Conversations-Lexikon für Bildende Kunst (1833) / t_857

Haller, Familienname einer ansehnlichen Reihe von Künstlern und Kunstfreunden. Ein Hans Haller blühte in den letzten Dezennien des 15. Jahrh. als Geschicht- und Bildnissmaler zu Ulm, wo er ein Eccehomo für das deutsche Haus und eine Tafel uns unbekannten Inhalts für das Münster malte. Ein Andreas Haller war im Anfange des 16. Jahrh. kunstthätig zu Brixen. Seinen Namen mit dem Dat 1513 führt ein Wandelaltar mit Flügeln im tirolischen Nationalmuseum zu Innsbruck. Ein Filipp Hal­ler von Innsbruck, geb. 1698, gebildet unter Pifazetta zu Venedig, gest. in der Va­terstadt 1772, lieferte in der Manier seines Meisters viele Altarbilder und hinterliess auch Bildnisse sowol in Oel als in Pastell, die zum Theil ihr Verdienst haben. Ein Franz Haller von Passeyer wird in den Siebzigern des 18. Jahrh. als Kirchenmaler zu Neustift im Stubay thätig gefunden. Ein Josef Haller von Innsbruck, gebildet unter Langer zu München, dann kunstbeflissen zu Wien, hat sich ebenfalls als Geschicht­maler, und zwar als warm und kräftig kolorirender, bethätigt.

Höhere Bedeutung hat jedoch nur Johann Nepomuk Haller, der Bildhauer, gewon­nen. Dieser treffliche Künstler, geb. zu Innsbruck 1792, hatte die Kunstlaufbahn bei einem Vetter zu Imst begonnen, wo er der Holzschnitzerei zugeführt ward. Nach­dem er noch bei einem andern Holzbildner gearbeitet, kam er im J. 1810 nach München, wo er sich in der Akademie im Zeichnen und Modelliren ausbildete und bald die Aufmerksamkeit der Professoren und des Kronprinzen Ludwig erregte. Nach dreijährigem Kursus empfing er den akademischen Preis durch seinen The­seus, der den Felsen aufhebt, um unter demselben seines Vaters Sandalen zu fin­den.

König Max Josef bestellte nun bei Johann Haller die Figuren, welche seinen Krö­nungswagen schmücken sollten; Kronprinz Ludwig aber beauftragte 1817 den jun­gen Bildner mit den Kolossalstatuen, womit die Nischen der Vorderseite der 1816 fundamentirten Glyptothek besetzt werden sollten. Um dieselbe Zeit arbeitete Hal­ler die beiden Karyatiden an der Königsloge des neuen Hoftheaters und die sand­steinene Gruppe des Kindes auf dem Delfin, welche im Hofgarten zu Nymfenburg ihren Platz fand. Im J. 1818 übertrug Kronprinz Ludwig dem talentvollen Tiroler auch die von Martin Wagner angeordneten Figuren des Giebelfeldes der Glypto­thek; diesen Auftrag aber erhielt Haller zugleich mit der mittelbegleiteten Wei­sung, die Arbeit binnen fünf Jahren in Rom auszuführen. Hier anlangte er im März 1819. Zuvörderst hatte er noch zwei Kolossalfiguren für die Nischen der Glypto­thek zu arbeiten; dann ging er, neben Beschaffung mehrer Büsten, zu den Modellirungen für das Giebelfeld über.

Indess verhinderten ihn missliche Körperzustände die ihm gestellte Aufgabe in Rom zu erfüllen, und so kehrle er nach München zurück, wo er nun, in vaterländi­scher Luft sich wieder besser fühlend, zunächst noch einmal die Kaneforen an der Königsloge zu meiseln hatte, da die ersten bei dem Theaterbrande zugrundgegan­gen waren. Nach dieser ins Jahr 1823 fallenden Arbeit schuf er mehre Riesenbüs­ten berühmter Männer und verschiednes Andre für öffentliche Gebäude, sowie er auch noch drei Giebelfiguren ins Grosse modellirte. Inzwischen verfiel der Künstler neuem Siechthum, von welchem der Tod ihn am 23. Juli 1826 für immer erlöste.

Haller schied dahin, als er eben durch seine im Fluge weniger Jahre errungnen Kunsterfolge zu den grössten Hoffnungen berechtigte. Sein Genius war dem Heroi­schen zugewandt; namentlich werden seine Kolossalbüsten beredte Zeugen blei­ben von seinem ins Gewaltige gehenden Stil. Doch hat er gelegentlich auch ge­zeigt, dass ihm der Ausdruck des Zartern nicht ausser Bereich lag. Ein Beispiel da­für bietet die um ihre Kinder trauernde Erdmutter in jenem Basrelief im Göttersaale der Glyptothek, welches den Sturz der Giganten versinnlicht.

Seine für das Giebelfeld der Glyptothek modellirten Figuren, wobei auch theilweis, wenn wir nicht irren, Ernst Bandel mitgeholfen, wurden nach seinem Tode zwar be­nutzt, aber nur mit theilweiser Umarbeitung durch Schwanthaler, Ernst Mayer und Johann Leeb in Marmor ausgeführt. Motivirt ward diese Umarbeit bei der Ausfüh­rung durch die etwas derbe und massenhafte, an Uebertreibung streifende Be­handlung, welche Johann Haller und sein ehemaliger Mitschüler, der ihm zuletzt ne­benthätige Bandel, den Modellen gegeben hatten.

Der Jahrbericht des Münchner Kunstvereins 1827 verzeichnet die Hallerschen Bild­werke in folgender Ordnung,
1) Werke vor seiner Romreise: die Marmorbüste des Fürsten Wrede; Gipsbüste des Kunstschullelters Langer; Marmorbüste Wilhelms III. v. England für die Walhalla; ko­lossalgipsenes Standbild des leidenden Filoktet; Kolossalstatuen des Hefästos und Prometheus, des Dädalos und Feidias für die Nischen der Glyptothekfasade;
2) Werke aus der Zeit seines Romaufenthalts: die Kolossalbilder des Perikles und des Hadrian für die Glyptotheknischen; Pallas Ergane für das Giebelfeld der Gl.; Büsten des Kronprinzen Ludwig und andrer Herren [erste nach Thorwaldsen];
3) Werke nach der Rückkunft aus Rom: das Basrelief ob dem linken Bogentheile über dem Hauptthor der Reitschule, darstellend den Lapithen- und Kentauren­kampf [nach dem Modell Martin Wagners, dessen Entwurf für den rechten Bogent­heil Lazzarini ausführte]; das Bildwerk Im glyptothekischen Göttersaale, welches den Jupitersieg über die Giganten darstellt [Gipsgebilde nach Peter Cornelius]; die zweiten Modelle zu den Kaneforen und Viktorien im neuen Theater; das Modell ei­ner Riesenviktorie für den Grafen Schönborn; drei Kolossalfiguren zur glyptotheki­schen Giebelfeldgruppe, der Former, der Bildhauer und der Erzgiesser; die Riesen­büste des Grafen Görz und die Gipsbüsten des Theofrast v. Hohenheim, des Ka­pellmeisters Winter, des Geschichtschreibers Westenreeder, des Optikers Frauen­hofer, des Baumeisters Klenze und des Malerheros Cornelius.

Conversations-Lexikon für Bildende Kunst. Leipzig, 1833.


05-01-20 (Haller)