Bühnenkünstler der Gegenwart (1902) / t_866

Hanfstängl, Johanna, geb. Schwartz, war ursprünglich Sängerin und trat zuerst an der Königlichen Oper in Berlin auf, wo sie Partien wie die Gräfin im »Figaro« und die Agathe im »Freischütz« innehatte. Nach einem halben Jahr nahm sie ein Enga­gement in Karlsruhe als jugendlich dramatische Sängerin an und füllte dies Fach acht Jahre hindurch aus. Trotzdem fühlte sie sich immer mehr zum Schauspiel hin­gezogen und der gute Eindruck, den sie als Preziosa und Gretchen im »Faust« hin­terließ, bestimmte sie einen vollständigen Wechsel in ihrer künstlerischen Tätigkeit eintreten zu lassen. Zwei Jahre hindurch war sie am großherzoglichen Hoftheater in Karlsruhe fürs erste Fach in der Oper wie im Schauspiel verpflichtet, dann ging sie 1880 an das Königliche Schauspielhaus nach Berlin, wo sie acht Jahre lang thätig war. Ihre Hauptrollen im Fach der Heroinen waren Iphigenie, Orsina, Maria Stuart, Jungfrau von Orleans, Antigone und andere. Ihre Verheiratung und eine ernste Er­krankung waren die Ursache, daß sie vier Jahre hindurch der Bühnenthätigkeit ent­sagen mußte. Seit 1893 ist die in Hamburg geborene Künstlerin am Hoftheater in München im Fach der Mütter, Heldinnen und älteren Anstandsdamen beschäftigt.

Eugen Zabel: Bühnenkünstler der Gegenwart. Biographien und Charakteristiken von Eugen Zabel. In: Spemanns goldenes Buch des Theaters. Berlin und Stuttgart, 1902.


02-07-37 (Hanfstaengl & Schwartz)