wundern, daß die Regierung nicht früher einschritt, da ihr dieses bekannt war. Jetzt erst sahen sich einzelne Wechselgläubiger veranlaßt, auf eine Untersuchung des Vermögens der Spitzeder zu dringen. So mußten sich die Gerichte damit befassen, und die Vermögensunter­suchung lieferte solche Ergebnisse, daß man die Spitzeder vorläufig in Zivilhaft nehmen mußte. Schon nach wenigen Tagen wurde diese in Kriminalarrest wegen betrügerischen Bankerotts umgewandelt, weil sich eine große Überschuldung her­ausgestellt hatte. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, daß Dr. Sigl mit einer Revolution drohte, wenn »die Juden, Freimaurer und Preußen« es wagen soll­ten, gegen Adele Spitzeder, die Wohltäterin des Volkes, einzuschreiten, und daß er versuchte, die Landleute von der Anmeldung ihrer Forderungen ahzuhalten, um den Nachweis der Überschuldung unmöglich zu machen. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, daß in der Bank noch 70,000 fl. vorhanden waren. Außerdem fand man an den verschiedensten Stellen Geld, so z. B. 1000 fl. in einem Ofenloch, die jedenfalls von einem betrügerischen Bedienten dort versteckt worden waren. Die ganze Buchführung der Bank war nämlich so unordentlich, daß Veruntreuungen der Angestellten eigentlich selbstverständlich scheinen mußten!

Am 20. Juli 1873 wurde Adele Spitzeder wegen betrügerischen Bankerotte zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch einige Konkurrenzbanken waren geschlossen worden, und ihre Gründer erhielten ebenfalls Zuchthausstrafen.

Die Mutter der Adele Spitzeder war in Berlin die Nachfolgerin der Henriette Son­tag gewesen. Später hatte sie in Graz ein zweites Mal geheiratet und war zuletzt in Wien noch am Theater tätig. Sie hatte noch den glanzvollen Aufstieg ihrer Tochter erlebt da sie erst 1872 starb. Adele selbst verbüßte ihre Strafe und bieb in Mün­chen wohnen, trotz der schmerzlichen Erinnerungen, die sie mit dieser Stadt ver­knüpften. Dort starb sie am 28. Oktober 1895 im Alter von 63 Jahren.

Toni Kellen: Das Tagebuch, Heft 38. Berlin, 24. September 1921.


18-14-26 (Maurer-Spitzeder & Schmid & Spitzeder)