Conversations-Lexikon für Bildende Kunst (1848) / t_807

von Freyberg, Elektrine, geb. 1797 zu Strassburg, † am 1. Januar 1847, war die Tochter des Landschaftsmalers Johann Stuntz, der 1808 von Strassburg nach Mün­chen übersiedelte, bildete sich früh unter väterlicher Leitung zur Künstlerin, be­suchte 1821-22 Italien, wo infolge ihrer Anschauung der Werke Raffaels und andrer Heroen der Malerei ihr Sinn für religiöse Kunst zur Reife gedieh, und entfaltete dar­auf bald eine solche Kunstkraft, dass sie als Historienmalerin zu den vorzüglichsten künstlerischen Namhaftigkeiten, welche je in der Frauenwelt erstanden sind, ge­zaählt werden konnte.

Mit ihrer Kunstbegeistrung verband sich aber aufs Schönste das zarteste weibliche Liebegefühl, das ihrem Leben und Streben den poetischen Hauch verlieh.

Nach einer durch viele Hindernisse schwergeprüften und beiderseits mit deutschro­mantischer Treue bewahrten Liebe vermählte sich Elekrine Stuntz in den ersten Zwanzigern des Jahrh. mit dem Freiherrn Wilhelm von Freyberg, mit dem sie in München sowie auf ihrem väterlichen Erbe, dem unweit der Stadt liegenden Land­gütchen zu Thalkirchen, das zur »Villa Freyberg« verschönert ward, das gemüthlich befriedetste Leben führte, bis sie endlich in ein Körperleiden verfiel, dem sie unter allgemeiner Betraurung erlag.

In Ihren Bildern wusste sie mit jugendlicher Anmuth und Wahrheit die zartesten Ge­fühle zu schildern. In der Leuchtenbergschen Gall. zu München ist Ihre wunderschö­ne Schilderung des »Frauenbesuchs am Grabe des Heilands.« Den heil. Frauen ver­kündet der auf dem Rande des geöffneten Grabes sitzende Engel die fröhliche, kaum glaubliche Botschaft; die eine der Frauen, deren aufgelöstes Haar die Eile ih­rer Annäherung bezeichnet und die das Salbengefäss in Händen hat, sinkt am Gra­be in stiller Freude nieder, während die beiden andern noch wie zweifelnd daste­hen. (Verbreitet ist dies Bild durch eine Steichzeichnung von Nep. Strixner.) In ders. Gall. ist von ders. Künstlerin eine anmuthreiche Muttergottes in halber Lebensgrös­se. Die schöne Madonna erscheint beseligt im Anblicke des göttlichen blonden Kin­des, das vor ihr steht und in ebenso milden als kräftig warmen Fleischtönen gehal­ten ist.

Edel ist auch ihr kleines Brustbild einer betenden Madonna und ein Wonnebild der Mutterliebe bietet die Madonna in der Rebenlaube, wo sie das Kind auf ihrem Schoose hält, welches den vor ihm stehenden kleinen Johannes liebkosend um­fängt. Sinnend und voll inniger Freude ruht der Blick der Mutter und jedes Be­schauers auf der schönen Gruppe. (Auch Volksstücke kennt man von Elektrinens zartem Pinsel, z. B. das lieblich naive Bild des flötenden Hirtenhuben.)

Eigenthümlich ist Elektrinens Gemälden der mehr oder minder bräunliche Ton, in welchem dieselben wie in einem zarten Grundtone gehallen sind. Der Ruf ihrer Leistungen erwarb der Malerin, als sie in Rom verweilte, die Ehrenmitgliedschaft der Akademie von San Luca.

Valentin Schertle lithographirte nach ihr die Mad. mit dem Kinde, welche Hr. von Eichthal zu München besitzt; U. Köhler lithographirte eine Charitas, und die Meiste­rin selbst zeichnete auf Stein eine knieende Muttergottes.

Friedrich Faber: Conversations-Lexikon für Bildende Kunst. Leipzig, 1848.


AA-24 (Freyberg & Freyberg-Eisenberg)