Charakterbilder aus dem deutschen Bühnenleben (1887) / t_865

Zum ersten Male nach langer Zeit wurde am 6. Dezember des Jahres 1875 am Hof­theater in Karlsruhe Preciosa von Pius Alexander Wolff (Musik von Weber) gege­ben; aber nicht dieser Umstand war es, welcher die schaulustige Menge in dichtge­drängten Schaaren zu Thaliens Hallen zog, die allgemeine Spannung, mit welcher man der Vorstellung entgegensah, hatte vielmehr einen anderen Grund: die Titel­rolle wurde von der Opernsängerin Fräulein Johanna Schwartz gegeben, einer Künstlerin, welche zwar als Elsa von Brabant Rühmliches geleistet hatte, im Schau­spiel aber bis dahin noch nicht aufgetreten war. Das Urtheil der Kritik über diese Leistung, sowie über ihre Wiedergabe des Gretchen, welche jenem ersten schau­spielerischen Versuch bald folgte, lautete sehr günstig; ja, in Beziehung auf das Gretchen bekannte die Kritik, dass ihr für die richtige Würdigung einzelner Punkte geradezu die Worte fehlten. Das waren die schauspielerischen Anfänge einer Künstlerin, welche heute zweifelsohne zu den ersten unserer deutschen Bühne zählt.

Johanna Schwartz, welche aus Hamburg gebürtig ist und heute dem Verbande des Königlichen Schauspielhauses in Berlin angehört, trat zum ersten Male als »Agathe« im »Freischütz« im Jahre 1869 an der Berliner Hofoper auf, an welcher sie sofort auf 6 Monate engagiert wurde. Nach Ablauf dieser Zeit folgte sie einem Rufe nach Karlsruhe, wo sie bis zum Jahre 1881 verblieb. Die Zeit, welche sie in dieser Resi­denzstadt zubrachte, fiel für sie in denjenigen Lebensabschnitt, wo der Mensch für geistige Anregungen am empfänglichsten ist. In dem Verkehr mit Künstlern und Gelehrten gewann sie jenen starken Trieb, zu immer höherer Vollkommenheit zu gelangen, welcher neben der Idealität ihrer Gesinnung einen hervorstechenden Zug ihres Charakters bildet. Die vortrefflichen dramatischen Leistungen, mit denen die Künstlerin uns heute erfreut, sind nicht zu geringem Theil Früchte ihres Aufent­halts in Karlsruhe. Nahe Beziehungen zu den angesehensten Familien, namentlich zu der des Generalintendanten Baron Gustav zu Puttlitz, gaben ihr einen starken Halt und trugen wesentlich dazu bei, sie das Bühnenleben nur von der Lichtseite empfinden zu lassen. Da sie trotzdem natürlich in vieler Hinsicht auf sich selbst an­gewiesen war, so wurde das ihr von der Natur schon reichlich gegebene Mass von Selbstständigkeit und Energie – Eigenschaften, von deren Vorhandensein die Züge unseres Bildes beredtes Zeugniss ablegen – noch erheblich vermehrt.

Acht Jahre hatte Johanna Schwartz bereits an der Oper gewirkt, vom Publikum ge­achtet und verehrt, gern gesehen bei Hofe, als jener oben erwähnte Abend – durch eine Störung im Repertoir veranlasst – ihrer künstlerischen Thätigkeit eine durchaus neue Richtung gab. Zwei Jahre hindurch wirkte sie sowohl an der Oper, wie auch am Schauspiel, was manchen komischen Streit zwischen dem Intendanten der Oper und des Schauspiels hervorgerufen haben soll. Dieser Zustand war natürlich auf die Dauer unerträglich; entweder musste die Künstlerin sich auf die Oper beschränken, oder ganz zum Schauspiel übergehen. Sie entschloss sich zum Letzteren, nachdem sie sich durch das Urtheil Sachverständiger die Gewissheit verschafft hatte, dass sie hoffen durfte, als Schauspielerin Hervorragendes zu leisten. Sie fing ganz von vor­ne an zu lernen, befleissigte sich aber eines so rastlosen Studiums, dass sie schon nach Ablauf eines Jahres wieder auftreten konnte. Der grosse Erfolg, den sie ernte­te, zeigte, wie richtig sie gehandelt hatte.

Lange sollte ihres Bleibens in Karlsruhe nicht mehr sein. Am Schauspielhaus in Ber­lin war durch den Rücktritt der Frau Erhartt eine sehr empfindliche Lücke entstan­den. Es schien fast, als ob die ausgeschiedene Künstlerin nicht zu ersetzen wäre, denn die zahlreichen Gastspiele, die zu einem Engagement führen sollten, blieben erfolglos. Da kam Johanna Schwartz nach Berlin und siehe da – sie eroberte durch ihr dreimaliges Gastspiel als Maria Stuart, Gräfin Orsina und Jungfrau von Orleans sofort die Herzen des Publikums und errang sich den allseitigen Beifall der Kritik; Th. Fontane brach voll Freude in den klassischen Ausruf aus:

»Geendet nach langem, verderblichen Streit.
Ist die Erharttlose, die schreckliche Zeit.«

Johanna Schwartz wurde engagiert und kehrte also als Schauspielerin in denselben Verband zurück, in welchem sie als ihre Bühnenlaufbahn begonnen hatte.

Ausgangs der Saison 1881 nahm sie Abschied von der in Karlsruhe; wir entnehmen darüber dem »Berliner Fremdenblatte« Folgendes:

»Frl. Johanna Schwartz verabschiedete sich gestern als Jungfrau von Orleans.«
»Johanna geht und niemals kehrt sie wieder«
»Johanna sagt Euch ewig Lebewohl.«

Das Haus war bereits am frühen Vormittag ausverkauft und der ganze Abend war für die scheidende Künstlerin eine nicht endenwollende, stürmische Ovation. Schon nach dem Vorspiel sank auf die immer und immer wieder Hervorgejubelte ein förm­licher Regen von kostbaren Bouquets und Lorbeerkränzen mit prächtigen Schleifen nieder, und nach allen Scenen, Akten und zum Schluss wiederholte sich dies Schau­spiel im Schauspiel. Schon vor einigen Tagen hatte Frl. Johanna Schwartz Ab­schiedsaudienz bei Ihrer Königl. Hoheit der Frau Grossherzogin und heute nach der Vorstellung liess auch der Grossherzog durch den Generalintendanten Baron Gustav zu Putlitz die Künstlerin zu sich in die Loge bitten, wo dann der ganze Hof versammelt war und Frl. Johanna Schwartz mit Freundlichkeiten überschüttete. Als die Künstlerin dann die Bühne wieder betrat, um sich in ihre Garderobe zu bege­ben, hatte sich inzwischen das Gesammtpersonal des Hoftheaters dort vereinigt, Herr von Putlitz geleitete die erstaunte Künstlerin in den Kreis, der sich schnell bil­dete und Herr Schneider ergriff das Wort. Er wies darauf hin, was die Künstlerin dem Institute gewesen und den Kollegen sei, dass sie als Sängerin die hiesige Büh­ne betrat und nun als »Jungfrau von Orleans« sich verabschiedet; »Elsa von Bra­bant« – »Fenella« – »Gräfin Autreval« – »Maria Stuart,« mit diesen vier Gestalten sei ihre ganze hiesige Carriere bezeichnet. Im Namen Aller sage er der lieben Kollegin das herzlichste Lebewohl und als Ehrengabe von Allen weihe er der auserwählten Künstlerin den wohlverdienten Lorbeer.«

In Berlin setzte sie mit demselben Glück ihre Laufbahn fort; nie stille stehend oder ausruhend auf den so reichlich, auch bei ihren Gastspielen in Hamburg, Danzig, Stettin und Frankfurt geernteten Lorbeern, sondern stets darauf bedacht, ihre künstlerischen Ideale zu verwirklichen.

Aus der Einleitung zu: Gerhardt Penzler: Charakterbilder aus dem deutschen Bühnenleben. Heraus­gegeben von Gerhardt Penzler. Heft I. Johanna Schwartz, Königliche Hofschaupielerin. Berlin, 1887.


02-07-37 (Hanfstaengl & Schwartz)